Das Virus als Medium

Virale Interaktionsmodelle in der Kultur des 20. und 21. Jahrunderts

Heinrich-Heine-Universität

2019

Das Virus als Medium
Susanne Ristow
Das Virus ist eine wichtige Denkfigur für Kunst & Technik im 20. und 21. Jahrhundert, wie der Ausdruck „viral gehen“ in sozialen Medien verdeutlicht.

Schlagworte

Virus, Ansteckung, Fremdkörper, Grenzöffnung, Gentransfer

Zusammenfassung

Der Diskurs zur Viralität hat seine Wurzeln in der frühen Molekularbiologie und Informationstheorie des 20. Jahrhunderts, gewinnt aber erst seit den 1960er Jahren an Virulenz und Metaphorik und wird mit der Dramatik von AIDS und der Entdeckung des retroviralen HIV in der Postmoderne äußerst populär.
Das Virus als Medium für Veränderung wird hier im Zusammenhang mit den technologischen Voraussetzungen der Speicherung und Transformation kultureller Informationen betrachtet. Künstlerischen Forderungen der Moderne nach Öffnung, Durchlässigkeit, Interaktion und Partizipation, vor allem im Kontext von Dada und Fluxus, werden mithilfe von „Agenten der Ansteckung“ als biologisch inspirierte Phänomene der Intermedialität interpretiert und analysiert. Virale Modelle der Interaktion und Transmission scheinen zur Annäherung von Kunst und Leben und zur aktuell praktizierten digitalen Partizipationskultur der Gegenwart beigetragen und diese eventuell auch innerhalb einer kulturellen Evolution mitgestaltet zu haben. Geleistet wird ein weitgespannter Überblick zum Virus als Denkfigur für Interaktion, Transmission, Interdisziplinarität, Konnektivität und Interdependenz im 20. und 21. Jahrhundert.

Interview mit Dr. Susanne Ristow

Arthur Höring Arthur Höring

Du betrachtest das Virus aus unterschiedlichen Perspektiven. Gibt es ein wiederkehrendes Motiv, das du dabei erkennen konntest?

Susanne Ristow Susanne Ristow

Expertise

  • Kunst
  • Medien
  • kulturelle Bildung

Interessant für

  • Liebhaber des Unwägbaren
  • interdisziplinäre Forscher
  • Subversionsromantiker

Arthur Höring: Du betrachtest das Virus aus unterschiedlichen Perspektiven. Gibt es ein wiederkehrendes Motiv, das du dabei erkennen konntest?

Susanne Ristow: Ein wiederkehrendes Motiv bei der interdisziplinären Rede vom Virus ist die symbolträchtige Aufhebung jeglicher Grenzen zwischen biologischer und technologischer Sphäre. Kulturelle und natürliche Evolution sollen nach diesen Vorstellungen ununterscheidbar werden. Eine Tendenz, die man durchaus kritisch betrachten darf.

Arthur Höring: Infektionen, Fremd- und Wirtskörper – isoliert betrachtet wirkt dieses Vokabular eher beunruhigend. Wie erklärst du dir, dass das Konzept der Viralität trotzdem einen solchen Einfluss nehmen konnte?

Susanne Ristow: Das Konzept Virus und das damit verbundene Vokabular ist zunächst einmal alarmistisch angelegt. Es verhält sich ähnlich wie mit vielen Risikoszenarien der Moderne, die Menschen überzeugen sollen, an einer radikalen Umgestaltung der Welt in grenzöffnenden Projekten wie Globalisierung und Digitalisierung mitzuwirken. Angesichts der verheerenden Auswirkungen, die permanente Angstszenarien mit sich bringen können, schien es mir an der Zeit, auf die affirmativen Aspekte des Virendiskurses hinzuweisen und zu untersuchen, ob es nicht schon früh, beispielsweise von Künstlern des Dadaismus oder Fluxus bemerkte „virale Potentiale“ zur Mutation und Rekombination gibt – das  Stichwort dabei ist „Virolution“. Daher wird das Virus, anders als das Bakterium, zum Inbegriff für Veränderung.

Arthur Höring: OpenD bietet die Möglichkeit Dissertationen über soziale Netzwerke zu teilen. Wie würdest du reagieren, wenn deine Doktorarbeit morgen „viral“ gehen würde?

Susanne Ristow: Viralität in den sozialen Netzwerken erfordert Kürze, Schockelemente, Witz und eine gelungene Bild-Text-Kombination, daher sind ausführliche Dissertationen mit ihrem Anspruch auf wissenschaftliche Ernsthaftigkeit per se leider ungeeignet für den viralen Hit. Und stupides Kopieren hat wiederum nichts mit den Kriterien des Viralen zu tun, sondern ist nach wie vor ein simples Plagiat und wird entsprechend behandelt. Interessant wird die virale Übergriffigkeit erst durch Kopierfehler und rasante Mutationen, die zu Eigenart und Neubildung führen können. Insofern würde es mich freuen, ansteckende Wirkung zu haben!