Jugendkulturen und Mitgestaltung in westdeutschen Schulen der 1950er und 1960er Jahre
Humboldt-Universität zu Berlin
2019
Schülerzeitungen bieten Schüler*innen die Möglichkeit, sich mitgestaltend auszudrücken. So wirkten sie auf die Entwicklung liberaler und partizipativer Schulkulturen in den 1950er und 1960er Jahren.
Schlagworte
Mitgestaltung, Jugendkultur, Schülerzeitung, Schülermitverantwortung, Jugendforschung, historische Schulforschung
Zusammenfassung
Die Arbeit rekonstruiert jugendliche Mitgestaltung und jugendkulturelle Artikulationen in westdeutschen Schulen entlang eines umfassenden Bestandes an Schülerzeitungen. Zur Mitgestaltung der Schulgemeinschaft und zum Erlernen demokratischer Handlungsweisen wurden Schülerzeitungen von den Alliierten zusammen mit der Schülermitverantwortung (SMV) insbesondere an Gymnasien eingeführt. Erstmals wird hier auch die Entwicklung der Schülerzeitungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Schülerzeitungen zeugten gegenüber der Schülermitverantwortung (SMV) von deutlich unproblematischer und erfolgreicher zu etablierenden Mitgestaltungs- und Artikulationsmöglichkeiten und trugen zur Entwicklung von stärker durch Liberalisierung und Partizipation geprägte Schulkulturen bei. Dies wird für prägende Themen in der behandelten Zeit dargestellt: mit Blick auf (1) die Diskussion von Technik und naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen während des Kalten Krieges, (2) auf die Beschäftigung mit den USA und ihrem kulturellen Einfluss sowie (3) auf die Auseinandersetzungen mit jugendkulturellen Entwicklungen. Die zunehmende Öffnung der Schule für jugendkulturelle Ausdrucksweisen wird sowohl thematisch als auch auf materieller Ebene untersucht. Dazu wird u. a. die symbolische Kommunikation auf Titelblättern von Schülerzeitungen analysiert. Die dargestellten produktiven Bemühungen um Meinungsfreiheit in der Schule verdeutlichen auch die Bedeutung von Schülerzeitungen für das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Arbeit bekräftigt die Relevanz von Schülerzeitungen für die Rekonstruktion von Jugendkulturen bzw. peer cultures im schulischen Raum sowie als ertragreiche Quelle für die Jugend- und Schulforschung. Schülerzeitungen sind darüber hinaus ein internationales und auch transnationales Phänomen. Für weitere Forschungen wird daher zudem ein erster umfassender Forschungsbericht zu Schülerzeitungen in Westeuropa, in der DDR und in den USA gegeben.
Interview mit Dr. Marcel Kabaum
Arthur Höring: Du beschreibst, dass Schülerzeitungen und Schülervertretungen von den Alliierten als Instrument gesehen wurden, um ein tieferes demokratisches Verständnis zu schulen. Beinhaltete das auch eine inhaltliche Einflussnahme auf die Schülerzeitungen?
Marcel Kabaum: Das geschah eher auf Umwegen und mit ungewollten Folgen: Vor allem die USA unterstützten die Schüler*innen mit Materialien, Workshops oder im Aufbau von Schülerparlamenten. Es gibt in den 1950er Jahren auch viele freundlich formulierte Berichte über Austauschprogramme in die USA, wo Westdeutsche „lebendige Demokratie“ kennenlernen sollten. Das trug dazu bei, dass die Jugendlichen sehr wenige Vorbehalte gegenüber den USA hatten. Über Demokratie wurde in den Schülerzeitungen eher im großen Rahmen gesprochen. Beispielsweise über eine europäische Vereinigung oder die Aufgaben der Jugend für die Welt von morgen. Von der Tagespolitik sollten die jungen Journalist*innen „die Finger lassen“, so Bundeskanzler Konrad Adenauer in einem Schülerzeitungsinterview. Ab Ende der 1950er Jahre setzt dann eine kritische, politische Auseinandersetzung insbesondere mit den USA ein, mit ihrem politischen System, der Rassentrennung und dem Vietnamkrieg. Die USA haben ihren späteren Kritiker*innen gewissermaßen den Rücken gestärkt. Das war im Grunde demokratisches Handeln im besten Sinne.
Arthur Höring: Neben pädagogischen Anreizen zur Mitgestaltung geben Schülerzeitungen ja auch kulturellen Einblick ins Jugendleben. Wie schätzt du den Wert von Schülerzeitungen als gesellschaftlichen Spiegel ihrer Zeit ein?
Marcel Kabaum: Ich finde Schülerzeitungen sind eine fantastische Quelle dafür. Die Jugendlichen haben ja nicht nur die Artikel geschrieben, sondern auch die Hefte selbst gestaltet und produziert. An ihnen lassen sich bildhaft etwa der veränderte Umgang mit Autorität und die Liberalisierung der Gesellschaft nachvollziehen. In den 1950er Jahren wählten die Schüler*innen noch ausweichende Beschreibungen der soldatischen Vergangenheit ihrer Lehrer, wie z. B. „Europareise auf Staatskosten“, um die Autorität nicht in Frage zu stellen. Lehrkräfte ließen dann in den 1960er Jahren Kritik an sich zu oder veröffentlichten eigene Kinderfotos, zeigten sich angreifbar.
Die Schüler*innen entwickelten ihre Zeitungen auch zu Jugendzeitschriften, erstritten sich das Recht freier Meinungsäußerung und prangerten Missstände der Schule an. Sie nutzten ihre Zeitungen natürlich ebenso, um dort Jugendkulturen zu reflektieren, zu präsentieren und demonstrativ zur Abgrenzung gegenüber den Erwachsenen zu nutzen. Schüler*innen werden von den Erwachsenen zunehmend als Mitgestalter der Schule wahrgenommen und hierzu wird ihnen eine gewisse Freiheit zugestanden. Da zeigt sich eine zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft. Jugendkulturen und die Schule sind immer schon Spiegel ihrer Zeit – in Schülerzeitungen ist dies zum Nachfühlen archiviert.Arthur Höring: Schaust du dir gelegentlich auch aktuelle Schülerzeitungen an? Wie ist dein Eindruck zur heutigen Nutzung von Schülerzeitungen?
Marcel Kabaum: Ich sehe nach wie vor viele Parallelen, in den weiterführenden Schulen wie auch in Grundschulen. Der Versuch einer gewissen Einflussnahme durch die Erwachsenen ist immer noch vorhanden, schließlich ist eine Schülerzeitung eine öffentliche Zeitschrift. Zugleich wird die Arbeit an einer Schülerzeitung als Beitrag zur Schulgemeinschaft und zur demokratischen Meinungsvielfalt geschätzt, etwa in regelmäßigen Schülerzeitungswettbewerben. Die Gestaltung und das Lesen einer Zeitschrift von Schüler*innen für Schüler*innen hat in meinen Augen kaum an Attraktivität eingebüßt. Die „sozialen Medien“ haben hier nicht viel verändert, weil das eine ganze andere Art der Kommunikation ist. Die Schüler*innen legen viel Wert auf ein schönes Aussehen und interessante Inhalte, je nach Alter und Möglichkeiten in verschiedener Weise. Das ist oft wirklich beeindruckend. Und nach wie vor lebt eine Schülerzeitung vom Engagement einer meist kleinen Redaktion, die heute vielleicht informierter sowie noch kritischer und selbstbewusster in ihren Anliegen ist. Ästhetik, Partizipation und persönlicher Einsatz bleiben bei Schülerzeitungen nach wie vor prägende Elemente.
Arthur Höring
Marcel Kabaum