Diagnostik und Förderung von Vertrauen innerhalb von Sportmannschaften
Eine Mixed-Methods-Studie aus differentiell-psychologischer Perspektive
Universität Vechta
2020
Wie erleben Athlet*innen und Trainer*innen Vertrauen innerhalb von Volleyballmannschaften und welche Vorbedingungen, Auswirkungen und situationalen Faktoren sind dabei von zentraler Bedeutung?
Schlagworte
Vertrauen, Sport, Mixed-Methods, Sportpsychologie, Volleyball, Sportmannschaft, differentielle Vertrauens- und Misstrauenstheorie, differentiell-psychologische Perspektive, dynamisch-transaktionales Paradigma
Zusammenfassung
In meiner Arbeit habe ich mich mit Vertrauen in Mannschaftsportarten am Beispiel der Sportart Volleyball beschäftigt. Dabei interessierte mich insbesondere das subjektive Erleben von Vertrauen von Athlet*innen und Trainer*innen. Aus einer differentiell-psychologischen Perspektive, bei der es mir insbesondere darum ging, die Unterschiede zwischen Personen im Volleyball zu erforschen, habe ich Vertrauensmerkmale untersucht, die für bestimmte Personen einen zentralen Wert einnehmen. Da es sich um einen bislang wenig untersuchten Forschungsgegenstand handelt, habe ich zwei Forschungsmethoden miteinander kombiniert, um die jeweiligen Limitationen zu verringern und einen ganzheitlichen Überblick zu erlangen. Zum einen habe ich Expert*innen im Volleyballsport interviewt und konnte auf Basis ihrer Aussagen vier unterschiedliche Typen identifizieren, die sich hinsichtlich ihrer Vertrauenserwartungen, notwendigen Vorbedingungen sowie positiven und negativen Auswirkungen von Vertrauen deutlich unterscheiden. Ich habe sie den professionell-aufgabenfokussierten, den gemeinschaftlich-kollektiven, den undifferenzierten und den asymmetrisch-kontrollierenden Typ genannt. Zum anderen habe ich einen Fragebogen entwickelt, der in der Haupterhebung dreimalig zum Einsatz kam und die Auswirkungen von Vertrauen in Volleyballmannschaften zwischen den einzelnen Mitgliedern sowie die relevanten situationalen Vertrauensfaktoren erfasst. Auf Basis der gewonnen Daten konnte ich ebenfalls vier unterschiedliche psychologische Cluster von Personen identifizieren, für die die Auswirkungen und die situationalen Vertrauensfaktoren je nach Saisonzeitpunkt unterschiedlich bedeutsam sind. Die Ergebnisse habe ich abschließend miteinander in Beziehung gesetzt. Durch meine Dissertation konnte ich zeigen, dass sich Athlet*innen und Trainer*innen signifikant in ihrem subjektiven Erleben und dessen Komplexität von Vertrauen innerhalb des Volleyballsports unterscheiden und somit unterschiedliche Ansprachen und Fokussierungen notwendig sind, damit Vertrauen entstehen und aufrechterhalten werden kann. Ebenso zeigen sich bestimmte Bedingungen und Auswirkungen von Vertrauen, die von allen als wichtig erachtet werden, wie u. a. Gerechtigkeit, Respekt, Förderung eines Gemeinschaftsgefühls und vermehrte Geschlossenheit innerhalb von Volleyballmannschaften. Die Ergebnisse liefern neben wichtigen Ergänzungen für die (sport-)psychologische Vertrauensforschung ebenso Empfehlungen für die sportpsychologische und trainerliche Praxis.
Interview mit Dr. Christina Plath
Arthur Höring: Gibt es eine zentrale Frage, die deine Forschungsarbeit untersucht?
Christina Plath: Vertrauen nimmt in sozialen Interaktionsprozessen eine zentrale Rolle aufgrund seiner komplexitätsreduzierenden Funktion ein, so auch im Volleyballsport. Dabei ist Vertrauen als Zustand subjektiver Sicherheit zu verstehen, der es ermöglicht, sich trotz des Vorhandenseins des Risikos einer potenziellen Schädigung einer anderen Person gegenüber erwartungskonform und damit vertrauensvoll zu verhalten. Bislang fehlte es jedoch an einer differenzierten Betrachtung, welche Aspekte Vertrauen im Volleyball genau ausmachen und inwiefern sich Personen in ihrem subjektiven Erleben von Vertrauen im Volleyball generell und mit Blick auf bestimmte Elemente unterscheiden. In meiner Forschung bin ich deshalb der Frage nachgegangen, ob sich systematische Regelmäßigkeiten mit Blick auf interindividuelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede im subjektiven Erleben kontextspezifischer Vertrauenselemente identifizieren und generalisieren lassen.
Arthur Höring: Mit welcher Methodik bist du bei der Erarbeitung deiner Forschung vorgegangen?
Christina Plath: Aufgrund des Mangels an Forschung zu interindividuellen Gemeinsamkeiten und Unterschieden im subjektiven Erleben von kontextspezifischem Vertrauen habe ich den Mixed-Methods-Ansatz von Kuckartz gewählt, der ein induktives, exploratives Vorgehen ermöglicht. Durch die Verknüpfung von qualitativer – in meinem Fall leitfadengestützte Expert*inneninterviews und Bildung empirisch begründeter Typen – und quantitativer Methodik und Ergebnissen – in meinem Fall Fragebogenerhebung, Faktoren- und Clusteranalyse –, handelt es sich um ein ganzheitliches Vorgehen, das einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn durch eine Ergebniszusammenführung generiert.
Arthur Höring: Haben die Promotionsphase und deine Forschung deine Sichtweise auf bestimmte Dinge verändert?
Christina Plath: Oh ja, sowohl meine Forschung als auch die Promotionsphase haben mich sehr geprägt. Durch meine Forschung habe ich einen differenzierteren Blick auf das Erleben und Bewerten anderer Personen insbesondere mit Blick auf Vertrauen erhalten. Dies führt dazu, dass ich im sozialen Miteinander häufiger einen Schritt zurücktrete und meine eigene Konstruktion von Wirklichkeit, die durch Kommunikation und Interaktion entsteht, hinterfrage, prüfe und verstärkt versuche, die Perspektive zu wechseln. Die Promotionsphase hat es mir ermöglicht, wissenschaftliches autarkes Arbeiten sehr intensiv kennenzulernen und zu praktizieren. Ebenso habe ich einen Blick ins akademische System mit all seinen Möglichkeiten, aber auch Grenzen und Hierarchiestrukturen erhalten. Dies war zum Teil sehr herausfordernd und ebenso wertvoll für meine weitere Arbeit.
Arthur Höring
Christina Plath