Danksagung
Die Arbeit einer Einzelnen kann nicht gelingen ohne die Unterstützung von Vielen: In diesem Sinne möchte ich mich bei meinem Doktorvater Dirk Niefanger bedanken, ohne den ich niemals die Möglichkeit der Promotion in Betracht gezogen hätte. Seiner Begleitung durch das Studium und die Promotion ist es zu verdanken, dass diese auch finanziell abgesichert werden konnte.
Ich danke der Friedrich-Ebert-Stiftung für die großzügige finanzielle und ideelle Unterstützung des Promotionsvorhabens in den letzten zwei Jahren sowie der Studienstiftung des Deutschen Volkes und dem Schwedischen Institut, die die Promotion in ihren Anfängen unterstützt haben. Mit Hilfe dieser Förderungen war mir ein viermonatiger Forschungsaufenthalt am literaturwissenschaftlichen Institut der Universität Uppsala möglich, der gerade in den Anfängen wichtige Impulse für die vorliegende Arbeit gab. Johan Svedjedal und Torsten Pettersson möchte ich für ihre intensive Betreuung im Rahmen des dortigen Promovierendenseminars danken, ich bin aber auch allen Doktorandinnen und Doktoranden am literaturwissenschaftlichen Institut für deren kollegiale Unterstützung zu Dank verpflichtet.
Auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Forschungskolloquiums des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft meiner Heimatuniversität, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, möchte ich für die kritischen und anregenden Diskussionen danken, die die Arbeit maßgeblich weitergebracht haben.
Der Austausch mit den benachbarten Lehrstühlen, allen voran der Komparatistik, war bei der komparatistischen Anlegung der Arbeit von großer Bedeutung: Hier möchte ich mich nicht nur bei meiner Zweitgutachterin Cornelia Ortlieb bedanken, die maßgeblich dazu beitrug, das Dissertationsprojekt zu einem guten Ende zu führen. Auch Dirk Kretzschmar möchte ich in diesen Dank miteinbeziehen, dessen eigene Forschungsinteressen manch hilfreiche Anregung während der Promotionsphase gaben.
Meiner Schwägerin Irena Zeltner Pavlovic sei im Besonderen dafür gedankt, dass sie mich auf dieses spannende Forschungsfeld überhaupt erst aufmerksam machte und mir gerade in der Anfangsphase mit Literaturhinweisen und hilfreichem Rat zur Seite stand. Bei meinen Kommilitonen Florian Filler und Rico Simke bedanke ich mich herzlich für das sorgfältige Deutsch- und Schwedischlektorat.
Nicht zuletzt gilt mein Dank meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden, die mich durch diese intensive Lebensphase mitgetragen haben. Besonders nennen möchte ich hier meine Eltern Sigrid Heusel und Reinhold Zeltner sowie deren Lebensgefährten und Familie, meinen Bruder Tobias Zeltner Pavlovic und meine Großmutter Margarete Heusel. Ohne eure Unterstützung und ermunternden Worte zur rechten Zeit hätte diese Arbeit nicht gelingen können.
Grundsätzliche Fragestellungen der Arbeit
Die postjugoslawischen Kriege*Der Terminus „postjugoslawisch“ bezieht sich darauf, dass der Staat Jugoslawien in dem Moment der slowenischen Unabhängigkeitserklärung 1991 passé ist. In dieser Bezeichnung schließe ich mich u. a. der Arbeit Holm Sundhaussens und der Dissertation von Irena Pavlović an. Vgl. Holm Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien u. a. 2012, im Folgenden abgekürzt: Sundhaussen 2012 und Irena Pavlović: Religion, Gewalt und Medien. Die serbisch-orthodoxe Kirchenpresse in den postjugoslawischen Kriegen, Erlangen 2013 (Studien zur christlichen Publizistik, 21). Bei den „Kriegen“ beziehe ich mich auf die gewalttätigen Konflikte, die in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens zwischen 1991 und 1999 geherrscht haben. Den Aufstand der Albaner in Mazedonien 2001 lasse ich hierbei außer Acht, da er in den untersuchten Texten nicht dargestellt wird.wurden sowohl in der journalistischen als auch der belletristischen Literatur der 1990er und 2000er Jahre breit rezipiert. Journalistische Reiseberichte wie die von Robert D. Kaplan bildeten dabei nicht nur einen wichtigen Kontext für die internationale und insbesondere die amerikanische Außenpolitik,*Vgl. Holm Sundhaussen: Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen, in: APuZ 32 (2008), S. 9–18, hier S. 9 (online abrufbar unter: http://www.bpb.de/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen; Stand: 23.12.2016).sondern auch für die Rezeption von literarischen Reiseerzählungen und Romanen wie die von Peter Handke und Norbert Gstrein.*Robert D. Kaplan: Die Geister des Balkan. Eine Reise durch die Geschichte und Politik eines Krisen-gebietes, Hamburg 1993, im Folgenden abgekürzt: Kaplan 1993, Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, Frankfurt a. M. 1996, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WS, Peter Handke: Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise, Frankfurt a. M. 1996, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SN, Norbert Gstrein: Das Handwerk des Tötens, Frankfurt a. M. 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: HAT (siehe auch das Kürzelverzeichnis im Anhang der Arbeit). Dabei kam gerade bei der von Handkes Texten angestoßenen Debatte immer wieder die Frage auf, inwieweit sich die Darstellungsweise von journalistischen und literarischen Texten unterscheidet, oder, polemischer formuliert: Was journalistische und literarische Texte „dürfen“ und „nicht dürfen“. Ulrich Breuer skizziert die Medienlandschaft der 90er Jahre nahezu als eine „Front“, in der sich Vertreterinnen und Vertreter des Journalismus und der Literatur feindselig gegenüberstehen.*Ulrich Breuer: Parasitenfragen. Medienkritische Argumente in Peter Handkes Serbienreise, in: Ulrich Breuer/Jarmo Korhonen (Hg.): Mediensprache Medienkritik, Frankfurt a. M. u. a. 2001 (Finnische Beiträge zur Germanistik, 4), S. 285–303, hier: S. 300 f., im Folgenden abgekürzt: Breuer 2001. Mittlerweile sind seit dem Ausbruch der Kriege fast 25 Jahre vergangen und die daraus resultierenden gesellschaftlichen und literarischen Debatten liegen Jahre zurück, selbst wenn sie bis in die Gegenwart ausstrahlen, wie der Eklat um den Besuch des serbischen Präsidenten bei der 20-jährigen Gedenkfeier an Srebrenica 2015 zeigt.*Vgl. etwa „Serbiens Regierungschef angegriffen“, taz.de vom 11.07.2015, abrufbar unter: http://www.taz.de/ !5212670/ (Stand: 23.12.2016)
Trotzdem ermöglicht dieser zeitliche Abstand einen neuen und weiter gefassten Blick auf die hier möglichst unentschieden formulierte Frage, wie vom Krieg erzählt werden kann. Denn nicht nur Peter Handke und Norbert Gstrein haben sich im Laufe der Jahrzehnte mit den Geschehnissen in den früheren jugoslawischen Ländern befasst und Wege gefunden, die Kriegsgeschehnisse literarisch zu vermitteln, sondern auch Autoren einer neuen Generation haben sich diesem Thema im deutschsprachigen Raum angenommen: Juli Zeh, Saša Stanišić und Anna Kim wären hier zu nennen. Nichtsdestotrotz wurde der wissenschaftliche Fokus stark auf die bekannteren Namen der Debatte gerichtet und ist erst seit kurzem dabei sich neu zu justieren und einen breiteren Blick zuzulassen. An dieser aktuellen wissenschaftlichen Debatte will sich die vorliegende Arbeit mit ihrer möglichst breiten Perspektive beteiligen. Ein weites Blickfeld, das bedeutet: über den Tellerrand hinaus. Vergleichend zur deutschsprachigen Literaturlandschaft wurde hier die schwedischsprachige Literatur gewählt, weil sie in diesem Punkt noch gänzlich unerforscht ist und die gesellschaftliche und demografische Entwicklung Schwedens Besonderheiten aufweist, welche sich auch auf die Literaturlandschaft des Landes auswirken.*Für weitere Informationen hierzu vgl. das fünfte Kapitel, S. 223–256, dieser Arbeit. Diese Beobachtung bildete eine der Ausgangsthesen für die vorliegende Untersuchung. In den folgenden Kapiteln sollen daher vornehmlich drei Punkte genauer betrachtet werden:
Es soll eine kritische Relektüre von Handke und weiteren deutschsprachigen Texten geleistet werden, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen auseinandersetzen. Weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich damit beschäftigt haben, sind etwa Norbert Gstrein, Juli Zeh und Saša Stanišić sowie in jüngster Zeit Marica Bodrožić und Martin Mosebach. Der Korpus hier ist umfangreich und umfasst je nach Zählweise ca. 22 Titel, zu denen Lyrikbände, Theaterstücke, literarische Reiseberichte und Romane gehören. Eine umfassende Darstellung der damit zusammenhängenden medialen und wissenschaftlichen Debatten wird angestrebt, da eine Rezeptionsanalyse Aussagen darüber ermöglicht, wie die verschiedenen Darstellungen der postjugoslawischen Kriege bewertet wurden.
Gleiches gilt für die schwedischsprachigen Texte, die z. B. von Zulmir Bečević, Fausta Marianović und Tommy Rander stammen. Hier handelt es sich um einen Korpus von 12 Titeln. Die deutschsprachigen Texte sollen mit diesen kontrastiert werden und Unterschiede und Gemeinsamkeiten nicht nur hinsichtlich der Inhalte der Texte, sondern auch in ihren gesellschaftlichen Hintergründen und der Rezeption beleuchtet werden.
Bei der Textanalyse soll das Augenmerk vor allem auf die motivische Gestaltung und die literarischen Verfahren zur Darstellung der postjugoslawischen Kriege gelegt werden. Dies gilt sowohl bei der Analyse einzelner Texte (close reading) als auch bei der Untersuchung textübergreifender motivischer Strukturen (distant reading).*Die Termini close/distant reading gehen auf Franco Moretti zurück. Vgl. dazu S. 12–18 dieser Unter-suchung. Eine weitere Arbeitsthese ist, dass in dem unzureichenden Verständnis für literarische Verfahren der Metaphorik und Symbolik ein Hauptgrund für die Rezeptionsprobleme, gerade die der journalistischen Medien, liegt.
Bei letzterem Punkt ist es aufgrund des Umfangs der Arbeit nur bei Peter Handke im ausführlicheren Maße möglich werkübergreifend zu argumentieren; die Fülle der Primärliteratur lässt dies nicht in jedem Fall zu.
Um die genannten Untersuchungsziele zu erreichen, werden im folgenden Kapitel zunächst theoretische und methodische Grundsatzfragen geklärt. Methodisch wird hierbei Franco Morettis Konzept herangezogen, theoretisch wird ein Hauptaugenmerk auf die Forschung von Maria Todorova gelegt. Inwieweit bedienen sich die untersuchten Texte typischer Stereotypen und Klischees über den Balkan? Die Frage nach der Textsorte ist damit aufs Engste verknüpft. Zu Geschichte und Verlauf der postjugoslawischen Kriege wird in dieser Arbeit kein eigener Überblick gegeben – es sei an dieser Stelle auf die gängigen Standardwerke diesbezüglich verwiesen.*Vgl. dazu etwa Dunja Melčić (Hg.): Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zur Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2007 und Sabrina P. Ramet: Thinking about Yugoslavia. Scholarly Debates about the Yugoslav Breakup and the Wars in Bosnia and Kosovo, New York 2005; letztere bietet einen Literaturüberblick über weitere, dazu erschienene Bücher. Im Verlauf dieser Arbeit wird vor allem auf Marie-Janine Calic verwiesen: Dies.: Die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, im Folgenden abgekürzt: Calic 2010, sowie dies.: Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina, Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1996, im Folgenden abgekürzt: Calic 1996. Die Frage, die im Vordergrund steht ist eben nicht, wie die postjugoslawischen Kriege verlaufen sind, sondern wie sie dargestellt werden. Auf diese Darstellungsebene soll sich die Analyse weitestgehend beschränken. Ersteres wäre schließlich eine historische Fragestellung, zweiteres jedoch eine dezidiert literaturwissenschaftliche, die allerdings auf die Besonderheiten des politik- und kulturwissenschaftlichen Diskurses Rücksicht nimmt. Das Wort „Balkan“ – das soll bereits im Vorfeld erwähnt werden – wird, so weit es möglich ist, vermieden. Es stellt im Sinne von Maria Todorova eine „marked category“*Maria Todorova: Imagining the Balkans, Updated Edition, Oxford 2009, S. 197, im Folgenden abgekürzt: Todorova 2009. dar, die abseits der geografischen Lage der Länder bestimmte Vorstellungen und Vorurteile von ihnen transportiert. Deshalb werden die betreffenden Länder im Sinne ihrer heutigen nationalstaatlichen Bezeichnungen benannt (was keinesfalls ideologisch, sondern allenfalls pragmatisch zu verstehen ist!) oder der Terminus des „Postjugoslawischen“ wird, wo es in Bezug auf den Krieg angebracht erscheint, beibehalten. Eingesetzt werden soll das Wort lediglich dann, wenn es um die literarischen Vorstellungen über die Region geht, im Sinne der in den Texten beschriebenen imaginierten Landschaft*Der Begriff wird in Anlehnung an Benedict Andersons Die Erfindung der Nation verwendet, das im Original Imagined communities hieß. Vgl. ders.: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, 2., um ein Nachwort von Thomas Mergel erweiterte Auflage der Neuausgabe 1996, Frankfurt a. M. 2005, im Folgenden abgekürzt: Anderson 2005..
Im dritten, vierten und fünften Kapitel wird die praktische Untersuchung dieser Punkte vorangetrieben und der komparatistische Teil am Ende des fünften Kapitels geleistet. Das sechste Kapitel dient vor allem dazu, die vorangegangenen Erkenntnisse aus der Untersuchung aufzunehmen und eventuelle weitere Fragestellungen und Schlussfolgerungen für die Zukunft zu formulieren.
Die Namen der Autorinnen und Autoren, insbesondere derjenigen aus dem heutigen Kroatien, Serbien, Bosnien etc., sind orthografisch nicht ganz einheitlich wiedergegeben. Sonderzeichen wie ć, č, š, ž, đ werden immer dann verwendet, wenn der betreffende Autor/die betreffende Autorin oder deren Verlag sie selbst in der Literaturangabe verwendet. Bei historischen Personen wie Slobodan Milošević, Franjo Tuđman oder Radovan Karadžić behalte ich die Sonderzeichen gemäß der serbokroatischen Schreibweise bei.*Der Terminus „serbokroatisch“ ist mittlerweile umstritten, da die jeweiligen Länder sich große Mühen geben ihre Sprachen auszudifferenzieren. Die kroatische Linguistin Snježana Kordić hält die neuen Bezeichnungen jedoch für politisiert – die Sprache wird hierbei ein weiteres Instrument für Nationalismus. Sie plädiert daher dafür, die linguistische Bezeichnung „serbokroatisch“ beizubehalten. Dies.: Jezik i nacionalizam, Zagreb 2010, S. 378 f. Ebenfalls bemühe ich mich in dieser Dissertation um eine gendergerechte Sprache und orientiere mich hierbei an den Richtlinien, wie sie etwa das Büro für Gender und Diversity der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg vorschlägt.*Vgl. Gendergerechte Sprache in der Praxis. Publikation des Büros für Gender und Diversity an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, abrufbar unter: http://www.gender-und-diversity.fau.de/img/Kalender_gendergerechte_Sprache.png (Stand: 23.12.2016). Allerdings habe ich mich gerade bei Pluralbildungen bei ethnischen Gruppen wie Serben, Kroaten etc. dazu entschieden das generische Maskulinum aus Gründen der Lesbarkeit beizubehalten.
Methodische und theoretische Zugänge
Franco Moretti: Bäume, Wellen und Erdbeben?
Um die klassische literaturwissenschaftliche Textanalyse mit einem weiten Blick verbinden zu können, bedarf es einer spezifischen Methode: Das „close“ und „distant reading“, das der Literaturhistoriker Franco Moretti in seinem 2000 erschienenen Aufsatz Conjectures on World Literature vorstellt,*Vgl. Franco Moretti: Conjectures on World Literature, in: New Left Review I (2000), S. 54–68. Derselbe Aufsatz ist später in seinem Sammelband erschienen, der einen Überblick über die Entwicklung des Theoriegebäudes Morettis gibt. Siehe ders.: Distant reading, London/New York 2013, S. 43–62. Im Folgenden beziehe ich mich hauptsächlich auf diesen Sammelband und kürze ihn ab mit: Moretti 2013. scheint zunächst ein guter Ansatz dafür zu sein. Es wäre allerdings unsauber, diese Begriffe einzig im Sinne von spezifischer Einzeltextanalyse und (länder)übergreifender makroskopischer Textanalyse zu verwenden. Folglich ist es vonnöten, auf Morettis Grundideen an dieser Stelle ausführlicher einzugehen.
Der italienischstämmige Moretti ist Literaturhistoriker in Stanford. Geprägt durch marxistische Theoretiker sucht er in seinen Aufsätzen und Werken wiederholt nach Möglichkeiten einen neuen Zugang zu Literaturgeschichtsschreibung in der Weltliteratur zu erhalten. Dabei bedient er sich insbesondere naturwissenschaftlicher Disziplinen wie der Biologie und Geografie. Durch diese Wissenschaften erhält er Impulse für „abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte“*Franco Moretti: Kurven, Karten, Stammbäume. Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte, Frankfurt a. M. 2009, S. 8, im Folgenden abgekürzt: Moretti 2009., wie auch der Untertitel seines Buches Kurven, Karten, Stammbäume lautet. Um das Begriffspaar „close/distant reading“ im Werkkontext Morettis verstehen zu können, müssen insbesondere der Begriff „Weltliteratur“ sowie die fast dichotomisch verwendeten „Wellen“ und „Stammbäume“ näher betrachtet werden, die in seinen wissenschaftlichen Arbeiten vorgestellt werden.
Weltliteratur, Wellen und Stammbäume
Moretti bezieht sich hierbei auf Goethes „Weltliteratur“-Begriff, stellt aber sogleich fest, dass dieser in der heutigen, globalisierten Welt nicht klar umrissen ist.*Vgl. Moretti 2013, S. 45. Folglich müsse der Begriff als Problem betrachtet werden; man könne die Weltliteratur als „One and Unequal“ beschreiben, die sich in Kern und Peripherie unterteile.*Ebd., S. 46, S. 127. Von dem Kern gehen maßgebliche Impulse aus, die Moretti als „Wellen“ bezeichnet und die sich an der Peripherie mit regionaleren Formen mischen.*Wie diese Vermischung von regionalen Formen mit überregionalen Impulsen genauer vonstattengehen soll, ist insbesondere Gegenstand des Aufsatzes Evolution, World-Systems, Weltliteratur, der sich ebenfalls in Distant reading, S. 121–135 befindet. Ich beschreibe sie an dieser Stelle nicht genauer, da sie für diese Arbeit weniger von Bedeutung ist. Fünf Jahre nach der Veröffentlichung von Conjectures on World Literature differenziert Moretti dieses Modell noch einmal geringfügig aus: Der Kapitalismus habe die Welt auf den Kern, die Semiperipherie und die Peripherie reduziert.*Ebd., S. 126.
This, then, is the basis for the division of labour between national and world literature: national literature, for people who see trees; world literature, for people who see waves.*Ebd., S. 61.
In diesem Zitat sind die Metaphern der „Bäume“ und „Wellen“ vor allem eine Art, die verschiedenen Arbeitsweisen der Literaturgeschichtsschreibung zu erfassen. Weltliteratur interessiere dabei vor allem Literaturhistorikerinnen und Literaturhistoriker, die die Bewegungen vom Zentrum in die Peripherie (und in einigen Fällen auch andersherum)*Vgl. ebd., S. 112. verfolgten – also die Wellen – während sich Forschende, die sich Nationalliteraturen widmeten, mit den traditionell in einer relativ sprachlich homogenen Umgebung gewachsenen „Bäumen“ beschäftigen würden.*Wobei an dieser Stelle die Frage zu stellen wäre, wie sprachlich homogen eine Nation tatsächlich ist. Aber dies würde an dieser Stelle zu weit führen. Das Konzept der „Bäume“ ist jedoch deutlich weitläufiger, da es sich bei Moretti auf die Idee von evolutionsbiologischen „Stammbäumen“ bezieht. Für ihn, der sich mehr der Weltliteratur zugewendet hat, bedeutet dies dennoch in vielen seiner Arbeiten zu einer Analyse von wenigen oder manchmal sogar nur einem Werk zurückzukehren, obwohl er dieses typologische Denken eigentlich ablehnt.
Für gewöhnlich nähert die Literaturkritik sich ihnen [gemeint sind Genres, Anm. der Verf. dieser Diss.], die der Evolutionsbiologe Ernst Mayr als ‚typologisches Denken‘ bezeichnet hat – ein ‚repräsentatives Individuum‘ wird ausgewählt und von ihm ausgehend das Gesamtgenre definiert.*Moretti 2009, S. 91 f. Vgl. auch Ernst Mayr: Artbegriff und Evolution, Hamburg 1967, S. 16, im Folgenden abgekürzt: Mayr 1967. Der Zugang Morettis zur Literaturgeschichte über die Evolution ist nicht originär für Moretti, sondern findet sich unabhängig von ihm in einem Aufsatz Niels Werbers. Vgl. ders.: Evolution literarischer Kommunikation statt Sozialgeschichte der Literatur, in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften, III (1995), S. 427–444.
In der Tat plädiert Ernst Mayr dafür, nicht das Individuum, sondern die Gesamtheit einer Population als Selektionseinheit zu betrachten.*Mayr 1967, S. 164. Allerdings funktioniert der Vergleich mit dem Vorgehen des Evolutionsbiologen spätestens dann nicht mehr, wenn Moretti etwa wie in Kurven, Karten, Stammbäume einen einzelnen Autor, nämlich Sir Arthur Conan Doyle, für die veränderte Form eines gesamten Genres ausfindig macht*Vgl. Moretti 2009, S. 86 ff.: Hier stellt er die eine Schreibweise eines Autors als richtungsändernd für ein gesamtes Genre dar.
Diesem Einwand zum Trotze ist es sein Bestreben nicht die Ausnahme, sondern die Regel für die Literaturgeschichtsschreibung geltend zu machen; dies würde ein Zusammendenken von kanonischer und nicht-kanonischer Literatur bedingen.*Vgl. Moretti 2009, S. 10, Moretti 2013, S. 66. Auch in anderen, diskursanalytischen Ansätzen wird mittlerweile betont, dass eine Herangehensweise, die nicht auf die Singularität, sondern auf die Wiederholung von Ereignissen abzielt, einen wichtigen Bruch zur bisherigen Geschichtsschreibung, nicht nur auf die Literatur bezogen, bedeuten würde. Vgl. hierzu z. B.: Hilmar Schäfer: Eine Mikrophysik der Praxis – Instanzen diskursiver Stabilität und Instabilität im Anschluss an Michel Foucault, in: Achim Landwehr (Hg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 115–132.
In evolutionsbiologische Termini gekleidet verfasst Moretti auch seine Theorie zum Überleben einer bestimmten Literatursorte oder von bestimmten Autoren, die kanonisiert werden. Man müsse sich den Stammbaum von Literaturgenres derart vorstellen, dass sie sich nicht nur vertikal entwickeln, sondern auch horizontal ähnlich wie die Zweige eines Baumes verzweigen würden.*Vgl. Moretti 2009, S. 92 f., S. 95, S. 107 f. Die horizontale Ebene repräsentiert mehrere Ideen innerhalb eines Genres, die von den Autoren unbeabsichtigt oder beabsichtigt auf der Suche „nach der einen großen Idee“*Ebd., S. 92 f. ausprobiert werden. Welche Ideen sich von diesen gleichzeitig entstehenden Möglichkeiten durchsetzt, liegt daran, welche sich am besten an die jeweilige Umwelt angepasst hat.*Moretti 2013, S. 145. Auch hier wäre von evolutionsbiologischer Seite zu bedenken, dass die Umwelt sich ebenfalls rasch verändert und damit das Überleben einer Spezies zu einem bestimmten Zeitpunkt keinesfalls vorhersehbar ist, vgl. Mayr 1967, S. 153. Diese darwinistische Art der Beschreibung wählt Moretti im Hinblick auf die Annahme, dass eine Idee im Zentrum entsteht und dann in die Peripherie „migriert“. Die Umwelt wird im Biotop der Literatur laut Moretti größtenteils durch die Leser gebildet.*Moretti 2013, S. 142. Ein hier nicht weiter beleuchteter Abschnitt seines Buches Kurven, Karten, Stammbäume handelt davon, wie literarische Trends einen Zyklus von etwa 25 Jahren überdauern. Diesen Zyklus bindet er an die Lebenswirklichkeit und das Leseverhalten von Generationen, die etwa alle 25 Jahre wechseln.*Vgl. Moretti 2009, S. 27, 30. Er lenkt hiermit den Blick ebenfalls auf die Wiederholung in der Literatur und nicht auf das einzigartige Ereignis*Ebd., S. 86. – ähnlich wie er es mit dem Bild der Stammbäume auf die Untersuchung von Genres (und mitunter auch Gattungen) als Ganzes getan hat.
Möglichkeiten und Grenzen von Morettis Modellen
Morettis Modell hat negative Reaktionen hervorgerufen – er selbst nennt zahlreiche Kritiker seines Werkes und geht auf einige von ihnen in Folgeaufsätzen ein.*Vgl. auch den Essay The End of the Beginning: A Reply to Christopher Prendergast in Moretti 2013, S. 137–158. Der Romanist Christopher Prendergast, der lange in Cambridge lehrte, gehört zu denen, die Moretti am ausführlichsten widersprechen. Die Hauptkritik von Prendergast besteht darin, dass Moretti die Prinzipien der Naturwissenschaften zu sehr auf die Prinzipien der Geisteswissenschaften übertragen wolle.*Vgl. Christopher Prendergast: Evolution and literary history. A response to Franco Moretti, in: New Left Review 34 (2005), S. 40–62, hier: S. 56–59, im Folgenden abgekürzt: Prendergast 2005. Auch spezifische Vorgehensweisen Morettis kritisiert er; beispielsweise sei oft die Kausalität nicht hinreichend erklärt, ob Fakt A tatsächlich zu Fakt B geführt hat oder auch die Frage, welcher Leser die Selektion von Texten leistet: der zeitgenössische oder der spätere.*Vgl. ebd., S. 49–52. Generell spricht sich Prendergast gegen das Verständnis von Literaturgeschichte als „Geschichte der Sieger“ aus – dies würde den Blickpunkt nur verengen.*Vgl. ebd., S. 61. Einige seiner Kritiken teile ich; vor allem die Frage, welche Faktoren bedingten, dass ein Text letztlich „kanonisiert“ würde, ist schwer zu beantworten – ganz zu schweigen von dem endlos scheinenden Diskurs, was einen Kanon ausmache und ob dieser überhaupt notwendig sei.*Vgl. zu dieser Diskussion etwa T. S. Eliot: What is a classic? An adress delivered before the Virgil Society on the 16th of October 1944, London 1945, Harold Bloom: The Western canon: The books and school of the ages, London 1995, insbes. der Abschnitt „An elegy for the canon“, S. 15–41 und, im schwedischsprachigen Bereich: Anna Williams: Stjärnor utan stjärnbilder. Kvinnor och kanon I litteraturhistoriska översiktsverk under 1900-talet, Hedemora 1997 (Skrifter utgivna av Avdelningen för litteratursociologi vid Litteraturvetenskapliga institutionen i Uppsala, 35), insbes. der Abschnitt „Att skapa litteraturhistoria“, S. 29–54. Die Einflüsse, die zu einer Kanonisierung führen, sind dabei deutlich facettenreicher, wie man an Autoren, die erst posthum berühmt geworden sind, gut sehen kann. Zudem erinnert Morettis Modell des Zentrums und der Peripherie stark an Samuel P. Huntingtons Werk Der Kampf der Kulturen, das zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit noch ausführlicher besprochen werden soll.*Der Unterschied zwischen beiden liegt u. a. darin, dass Huntington diese Konstellation wertet, während es Moretti nicht tut. Gleichwohl geht es Moretti weniger darum, mit seinen Modellen eine Lösung für alle literaturwissenschaftlichen Probleme anzubieten und diese en detail auszuarbeiten. Seine Überlegungen haben mehr visionären Charakter, wie auch schon am Vorwort von Kurven, Karten, Stammbäume deutlich wird.*Vgl. Moretti 2009, S. 7 ff.
Darüber hinaus muss bedacht werden, dass Moretti als Literaturhistoriker andere Fragestellungen hat als die Literaturwissenschaft und insbesondere die Literaturanalyse. Dennoch gibt es einige Anregungen Morettis, die für diese Arbeit von Bedeutung sind.
Ganz allgemein ist sicherlich einer seiner wichtigsten Standpunkte der, den Blick weg vom Sonderfall, dem close reading, hin zu einer breiteren Perspektive, dem distant reading zu lenken. Allerdings sind beide Begriffe bei Moretti mit einer gewissen Unschärfe belastet – in seinem ursprünglichen Essay Conjectures on World Literature versteht er zumindest den Begriff distant reading als eine derart von der Vogelperspektive geleiteten Lesart, dass er sogar zur Schlussfolgerung gelangt, man müsse selbst die Bücher nicht gelesen haben, sondern nur Arbeiten anderer Literaturwissenschaftler über diese Bücher.*Moretti 2013, S. 48. Dies sei auch durchaus der praktikablere Weg – schließlich könne man als Weltliteraturwissenschaftler kaum sämtliche Sprachen sprechen, um alleine die literarischen „Wellen“ von einem Land zu einem anderen nachvollziehen zu können.*Ebd., S. 59. In Kurven, Karten, Stammbäume führt er jedoch seine Methode am Beispiel der Entwicklung von frühen Detektivgeschichten vor, wie bereits oben erwähnt.*Vgl. das Kapitel „Stammbäume“ in Moretti 2009, S. 82–114, insbes. S. 86–89. Hier fällt auf, dass er sich dabei auf englischsprachige Literatur begrenzt, die nur einen bestimmten Entstehungszeitraum umfasst und somit relativ wenige Titel enthält (die durchaus noch alle selbst hätten gelesen werden können bzw. vermutlich sogar selbst gelesen wurden). Der „Stammbaum“, der 2000 noch so groß und unerfassbar schien, ist hier nur noch ein Zweig, eingebettet in größere Zusammenhänge wie die der Entwicklung von Detektivgeschichten in der Welt oder der Entwicklung der Gattung „Roman“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auf diese vergleichsweise eher „begrenzte“ Ebene möchte ich mich im praktischen Teil meiner Arbeit einlassen.
Zum einen ist es natürlich der „Sonderfall“ – hier Peter Handke – der die Entwicklung der Reisetexte im Kontext der postjugoslawischen Kriege entscheidend geprägt hat und dabei mit seinem relativ frühen Erscheinen auch Konkurrenten auf dem literarischen Markt wie etwa Peter Waterhouse aus der Wahrnehmung verdrängt hat. Er wäre bei Moretti mit Sir Arthur Conan Doyle zu vergleichen, der ebenfalls die Entwicklung der Detektivgeschichten in einem relativ frühen Stadium prägte. Zum anderen übernehme ich von Moretti die Vorgehensweise, mich nicht nur auf diesen „Sonderfall“ zu beschränken, sondern einen weiteren Blick – ein distant reading – auf die Entwicklung der Texte über die postjugoslawischen Kriege generell zu werfen. Dies ist natürlich, ähnlich wie bei Moretti im Falle der Detektivgeschichten, kein tatsächlich kompletter „Stammbaum“, den ich untersuche – vielmehr ist es ein Ast oder Zweig, der von dem Baum der deutschsprachigen Literatur und insbesondere der Antikriegsliteratur abzweigt. Hier zeigen sich jedoch schon erste Probleme: Beispielsweise könnte man Saša Stanišićs Wie der Soldat das Grammofon repariert gleichzeitig als Teil des Astes der Antikriegsliteratur sehen als auch als Teil der Entwicklung von modernen Romanen. Trotzdem erscheint er in unmittelbarer Nähe zu Richard Schuberths Freitag in Sarajevo, das als Theaterstück nicht mit der Erzählweise eines Romans konform geht. Entscheidend sind hier die Raster, die angewendet werden, um verschiedene Texte zu subsummieren: Das Raster dieser Titel ist die im Titel vorgegebene Darstellung der postjugoslawischen Kriege. Deswegen werden andere Theaterstücke, die zeitgleich mit Schuberths Text entstanden sind und möglicherweise ähnliche Verfahrensweisen wie dieser wählen, nicht besprochen werden, auch wenn ein „Ast“ des Stammbaums Verfahrensweisen des zeitgenössischen Theaters betitelt werden könnte. Alfred Kroeber schrieb zur Darstellung der menschlichen Kultur als Baum:
Der Verlauf der biologischen Evolution läßt sich ohne weiteres als ein Baum des Lebens darstellen, wie Darwin ihn beschrieben hat: Mit einem Stamm, Ästen, Abzweigungen und kleineren Zweigen. Der Verlauf der Entwicklung der menschlichen Kultur dagegen kann keineswegs in dieser Weise dargestellt werden, nicht einmal in metaphorischer Absicht. Denn die menschliche Kultur verzweigt sich zwar, aber ganz und gar teilweise wachsen ihre Äste auch wieder zusammen, und das fortwährend. Kulturen entwickeln sich auseinander, aber sie konvergieren und verbinden sich auch.“*Moretti 2009, S. 95.
Ähnlich äußert sich auch Christopher Prendergast, wenn er schreibt:
[B]iological life is governed by proliferation, differentiation and divergence, cultural life is governed by amalgamation, anastomosis and convergence.*Prendergast 2005, S. 56.
Das Gleiche gilt für den Baum oder die Bäume der Literatur. Moretti selbst hat festgestellt, dass eine Darstellung als „Netze“ vielleicht realistischer wäre – möglicherweise ein Grund, weshalb er sich in seiner neueren Forschung vor allem mit der „Netzwerktheorie“ auseinanderzusetzen scheint.*Vgl. Moretti 2009, S. 108 f. sowie das letzte Kapitel in Moretti 2013, S. 211–240, wobei es ihm bei letzterem gemäß der Netzwerktheorie darum geht, Verbindungen zwischen Protagonisten offenzulegen. Doch selbst in dieser Darstellung müsste das Netz dreidimensional sein und wäre nichtsdestoweniger an einigen Stellen unterbrochen – an denen nämlich, an denen keine oder kaum Berührungspunkte stattfinden. Und was passiert mit Ereignissen, die außerhalb der Literatur geschehen sind und nichts mit inhärenten Entwicklungen zu tun haben? Wie könnte eine Wechselwirkung zwischen Literatur und gesellschaftlichen Ereignissen, kulturellen Moden oder so einschneidenden Erlebnissen wie etwa einem Krieg dargestellt werden?
Das „Erdbeben“ als Lösung dieser Probleme?
Eine Lösung für diese Probleme könnte das Bild des „Erdbebens“ sein. Dieses könnte nämlich die Lücke zwischen den „Bäumen“ und den „Wellen“ füllen, die ich gerade durch meine Untersuchung der schwedisch- und deutschsprachigen Literatur gefunden habe. In diesem besonderen Fall ist es nämlich so, dass die postjugoslawischen Kriege nahezu gleichzeitig eine Einwirkung auf die jeweiligen literarischen Felder hatten, aber es zu keiner direkten Interaktion kam. Eine „Welle“, also ein Überschwappen von einem spezifischen Verfahren in die andere Literatur ist hiermit also auszuschließen. Vielmehr haben die postjugoslawischen Kriege ein „Erdbeben“ ausgelöst. Das Epizentrum des Bebens ist nicht geografisch verortbar, sondern hängt von der „Betroffenheit“ der Länder von dem jeweiligen Geschehen ab. Betroffen waren Schweden und die deutschsprachigen Länder sicherlich in unterschiedlicher Intensität, aber dennoch spürbar. Dies lässt sich allein daran ersehen, wie viele Flüchtlinge aus den früheren jugoslawischen Ländern nach Schweden kamen: 1994 stieg die Zahl der Einwanderer in Schweden sprunghaft auf über 80.000 an.*Statistiska centralbyrån: Tabeller över Sveriges befolkning 2009, Örebro 2010, S. 196, 291, online abrufbar unter: http://www.scb.se/statistik/_publikationer/BE0101_2009A01_BR_BE0110TAB.pdf (Stand: 08.12.2015) Davon waren etwa 40.000 Flüchtlinge aus den ehemaligen jugoslawischen Gebieten.*Åke Nilsson: Efterkrigstidens invandring och utvandring. Stockholm 2004, S. 37, abrufbar unter http://www.scb.se/statistik/_publikationer/BE0701_1950I02_BR_BE51ST0405.pdf (Stand: 23.12.2016) Nach den Zahlen des Schwedischen Statistischen Bundesamtes leben heute 67.892 Menschen in Schweden, die angeben, in Jugoslawien geboren worden zu sein – von 1.603.551, die in Schweden angeben, im Ausland geboren worden zu sein.*Statistiska centralbyrån: Befolkning efter födelseland och ursprungsland 31 december 2014 und Folkmängd efter födelseland 1900‑2014, abrufbar unter: http://www.scb.se/sv_/Hitta-statistik/Statistik-efter-amne/Befolkning/Befolkningens-sammansattning/Befolkningsstatistik/#c_li_120253 (Stand: 08.12.2015) Dabei sind diejenigen nicht mitgerechnet, die in den Nachfolgestaaten wie etwa Kroatien geboren sind oder dies als ihren Geburtsort genannt haben. Von den im Ausland geborenen Menschen, die in Schweden ansässig sind, sind also etwas mehr als 5% in Jugoslawien geboren. Diese Zahlen sollen als Beispiel dienen, um zu zeigen, wie das geografisch zunächst relativ weit entfernte Schweden durch neue gesellschaftliche Strukturen von den postjugoslawischen Kriegen unmittelbar betroffen war.
Eindeutiger liegt die Lage bei Deutschland, der Schweiz und Österreich: Warum die Länder des ehemaligen Jugoslawiens dort eine besondere Rolle spielen, schlüsselt der Schweizer Literaturwissenschaftler Boris Previšić in seinen Aufsätzen auf:
Erstens berührt der deutsche Literaturraum das betroffene Gebiet direkt. Dabei spielt der historisch begründete Rückgriff auf das südöstliche Grenzgebiet der Habsburger Doppelmonarchie, welche spätestens mit der Annektierung von Bosnien und Herzegowina 1878 weit auf der Balkanhalbinsel vordrang, eine große Rolle. Zweitens formt sich Deutschlands außenpolitisches Selbstbewusstsein vornehmlich in Bezug auf das ehemalige Jugoslawien neu aus: Dies beginnt mit der vorzeitigen Anerkennung von Slowenien und Kroatien 1991 und kulminiert im eigenen deutschen Sektor im Protektorat Kosovo 1999.*Ders.: Eine Frage der Perspektive: Der Balkankrieg in der deutschen Literatur, in: Evi Zemanek, Susanne Krones (Hg.): Literatur der Jahrtausendwende. Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000, Bielefeld 2008, S. 95–106, hier: S. 96, im Folgenden abgekürzt: Previšić 2008. Karoline von Oppen schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn sie argumentiert, dass die Balkankriege dazu gedient hätten, den Deutschen Selbstrespekt zurückzugeben. Dies.: „(un)sägliche Vergleiche“: What Germans remembered (and Forgot) in Former Yugoslavia in the 1990s, in: Stuart Taberner/Paul Cooke (Hg.): German Culture, Politics, and Literature into the Twenty-First Century Beyond Normalization, Rochester 2006, S. 167–180, hier: S. 169, im Folgenden abgekürzt: von Oppen 2006b. Auch bei Jean Bertrand Miguoué findet sich diese Argumentation. Vgl. ders.: Peter Handke und das zerfallende Jugoslawien. Ästhetische und diskursive Dimensionen einer Literarisierung der Wirklichkeit, Innsbruck 2012, S. 255, im Folgenden abgekürzt: Miguoué 2012.
In einem weiteren Aufsatz schreibt er, dass Österreich und die Schweiz allein wegen demografischer Gegebenheiten und der Dichte der Migranten aus den ehemaligen jugoslawischen Ländern dazu gezwungen seien, diese Situation auch literarisch widerzuspiegeln.*Vgl. ders.: Poetik der Marginalität: Balkan Turn gefällig?, in: Helmut Schmitz (Hg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur im Zeitalter globaler Migration, Amsterdam/New York 2009 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, 69), S. 189–203, hier: S. 190, im Folgenden abgekürzt: Previšić 2009a.
Das Bild des „Erdbebens“ könnte einigermaßen schlüssig dazu verwendet werden, um zu erklären, wie zwei Literaturtraditionen – und ihre dazugehörigen „Stammbäume“ – auf ein Ereignis so völlig unterschiedlich reagieren konnten, wie sie es im Falle der schwedisch- und deutschsprachigen Literatur taten. Allerdings erklärt das Bild des Bebens nur diesen einen Aspekt. All diese Vorstellungen zeigen letztendlich nur die Grenzen der Darstellung von Literatur und sei es nur in ihren kleinsten Ausschnitten – nur stark vereinfachte Modelle wie die, die Moretti vorstellt, gelangen überhaupt noch auf eine Darstellungsebene, erzielen damit allerdings vereinzelt verblüffende Effekte. Insofern verzichte ich im Folgenden darauf, die Entwicklungen in der deutsch- und schwedischsprachigen Literatur bildlich darstellen zu wollen. Letztendlich ist es vor allem der Aspekt des close und distant readings, das einen entscheidenden Anstoß für die Vorgehensweise in dieser Arbeit gegeben hat sowie die einstweilige Feststellung, dass es mit „Bäumen“ und „Wellen“ leider nicht getan ist, um unterschiedliche Entwicklungen in verschiedenen Literaturtraditionen hinreichend zu erklären.
Balkanismus im Kontext der Stereotypen- und Klischeeforschung
Grundbegriffe der Diskussion
Um sich dem Phänomen des Balkanismus anzunähern, ist es vonnöten, einige grundsätzliche Begriffe vorzustellen, die dieser Theorie vorausgegangen sind. Themen wie Identität und Rassismus können dabei jedoch nicht ausführlicher besprochen werden – auch wenn sie ein Bestandteil der Debatte sind, liegen sie nicht im Fokus der hier besprochenen literarischen Texte. Sozialpsychologische und politikwissenschaftliche Arbeiten sollen dabei im Fokus liegen, da die soziale oder Gruppen-Identität und ihre Implikationen eine große Rolle in diesem Diskurs spielen.*Vgl. zu folgendem Abschnitt auch Anja Zeltner: Sprache und Identität in der aktuellen schwedischen und deutschen Migrantenliteratur am Beispiel Jonas Hassen Khemiris und Feridun Zaimoglus. Magisterarbeit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2011, im Folgenden abgekürzt: Zeltner 2011, insbes. 2. Kapitel: Theoretische Aspekte von Identität und Sprache.
Identität und Identifikation
In landläufigen Darstellungen wird Identität häufig als etwas begriffen, das als Wesenskern des Menschen unveränderbar ist: „Erkenne dich selbst“ ist einer der beiden Leitsprüche des Orakels von Delphi. Spätestens aber ab dem 20. Jahrhundert wird dieser Leitspruch zunehmend in Frage gestellt. George H. Mead ist einer der ersten, der die Identität des Menschen als Zusammenspiel von gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Dispositionen begreift.*Vgl. George H. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt a. M. 1973 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 28). Lothar Krappmann erweitert dessen Theorie durch die stärkere Betonung des aktiv agierenden Individuums, das sich daran beteiligt, was es als Identität annimmt.*Vgl. Lothar Krappmann: Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen, 4. Auflage, Stuttgart 1975. Man könnte davon sprechen, dass er die Theorien damit vorwegnimmt, welche die Identifikation anstelle der Identität setzen, dazu allerdings später. In allen Fällen begreift Krappmann die Identitätsfindung als „kreativen Akt“.*Ebd., S. 11, vgl. auch Zeltner 2011, S. 10. Zuletzt soll in aller Kürze der Psychoanalytiker Erik H. Erikson genannt werden, der die Identitätsproblematik vor allem in der Jugend verortet und generell den Begriff der „Identität“ in der anglosächsischen Wissenschaftswelt salonfähig gemacht hat.*Erik H. Erikson: Identity, youth and crisis. New York 1968, S. 23, im Folgenden abgekürzt: Erikson 1968, vgl. auch: Rogers Brubaker/Frederick Cooper: Beyond „identity“, in: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47, hier: S. 2, im Folgenden abgekürzt: Brubaker/Cooper 2000.
Zur sozialpsychologischen Betrachtung der personalen und sozialen Identität, die mit den Konzepten der genannten Theoretiker vereinbar ist, liefert Ursula Piontkowski eine Begriffsdefinition. Diese ist an die von Turner et alii*Vgl. John C. Turner u. a.: Rediscovering the social group. A self-categorization theory, Oxford/New York 1987. angelehnt:
Auf der personalen Ebene vergleicht sich ein Individuum mit anderen Individuen und beschreibt sich dabei in Kategorien (groß, intelligent, dunkelhäutig). Auf der sozialen Identitätsebene werden Vergleiche mit anderen Gruppen gezogen, und das Individuum definiert sich über seine Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Gruppen. […]
Selbst-Kategorien sind kognitive Gruppierungen, die das Selbst und bestimmte Klassen von Stimuli als identisch definieren und von anderen Stimuli-Klassen abgrenzen. Die personale Identität bezieht sich auf die Selbst-Kategorien, die das Individuum in Abgrenzung von anderen Personen (aus der Eigengruppe) als einzigartig definieren. Die soziale Identität bezieht sich auf Kategorien, die das Individuum entsprechend seiner Ähnlichkeit mit Mitgliedern bestimmter sozialer Kategorien und seiner Unterschiedlichkeit zu anderen sozialen Kategorien beschreiben […].*Ursula Piontkowski: Sozialpsychologie. Eine Einführung in die Psychologie sozialer Interaktion, München 2011, S. 168, im Folgenden abgekürzt: Piontkowski 2011.
Diese Theorie, die als Selbstkategorisierungstheorie bezeichnet wird, ist zwar etwas reduktionistisch in Bezug auf die personale Identität, bietet aber einen guten Einstieg in ihre soziale Komponente an. Dabei fällt bereits der Terminus der „Eigen-“ (und im Umkehrschluss der der „Fremdgruppe“), mit dem in nahezu allen Arbeiten zu Identität hantiert wird. Ähnlich wie bei Lothar Krappmann ist es in der Selbstkategorisierungstheorie das Individuum*Das Individuum in Abgrenzung von der Identität ist ebenfalls ein Thema, das die Wissenschaft beschäftigt, hier allerdings außer Acht gelassen werden soll. Erwähnt werden soll hier lediglich der Einwand von Jürgen Straub, dass Individualität und Identität unbedingt zu unterscheiden seien, da Identität eine gewisse Kohärenz besäße, während Individualität niemals ganz in Begriffen aufginge und sich eben dadurch auszeichne. Ders., Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten. Frankfurt a. M. 1998, S. 73–105 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3), hier: S. 79 f., das sich einer bestimmten Gruppe oder, wie es Piontkowski auch schreibt, bestimmten Gruppen zuordnet. Denn diese mögliche Zuordnung zu diversen Gruppen ist es, das sozialpsychologische und kulturwissenschaftliche Überlegungen eint. Ausgehend von dem Blickwinkel des Postkolonialismus stellt Paul Gilroy in seinem wohl berühmtesten Werk There ain’t no Black in the Union Jack fest, dass ein Zugehörigkeitsgefühl – hier im Falle einer ethnischen Gruppe – keineswegs mehr an Landesgrenzen gebunden ist.*Paul Gilroy: There Ain´t No Black in the Union Jack. The cultural politics of race and nation, London/New York 2005, S. 202. Vgl. auch Zeltner 2011, S. 16. Stattdessen wird kreativ mit Mythen und Versatzstücken der vermeintlichen „Ursprungskultur“ und der Kultur und Sprache des Landes, in dem man wohnt, umgegangen. Dieses Phänomen, das Paul Gilroy am Beispiel der schwarzen Kultur in Großbritannien untersucht hat, könnte man „kulturelle Bricolage*Zeltner 2011, S. 16. nennen. Diese Vorgehensweise, die in vielen Gruppen mit Migrationshintergrund, u. a. bei Deutschtürken, beobachtet werden kann, ist auch im Sinne der Gruppenzuordnung deutbar: Die Gruppenzugehörigkeit zu einer Gruppe schließt nicht mehr die zu einer anderen aus. Entscheidend dabei ist das, was Stuart Hall mit dem Begriff der „Identifikation“*Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität, Hamburg 1994 (Argument-Sonderband, Neue Folge, 226), S. 196, im Folgenden abgekürzt: Hall 1994. Vgl. dazu auch Homi K. Bhabhas Konzept der Kultur, das in einer Art dritten Raum diskursiv durchlaufen und dabei neu verortet wird, ohne sich statisch an einem Ort zu manifestieren. Ders.: The location of culture, London/New York 1994, im Folgenden abgekürzt: Bhabha 1994. fasst: Die Gruppenzugehörigkeit/en werden mehr oder weniger aktiv gewählt und sind keinesfalls statisch, sondern ständig im Wandel begriffen. Carsten Kretschmann und Christiane Liermann sprechen von „Teilidentitäten“*Carsten Kretschmann und Christiane Liermann: Identitäten in Europa – Europäische Identität. Anmerkungen zu einem kontroversen Begriff, in: Markus Krienke/Matthias Belafi (Hg.): Identitäten in Europa – Europäische Identität, Wiesbaden 2007, S. 9–13, hier: S. 11 f, im Folgenden abgekürzt: Kretschmann/Liermann 2007.. Sie stimmen mit Paul Gilroy darin überein, dass „Identität das jeweils vorläufige Ergebnis eines kreativen Prozesses beständiger Selbstorientierung und Selbstvergewisserung“*Ebd., S. 10. darstellt.
Auch wenn der Begriff der „Identifikation“ nach wie vor seine Gültigkeit besitzt, erscheint mir eine Fixierung auf die „Auswahlmöglichkeiten“, die diese verschiedenen Identitäten bieten, als zu einfach. Sie beinhaltet die Sichtweise, dass der Mensch zu jedem Zeitpunkt frei über seine Entscheidungsfindung verfügen kann, was aber nicht der Fall ist. Eine Vielzahl von – teilweise unbewussten ‑ Faktoren spielt bei der Gruppenzuordnung eine Rolle und in der Praxis wird darüber selten derart bewusst reflektiert. Den Einfluss des Unterbewusstseins betonen dabei in Freudscher Tradition gerade österreichische Forschende in ihren Analysen.*Vgl. etwa Daniela Finzi: Unterwegs zum Anderen? Literarische Er-Fahrungen der kriegerischen Auflösung Jugoslawiens aus deutschsprachiger Perspektive, Tübingen 2013, im Folgenden abgekürzt: Finzi 2013, Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung, Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Wien/New York 2008, im Folgenden abgekürzt: Müller-Funk 2008. Der britisch-indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen spricht in diesem Zusammenhang von einem „Budgetzwang“*Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007, S. 21, im Folgenden abgekürzt: Sen 2007., ein Terminus, wie er auch in den Wirtschaftswissenschaften Anwendung findet: Innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen, des „Budgets“, könne man allerdings durchaus frei wählen. Entscheidend sei neben den jeweiligen Kontexten, die äußerst temporär sein können,*Vgl. ebd., S. 40. die Priorisierung der Identitäten*Ebd., S. 34.. Dabei kann eine falsche Priorität durchaus Folgen haben: Auch Kretschmann und Liermann kommen auf die Problematiken von Identifikationen, insbesondere in Form der kollektiven Identität, wie sie etwa in der Sozialpsychologie untersucht wird, zu sprechen.*Vgl. Kretschmann/Liermann 2007, S. 11. Der Übergang von der sozialen zur kollektiven Identität ist in der Begriffsverwendung bei vielen hier genannten Autorinnen und Autoren nicht klar voneinander differenzierbar und auch mir bleibt im Folgenden nur die Möglichkeit auf dieses Forschungsdesiderat hinzuweisen. Um dabei wieder auf die Selbstkategorisierungstheorie, die Ursula Piontkowski vorstellt, zurückzugreifen: In dieser wird davon ausgegangen, dass nur eine Kategorie aktiviert werden kann.*Die folgende Zusammenfassung übernimmt die Darstellung Piontkowskis. Vgl. dies. 2011, S. 168 f. Das heißt: Ist gerade die Ebene der sozialen Kategorisierung aktiviert, kann nicht gleichzeitig die personale Ebene aktiv sein. Das Individuum sieht sich nicht mehr als Einzelnen, sondern als Teil einer Gruppe, die sich möglicherweise von einer anderen Gruppe abgrenzen oder gar verteidigen muss. Dabei spielen Konzeptionen von Alterität und Alienität*Alterität ist laut Fred Lönker im Sinne zu verstehen, dass es dem Subjekt noch gelingt, das Andere im Rahmen seines Wissenshorizontes zu interpretieren und damit zumindest zum Teil zu überwinden, Alienität ist hingegen, wenn dies nicht mehr gelingt und das Fremde fremd bleibt. Vgl. Fred Lönker: Aspekte des Fremdverstehens in der literarischen Übersetzung, in: ders. (Hg.): Die literarische Übersetzung als Medium der Fremderfahrung, Berlin 1992 (Göttinger Beiträge zur Internationalen Übersetzungsforschung, 6), S. 41–62, hier: S. 47. eine große Rolle und münden im schlimmsten Fall in Ausgrenzung, Rassismus oder auch Krieg. Die Zurückstellung aller anderen Identifikationen zugunsten einer einzelnen nennt Sen auch „kriegerische[…] Identität“*Sen 2007, S. 19..
Nicht nur in der Sozialpsychologie werden diese Kategorisierungen untersucht. Lutz Niethammer zeigt in einer ausführlichen, begriffsgeschichtlich angelegten Studie zur „kollektiven Identität“, dass die Bezeichnung einer theoretischen Grundlage, gar einer Definition vollständig entbehre.*Lutz Niethammer: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 55, im Folgenden abgekürzt: Niethammer 2000. Eine ähnliche Argumentation verfolgen Brubaker und Cooper zur gleichen Zeit in der angelsächsischen Wissenschaft, weiten dies aber generell auf eine Kritik des „Identitätsbegriffs“ auf. Sie liefern zugleich produktive Vorschläge, wie der Begriff bezogen auf spezifische gesellschaftspolitische Entwicklungen und Situationen zukünftig präzisiert werden könnte. Vgl. Brubaker/Cooper 2000. Er begründet dies mit der Herkunft des Wortes aus „identisch“ und dem lateinischen „idem“ (dasselbe)*Ebd., S. 40.. Zwei Überlegungen stehen bei seiner Wortkritik im Vordergrund. Zum einen argumentiert er, dass „kollektive Identität“ quasi normativ positiv besetzt sei und als etwas Erstrebenswertes gelte – trotz der Unklarheit, was dies eigentlich sein solle –, zum anderen ein Oxymoron bilde, denn ein Kollektiv könne schwerlich identisch sein:
Wie wir Identität beim einzelnen häufig mit Ich-Stärke konnotieren, so gilt in unserer öffentlichen Sprache auch kollektive Identität auf allen Ebenen weithin als etwas Positives, Notwendiges, ja geradezu als ein Gebot. Und diese positive und normative Kraft wächst ihr stillschweigend zu und bedarf selbst bei denen, deren kritischer Geist sonst alles durcheinandernimmt, keiner weiteren Begründung. Auch wenn wir hier dahingestellt lassen, inwieweit die Aufforderung einer Ich-Identität realistisch oder zumutbar ist und nicht nur dazu auffordert, sich auf die Komplexität seines Lebens einen selektiven Reim zu machen, muß doch die Vorstellung, menschliche Kollektive sollten identisch sein, erst einmal erstaunen. Denn davor müßten wir ja fragen, ob sie das auch können.*Ebd., S. 19. Um ein Kollektiv überhaupt als identifizierend wahrnehmen zu können, bedarf es semantischer Tricks; so hat Müller-Funk angemerkt, dass Gemeinschaften häufig „als virtuelle Körper“ konstruiert würden, um eine persönliche Nähe spürbar zu machen. Vgl. Müller-Funk 2008, S. 262.
Da diese Identifikation mit einem imaginierten Kollektiv aber auch immer auf einer Ausgrenzung der Anderen fußt, wie es am Beispiel Europas ersichtlich wird,*Vgl. ebd., S. 530 f. schlägt Niethammer vor, den Begriff im Diskurs zu vermeiden, um eine größere Klarheit des Bezeichneten zu erzwingen,*Ebd., S. 627. und das Volk pragmatisch als etwas zu sehen, dass nicht „identisch […], aber aufeinander angewiesen“*Ebd., S. 630. sei. Er bewegt sich damit in seiner Argumentation in Richtung der Solidargemeinschaft, die notwendig für das (Über-)Leben des Einzelnen ist. Zugleich zeigen aber sowohl Brubaker und Cooper als auch Peter Wagner in seinem bereits 1998 erschienenem Aufsatz Fest-Stellungen auf, dass man die Begriffsverwendung von „Identität“ durchaus in den einzelnen Kontexten präzisieren kann.*Vgl. Brubaker/Cooper 2000, S. 6 ff., Peter Wagner: Fest-Stellungen. Beobachtungen zur sozialwissenschaftlichen Diskussion über Identität, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten, Frankfurt a. M. 1998 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3), S. 44–72, hier: S. 47, im Folgenden abgekürzt: Wagner 1998. Wagner kommt darin zum Schluss, dass es sich sowohl bei den Selbst-Identitäten als auch bei kollektiven Identitäten nicht um reine Fiktion handelt und dass es daher nicht sinnvoll ist, Studien zu dem Thema allein des Begriffes wegen zu diffamieren.*Wagner 1998, S. 66. Auch mir erscheint es so, dass der Begriff allein durch seine Verwendung in unterschiedlichsten Kontexten nicht einfach ad acta gelegt werden kann, denn gerade die Performanz des Begriffs zeigt, wie lebendig er tatsächlich ist. Stattdessen sollte die Konstruiertheit und Veränderbarkeit sowohl von der Identität eines einzelnen Menschen als auch der eines Kollektivs bei der Verwendung des Begriffs mitgedacht werden. Man könnte auch sagen: Die Identität eines Menschen oder einer Gruppe hat nicht nur keinen festen, unveränderbaren Kern, sondern auch der Begriff als solcher besitzt diese Eigenschaft nicht und wird gerade deshalb so universell eingesetzt.
Ausgrenzung, Stereotypisierung und Rassismus
Im Zuge von Ausgrenzung und der Konstruktion von Alterität wird häufig der Begriff der „Identität“ ins Spiel gebracht: Dass Exklusion ein wichtiger Teil der Identitätsbildung ist, schreibt etwa Emilija Mančić in ihrer Dissertation.*Emilija Mančić: Umbruch und Identitätszerfall. Narrative Jugoslawiens im europäischen Kontext, Tübingen 2012, S. 109, im Folgenden abgekürzt: Mančić 2012. Clemens Sedmak benutzt dafür anstelle der bereits bekannten Termini der Gruppen die Idee eines „Clubs“: Menschen, die bestimmte Bedingungen erfüllen, können in diesen Club aufgenommen werden, allerdings muss die Balance zwischen Offenheit und Exklusion gewahrt werden.*Clemens Sedmak: Inklusion und Exklusion in Europa, in: Elisabeth Klaus u. a. (Hg.): Identität und Inklusion im europäischen Sozialraum, Wiesbaden 2010, S. 147–164, hier: S. 148 f., im Folgenden abgekürzt: Sedmak 2010. Eine solche Art von Club oder – um wieder im klassischen Bild zu sprechen – einer Gruppe bietet die Voraussetzungen, um sich eine Idee davon zu machen, was die „Mitgliedsbedingungen“ dieser Gruppe sind. Diese müssen nicht notwendigerweise empirisch nachprüfbar, sondern können gleichsam nur eine Vorstellung sein, die lose in der Realität verankert ist.*Vgl. hierzu auch die ähnlich lautende Definition von „Stereotypen“ in Piontkowski 2011, S. 174. Hier beginnt die Stereotypisierung von Menschen zu greifen, sogenannte „Homogenitätseffekte“, wie Ursula Piontkowski schreibt. Homogenitätseffekte gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen Gruppe.*Piontkowski 2011, S. 172. Gesteigert wird das Stereotyp in gewissem Maße nur noch vom Vorurteil, das Piontkowski als „feindliche oder negative Einstellung gegenüber Personen allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe“*Ebd., S. 174. definiert. Allerdings stellt sie auch fest, dass es Vorurteile durchaus in positiven Varianten gibt. In jedem Fall dienen sowohl Stereotype als auch Vorurteile dazu, Menschen, die man neu kennenlernt, schneller einordnen und so auf sie reagieren zu können.*Ebd., S. 175. Sie sind also gewissermaßen eine „Erleichterung“ für das Leben und die komplexen Sinneseindrücke, denen man tagtäglich ausgesetzt ist. Stereotype bleiben selbst dann virulent, wenn Leute sich ihrer bewusst sind und diese ablehnen. Die Tatsache, dass die Probanden diese Stereotype durch die Kultur, in der sie leben, kennen, sorgt bereits dafür, dass sie aktiviert werden.*Ebd., S. 179. Vgl. dazu auch die Experimente, die Ursula Piontkowski in diesem Kapitel anführt, u. a. die von Greenberg/Pyszczynski (1985), Devine (1989), Fazio et al. (1995) und vor allem der Implizite Assoziationstest (IAT), der allerdings umstritten ist. Dies ist eine wichtige Feststellung, die in der späteren Arbeit berücksichtigt werden soll, wenn es um die Manifestation von Stereotypen in der Literatur geht.
Rassismus ist als Steigerung solcher Vorgänge zu sehen. Über die Art und Weise, wie er entsteht, gibt es Übereinstimmungen in sozialpsychologischen Experimenten und den dazugehörigen soziologischen und politischen Theorien. So schreibt Piontkowski, dass der moderne Rassismus nicht durch allgemeine Werturteile definiert werde, sondern durch „Aspekte einer realistischen oder symbolischen Bedrohung (des Status, der eigenen Werte, der eigenen Ressourcen)“*Ebd., S. 192.. Dies bedeutet anders gesagt, dass es nicht explizite Verurteilungen sind, die die Mehrzahl der rassistischen Äußerungen bilden, sondern dass diese oftmals subtiler sind. Ein Beispiel dafür wäre die Debatte um die Zuwanderung, die häufig von der Angst gesteuert wird, dass zu viele Migrantinnen und Migranten den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Diese Angst nimmt erwartungsgemäß in Zeiten der tatsächlichen „Ressourcenknappheit“ – also Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit – zu. Diese Theorie findet sich nicht nur im Überblickswerk von Piontkowski*Ebd., S. 194., sondern wird auch in den Politikwissenschaften genutzt, um Rassismus in Europa zu erklären. Clemens Sedmak knüpft daran an, wenn er schreibt: „Exklusion ist mit dem Identitätsdiskurs in Verbindung zu bringen.“*Sedmak 2010, S. 152. Er argumentiert, dass die Zugehörigkeit zu Gruppen identitätsstiftend sei (wie oben erörtert) und Identität ebenfalls eine Art „Ressource“ ist, auf die der Mensch Zugang hat oder nicht.*Ebd., S. 152 f. Identitätsressourcen sind dabei etwas, das stark mit der inneren Haltung des Menschen zu tun hat.*Ebd., S. 153 f. Insofern tritt ein Verlust von Identitätsressourcen laut Sedmak dann auf, wenn
a) Zugang zu körperlicher Unversehrtheit, Körperbewusstsein oder Affirmation der eigenen Körperlichkeit erschwert sind, b) Bindungen nicht oder nur unzureichend angeboten bzw. nur unter erschwerten Umständen eingegangen werden können, c) Zugang zu einer Kultur des Innehaltens, Nachdenkens und der Zugang zu einer Metaebene, die sich selbst zum Thema machen lässt, fehlt.*Ebd., S. 154.
Diese Feststellung hat, wie Sedmak bemerkt, sowohl explizit bildungspolitische als auch allgemeine politische Ausmaße.*Vgl. ebd., S. 155. Dies entspricht in Teilen der Feststellung, die Wolfgang Aschauer in seinem Beitrag zur Aufsatzsammlung von Elisabeth Klaus (u. a.) genauer ausführt: Dass Rassismus ein Resultat sozialer Ungleichheit ist, die wiederum mit einer Identitätsverunsicherung zusammenhängt. Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten, also in Zeiten der materiellen Ressourcenknappheit, würde das Sicherheitsbedürfnis dafür sorgen, dass man die eigene Nationalität stärker betonen und seine Ängste auf das einem selbst Fremde übertragen würde.*Wolfgang Aschauer: Die Wahrnehmung von Umbrüchen, Ungleichheiten und Unsicherheiten als neue Erklärungsfaktoren der Fremden- und Islamfeindlichkeit in Europa, in: Elisabeth Klaus u. a. (Hg.): Identität und Inklusion im europäischen Sozialraum, Wiesbaden 2010, S. 87–112, hier: S. 87 f. Die eigentliche Dichotomie sei dabei bei der Bevölkerung oft im Bereich global vs. lokal zu verorten.*Ebd., S. 92 f. Aschauer macht verschiedene Arten von Krisen aus, die für Desintegrationsprozesse in der Gesellschaft sorgen und dabei dem Rassismus Vorschub leisten: die drei wichtigsten sind hierbei wohl Struktur-, Regulations- und Kohäsionskrisen. Als Beispiel für Strukturkrisen nennt er etwa Deprivationserfahrungen wie sie während der Wirtschaftskrise vorgekommen sind, als Beispiel für Regulationskrisen Werteverschiebungen.*Vgl. ebd. S. 99–101. Bei Regulationskrisen geht es eher um die Sozialintegration, die erschwert wird durch die heutige, hochindividualisierte Gesellschaft, die Selbstverantwortlichkeit verlangt.*Ebd., S. 98. Die Frage dabei ist, ob das Individuum in der Lage ist auf Modernisierungskrisen zu reagieren und sich anzupassen oder ob der Versuch einer Synthese für eine hochgradige Unsicherheit sorgt, die schließlich in Konservativismus oder Fremdenfeindlichkeit mündet.*Vgl. ebd., S. 101 f. Ein Beispiel für Kohäsionskrisen sind schließlich Ingroup- und Outgroup-Differenzierungen, die häufig auftreten, wenn hohe gesellschaftliche Eigenverantwortung eingefordert wird; dabei ginge es in vielen Fällen darum, sich einer Gruppe zuzuordnen, um die eigene soziale Identität zu stabilisieren.*Ebd. S. 102 f. Der Einfluss von Meinungsführern werde dabei laut Aschauer unterschätzt.*Ebd., S. 103.
Aschauers Theoriegerüst bildet eine schlüssige Vorlage für die Geschehnisse während der postjugoslawischen Kriege. Die Wirtschaftsleistung in Jugoslawien sinkt bereits Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts; im Laufe der 70er Jahre kommt es zu einer Wirtschaftskrise mit steigenden Schulden, die auch noch in den 1990er Jahren anhält.*Vgl. Calic 2010, S. 237, S. 255 f. Zugleich fanden sich nach Titos Tod einige politische Gegner, u. a. Slobodan Milošević auf Seiten der serbischen, Franjo Tuđman auf Seiten der kroatischen und Alija Izetbegović auf Seiten der bosnischen Ethnie, die sich der unterschiedlichen Geschichtsbilder und -mythen, die sich im Laufe der Jahrzehnte in den förderalisierten Regionen gebildet hatten,*Vgl. ebd., S. 261. bedienten und den entstehenden Nationalismus weiter aufheizten. Diese Meinungsführer spielten also, wie Aschauer es anspricht, eine große Rolle im entstehenden Konflikt; die wirtschaftliche Krise und der erstarkende Nationalismus sind laut Marie-Janine Calic
Indikatoren einer tiefen Sinnkrise und eines massiven Verlusts an Werten und Orientierungen. Sie verwiesen auf eine Gemütslage, die geradezu nach emotionaler Entlastung, nach Sündenböcken und nach Ausmerzung des angeblich ursächlichen Übels schrie.*Ebd., S. 281.
Hier fand also, um in den Termini von Aschauer zu sprechen, eine Regulationskrise statt, die sowohl mit dem zerfallenden politischen Wertesystem des Sozialismus zu tun hatte als auch mit der strukturell bedingten Wirtschaftskrise, die unmittelbar mit dem Scheitern des sozialistischen Wirtschaftssystems zusammenhing. Sie ging einher mit einer Kohäsionskrise, d. h. einer erstarkenden Unsicherheit, der Reaktivierung von Feindbildern und der Bildung von impliziten Eigen- und Fremdgruppen, die stark an die Idee einer „Nation“ gekoppelt waren. Die Vorgänge, die sich etwa in Bosnien-Hercegovina ereignen, werden von Calic analog zu Piontkowskis und Sedmaks Darstellungen beschrieben. So schreibt sie etwa, dass bei der Entstehung von Feindbildern in Bosnien-Hercegovina „[k]ulturzentristische Argumente, Vorstellungen von der prinzipiellen (kulturellen oder moralischen) Überlegenheit der Glaubens- und Lebenswelt“*Calic 1996, S. 114. eine Rolle gespielt hätten. Zudem wurde ein Angstszenario für die Eigengruppe entworfen, das auf historischen Ereignissen fußte und die nationalistische Stimmung noch weiter aufheizte.*Vgl. ebd., S. 112, 115 sowie Calic 2010, S. 273. Wie die Historie prinzipiell benutzt werden kann und in dem konkreten Fall auch benutzt wurde, um Trennlinien zwischen Völkern zu verhärten, wird u. a. im folgenden Abschnitt ausführlicher besprochen werden.
Vorgänger von Maria Todorovas Imagining the Balkans
Einer der großen Vorgänger Todorovas, der zugleich den Ausdruck „Balkanismus“ entscheidend beeinflusste, ist Edward W. Said mit seinem Standardwerk Orientalismus, das 1978 erschien. Der Literaturtheoretiker belegt anhand von literarischen Beispielen, wie stark der Orient durch die eurozentrische Perspektive von Orientreisenden und Wissenschaftlern konstruiert wurde.*Vgl. Edward W. Said: Orientalismus, Frankfurt a. M. 2009, S. 13, 140, 369, im Folgenden abgekürzt: Said 2009. Drei Hauptpunkte, die auch später für Todorova eine Rolle spielen, ist die Konstruktion eines Anderen, um die europäische Identität zu sichern, die generelle, über Epochen überlieferte Angst der Europäer vor dem Islam und die Vorstellung, dass der Orient den Westen mit seiner aufklärerischen Idee benötige.
Zum ersten: Laut Said benötigt die kulturelle Identität das Gegenpol des Anderen, welches sich jeweils durch die Gesellschaft und die Epoche geprägt verändern würde.*Ebd. S. 380. Dieses andere bilde der Orient.*Vgl. ebd., S. 16, 57. Die Konstruktion des Anderen wird – um dabei gleich auf den zweiten Punkt zu sprechen zu kommen – von der Angst vor Moslems geschürt, die in islamischen Eroberungen im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit ihren Ursprung hat.*Vgl. ebd., S. 75 f. Vgl. Zu diesem Punkt auch Thorsten Gerald Schneiders Sammelband zu den Ursprüngen der Islamfeindlichkeit in Europa, insbesondere die ersten darin befindlichen Aufsätze von Thomas Naumann, Claudio Lange, Almut Höfert, Gerdien Jonker und Hamid Tafazoli. Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen verschwimmen, Wiesbaden 2009. Der dritte Punkt betrifft die eigentlich kolonialistische Vorstellung eines „zurückgebliebenen“, „unterentwickelten“ Orients, die sich erst im 18. und 19. Jahrhundert gebildet hatte, als das Osmanische Reich zerbrach und Orientreisende häufig wurden. In den literarischen Vorbildern findet sich immer wieder die Vorstellung, dass der Orient nur durch den Westen zur Vernunft gebracht werden könne.*Said 2009, S. 53 f. Vgl. auch die Beispiele aus der Orientalistik S. 342 ff. Einher geht damit die Vorstellung, dass der Orient „verstummt“ sei und nur durch den Westen und seine Vertreter wieder eine Stimme erhalte.*Ebd., S. 32. Die Angst vor einem fremdartigen Feind auf der einen Seite, vermischt mit der neueren historischen Perspektive des Kolonialismus und des Erniedrigens einer anderen Kultur auf der anderen Seite, prägen also den Orientalismus. Gleichzeitig hat Said bereits 1978 den Druck von Narrativen in der Konstruktion des Orients durch den Westen erwähnt.*Vgl. ebd., S. 274 f. Dies ist insofern bemerkenswert, weil es eine Vorausdeutung der Narrativitätstheorien ist, die zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden sollen.*Vgl. Abschnitt 2.2.6, S. 51–57, dieser Arbeit.[9]
Auch Benedict Anderson wählt in seinem berühmtesten Werk Die Erfindung der Nation, das 1983 erstmals erschien, Beispiele aus der Literatur, um sein Konzept zu untermauern. Er steht nicht nur in Bezug auf den Namen Maria Todorovas Erfindung des Balkans nahe, auch eint sie ihre konstruktivistische Perspektive. Ähnlich wie bei Todorova bedarf es jedoch zunächst einer Begriffsklärung bei der Übersetzung des Englischen ins Deutsche: Der Originaltitel Imagined Communities bezieht sich in erster Linie auf Andersons Definition von Nation, die eine vorgestellte Gemeinschaft sei, weil es schlichtweg nicht möglich ist all ihre Mitglieder zu kennen.*Anderson 2005, S. 15. In seiner wegweisenden Arbeit untersucht er die Grundpfeiler, welche generell die Nationenbildung stützen. So sind die Vorläufer der Nation historisch gesehen die Dynastie und die Religionen.*Ebd., S. 20 ff. Nationen entstanden und entstehen u. a. vornehmlich mit Hilfe der Medien*Ebd., S. 32. Interessant ist, welche Rolle er dabei der Literatur gibt und den Rezipientinnen und Rezipienten, die als eine Art „Leservolk“ oder „Volk der Leser“ erscheinen könnten. Diese Terminologie entnehme ich wiederum Peter Handke, der in seinen Büchern eine ähnliche Vorstellung pflegt, wie im dritten Kapitel der Arbeit noch ausführlicher besprochen werden wird. Vgl. Anderson 2009, S. 34 f. und einer gemeinsamen Landessprache*Vgl. Anderson 2009, S. 85., welche durch die Medien transportiert und gepflegt wurde. Erst durch diese konnte der Nationalgedanke oftmals verbreitet und die Rezipienten in die Idee der Nation integriert werden.*Vgl. ebd., S. 133 f. Während Anderson Erzählgemeinschaften eher als Voraussetzung betrachtet, um einen nationalen Mythos zu begründen und aufrechtzuerhalten, sieht es Müller-Funk vice versa: Dass „Erzählgemeinschaften“ durch diese Mythen erst gestiftet würden. Vgl. Müller-Funk 2008, S. 110. Eine Symbiose der beiden Faktoren ist wohl für die Stabilisierung eines solchen Systems vonnöten. Zeit und Raum spielen ebenfalls eine Rolle bei der „Erfindung der Nationen“: Raum deshalb, weil mit Hilfe von Landkarten bis dato noch nicht vorhandene Zugehörigkeiten geschaffen worden seien,*Vgl. ebd., S. 175 f., 179. Zeit deshalb, weil die Erinnerungen und die Geschichte einer Nation quasi auch miterfunden oder zumindest sehr selektiv ausgewählt werden müssen.*Vgl. ebd., S. 201. Clemens Sedmak weist in seinem Aufsatz zur europäischen Identität auch darauf hin, dass die Arbeit an Erinnerungen Konfliktpotential in sich birgt. Vgl. Sedmak 2010, S. 155. Den Terminus der „Identitätsräume“ greift die Klagenfurter Medienwissenschaftlerin Brigitte Hipfl in ausdrücklichem Bezug auf die Theorien Andersons 2004 wieder auf.*V gl. Brigitte Hipfl: Medien als Konstrukteure (trans-)nationaler Identitätsräume, in: dies. u. a. (Hg.): Identitätsräume. Nation, Körper und Geschlecht in den Medien. Eine Topografie, Bielefeld 2004, S. 53–59, hier: S. 55. Sie spezifiziert dabei die Art und Weise, wie Medien als Konstrukteure von Identitätsräumen fungieren:
Zum Ersten konstruieren Medien durch die Art und Weise, wie sie über Vorgänge in der Welt berichten, geopolitische Räume, indem sie bestimmte Territorien mit bestimmten Verhaltensweisen, Menschen und kulturellen Praktiken in Verbindung bringen und sie damit als im Vergleich zu anderen Territorien unterschiedlich präsentieren. […]
Zum Zweiten sind Medieninhalte selbst semiotische Räume, die daraufhin untersucht werden können, welche sozialen Identitäten und Körper darin vorkommen, wie diese agieren und wie sie sozial bewertet werden. […]
Und zum Dritten sind Medien als Zwischen-Räume zu verstehen, die sich in den Prozessen der Medienrezeption und der Interaktion mit den Medien herausbilden.*Dies.: Mediale Identitätsräume. Skizzen zu einem ‚spatial turn‘ in der Medien- und Kommunikationswissenschaft, in: dies. u. a. (Hg.): Identitätsräume. Nation, Körper und Geschlecht in den Medien. Eine Topografie, Bielefeld 2004, S. 16–50, hier: S. 17.
Für sie sind Medien also zum einen Konstrukteure von Räumen, zum anderen selbst Räume, in denen bestimmte Körper vorkommen oder auch interaktiv kommentiert und gebildet werden – in letzterem Beispiel ist die Anlehnung an die Theorien Judith Butlers und Louis Althussers deutlich spürbar. Der spatial turn in dieser Herangehensweise ist bereits im Titel inbegriffen, es gilt jedoch zu hinterfragen, ob mit dem Verweis auf einen weiteren turn der Sache wirklich geholfen ist und der Terminus nicht überstrapaziert wird. Aber zurück zu Anderson, der den Verweis auf Räume im Gegensatz zu Hipfl zugleich mit dem Erinnerungs- und Vergessensdiskurs in Verbindung bringt.
Dabei ist der große Verdienst Andersons auf das Vergessen hinzuweisen, das in Bezug auf die Konstruktion eines nationalen Gedächtnisses ebenfalls eine große Rolle spielt.*Auf die Unterscheidung Ernst Georg Jüngers zwischen Erinnerung und Gedächtnis wird in der einschlägigen Forschung immer wieder rekurriert und soll auch an dieser Stelle kurz wiedergegeben werden: „Der Gedanke wird das Gedachte. Das Denken des Gedachten ist das Gedächtnis als Wiederkehr des Gedachten.“ Ders.: Gedächtnis und Erinnerung, Frankfurt a. M. 1957, S. 11. Weiterhin heißt es: „Erinnertes ist, wie schon Aristoteles bemerkt, nichts Erlerntes. Erlerntes wird als Gedachtes verwahrt, so, daß beim Erlernen Zeit und Ort des Erlernens nicht mitverwahrt werden. Erinnertes habe ich weder durch Lehren noch durch Lernen empfangen. […] Die Unmittelbarkeit des Erinnerten zeigt sich daran, daß jeder sein Erinnertes für sich hat, seine eigenen Erinnerungen hat, während das Gedachte vielen gemeinsam ist und sich bei ihnen nicht unterscheidet.“ Ebd., S. 48. Ähnlich wie in der Konstruktion der personalen Identität würde für die kulturelle Identität eine Erinnerung heraufbeschworen werden, die im Grunde nicht „erinnert“ werden kann, weil sie bereits in viel früheren „Lebensjahren“ einer Nation zu verorten sei als den tatsächlich erlebten.*Vgl. Anderson 2009, S. 205 f. Gerade bei den oft jungen Nationen ist es wichtig, dieses „fehlende Alter“ ebenfalls zu vergessen, wie Rolf Eickelpasch und Claudia Rademacher schreiben:
Die Konstruktion einer Identität stiftenden gemeinsamen Vergangenheit basiert daher notwendigerweise auf einem massiven Vergessen.*Rolf Eickelpasch/Claudia Rademacher: Identität, Bielefeld 2004, S. 69.
Aleida Assmann spezifiziert diese Idee, indem sie eine Unterscheidung trifft zwischen dem kulturellen Gedächtnis, das generationen- und dekadenübergreifend sein kann und dem kommunikativen Gedächtnis, das sich meist über drei Generationen erstreckt.*Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999, S. 13, im Folgenden abgekürzt: Assmann 1999. Deshalb müsse „das Erfahrungsgedächtnis der Zeitzeugen, wenn es in Zukunft nicht verlorengehen soll, in ein kulturelles Gedächtnis der Nachwelt übersetzt werden“*Ebd., S. 15..
Auch hier zeigt sich, wie wichtig Narrationen für die Identitätsbildung sind.
In Bezug auf Rassismus ist Anderson der Auffassung, dass dieser mehr mit Klasse als mit Nation zu tun hat – eine Überlegung, die sich auch mit der bereits vorgestellten Identitäts- und Rassismusforschung deckt.*Anderson 2009, S. 150. Dabei argumentiert er, dass die Idee, dass verschiedene Kulturen sich nicht vermischen sollten, weniger als eine archaische zu betrachten ist, sondern eine Reaktion auf eine gescheiterte Moderne darstellt.*Claus Leggewie: Ethnizität, Nationalismus und multikulturelle Gesellschaft, in: Helmut Berding (Hg.): Nationales Bewusstsein und kollektive Identität, Frankfurt a. M. 1994, S. 46–65 (Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins, 2), hier: S. 60 f. Die Argumentation, dass scheinbar überkommene Ideologien tatsächlich ein Produkt einer immer komplexer werdenden Gegenwart sind, findet sich auch in Bezug auf den Nationalismus. Ein Forscher, der diese Ansicht vertritt, ist etwa Christian Geulen. Für ihn ist das Konzept des Nationalismus gerade deshalb so langlebig, da ihm eine gewisse Wandlungsfähigkeit innewohnt.*Vgl. Christian Geulen: Die Metamorphose der Identität. Zur „Langlebigkeit“ des Nationalismus, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten, Frankfurt a. M. 1998, S. 346–373 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3), hier: S. 358. Ein weiterer Forscher, der in der Denktradition Andersons argumentiert, ist Shmuel Noah Eisenstadt. Die kollektiven Identitäten, die in der Nationenbildung eine entscheidende Rolle spielen, werden neben den von Anderson genannten Faktoren durch periphere Symbole, die in den Mainstream getragen werden, mitkonstruiert.*Shmuel Noah Eisenstadt: Die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive, in: Bernhard Giesen (Hg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt a. M. 1991, S. 21–38, hier: S. 30. Träger dieser Symboliken sind politische Führungspersönlichkeiten und/oder die „Intelligenzia“ eines Landes.*Ebd., S. 21 f. Eisenstadt betont dabei die Wichtigkeit von leadership, die im Falle der postjugoslawischen Kriege gerade in Hinblick auf Entscheidungsträger wie Franjo Tuđman oder Slobodan Milošević virulent wird. Auch der Glaube an bewußte Veränderungsmöglichkeiten der sozialen und politischen Umstände präge die Vorstellung von einer westlichen Identität.*Ebd., S. 29. Leggewie, Geulen und Eisenstadt und auch Medienwissenschaftlerinnen wie Brigitte Hipfl sollen an dieser Stelle nur exemplarisch für eine ganze Generation an Forschenden stehen, die Andersons Ideengerüst aufgenommen und weiterentwickelt haben, während es im Zuge der Balkanismusforschung bald zur Differenzierung und Spezifikation von Andersons Grundkonzept kam.
Ein Aufsatz, der die Ideen Todorovas in Bezug auf den Balkanismus direkt beeinflusst hat, ist John B. Allcocks 1991 erschienener Text Constructing the ‘Balkans’. Allcock nennt drei verschiedene Bilder, die von weiblichen Reisenden Anfang des 20. Jahrhunderts vom Balkan konstruiert wurden:dass er im Orient liege, aber nicht orientalisch sei,*John B. Allcock: Constructing the ‘Balkans’, in: John B. Allcock/Antonia Young (Hg.): Black lambs & grey falcons. Women travellers in the Balkans, New York/Oxford 2000, S. 217–240, hier: S. 227 ff, im Folgenden abgekürzt: Allcock 2000. dass er ein Erbe der hellenistischen Kultur*Ebd., S. 229–234. und dass er voller ursprünglicher Volkskultur sei*Ebd., S. 234–239.. Ähnliche Stereotype über den Balkan werden auch bei Maria Todorova Erwähnung finden.
Eine weitere Mitstreiterin von Todorova ist Milica Bakić-Hayden. In ihrem, zusammen mit Robert M. Hayden publizierten Aufsatz Orientalist Variations on the Theme ‚Balkans‘ nimmt sie bereits 1992 den Terminus der Nesting Orientalisms vorweg, der auch in Todorovas Werk wichtig ist. Damit sind orientalistische Cluster gemeint, die vor allem in Slowenien und Kroatien in der Öffentlichkeit ins Feld geführt werden, um andere Teile Jugoslawiens zu „balkanisieren“.*Vgl. Milica Bakić-Hayden/Robert M. Hayden: Orientalist variations on the theme ‘Balkans’: Symbolic geography in recent Yugoslav cultural politics, in: Slavic Review 51 (1992), S. 1–15, hier: S. 2, S. 4 f., im Folgenden abgekürzt: Bakić-Hayden 1992. Dabei diene vor allem die Orthodoxie als Unterscheidungskriterium, um Teile des früheren Jugoslawiens aus der kulturellen Idee von Europa auszuschließen – geografisch sei dies schließlich nur schwer möglich:
Since Yugoslavia is physically in Europe, however, the question must be raised as to what criteria are used to exclude parts of the country from the symbolic continent. The answer seems to be that ‚”Europe” does not include the Orthodox church, “byzantine” culture or the Balkans.*Ebd., S. 9.
Zudem läuft die Konstruktion eines Anderen nicht nur über religiöse Trennlinien. Im Vorfeld der postjugoslawischen Kriege waren es eher Ideologien, die das Andere konstruiert haben, ungeachtet der geografischen Gegebenheiten:
In this century, an ideological “other”, communism, has replaced the geographical/cultural “other” of the Orient. The symbolic geography of eastern inferiority, however, remains.*Ebd., S. 4.
Auch Milica Bakić-Haydens Nesting Orientalisms, das drei Jahre später erschien und diesen Begriff spezifiziert, ist ein wichtiger Vorgängertext von Todorovas Monografie, wobei zu diesem Zeitpunkt bereits kleinere, publizierte Aufsätze von Todorova vorlagen, die wiederum Bakić-Hayden beeinflussten.*Vgl. z. B. Todorovas 1994 in Slavic Review erschienenen Aufsatz, der bereits wesentliche Elemente der 1997 erschienenen Monografie Imagining the Balkans enthält. Dies.: From discovery to invention, in: Slavic Review 53 (1994), S. 453–482, im Folgenden abgekürzt: Todorova 1994 oder auch dies.: Die Osmanenzeit in der bulgarischen Geschichtsforschung seit der Unabhängigkeit, in: Hans Georg Majer (Hg.): Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, München 1989 (Südosteuropa-Jahrbuch, 19), S. 127–161. Darin beleuchtet Todorova die negative Bewertung der osmanischen Herrschaft in der bulgarischen Geschichtsschreibung. Bakić-Hayden legt in Nesting Orientalisms u. a. dar, dass die jugoslawische Identitätsbildung daran gescheitert sei, dass oft von einer „wirklichen“ präjugoslawischen Identität ausgegangen werde: „The implication ist that the ‚real‘ identity of persons or groups is to be found in the pre-Yugoslav past.“*Milica Bakić-Hayden: Nesting Orientalisms. The Case of Former Yugoslavia, in: Slavic Review 54 (1995), S. 917–931, hier: S. 923, im Folgenden abgekürzt: Bakić-Hayden 1995. Auch impliziere diese Vorstellung, dass es Regionen in dem auseinanderfallenden Jugoslawien gäbe, die durch ihre geografische Lage und ihre Geschichte Europa näherstünde und für die der Balkan und die „echten“ Balkanländer eine Art „Klotz am Bein“ darstellten, die sie an ihrem Fortschritt hindern würden:
This has strengthened popular perception in the north and west of Yugoslavia that there is a southern “Balkan burden”, which has slowed if not prevented entirely the non-Balkan parts of the country from being what they “really are” – European.*Ebd., S. 924., vgl. auch Bakić-Hayden 1992, S. 8.
Die letzte große Monografie, die in diesem Abschnitt Erwähnung finden muss, ist zugleich die umstrittenste. Es handelt sich hier um Samuel P. Huntingtons 1996 erschienenes Buch The Clash of Civilizations oder, zu Deutsch, Der Kampf der Kulturen. Allein der Titel hat sich ähnlich wie Andersons Werk zu einem Schlagwort entwickelt. Kurz zusammengefasst geht es Huntington darum, die Welt in sechs bis sieben Kulturkreise einzuteilen, zwischen denen die Spannungen und Konflikte entstehen.*Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. The clash of civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1997, S. 57–61, im Folgenden abgekürzt: Huntington 1997. Dabei betrachtet er die Religion als wichtigsten Unterscheidungsfaktor zwischen den verschiedenen Völkern.*Vgl. ebd., S. 413 f. Demzufolge ist für ihn gerade das zerfallende Jugoslawien ein Beispiel eines „Bruchlinienkriegs“, in dem verschiedene Völker mit unterschiedlichen Religionen aneinandergeraten.*Vgl. ebd., S. 411 f. Das Buch wurde vielfach und meiner Ansicht nach zu Recht kritisiert, angefangen bei der Frage, was zuerst da war – die Kultur oder andere Kriegsgründe, die sich auf Basis von Kultur und Religion zu legitimieren suchen – bis hin zu einer generellen Kritik dessen, was Huntington unter Kultur versteht. So schreibt der bereits oben im Identitätsteil erwähnte Amartya Sen, der einer der prominentesten Kritiker Huntingtons ist:
Der Einfluß der Kultur auf das Leben und Handeln der Menschen ist unbestritten, aber es müssen doch einige Einschränkungen gemacht werden. Erstens ist die Kultur bei aller Bedeutung nicht die einzige Bestimmungsgröße unseres Lebens und unserer Identitäten. […] Zweitens ist Kultur kein homogenes Attribut – auch innerhalb ein und desselben kulturellen Milieus kann es große Abweichungen geben. […] Drittens steht Kultur nicht still. […] Viertens besteht eine Wechselbeziehung zwischen der Kultur und anderen Determinanten des gesellschaftlichen Wahrnehmens und Handelns.*Sen 2007, S. 123.
Dieser Kritikpunkt ist sicherlich absolut richtig. Allerdings wird meines Erachtens oftmals der genaue Inhalt des Buches zugunsten des kämpferischen Titels vernachlässigt und auch der Hintergrund des Autors und der Entstehungsgeschichte: Huntington war außenpolitischer Berater der USA, das Buch wurde kurz nach dem Ende des Kalten Kriegs und dem Zusammenbruch einer scheinbar bipolaren Weltordnung geschrieben und auf die damalige Praxis ausgelegt.*Was dieser im Übrigen selbst eingesteht. Vgl. Huntington 1997, S. 29.
Hilfreich ist Huntingtons Theorie, wenn man sie produktiv in diese Untersuchung aufnehmen möchte, in zweierlei Hinsicht: Zum einen gibt sie einen guten Eindruck, wie die Konstruktion von kulturellen Dichotomien insbesondere am Beispiel Balkan im politischen Geschehen gewirkt hat. Oder, salopper ausgedrückt: Die postjugoslawischen Kriege wurden wie die meisten Kriege nicht vor dem Hintergrund von Todorovas kritischem Theorieapparat geführt, sondern mit derlei realpolitischem „Wissen“, wie es etwa Huntington proklamiert hat. Sicherlich waren beispielsweise viele Menschen, nicht nur in Deutschland oder in den USA, sondern auch in den betroffenen Gebieten, der Ansicht, dass dies in erster Linie ein Religions- und Kulturkrieg sei. Allerdings ist dies genau die Krux der Argumentationsweise, wie Thomas Meyer schreibt:
Der eigentliche Begründungskern der Kulturkampftheorie besteht ja nicht im Verweis auf die unbestreitbare Tatsache, dass sich überall auf der Welt Konfliktparteien auf kulturelle Gründe berufen, denn das bewiese ja nichts mehr, als dass sie faktisch kulturelle Argumente zu Legitimationszwecken missbrauchen. Vielmehr erhebt sie den Anspruch, dass das Herzstück jeder der Kulturen der Welt aus sozialen und politischen Grundwerten besteht, die prinzipiell eine friedliche Koexistenz zwischen ihnen ausschließen und allein den Zusammenstoß als Kommunikationsform übrig lassen.*Thomas Meyer: Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, Frankfurt a. M. 2002, S. 24 f.
Der zweite produktive Umgang mit Huntington bezieht sich auf sein Weltbild, das dem Todorovas diametral gegenübersteht:*Wobei auch dies angesichts der oben zitierten Stelle in Frage gestellt werden könnte, da sie meines Erachtens durchaus dafür spricht, dass Huntington sein Weltbild zumindest teilweise als ein ebenfalls konstruiertes anerkennt. Er schärft den Blick für Ideale und damit auch Ideologien – seien sie konservativer oder konstruktivistischer Natur.*Dass die Inversion und Ablehnung einer Ideologie auf der einen Seite ein sicheres Zeichen für die gegenläufige Ideologie auf der anderen Seite darstellt, ist ein Phänomen, das Slavoj Žižek beschreibt. Die postjugoslawischen Kriege dienen ihm dabei als Exempel. Vgl. ders.: Introduction. The spectre of ideology, in: ders. (Hg.): Mapping ideology, London 1994, S. 1–33, insbes. S. 4, im Folgenden abgekürzt: Žižek 1994. So bietet er durch seine andere Perspektive die Möglichkeit, auch Maria Todorovas Werk kritisch zu durchleuchten, selbst wenn man ihr in weiten Teilen sicherlich gewillt ist zuzustimmen, währenddessen man Huntingtons vereinfachte Theorien ablehnen mag.
Die Erfindung des Balkans
1997 erschien Maria Todorovas Buch Imagining the Balkans, das in sieben Kapiteln plus einer Einführung und einer Zusammenfassung das Phänomen des Balkanismus aufzuschlüsseln versucht und sich dabei vornehmlich historischer Quellen bedient. Zunächst geht es ihr darum, den Balkanismus vom Orientalismus Saids abzugrenzen: Im Gegensatz zu diesem stellt der Balkan auch rein geographisch einen Teil der westlichen Hemisphäre dar, ist aber das Fremde im Vertrauten. Sie nennt dies „imputed ambiguity“*Todorova 2009, S. 17. im Gegensatz zur Opposition, die zwischen Westen und Orient konstruiert wurde. Diese Ambiguität mache aber den Balkan im Auge des „westlichen“ Betrachters so gefährlich.*Ebd., S. 17. Statt des Islams von Said sei es hier die Orthodoxie, die in der Alteritätskonstruktion von Bedeutung sei.*Ebd., S. 18.
Zunächst versucht Todorova dabei eine begriffsgeschichtliche Analyse des Balkans sowie eine topographische Begrenzung. Im 19. Jahrhundert tauchte der Name „Balkan-Halbinsel“ als geographische Bezeichnung beim Deutschen August Zeune auf und verbreitete sich seitdem.*Todorova 2009, S. 25. Da dieser Ausdruck, wie sich später herausstellte, im Türkischen so etwas wie „bewaldetes Gebirge“ bezeichnete, versuchten deutsche Geographen den Namen für die Halbinsel später zu korrigieren und sie stattdessen Südosteuropa zu nennen.*Ebd., S. 26 ff. Auch heute wird diese Bezeichnung häufig verwendet. Die Umbenennung ist, wie Todorova schreibt, als Versuch zu werten, den emotional aufgeladenen Begriff des Balkans zu ersetzen, allerdings würde dies nur mit mäßigem Erfolg gelingen: Schließlich seien es die Nationalsozialisten gewesen, die sich den Begriff „Wirtschaftsraum Grossdeutschland Südost“ für das Gebiet angeeignet hätten.*Ebd., S. 28. Dieses Beispiel zeigt, wie stark die Begriffe „Balkan“ und „Südosteuropa“ begriffsgeschichtlich aufgeladen sind. Auch der Terminus „Balkanisierung“ stehe für die Zersplitterung einer Gesellschaft, werde aber auch anderweitig pejorativ gebraucht.*Vgl. ebd., S. 32, S. 36. Todorova selbst bezeichnet in Hinblick auf Historie und Geografie folgende Nationen als Teil des Balkans:
Albanians, Bulgarians, Greeks, Romanians, and most of the former Yugoslavs. Slovenes […] are not included, but Croats are, insofar as parts of Croat-populated territories were under Ottoman rule for considerable lengths of time. […] With some qualification, Turks are also considered insofar as they are partly geographically in the Balkans and most prominently shared in the Ottoman legacy and, in fact, dominated the Ottoman experience.*Ebd.,* S. 31.
Die negative Konnotation des Wortes Balkan zeigt sich ebenfalls in der Art und Weise, wie das Wort in den Ländern gebraucht wird, die auf der Balkan-Halbinsel liegen. Häufig bezeichnet es etwas Bedrohliches, das außerhalb des „Eigenen“ liegt – wie etwa an der Verwendung in den früheren jugoslawischen Ländern zu sehen ist.*Vgl. ebd., S. 53. Der Balkan und seine Bewohner sind und bleiben die Fremdgruppe, um wieder in den Termini, die zur Beschreibung der sozialen Identität angewendet werden, zu sprechen, oder, wie Todorova es 1994 nennt, das „dark other“*Todorova 1994, S. 482.. Die Frage, die sich hier stellt, ist die Penka Angelovas: „[W]ohin mit dem Balkan?“*Dies.: Narrative Topoi nationaler Identität. Der Historismus als Erklärungsmuster, in: Eva Reichmann (Hg.): Narrative Konstruktion nationaler Identität, St. Ingbert 2000, S. 83–95, hier: S. 88, im Folgenden abgekürzt: Angelova 2000.. Diese gegenseitige Balkanisierung hat negative Auswirkungen auf das eigene Identitätskonzept: „[…] [P]eople subverted their own identities by orientalizing one another.“*Dušan I. Bjelić: Introduction: Blowing up the bridge, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić: Balkan as metaphor: Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 1–22, hier: S. 4. Dass diese Fremdgruppe gerade in Bezug auf Länder, die selbst in diesem geographischen Gebiet liegen, äußerst undefiniert und diffus ist, liegt auf der Hand.
Ein weiteres Bild, das in diesen Ländern oft bemüht wird, ist das Verstehen des Balkans als „Pufferzone“ zwischen Ost und West:
Yet, with all the ambiguity of the transitional position, the central pathos of all separate Balkan discourses (with the sole exception of the Turkish) is that they are not only indubitably European, but have sacrificed themselves to save Europe from the incursions of Asia […].*Todorova 2009, S. 59. Die Vorstellung sich für Europa „geopfert“ zu haben, findet sich nicht nur in dem heutigen Serbien, sondern auch in Kroatien. Allerdings sind es in dieser Variation des Mythos nicht die Türken, die die Bedrohung darstellten, sondern die Serben und deren byzantinische Tradition selbst. Vgl. Ivan Čolović: Politics of identity in Serbia. Essays in political anthropology, New York 2002, S. 43 f., im Folgenden abgekürzt: Čolović 2002.
Soviel zum Selbstverständnis der Region. Einen weiteren Themenkomplex nehmen Stereotypen der „typischen“ Balkanbewohnerinnen und -bewohner und deren Entstehung ein. In frühen Reisetexten wird die Bevölkerung des Osmanenischen Reiches im Gegensatz zu den angeblich aufgeklärten Christen als blutig und wild wahrgenommen,*Ebd., S. 66. Diese Eigenschaften werden angesichts ihrer zeitlichen Entstehung vor allem dem männlichen Geschlecht zugeschrieben, weswegen hier bewusst auf die weibliche grammatische Form verzichtet wurde. Dass es allerdings auch spezifische weibliche Stereotypen gab und gibt, führt Todorova etwa auf S. 92 an. doch setzt sich ab dem 17. Jahrhundert ein positiveres Bild durch, wenngleich frühe Stereotype durchaus bestehen bleiben.*Vgl. ebd., S. 69. Das Bild des starken, aber grausamen türkischen Herrschers bleibt in England zunächst bestehen, während es in den Reisebeschreibungen sklavische Stereotypen der Griechen gibt und Slawen (insbesondere Bulgaren) als minderwertig angesehen werden.*Vgl. ebd., S. 90 ff., S. 101. Erst mit der romantischen Überhöhung des Volkstümlichen geraten die Türken zunehmend in Verruf und das Slawische wird aufgewertet.*Vgl. Todorova 2009, S. 111. Vgl. auch Todorova 1994, S. 470. Deutlich wird bei Todorova, dass es keine homogenen Stereotypen zu den Menschen auf dem Balkan gibt, sondern dass diese sich nach Ethnien und nach den einzelnen Reisetexten, die als Quelle genommen werden, unterscheiden. Für diese Untersuchung ist ihre Feststellung relevant, dass sich das Bild des Balkans und vor allem das der Serben durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erneut ins Negative wandelt: Sie werden gemeinhin als Sündenböcke für dieses Ereignis antizipiert.*Todorova 2009, S. 120. Auch der Rassismus dehnt sich durch das eurozentrische Denken und die Anthropologie weiter aus; vor allem die ethnische Mischung auf dem Balkan stößt auf Ablehnung.*Ebd., S. 123 f. Der angebliche Pistolenkult des Balkans wird ebenso aufgegriffen wie das harmlosere Vorurteil der Unpünktlichkeit der Südosteuropäer.*Vgl. ebd., S. 127 f. Die Tendenz, alle guten Entwicklungen dem Westen zuzuschreiben, findet sich nicht nur im Orient, wie Said beschreibt,*Vgl. Abschnitt 2.2.2, S. 30 – 37, dieser Arbeit. sondern auch bezüglich des Balkans wird dies laut Todorova gerne gemacht.*Todorova 2009, S. 133. In neuester Zeit kommt dies auch verstärkt durch die implizite und explizite Diskussion um den Terminus „Osteuropa“ zum Ausdruck. Todorova schreibt:
However, the Central European countries are called Central European only when something positive is meant. When not, there is a reversal to the notion of Eastern Europe.*Ebd., S. 157.
Ähnlich wie es als Stigma gilt als „Balkan“ bezeichnet zu werden, gilt es ebenso wenig als erstrebenswert, zu „Osteuropa“ zu gehören. Weitere Dichotomien, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind bzw. eine größere Rolle spielen, sind die von arm und reich*Vgl. ebd., S. 159. und Orthodoxie/Islam – Christentum*Hier ist es tatsächlich weniger der Islam, der als fremd gilt, sondern die Orthodoxie, die als typisch osteuropäisch angesehen wird. Dies wird am Beispiel der Betrachtung von Serbien und Kroatien (in Eigen- und Fremdperspektive) deutlich. Vgl. Todorova 2009, S. 148..
Zuletzt beschäftigt sich Todorova mit dem osmanischen Erbe auf dem Balkan. Dieses wird einerseits zentral zur nationalen Identitätsbildung genutzt, andererseits entfremde man sich von diesem Erbe; Todorova schreibt gar:
The countries defined as Balkan (i. e. the ones that participated in the historical Ottoman sphere) have been moving steadily away from their Ottoman legacy, and with this also from their balkanness, a statement that is devoid of any evaluative argument.*Todorova 2009, S. 183.*
In ihrer Schlussbetrachtung betont Todorova noch einmal Kernpunkte ihrer Theorie in Bezug auf die damals aktuelle Kriegsthematik; diese wird auch im Nachwort zur aktualisierten Neuauflage behandelt.
Weitere Diskussion des Balkanismus-Begriffs
Obwohl das Balkanismus-Konzept Todorovas positiv aufgenommen wurde und später implizite oder explizite Verwendung in nahezu allen Arbeiten fand, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen beschäftigten, gab es auch Kritiker ihrer konstruktivistischen Herangehensweise. Einer davon ist Holm Sundhaussen, der zuletzt an der Freien Universität Berlin lehrte. 1999 veröffentlichte er in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft eine Replik auf Todorovas Monografie, in der er unter anderem die Frage stellte, ob der Balkan nicht doch auf gewissen substantiellen Grundlagen fußen würde.*Vgl. Holm Sundhaussen: Europa balcanica. Der Balkan als historischer Raum Europas, in: Geschichte und Gesellschaft IV (1999), S. 626–653, hier: S. 628, im Folgenden abgekürzt: Sundhaussen 1999. Er versucht den Balkan durch verschiedene historische und gesellschaftliche Parameter zu definieren. Dabei nennt er die Instabilität des Siedlungsverhältnisses,*Ebd., S. 638. den Verlust und die spätere Rezeption des antiken Erbes,*Ebd., S. 640 f. das byzantinisch-orthodoxe Erbe,*Ebd., S. 641 f. die gesellschaftliche und ökonomische Rückständigkeit,*Ebd., S. 648. die Nationalstaatenbildung als Mischung zwischen östlichem und westlichem Denken,*Ebd., S. 649. die auf dem Balkan vorkommenden Mythen*Ebd., S. 650. und den Faktor, dass der Balkan immer ein Interessensobjekt für Großmächte war*Ebd., S. 651.. Maria Todorova antwortet drei Jahre später auf diesen Aufsatz von Sundhaussen in derselben Zeitschrift. Sie schlüsselt dabei den Balkan als Analysekategorie auf, welche vor allem seit den Kriegen vermehrt Anwendung findet.*Vgl. Maria Todorova: Der Balkan als Analysekategorie, in: Geschichte und Gesellschaft III (2002), S. 470–492, hier: S. 473, im Folgenden abgekürzt: Todorova 2002. Häufige, von dem Westen auf den Balkan übertragene Kategorien sind Klasse und Religion,*Ebd., S. 472. aber auch der Raum als historisches Erbe sei eine solche Kategorie: Todorova geht im Gegensatz zu Holm Sundhaussen etwa davon aus, dass auch das Osmanische Erbe zu einem gewissen Teil eine Konstruktion der Vergangenheit sei.*Ebd., S. 477. Im zweiten Teil ihres Aufsatzes kritisiert sie die einzelnen Argumente Sundhaussens. Das Argument der charakteristischen Bevölkerungsverschiebungen auf dem Balkan sei beispielsweise nichtig, da diese im Zweiten Weltkrieg außerhalb des Raumes geschehen seien.*Ebd., S. 481. Auch für die Behauptung Sundhaussens, dass durch die Nationalstaaten prä-osmanische Verhältnisse wiederhergestellt würden, sieht Todorova keine Grundlage.*Ebd., S. 481. Das Mythos-Argument hält sie für schwach, es fördere den Glauben an eine „Balkanmentalität“,*Vgl., ebd. S. 485. die patriarchalen Familienstrukturen, die Sundhaussen nennt, seien räumlich und zeitlich begrenzt gewesen.*Ebd., S. 485.
Auch die ökonomische Rückständigkeit des Balkans sei etwas, dass der Balkan mit anderen Regionen, die nicht im Zentrum des Kapitalismus lägen, gemein habe: dies sei also auch kein Spezifikum für diese Region.*Ebd., S. 486. Todorova greift auch noch einmal den Aspekt auf, dass die Irrationalität des Krieges im Balkan kein einzigartiges Merkmal der Menschen dort, sondern allgemein der Menschheit sei.*Ebd., S. 487 f. Dies ist insofern äußerst bemerkenswert, da Holm Sundhaussen in seinem 2012 erschienenem Werk Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011 betont, dass der Faktor Gewalt kein typisch „balkanischer“ sei, und insofern eine Position vertritt, die Todorovas äußerst ähnlich ist:
Es wäre ungewöhnlich gewesen, hätte sich die Bevölkerung in Jugoslawien anders verhalten, als sie es tat. Überall auf der Welt lassen sich Menschen für Krieg oder Frieden, Diktatur oder Demokratie, Gott oder Teufel begeistern, sobald es gelingt, einen entsprechenden „Mainstream“ zu generieren.*Sundhaussen 2012, S. 516.
Dabei ist Todorova weder daran gelegen, den Balkan als geografischen Raum noch die darüber vorhandenen Stereotype inhaltlich komplett zu negieren,*Vgl. Todorova 2002, S. 480, 488. doch:
Es sind nicht die Inhalte dieser Merkmale, die ich hinterfrage, sondern ihr Status und ihre Funktion als Stereotypen, d. h. die festgelegten und exzessiven Verallgemeinerungen.*Ebd.
Diese überzeugende Replik Todorovas auf die Kritik Sundhaussens sorgte u. a. für die Etablierung der Wissenschaftlerin in den Theorieinstrumentarien derjenigen, die sich für die Region interessierten – auch Holm Sundhaussen verweist in seinem oben genannten Überblickswerk auf sie und Bakić-Hayden.*Vgl. Sundhaussen 2012, S. 397 f. Während in früheren wissenschaftlichen Arbeiten wie der von Christopher Cviic*Vgl. Christopher Cviic: Remaking the Balkans, London 1995. durchaus Stereotype der Region undifferenziert repetiert wurden, ist um die Jahrtausendwende selbst in populärwissenschaftlicher Literatur eine Wende zu beobachten.*Ein Beispiel dafür wäre etwa Karl-Markus Gauß: Das europäische Alphabet, München 2000.
Dabei werden Todorovas ursprüngliche Ideen weitergedacht und differenziert. Dies sieht man besonders deutlich an dem Sammelband Balkan as Metaphor, der 2002 von Dušan I. Bjelić und Obrad Savić herausgegeben wurde. Einige der darin enthaltenen Aufsätze fügen Todorovas Erläuterungen zum Balkanismus eine neue Note hinzu. So schreibt etwa Vesna Goldsworthy über die angebliche Unheimlichkeit*Nicht ohne Grund heißt ein anderer Aufsatz in dem Sammelband Vampires Like us: Gothic Imaginary and „the Serbs“. des Balkans, die westliche Beobachter gerade während der Kriege dort befallen hat:
Western “horror” at what is going on in the Balkan contains, like Gothic horror, a frisson of pleasure that is difficult to own up to – an opportunity to re-enact the imperialist fantasy of drawing frontiers and “sorting the troublesome natives out” without being accused of racism (because all people involved are white), a supply of raw material for the expanding industries of conscience (manifest in a plethora of multinational NGOs and pressure groups), a chance to pass the “tests of history” on what the British Prime Minister Tony Blair described as the “doorstep of Europe,” or – for a few – simply a possibility to experience war at close quarters.*Vesna Goldsworthy: Invention and in(ter)vention. The rhetoric of Balkanization, in: Dušan I. Bjelić/ Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 25–38, hier: S. 29, im Folgenden abgekürzt: Goldsworthy 2002.
Sie spielt darin zum einen auf einen bestimmten Kriegsvoyeurismus an, zum anderen auf die Auslebung von „Euro-Patriotismus“ oder gar, im extremsten Fall, auf die Auslebung von Gewaltfantasien.*Tom Holert und Mark Terkessidis weisen darauf hin, dass vor allem am Anfang schon vor dem Krieg straffällig gewordene Kriminelle die Kämpfe anführten. Vgl. Dies.: Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert, Köln 2002, S. 208 f., im Folgenden abgekürzt: Holert/Terkessidis 2002. In dieser Hinwendung zum Krieg und zu den Grausamkeiten des Balkans findet eine gewisse Katharsis statt. Der Balkan hört dabei auf, als existierende geografische Region zu wirken und fängt an Metapher für diese Projektionen zu sein.*Vgl. Goldsworthy 2002, S. 39.
Milica Bakić-Hayden thematisiert in dem gleichen Sammelband die Frage, was das Byzantinische am Balkan sei und lehnt Erklärungsversuche für den Konflikt, die sich aus der Orthodoxie herleiten, ab. Ihrer Meinung nach hätten viele westliche Journalisten zu wenig Ahnung von der Orthodoxie; so sei die orthodoxe Kirche im Grunde mit dem Nationalismus inkompatibel.*Vgl. Milica Bakić-Hayden: What‘s so Byzantine about the Balkans?, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 61–78, hier: S. 73, S. 69. Auch sei die orthodoxe Kirche auf demokratische Strukturen gebaut, die beispielsweise der eher monarchisch anmutenden katholischen Kirche fehlten.*Vgl. ebd., S. 64.
Rastko Močnik wiederum führt auf, dass der Balkanismus nicht dazu diene, diese Länder von Europa zu entfernen, vielmehr diene er der Systemintegration; dabei würden die Balkanländer im internationalen Vergleich immer untergeordnet werden.*Rastko Močnik: The Balkans as an element in ideological mechanisms, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 79–113, hier: S. 89, im Folgenden abgekürzt: Močnik 2002. Der Balkan bilde, in Anknüpfung an die Thesen Todorovas, die Möglichkeit einer zweiten Lesart Europas:
[…] [T]he Balkans would be the myth of Europe read twice: first recto, as a myth of progress and modernization, then verso, as the myth of “non-European” backwardness and the like.*Ebd., S. 96.
Das Nicht-Europäische von Ländern, die dem Balkan zugeordnet werden, wird wiederum teilweise im Sinne einer negativen Identifikation*Vgl. Zeltner 2011, Kapitel 2.2.1 und 4.2.2. genutzt, um sich von dem „moralisch verdorbenen“ restlichen Teils Europas abzugrenzen. Gleichzeitig wohnt diesem Narrativum laut Ivan Čolović die Krux inne, dass insbesondere in serbischen Diskursen immer wieder die Idee von Serbien als Geburtsstätte und Retter Europas aufkomme.*Čolović 2002, S. 39 ff. Allerdings ist diese Idee laut Čolović keine originär serbische, sondern findet sich in den Debatten mehrerer Länder in unterschiedlichsten politischen Dekaden und Epochen.*Vgl. ebd., S. 47.
Im Zuge der weitergeführten Balkanismus-Debatte zeigt sich gerade in der politischen Literatur, wie wichtig es ist, die Nationenbildung und die damit verbundenen Identitätskonstruktionen kritisch zu hinterfragen. So bemerkt bereits Thanos Veremis 1994, dass das innereuropäische Problem zum Teil in den Balkanstaaten ausgetragen wird, da diese in die Interessensgebiete verschiedener europäischer Länder gesplittet sind.*Thanos Veremis: The Balkans in search of multilateralism, in: Eurobalkans 1994 (17), S. 4–9, hier: S. 8 f., im Folgenden abgekürzt: Veremis 1994. Das Heil werde dabei oft in westlichen Adaptationen gesucht.*Ebd., S. 9. Emilija Mančić führt die Art sich am Vorbild Mitteleuropas zu orientieren, gar bis auf die Zeit der Romantik zurück, als in Ländern wie Deutschland die Suche nach nationaler Identität einen ersten Höhepunkt fand.*Vgl. Mančić 2012, S. 58. Den Anschluss an Europa bezeichnet sie als „Ausweg aus dem Identitätskomplex“*Ebd., S. 161. Der Begriff „Europa“ fällt bei dieser Entwicklung m. E. selbst in der Forschungsliteratur immer mehr mit dem Begriff „Mitteleuropa“ im Allgemeinen und der EU im Besonderen zusammen.. In eine ähnliche Kerbe schlägt Penka Angelova, zum einen, wenn sie den Begriff „Europa der Regionen“ mit den Ereignissen auf dem Balkan in Verbindung bringt,*Vgl. Angelova 2000, S. 87 f. zum anderen, wenn sie schreibt, dass „[d]ie nationalistische Gefahr […] sich vom deutschsprachigen auf den slawischen Raum erweitert [hat] und die narrativen Strategien vom 19. Jahrhundert fortgesetzt [werden]“*Ebd., S. 92.. Auch Beobachter, die die Stimmungen vor Ort untersuchen, bemerken dieses Paradoxon – einerseits der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem wie auch immer gearteten „Europa“, das mit der EU oftmals gleichgesetzt wird, und andererseits das Bedürfnis, alte Nationalmythen nicht aufzugeben.*Vgl. Michael Ehrke: Serbien: Zwischen Kosovo und der EU und ders. Regierungsbildung in Serbien: Zurück in die 90er Jahre?, Friedrich-Ebert-Stiftung 2012, http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/08918.pdf bzw. http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/09298.pdf (Stand: 08.12.2015). Der erstarkende Nationalismus und Rassismus in den früheren postjugoslawischen Ländern wird nun kritischer beäugt.*Vgl. Vedra Obučina: Right-Wing extremism in Croatia, Friedrich-Ebert-Stiftung 2012, http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/09346.pdf (Stand:27.02.2015) Holm Sundhaussen schreibt etwa über die nationale Identitätsbildung Serbiens, dass diese durch eine doppelte Bedrohung manifestiert werde: Einerseits werde, wie oben bereits angesprochen, der Westen als „verroht“ wahrgenommen, andererseits der orientalische Osten als primitiv.*Sundhaussen 2012, S. 399. So kommt er zu dem Schluss, dass es „nicht nur westliche Balkan-, sondern auch balkanische Westbilder“*Ebd., S. 398. gibt, die virulent werden.
Zentrale Gattungen des Balkanismus: Reisebericht und Reportage
While travel literature was a fashionable genre throughout eighteenth and nineteenth centuries Europe, there is no doubt that travelers’ accounts were the preferred reading after novels in Britain. […] Obviously, geographical discovery was going hand in hand with a simultaneous invention of the region and the two processes are, in fact, inseparable.*Todorova 1994, S. 460.
Sowohl an Todorovas als auch an Saids Arbeit zeigt sich, dass es insbesondere frühe Reiseberichte und Reportagen sind, die für die Untersuchung von Balkanismus und – in Saids Fall – von Orientalismus geeignet sind. Sie geben am ehesten Aufschluss über die images mentales*Alexandru Dutu: Die Imagologie und die Entdeckung der Alterität, in: Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Festschrift für Hein Ischreyt zum 65. Geburtstag, Berlin 1982 (Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, 9), S. 257–262, hier: S. 258, im Folgenden abgekürzt: Dutu 1982., die über diese Region in Fremddarstellungen herrschen. Frühe Darstellungen sind dabei häufig durch Eurozentrismus und ein kolonialistisches Überlegenheitsgefühl geprägt. Im späten 18. und im 19. Jahrhundert kommen die Romantik und die Entdeckung des Volkstümlichen hinzu. Nichtsdestotrotz ist es gerade im literarischen Reisebericht der Autor selbst, der in seiner Identitätssuche eigentlich im Vordergrund steht, wie Alexandru Dutu schreibt:
Das Bild des anderen inspiriert den Exotismus, d. h. die Projektion der Absichten und der persönlichen Suche des Autors in einen erdachten Raum ist stärker als das Verlangen, den anderen kennenzulernen.*Ebd., S. 259.
Ein weiterer Richtwert ist das Publikum; der Blick auf die, die zurückgeblieben sind und die Reisebeschreibungen verfolgen werden. Folglich nennt Alfred Opitz den Ort/die Orte der Reise, den Reisenden und dessen Publikum als die drei Referenzbereiche der Reiseliteratur.*Alfred Opitz: Reiseschreiber. Variationen einer literarischen Figur der Moderne vom 18.–20. Jahrhundert, Trier 1997, S. 72, im Folgenden abgekürzt: Opitz 1997. Dass der Beschreibende ein wichtiger Faktor in der ethnologischen Betrachtung ist, hat Clifford Geertz bereits in der 80er Jahren herausgearbeitet. Vgl. ders.: Dichte Beschreibung, Frankfurt a. M. 1987 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 696), S. 29 f. Sind dies allerdings nur Elemente der literarischen Reisebeschreibungen oder trifft dies so auch auf das journalistische Pendant der (Reise-)Reportagen zu?
Zunächst soll hier der literarische Reisebericht definiert werden. Grund dafür ist, wie Michael Haller in seinem Standardwerk schreibt, die Tatsache, dass er einen der beiden Vorläufer der heutigen journalistischen Reportage darstellt.*Vgl. Michael Haller: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten, 2., überarbeitete Auflage, München 1990, S. 18–26 (Kapitel: Die literarische Tradition: Der Reisebericht), im Folgenden abgekürzt: Haller 1990. Auch Günter Bentele spricht in seinem Beitrag im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft davon, dass „die vorgeblich tatsachenorientierte Reiseliteratur des 18. Und 19. Jhs. […] als Vorläufer der modernen Reportage angesehen“ wird. Ders.: Reportage, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band III, P–Z, Berlin/New York 2003, S. 266–268, hier: S. 267, im Folgenden abgekürzt: Bentele 2003.[6] Der zweite Vorläufer wäre nach Haller der Augenzeugenbericht.*Vgl. ebd., S. 27–31 (Kapitel: Die journalistische Tradition: Der Augenzeugenbericht). Insofern soll an dieser Stelle die chronologische Reihenfolge der Entstehung berücksichtigt werden.
Eine häufig zitierte Studie ist Barbara Kortes Arbeit zum englischen Reisebericht aus dem Jahr 1996. In ihm beschreibt sie den gemeinsamen Nenner von Reiseberichten folgendermaßen:
Sie schildern eine Reise in ihrem Verlauf und stellen somit Erzähltexte dar. Dabei erhebt der Text den Anspruch und wird in diesem Sinn gelesen, daß die Reise tatsächlich stattgefunden hat und durch den Reisenden – oder die Reisende – selbst geschildert wird. Innerhalb dieses Bestimmungsrahmens realisiert sich eine große Vielfalt von Texten, die eine ebenso große Vielfalt von Reiseformen zum Gegenstand haben.*Barbara Korte: Der englische Reisebericht. Von der Pilgerfahrt zur Postmoderne, Darmstadt 1996, S. 1, im Folgenden abgekürzt: Korte 1996.
Formelle und inhaltliche Vielfalt gehören also selbstverständlicherweise zur Gattung. Ein besonderes Augenmerk richten Korte wie auch andere*Vgl. Peter J. Brenner: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstufe zu einer Gattungsstudie, Tübingen 1990 (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur, 2. Sonderheft), S. 575, Chris Rojek: Ways of escape. Modern transformation in leisure and travel, Lanham (Maryland, USA) 1994, S. 177, im Folgenden abgekürzt: Rojek 1994. auf den postmodernen, spielerischen Umgang mit dem Erlebten in den letzten Jahrzehnten. Die Tatsache, dass aufgrund des erstarkenden Massentourismus kein echtes und authentisches Erleben mehr möglich ist, befördert diese Vorgehensweise.*Dies ist ein Topos der Reiseliteratur, der laut Anne Fuchs spätestens seit Lévy-Strauss´Die traurigen Tropen vorherrscht. Vgl. dies.: Reiseliteratur, in: Dieter Lamping (Hg.): Handbuch der literarischen Gattungen, Stuttgart 2009, S. 593–600, im Folgenden abgekürzt: Fuchs 2009. Vgl. auch Claude Lévy-Strauss: Traurige Tropen, 9. Auflage, Frankfurt a. M. 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 240). Für Korte sind daher Reiseberichte „stets kreative Re-Konstruktionen von Reiseerfahrung“*Korte 1996, S. 202..
Die Kehrseite dieser postmodernen Verfahrensweise sieht Ulla Biernat allerdings ebenfalls: Die Kritik am Massentourismus und die Sehnsucht nach authentischer Erfahrung finde sich genauso in modernen Reiseberichten.*Vgl. Ulla Biernat: „Ich bin nicht der erste Fremde hier“. Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945, Würzburg 2004 (Epistemata: Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, 500), S. 10 f, S. 13, im Folgenden abgekürzt: Biernat 2004. Diese Sehnsucht, Orte des Realen aufzusuchen, äußert sich auch im Falle des so genannten „Dark Tourism“, der an Schauplätzen von Tod, Katastrophen und Grausamkeit interessiert ist.*John Lennon/Malcolm Foley: Dark tourism, London/New York 2000, S. 3, im Folgenden abgekürzt: Lennon/Foley 2000. Diese Art des Tourismus ist laut John Lennon und Malcolm Foley ebenfalls ein Phänomen der Postmoderne, das von massenmedialen Strukturen gekennzeichnet ist und die Errungenschaften der Moderne in Zweifel zieht.*Ebd., S. 11.
Einen wichtigen Forschungsbeitrag leistet Biernat für die Differenz zwischen fact und fiction in den Reiseberichten. So könnte man zu der Definition von Korte folgende Zeilen hinzufügen:
Reiseberichte sind fiktionale Texte, die auf der interpretatorischen Trennung von Autor, erzählendem und erlebendem Ich basieren. Fiktionalität bzw. fiktional meint also die Darstellungsweise der Reiseerfahrungen, während die Begriffe „Fiktivität“ bzw. „fiktiv“ ein „Prädikat von Gegenständen“ ist, die nicht existieren. Wendet man diese Unterscheidung […] an, so kann man Reiseberichte als Texte bezeichnen, die nicht-fiktive Reisen mit fiktionalen Mitteln (die historisch und kulturell variabel sind) darstellen.*Biernat, S. 22. Die Bezeichnung „Prädikat von Gegenständen“ geht laut Biernat auf Gottfried Gabriel zurück. Vgl. Gottfried Gabriel: Zwischen Logik und Literatur. Erkenntnisformen von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft, Stuttgart 1991, S. 136.
Insgesamt kann man also sagen, dass literarische Reiseberichte mit fiktionalen Mitteln die äußere Form eines Erzähltextes wahren. Der inhaltliche Anspruch ist dabei gleichwohl, dass die Reise von dem Autor oder der Autorin selbst unternommen worden ist und die darin beschriebenen Gegenstände, Erlebnisse und Personen tatsächlich existieren. Dabei spielt die Rekonstruktion einer Reise, also die ästhetische Aufbereitung im Nachhinein, in den meisten Fällen eine wesentlich größere Rolle als bei journalistischen Reportagen*Die Reportage wiederum ist laut Bentele „ein journalistisches Genre, das zusammen mit der Nachricht und dem Bericht dem Typ der informierenden, wirklichkeitsbezogenen Textsorte angehört und durch den beglaubigenden Augenschein des Reporters von interpretierenden, vor allem bewertenden Text-sorten (Glosse) abgegrenzt wird“ (Bentele 2003, S. 266). Allerdings betont er an derselben Stelle auch: „Da Reportagen auch narrative Elemente enthalten können, wird ihnen nicht selten literarischer Wer zugesprochen.“ Damit unterscheide die Reportage sich insofern vom Bericht, da dieser im Allgemeinen eine „längere, sachliche Beschreibung eines Geschehens ohne journalistische Bewertung“ bezeichne, in dessen Mittelpunkt eine Nachricht stünde (Bentele 2003, S. 267).. Dies bedingt eine – in einzelnen Fällen – starke Verzerrung der Wirklichkeit. Ein gutes Beispiel ist hierfür Peter Handke, der in zwei seiner Jugoslawientexte auf diese zeitliche Differenz zwischen Erleben und Beschreiben verweist: Unter Tränen fragend erhält die Spezifikation der Nachträgliche[n] Aufzeichnungen im Untertitel, Abschied des Träumers vom Neunten Land erhält mit dem Zusatz Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien den Anstrich eines Requiems, das sich auf ein ganzes Land bezieht.*Peter Handke: Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999, Frankfurt a. M. 2000, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: UTF sowie ders.: Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien, Frankfurt a. M. 1991, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: AT.
Durch die Vielfalt der Gattung lässt sich die Verzerrung der Wirklichkeit durch den zeitlichen Abstand zwischen Erlebnis und Beschreibung jedoch kaum als Merkmal des literarischen Reiseberichts pauschalisieren – ähnlich, wie es falsch wäre, bei der journalistischen Reportage notwendigerweise von einer weniger starken ästhetischen Verzerrung, die mit Mitteln des narrativen Stils entstanden ist, auszugehen. Dies belegt folgendes Beispiel:
Zitternd tappte ich umher. Aus freien Stücken hatte ich diese schreckliche Stunde vor Sonnenaufgang gewählt, um das Kloster von Pec in „Altserbien“ zu besuchen. Hier bereitet spirituelle Schulung große Mühen, die von der orthodoxen Kirche des Ostens belohnt werden mit einer Offenbarung der Hölle und der Erlösung, welche gleichermaßen physischer Natur sind. Wer als Eindringling aus dem Westen nicht mit seinem ganzen Wesen zu fühlen bereit ist, kann nicht auf Verstehen hoffen.*Kaplan 1993, S. 13.
Romananfang oder Reportage? Der Anfang von Robert D. Kaplans Die Geister des Balkan illustriert nicht nur in bemerkenswerter Weise den Balkanismus, der diese wie andere journalistische Reportagen prägt.*Weitere Beispiele für diese Art des Journalismus sind etwa: Olaf Ihlau/Walter Mayr: Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas, Bonn 2009 sowie aus dem amerikanischen Raum Misha Glenny: The Fall of Yugoslavia. The Third Balkan War, New York 1993. Er zeigt auch „die janusköpfige Tradition“*Haller 1990, S. 67. der Reportage, von der Michael Haller spricht: Das Oszillieren zwischen dem journalistischen Augenzeugenbericht und dem literarischen Reisebericht. Die Kriterien, die die journalistische Reportage gegenüber dem literarischen Augenzeugenbericht dennoch auszeichnen, sind laut ihm:
Dokumentation (= Recherche), Authentizität (= Augenschein), Glaubwürdigkeit (= Überprüfbarkeit des Faktischen), Unmittelbarkeit (= sinnliche, konkrete Beobachtung) und Redlichkeit (= das Thema wichtiger nehmen als sich selbst).*Ebd., S. 26.
Vergleicht man dies mit den Definitionen von Biernat und Korte bezüglich des literarischen Reiseberichts, sollten einige Unterschiede festgestellt werden:
Der literarische Reisebericht ist ein Zweig der Tradition der Reportage und somit nur eines ihrer Standbeine. Umgekehrt heißt dies für den literarischen Reisebericht auch, dass er wiederum nicht auf dem Augenzeugenbericht fußt. Dass er sich mit diesem Anspruch gleichwohl im Laufe der Jahrzehnte und -hunderte auseinandersetzte, darf hierbei dennoch nicht unerwähnt bleiben. Ein Beispiel dafür bieten die untersuchten Bücher im dritten und vierten Teil dieser Arbeit.
Während im literarischen Reisebericht meist die Parameter Umwelt – Schreibender – Lesender zu ähnlich großen Teilen einbezogen werden, sollte in der Reportage idealerweise der Schreibende zugunsten der zwei anderen Parameter zurücktreten.
Das Kriterium der Unmittelbarkeit verbietet eine zu starke zeitliche Distanz der Reportage sowie eine allzu große Nachbearbeitung und Verfremdung des Erlebten mit ästhetischen Mitteln. Der Inhalt bestimmt die Form.
Gleiches gilt für die Kriterien Dokumentation, Authentizität und Glaubwürdigkeit, die graduell höher bewertet werden als im literarischen Reisebericht.
Gleichwohl stellt auch Haller fest, dass mittlerweile „der Übergang von der literarischen zur rein journalistischen Reportage […] durchaus fließend“*Ebd. sei, wie an dem oben zitierten Beispiel unschwer zu erkennen ist. Deshalb nennt Haller Reportagen im Stile Kaplans oder Glennys Faction – sie seien oft gerade bei Front- und Kriegsreportern festzustellen und auf die Vermarktungsstrategien der Redaktionen zurückzuführen, die immer auf der Suche nach einer griffigen Story seien.*Ebd., S. 55. Krieg als Verkaufsargument – also eine Art War sells in Anlehnung an das häufig proklamierte Sex sells ist ein Vorwurf, der immer wieder geäußert wird und der von Seiten der Reporter nicht unwidersprochen bleibt.*Vgl. hierzu beispielsweise Rainer Leschke: Krieg als schöne Medienübung, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 339–356, hier: S. 340 sowie ein Interview mit dem Kriegsfotografen Christoph Bangert, der einen solchen Vorwurf abstreitet: „Manchmal denken die Menschen, ich würde viel Geld mit Bildern verdienen, auf denen Blut fließt. Es ist genau umgekehrt. […] Die Nachfrage ist gleich Null, niemand will diese Fotos haben.“ Stattdessen sei falscher Pietismus eine Ausrede, um sich mit den Grausamkeiten des Krieges nicht auseinandersetzen zu müssen. Frauke Fentloh: „Niemand will diese Fotos sehen“, ZEIT online vom 01.07.2014, abrufbar unter: http://www.zeit.de/kultur/2014-06/christoph-bangert-war-porn-interview (Stand: 23.12.2016). Wenn dies allerdings der Fall ist, würde auch das Kriterium der größtmög-lichen Objektivität des Reporters verletzt werden – er suche stattdessen durchaus eine Art „Selbstverwirklichung“*Holert/Terkessidis 2002, S. 189. durch das Erlebte. Tom Holert und Mark Terkessidis bezeichnen dies als die
Subjektivität des Neoliberalismus. Die Wirklichkeit dieses Individuums ist nicht mehr durch ein regelmäßiges Alltagsleben definiert, sondern durch eine Abfolge von Ernstfällen, auf die kompetent reagiert werden muss.*Ebd., S. 184.
Insofern gäbe es gerade in der jüngeren Kriegsreportergeneration einen „Kult der Nähe“, der einhergehe mit dem „Kult der Augenzeugenschaft und Evidenz“*Müller-Funk 2008, S. 251. – ungeachtet dessen, dass die Augenzeugenschaft zugleich eine gewisse Untätigkeit impliziert.*Ebd., S. 184 f. Im Zuge dieses Kults der Nähe käme es gerade in den postjugoslawischen Kriegen zu einer Individualisierung des Krieges – durch Slobodan Milošević gäbe es einen „negative[n] Star des Krieges – der ‚strange attractor‘“*Ebd., S. 196 f..
Dass Haller der Entwicklung zur Faction kritisch gegenübersteht, die u. a. auch die Augenzeugenschaft heroisiert, ist unschwer erkennbar. Dennoch ist diese Faction genau die Art von Reportage, die die Medienberichterstattung in den postjugoslawischen Kriegen maßgeblich prägte und sich nicht scheute, auf alte Stereotypen und Vorurteile zurückzugreifen, um klare Fronten zu schaffen.*Vgl. zum Thema der zunehmenden Kommerzialisierung der Medien, die zu einer Zunahme von der Benutzung von Stereotypen führen kann, den Beitrag von Christian Steininger in der Aufsatzsammlung von Elisabeth Klaus u. a. Christian Steininger: Identität und mediale Selbstentöffentlichung, in: Elisabeth Klaus u. a. (Hg.): Identität und Inklusion im europäischen Sozialraum, Wiesbaden 2010, S. 27–45. Die Benutzung von Stereotypen ist wie bereits oben erwähnt etwas, das nicht nur außerhalb des Balkans in der diese Region betreffenden Berichterstattung beobachtet werden kann, sondern bis heute besorgniserregend häufig in den Ländern selbst registriert wird. Vgl. hierzu beispielsweise Nataša Tešanović (Hg.): Balkan Media Barometer. The first home grown analysis of the media landscape in Bosnia and Hercegovina, Sarajevo 2011. Die daraus resultierende Macht der Journalisten ist u. a. Thema der Frankfurter Hefte im März 2014 gewesen. Vgl. hierzu insbesondere den Beitrag von Thomas Meyer: Die Unschlagbaren. Regieren unsere politischen Journalisten mit? In: Frankfurter Hefte (3) 2014: Medien machen Politik, S. 18–22. Es ist ein Kontext, den man sich immer wieder vor Augen halten muss, wenn man die literarischen Texte liest, die in dieser Untersuchung Eingang gefunden haben. Obwohl nur die wenigsten davon als Reiseberichte einzuordnen sind, ist es dennoch diese Gattung, die maßgeblich prägend wirkte. Die frühesten Zeugnisse, u. a. Handkes Serbienbücher, sind als literarische Reiseberichte konzipiert und selbst in den Romanen sind Reporterinnen und Reporter oft die Hauptfiguren. Zugleich ist diese Aufnahme des Journalistischen in die Literatur der Rivalität der beiden Berufsstände geschuldet, welche häufig eher überbetont wird, doch im Literaturstreit um Peter Handke einen konkreten Ausdruck findet. Ob dies ein individueller Fall ist, sei an dieser Stelle dahingestellt, doch die Rivalität zwischen Literatur und Medien ist auch in den wissenschaftlichen Begleittexten zu spüren. Für einen produktiveren und integrativeren Umgang von Literatur und Medien plädiert Hubert Winkels in dem Artikel Die Haut zu Markte tragen.*Vgl. Hubert Winkels: Die Haut zu Markte tragen. Schriftsteller zwischen literarischer Öffentlichkeit und medialer Inszenierung, in: Volltext 3 (2005), S. 23–25. In einigen Fällen, vor allem in der jüngeren Generation, mag dies gut gelingen, in Peter Handkes Fall scheint es eher schwierig, diese Opposition auszuschalten. Dass allerdings auch Handke weiß, wie er sich publikumswirksam über die Medien inszenieren kann, ist offensichtlich.
Balkanismus als Narrativ
In Albrecht Koschorkes kürzlich erschienener Monografie wird vom Menschenbild des „homo narrans“*Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt a. M. 2012, S. 9, im Folgenden abgekürzt: Koschorke 2012. ausgegangen. Er bezieht sich dabei auf Walter Fisher, der zu diesem Begriff in seinem Vorwort schreibt:
[A]ll forms of human communication need to be seen fundamentally as stories – symbolic interpretations of the world occurring in time and shaped by history, culture and character […].*Walter Fisher: Human communication as narration. Toward a philosophy of reason, action and narration, Columbia (South Carolina) 1987, S. xi, im Folgenden abgekürzt: Fisher 1987.
Die Annahme Koschorkes bedingt den „narrative turn“ in den Geschichts- und Sozialwissenschaften, der den Begriff der Narration nicht nur mehr auf die Literaturwissenschaft beschränkt.*Vgl. Koschorke 2012, S. 19. Vgl dazu auch die schwedische Organisationsforscherin Barbara Czarniawska, die die Anwendung des „literary turns“, wie sie ihn nennt, seit Jahren in ihrem Forschungsbereich betreibt und mehrere Bücher dazu publiziert hat. Vgl. etwa dies.: Writing management: Organization theory as a literary genre, New York 1999, S. 14. Vgl. auch Čolović 2002, der Narrativitätstheorien auf die Identitätspolitik Serbiens appliziert. Dies bedeutet im Klartext: Narration ist überall. Sie wird nicht nur im Nacherzählen einer angenommenen Wirklichkeit virulent, sondern verändert und bildet gleichsam diese durch die Narration: Koschorke nennt dies „epistomologische[…] Rückkopplung“*Koschorke 2012, S. 22.. Diese epistemologische Rückkopplung lässt sich gut an der Entstehung von Feindbildern im Allgemeinen und Kriegsnarrativen im Besonderen illustrieren. Das haben auch die Organisatoren der im Februar 2014 stattgefundenen Kulturtage im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ erkannt. Unter dem Motto „Krieg erzählen“ war es Albrecht Koschorke, der zusammen mit der schwedisch-kroatischen Autorin Slavenka Drakulić*Drakulićs Bücher, insbesondere The Balkan Express, das 1993 in den USA erschien, erhielten nicht nur in Schweden sehr viel Aufmerksamkeit und prägten sicherlich eine subjektive, von der eigenen Biografie geprägten Herangehensweise bei der Darstellung der postjugoslawischen Kriege in schwedischsprachiger Literatur. Da die Originalausgabe allerdings auf Englisch vorliegt, wurde darauf verzichtet, die in Schweden ansässige Autorin in dieser Arbeit näher zu analysieren. Ein interessantes Detail ist die Tatsache, dass Drakulić mit Richard Swartz, einem schwedischen Journalisten verheiratet ist, der viel zu den Kriegen publizierte. Vgl. Slavenka Drakulić: The Balkan express. Fragments from the other side of war. New York/London 1993, im Folgenden abgekürzt: Drakulić 1993. und dem amerikanischen Autor und Journalisten Peter Maas eine der Einführungsdiskussionen der Tage bestritt. In seinem Werk finden sich zwei Konfliktmodelle, die die Narrative von Kriegen prägen: Das eine geht dabei eher auf Huntingtons Darstellung zurück, das andere auf Amartya Sens Gegendarstellung.*Koschorke 2012, S. 242 f. Die Grundlage dazu bildet Koschorkes Definition des „Narrativs“ als „erzählerische Generalisierung[…]“*Koschorke 2012, S. 30. Bei dieser Definition ist auffällig, inwieweit sie von der Definition der Narration in anderen Wissenschaften, etwa den Sozialwissenschaften, abweicht. Vgl. Frank Kleemann/Uwe Krähnke/Ingo Matuschek: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung in die Praxis des Interpretierens, 2. Korrigierte und aktualisierte Auflage, Wiesbaden 2013, S. 64 ff., im Folgenden abgekürzt: Kleemann u. a. 2013. Es ist an dieser Stelle zu fragen, inwieweit der „narrative turn“ in den jeweiligen Wissenschaften als ein ein homogenes Phänomen betrachtet werden kann, da die Definition von Narration zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften offenbar differiert. im Unterschied zu den „Storys“, die individueller zu verstehen sind. Die Narrative sind also zugrunde liegende Muster*Koschorke 2012, S. 31., die auf der Wahrnehmungsebene zur Einordnung und Kategorisierung dienen. Man könnte auch sagen, dass Stereotype nichts anderes als bestimmte, verfestigte Narrative sind. Diese Narrative können, wie oben bereits erwähnt, in die Realität so weit eindringen, dass sie in ihr Konsequenzen verlangen – im schlimmsten Fall einen Krieg. Fast nicht erwähnt werden muss, dass Koschorke bei diesen Feststellungen davon ausgeht, dass Ereignisse an sich nicht existieren, sondern immer durch eine Narration geschaffen und verfestigt werden.*Vgl. ebd., S. 62. Dies trifft im Besonderen im Fall der Nationenbildung zu, wie oben erläutert.
Man kann an Koschorke selbstverständlich die poststrukturalistische Herangehensweise kritisieren, die der Methodenstrenge, etwa eines Karl Poppers, zuwiderläuft. Zugleich muss man erwähnen, dass selbst diejenigen Forschenden, die Popper nach wie vor methodisch verbunden sind, seine Unschärfe bei dem für ihn wichtigen Kriterium der Wahrheitssuche als Ziel der Wissenschaft kritisieren.*Vgl. Volker Gadenne: Bewährung, in: Herbert Keuth (Hg.): Karl Popper, Logik der Forschung, Berlin 1998 (Klassiker Auslegen, 12), S. 125–144, hier: S. 138). Die polemische Gegenreaktion „wider des Methodenzwangs“*So der Titel einer Kritik von Paul Feyerabend. Vgl. ders.: Wider dem Methodenzwang, Frankfurt a. M. 1986 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 597). ließ daher nicht lange auf sich warten. Heute gilt der Streit zumindest in den Sozialwissenschaften als beigelegt – das Paradigma der „mixed methods“ wird hierbei von einigen Forschenden präferiert.*Diesen Hinweis verdanke ich Irena Pavlovic. Es erscheint mir sinnvoll mit den Theoriegebäude Koschorkes ähnlich zu verfahren. Der „epistemolo-gische Rückkopplungseffekt“ schließt im Grunde an die Erkenntnis an, dass „die für sich genommen ‚sinnlose Unendlichkeit des Weltgeschehens‘ […] sich unserer menschlichen Erfahrung nur durch die Deutungsprozesse und Bedeutungszuweisungen [erschließt], durch die wir das Chaos der sinnlichen Empfindungen und physikalisch-materiellen Vorgänge ordnen“*Reiner Keller: Das Interpretative Paradigma. Eine Einführung, Wiesbaden 2012, S. 1 f., im Folgenden abgekürzt: Keller 2012.. Die Geisteswissenschaften zeichneten sich gerade im Gegensatz zu den Naturwissenschaften durch das Deuten von Gegenständen, die sich selbst deuteten aus,*Keller 2012, S. 2. Vgl. dazu auch Wilhelm Dilthey: Die Entstehung der Hermeneutik, in: Jörg Strübing/ Bernt Schnettler (Hg.): Methodologie interpretativer Sozialforschung. Klassische Grundlagentexte, Konstanz 2004, S. 19–42, hier: S. 21. worauf Korschorke letztlich anspielt. Diese grundlegenden wissenschaftstheoretischen Überlegungen scheinen mir insbesondere deshalb wichtig zu sein, da sich gerade im Untersuchungsgegenstand der Kriege zeigt, dass es von äußerster Bedeutung ist, dass die Gründe für Konflikte nicht a priori existieren, sondern durch sich gegenseitig beeinflussende Narrationen – oder wie es die Sozialwissenschaft nennt – „Deutungsprozesse“ geschaffen werden. Immerhin sterben durch diese Art der Weltdeutung Menschen und sie manifestieren sich damit sehr real in unserer messbaren Wirklichkeit.
Bei Konflikten werden im Allgemeinen Differenzen gesucht, oft begründet im historischen Geschehen, und eine künstliche „Andersmachung“ betrieben.*Ebd., S. 236, 241. In Koschorkes Konfliktmodell ist es dementsprechend so, dass sich zwei Narrative gegenüberstehen: zum einen ein an Huntington angelehntes Narrativ, das davon ausgeht, dass es kollektive Identitäten gibt, die historisch begründet sind und generell Differenzen zu anderen kollektiven Identitäten aufweisen.*Vgl. ebd. S. 242 ff. Das gilt auch für die folgenden Bemerkungen zu Koschorkes Konfliktmodell. Daraus entsteht schließlich der Konflikt. Dieses Modell ist einerseits sehr ontologisch, während das andere Modell konstruktivistisch argumentiert, dabei aber gleichzeitig auch eine Art Narrativum bildet. Dieses Narrativ beinhaltet wiederum die Vorstellung, dass sich eine Gesellschaft schwerlich mit einer kulturellen oder kollektiven Identität beschreiben lässt, sondern aus vielerlei individuellen Identitäten besteht, die sich jeweils mit bestimmten Werten, Gruppen etc. identifizieren.*Vgl. Abschnitt 2.2.1.1, S. 21–25, dieser Arbeit. Gleichwohl kann es durch verschiedene sozioökonomische Veränderungen geschehen, dass kollektive Identitäten entstehen und dabei überbewertet werden als die entscheidende Differenz zwischen Menschen. Um diese Differenzen zu untermauern, wird auf die Historie nachträglich zurückgegriffen. Auch hier kommt es zu dem bereits erwähnten „Rückkopplungseffekt“: Die ursprünglich zu dem Zweck erfundenen „Narrative“, die die kollektive Identität bestärken sollen, haben wiederum in ihrer Wirkungsmacht große Effekte auf die Wirklichkeit.*Vgl. Koschorke 2012, S. 245. In medial geprägten Zeiten gilt es die unterschiedlichen Narrative, die über einen Krieg und seine konträren Parteien kursieren, als kriegsbeeinflussende Faktoren zu kennen und gegebenenfalls zu kontrollieren:
Wer seine Konfliktposition „falsch“ erzählt, wer sich als Opfer ‚falsch‘ definiert, kann sich von überlebenswichtigen Ressourcen abschneiden. Er passt dann nicht in diplomatische, massenmediale und humanitäre Schablonen. Für die Akteure in den Krisengebieten bedeutet dies, dass sie zusätzlich zu dem Durcheinander, als das ihnen die Verhältnisse vor Ort gewöhnlich erscheinen, auch noch das Gemenge der auswärtigen Konfliktdefinitionen im Blick haben müssen – dass ihre Existenz also doppelt auf dem Spiel steht, weil sie um ihre physische und erzählerische Selbstbehauptung zu ringen haben.*Ebd., S. 247.
Genau diese Vorherrschaft um die „richtigen“ Narrative ist in den postjugoslawischen Kriegen zu beobachten, deren Verlauf stark von der medialen Wahrnehmung geprägt war. Calic erwähnt die Public-Relations-Agenturen, die maßgeblich daran beteiligt waren, welche Informationen wann und wie der ausländischen Presse zur Verfügung standen.*Vgl. Calic 2010, S. 318. Aber auch intern spielte die Propaganda eine große Rolle:
Nur scheinbar entstehen Feindbilder spontan. In Wirklichkeit werden sie produziert oder zumindest manipuliert. Alle Völker Jugoslawiens haben im Verlauf der Geschichte irgendwann einmal traumatische Erfahrungen gemacht: sei es als marginalisierte, deklassierte oder unterdrückte Nationen im königlichen Jugoslawien, sei es als Opfer rassistischer Verfolgung und physischer Vernichtung im Zweiten Weltkrieg […]. Kollektiv erinnerte und real erfahrene Gefühle von Angst und Haß verschmelzen zu einer neuen Scheinrealität, wenn, wie im jugoslawischen Krieg, zu den vergangenen neue traumatische Erlebnisse hinzutreten. Und der Mechanismus der selektiven Wahrnehmung sorgt dafür, daß nur die Informationen in das Bewußtsein dringen, die mit den vorgefaßten Einstellungen und Meinungen korrespondieren.*Calic 1996, S. 112.
Marie-Jeanine Calic greift in diesem Zitat noch einmal all das auf, worauf es sowohl Koschorke als auch bereits Anderson in Die Erfindung der Nation ankommt, nämlich dass Erinnerungen nicht nur passiv existieren, sondern aktiv ausgewählt werden, um aktuelle Feindbilder zu schaffen und zu bestätigen. Dabei gibt es nicht nur eine „gezielte Erinnerungs- bzw. Vergessenspolitik“*Assmann 1999, S. 15., sondern es kämpfen auch verschiedene, zum Teil sich widersprechende Gedächtnisse um ihre Anerkennung und gegen das Vergessen an.*Ebd., S. 15 f. Die Vergangenheit wird dabei zur „Geisel der Gegenwart“*Koschorke 2012, S. 236., wie Albrecht Koschorke es treffend beschreibt.
Diese Prozesse hängen auch mit der Selektivität zusammen, mit der ausgewählt wird, was erinnert und was vergessen werden soll. Auf diesen Punkt weist vor allem Wolfgang Müller-Funk in Die Kultur und ihre Narrative hin:
Es besteht heute in dem mäandrierenden memoria-Diskurs weitgehende Übereinstimmung, daß das Verhältnis von Vergessen und Erinnern nicht als antithetisch, sondern als synergetisch zu bestimmen ist.*Müller-Funk 2008, S. 90.
Ein weiterer Punkt, den Müller-Funk in seiner Untersuchung spezifiziert, ist zum einen das Verhältnis zwischen Gedächtnis und Erinnerung, zum anderen zwischen Mythos und kulturellem Gedächtnis. Während das Gedächtnis etwas ist, das laut Friedrich-Georg Jünger beigebracht werden kann, ist Erinnerung etwas Persönlicheres, das einfach existiert.*Ebd., S. 92. Er beruft sich dabei auf Georg Friedrich Jünger (vgl. Abschnitt 2.2.2, S. 30–37, dieser Arbeit). Müller-Funks These dazu lautet, dass „alle Formen des Gedächtnisses explizit oder implizit auf retrospektiven, das heißt zeitverschobenen Narrativen basieren, die den unüberbrückbaren Zwiespalt zwischen Erzählzeit (Zeit der Erzählung) und erzählter Zeit (Zeit der Handlung) zu überwinden trachten“*Müller-Funk 2008, S. 251.. Darauf, dass das Narrativ dazu dient, eine überbrückende „Mittelstellung“*Paul Ricœur: Das Selbst als ein Anderer, München 1996 (Übergänge, 26), S. 154. einzunehmen, weist schon Paul Ricœur in seiner Grundsatzschrift Das Selbst als ein Anderer hin. Während hier allerdings das Narrativ als identitätsbildend (und damit individualistisch) beschrieben wird, bezieht Müller-Funk es auf ganze Gesellschaftsstrukturen. Eine Form des Erzählens sei hierbei der Mythos.*Müller-Funk 2008, S. 106. Der Mythos ist laut Müller-Funk strukturkonservativ, an dem Erhalten einer spezifischen Ordnung interessiert, die er wiederum auch selber zuordne; er diene vortrefflich dazu, sogenannte „Mega-Subjekte“ wie Nationen zu stiften, was Müller-Funk anhand des Balkans illustriert.*Ebd., S. 105, 113, 124. Vgl. dazu auch Močnik 2002, S. 96. Vgl. dazu auch Abschnitt 2.2.2, S. 30–37, dieser Arbeit. Der Mythos ist eine Art Lebensdauer-übergreifender Gedächtnisspeicher, der „dort [beginnt], wo das erinnerbare Leben endet“; er habe daher Ähnlichkeiten mit dem strukturellen Gedächtnis.*Ebd., S. 262. Anwendungsbeispiele für die theoretische Verknüpfung zwischen Narration und Mythen finden sich in Eva Reichmanns 2000 erschienenem Sammelband, etwa Werner Kummers Aufsatz Habsburgische und antihabsburgische Mythen: ein Beispiel mißglückter imperialer Identitätskonstruktion. Allerdings zeigt sich gerade hier die definitorische Unschärfe zwischen den Begriffen „Mythos“, „Klischee“ und „Stereotyp“, die Kummer unzureichend präzisiert. Vgl. ebd., in: Eva Reichmann (Hg.): Narrative Konstruktion nationaler Identität, St. Ingbert 2000, S. 11–21. Dazu passt auch die Definition von Walter Fisher, der Mythen als „ideas that cannot be verified or proved in any absolute way“*Fisher 1987, S. 19. beschreibt.
Was bei Müller-Funks Beobachtungen auffällt ist, dass er gerade den Mythos sehr stark personalisiert, ja geradezu als ein Dispositiv setzt, dem eine gewisse Eigendynamik und -macht zugrunde liegt. Die narrative Kraft, die hinter solchen Nationalmythen steht, um die es Müller-Funk immer wieder geht, ist sicherlich richtig, gleichzeitig erscheint es mir wichtig, zu verdeutlichen, dass es Menschen und mitunter auch einzelne Personen sind, die dieses Narrativ zu ihren Gunsten bewusst oder unbewusst missbrauchen.
Antonius Weixler widmet sich im Vorwort zu einem von ihm herausgegebenen Sammelband einem weiteren wichtigen Aspekt, nämlich dem Zusammenspiel zwischen Narrativität und Authentizität. Seine These ist, dass die Einschätzung dessen, wie sehr man etwas für authentisch hält, auch das moralisch-ästhetische Urteil beeinflusst.*Antonius Weixler: Authentisches erzählen – authentisches Erzählen. Über Authentizität als Zuschreibungsphänomen und Pakt, in ders. (Hg.): Authentisches Erzählen. Produktion, Narration, Rezeption, Berlin 2012 (Narratologia, Contributions to Narrative Theory, 33), S. 1–31, hier: S. 1, im Folgenden abgekürzt: Weixler 2012. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, was als authentisch wahrgenommen wird.*Ebd., S. 3. Weixler macht dazu die Beobachtung, dass gerade verschachtelte Erzählverfahren, welche die Autor-Instanz in den Vordergrund rücken, vermutlich gerade aufgrund ihrer scheinbaren Transparenz als besonders wahrhaftig wahrgenommen werden.*Ebd. Vgl. zu Metaisierungsstrategien auch Janine Hauthal (u. a.): Metaisierung in Literatur und anderen Medien: Begriffserklärungen, Typologien, Funktionspotentiale und Forschungsdesiderate, in: dies. (u. a.) (Hg.): Metaisierung in Literatur und anderen Medien. Theoretische Grundlagen – Historische Perspektiven – Metagattungen – Funktionen, Berlin/New York 2007 (spectrum Literaturwissenschaft, 12), S. 1–21. Weixler nennt dies „metadiskursive Authentizität“, da die Vermittlung der Beobachtung zweiter Ordnung impliziert werde.*Weixler 2012, S. 9. Vgl. dazu auch Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp 1999 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1303), 2. Kapitel (S. 92–164), im Folgenden abgekürzt: Luhmann 1999. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf Matías Martínez, der die Korrelationen zwischen Authentizität, Autorschaft und Autorität untersucht hat, kritisiert ihn gleichzeitig aber auch wegen seines Begriffs des „Wirklichkeitseffekts“, da dieser zu weit gefasst sei.*Weixler 2012, S. 12. Vgl. dazu auch Matías Martínez: Zur Einführung: Authentizität und Medialität in künstlerischen Darstellungen des Holocaust, in: ders. (Hg.): Der Holocaust und die Künste. Medialität und Authentizität von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik, Bielefeld 2004, S. 7–21, hier: S. 15, im Folgenden abgekürzt: Martínez 2004. Ihm geht es in Bezug auf die Narratologie weniger um die Frage, ob es eine Verbindung zwischen Realität und Darstellung gibt, sondern wie diese gefasst wird,*Weixler 2012, S. 13. Die Frage zwischen der grundsätzlichen Verbindung zwischen Wirklichkeit und Erzählung wird stattdessen in dem von Christian Klein und Matías Martínez herausgegebenem Sammelband Wirklichkeitserzählungen behandelt. Vgl. dies. (Hg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, Stuttgart 2009, im Folgenden abgekürzt: Klein/Martínez 2009. also um eine Zuschreibungsproblematik. Diese Spezifikation erscheint mir gerade für die vorliegende Arbeit wichtig zu sein, da sie sich nicht in erster Linie mit den postjugoslawischen Kriegen beschäftigt, sondern eben mit der Luhmannschen zweiten Beobachtungsebene, der Darstellung derselbigen. Auch in dieser Arbeit steht die Frage, wie diese Darstellung realisiert wird, eindeutig im Vordergrund.*Vgl. Luhmann 1999, S. 322. Weixler plädiert hierbei zu Recht dafür, dass die Authentizität immer in einem Wechselspiel zwischen Rezipienten und Text entsteht und keinesfalls ein übergeordnetes, „objektives“ Kriterium eines Textes sein kann.
In den folgenden Kapiteln soll es darum gehen, den Balkanismus als ein narratives Element der deutsch- und schwedischsprachigen literarischen Texte, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen beschäftigen, nachzuzeichnen. Er ist spezifisch bei der Darstellung dieser Kriege; die von den Texten ausgehenden „Authentizitätssignale“ sind gerade bei der Einordnung und Bewertung von Rezipientinnen und Rezipienten von Bedeutung. Daneben gibt es viele andere Bausteine, die mindestens ebenso durchgängig in den literarischen Werken zu finden sind, unabhängig davon, wie verschieden sie in ihrer Gattungs- oder auch nur Genrezugehörigkeit und ihren Verfahren sein mögen. Um die „Verzweigungen“ (um im Bild Morettis zu bleiben), die die Darstellung der postjugoslawischen Kriege in deutsch- und schwedischsprachiger Literatur ausbilden, angemessen analysieren zu können, ist eine Einordnung in die jeweiligen vorherrschenden Literaturdiskurse von Nöten. Dies soll vor allem im Falle Peter Handkes im folgenden Kapitel ausführlich geschehen.
Peter Handkes Serbientexte als prägende Einflussfaktoren für die deutschsprachige Literatur
Wenn es um die Rezeption der postjugoslawischen Kriege in deutschsprachiger Literatur geht, fällt mit Sicherheit dieser eine Name: Peter Handke. Er ist es, der den Diskurs um die postjugoslawischen Kriege und ihre Verarbeitung in deutschsprachiger Literatur gerade in den Anfangsjahren durch seine Popularität maßgeblich geprägt hat. Und selbst wenn man von den Autorinnen und Autoren absieht, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, gibt es keine mir bekannten, die vor Peter Handke das Phänomen der postjugoslawischen Kriege in ihren Büchern verarbeitet haben. Diesem Phänomen mögen sicherlich auch praktische Gründe zugrunde liegen: Peter Handke war noch knapp vor Ende des Krieges in Serbien und hatte als etablierter Autor die Möglichkeit seine Reiseaufzeichnungen Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien zunächst zeitnah als Artikel in einer großen deutschen Zeitung unterzubringen und schließlich, als die Kontroverse darum schon losgebrochen war, als Buch zu publizieren. Daraufhin bestimmte Eine winterliche Reise so wie sein Nachfolger Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise einige Jahre lang den Fokus des öffentlichen Diskurses, auch wenn beispielsweise der Gedichtband E71*Peter Waterhouse: E 71, Salzburg und Wien 1996, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: E71. von dem unbekannteren Peter Waterhouse ebenfalls 1996 erschienen ist oder Ingrid Bachérs Sarajewo 1996*Dies.: Sarajewo 1996. Erzählung. Mit Bildzeichen von Günther Uecker, Düsseldorf 2001, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: S96. Die Information ist entnommen aus von Oppen 2006b, S. 171. zwar bereits im selben Jahr während einer Reise zum Literaturfestival in Sarajevo entstanden ist, aber erst 2001 veröffentlicht wurde.
Im größeren Stil wurde das Kriegsthema allerdings erst kurz nach der Jahrtausendwende bestimmend, wohl auch forciert durch den Kosovokrieg 1999. Insofern kann man Daniela Finzi zustimmen, wenn sie schreibt,
dass mit Peter Handkes 1996 kontrovers diskutierter Reiseerzählung eine Monopolisierung des (literarischen) Redens und gleichzeitige Lähmung etwaiger weiterer literarischer Interventionen stattgefunden hat*Finzi 2013, S. 20.
oder Paul-Michael Lützeler, wenn er von einem „assymetrisch-literarische[m] Bürgerkrieg pro- und – vor allem – contra Handke“*Ders.: Bürgerkrieg global. Menschenrechtsethos und deutschsprachiger Gegenwartsroman, München 2009, im Folgenden abgekürzt: Lützeler 2009. spricht. Auch Boris Previšić betont den Einfluss Handkes auf die spätere Literatur.*Previšić 2008, S. 96. An Handke kam niemand vorbei; dies lässt sich schon an den zahlreichen Verweisen in anderen Büchern auf ihn erkennen. Juli Zehs Alter Ego in Die Stille ist ein Geräusch denkt an die Kontroverse um ihn, als sie am anderen Ufer der Drina sitzt,*Vgl. Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien, München 2003, S. 23, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SG. in Otmar Jenners Sarajevo Safari diskutieren ein Literaturprofessor und der Protagonist über die Bücher von Peter Hantel,*Otmar Jenner: Sarajevo Safari, München 2002, S. 271 ff., im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SAS. und in Wem gehört eine Geschichte? erwähnt Norbert Gstrein das Interview zwischen diesem und dem später im Kosovo erschossenen Gabriel Grüner.*Vgl. Norbert Gstrein: Wem gehört eine Geschichte? Frankfurt a. M. 2004, S. 82, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WGG. Dieses Interview ist ebenfalls in Thomas Deichmanns Artikelsammlung erschienen. Vgl. Thomas Deichmann (Hg.): Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke, Frankfurt a. M. 1999, S. 107–113. Aber auch Juli Zeh wird in Gstreins erstem Jugoslawienroman Das Handwerk des Tötens scharf kritisiert:
Er [gemeint ist Allmayer, einer der Hauptfiguren des Romans, Anm. d. Verf. dieser Diss.] zerlegte ihre Reiseberichte, kaum daß sie erschienen waren, bis ins Detail, ließ nichts davon gelten, belustigte sich darüber, daß jeder Splitterstaat seinen Wirrkopf als Fürsprecher hatte, und endete immer mit der Irrfahrt eines deutschen Girlies, das er die letzte Kraft-durch-Freude-Touristin nannte, einer höheren Tochter aus Berlin, die im Rahmen eines Praktikums für eine Fernsehanstalt blind durch die ehemaligen Kampfgebiete gezogen war und sich darüber in einem kopf- und besinnungslosen Hauptsatzstakkato verbreitete, eine verrannte Romantikerin, die es für das größte Abenteuer hielt, wenn sie unter freiem Himmel auf die Straße pinkelte und mit ihrem Hund in jede Minenabsperrung absichtlich hineintappte, um dann aller Welt per SMS direkt vom Ort des Geschehens mitteilen zu können, in welcher Gefahr sie sich befand. (HAT, S. 235 f.)
Diese intertextuellen Anspielungen zeigen deutlich, dass die Autorinnen und Autoren, die sich für die Geschehnisse auf dem Balkan interessieren, aufmerksam die Vorgängerliteratur rezipiert haben und sich nicht scheuen die Meinungen über dieselbe öffentlich zu äußern. Da Handke dabei eine besondere Rolle spielt und neben seinen ersten Jugoslawienbüchern im Laufe der Jahre eine Reihe weiterer veröffentlichte, scheint es an dieser Stelle notwendig ihn detailliert zu betrachten, während über weitere, das Thema behandelnde Bücher im vierten Kapitel im Sinne des distant reading ein Überblick gegeben werden soll. Dabei wird großes Augenmerk auf prägende Motive und Themen gelegt werden, da meine These ist, dass auch hier sich der Handkesche Einfluss deutlich zeigt.
Vorgeschichte: Rezeption in den Medien
In diesem Kapitel soll in aller Kürze ein Überblick über den Verlauf des Literaturstreits in den Printmedien gegeben werden. Dies ist insofern von Bedeutung, da die medialen Inszenierungsstrategien des Autors eine Wechselwirkung mit der Rezeption seiner Serbientexte entfalteten und damit einen wichtigen Paratext für diese bildeten. Dass es sich hierbei um die Autorinszenierung handelt und nicht um den Versuch, eine Einschätzung der politischen Einstellungen des Autors Handke vorzunehmen, sei zu Beginn betont. Letzteres würde den Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung deutlich sprengen.
Ein Überblick über den Verlauf des Literaturstreits ist bereits in ausführlicher Form in Kurt Gritschs Buch Peter Handke und ‚Gerechtigkeit für Serbien‘. Eine Rezeptionsgeschichte*Ebd., Innsbruck 2009, im Folgenden abgekürzt: Gritsch 2009. geschehen, daher sollen hier nur die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden. Einen weiteren Einblick in den damals tobenden Literaturstreit bietet die Zusammenstellung von kritischen bis polemischen Reaktionen vom damaligen Leiter der Gesellschaft für bedrohte Völker, Tilman Zülch*Tilman Zülch (Hg.): Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf Peter Handkes Winterreise nach Serbien, Göttingen 1996, im Folgenden abgekürzt: Zülch 1996., und die dem Autor wohlgesonnene Sammlung von Artikeln und Interviews, die von Thomas Deichmann herausgegeben wurde. Diese drei Bücher bilden im Wesentlichen die Grundlage für das Folgende. Für weitere Forschung in diese Richtung sei ausdrücklich auf sie verwiesen. Der Überblick über den sich letztlich bis mindestens 2002 hinziehenden Literaturstreit kann an dieser Stelle nicht gewährleistet werden; ich konzentriere mich wie auch sonst in diesem Kapitel auf die „diskursauslösenden“ Texte Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag. Eine Darstellung des Verlaufs der Diskussion bietet etwa Robert Weninger in seiner Monografie,*Vgl. ders.: Streitbare Literaten. Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser, München 2004, im Folgenden abgekürzt: Weninger 2004. Insbesondere das zehnte Kapitel über Peter Handke kann hierbei zu Rate gezogen werden. trotzdem soll zur Einführung noch einmal in aller Kürze ein Überblick über die meinungsbildenden Ereignisse des ersten Jahres gegeben werden.
Am 5. und 6. sowie am 13. und 14. Januar 1996 erschien Peter Handkes Gerechtigkeit für Serbien in zwei Teilen als Wochenendbeilage in der Süddeutschen Zeitung. Die Veröffentlichung in Buchform erfolgte erst später; hierbei wurde der Untertitel Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina vorangestellt und der von der Zeitung gewählte Titel Gerechtigkeit für Serbien zum Untertitel gemacht.*Vgl. zu letzterem Jean Bertrand Miguoué: Peter Handke und das zerfallende Jugoslawien. Ästhetische und diskursive Dimensionen einer Literarisierung der Wirklichkeit, Innsbruck 2012, S. 80, im Folgenden abgekürzt: Miguoué 2012. Nach den ersten heftigen Reaktionen auf das Erscheinen fasste Handke den Entschluss, auf Lesereise zu gehen, die mit einer Lesung im Hamburger Thalia-Theater am 19.02.1996 begann.*Gritsch 2009, S. 28. Dies ist insofern bemerkenswert für den Autor, da dieser seit über 20 Jahren keine öffentliche Lesung mehr abgehalten hatte. Ursprünglich hätte die Lesereise bereits vier Tage vorher in Berlin anfangen sollen, doch aufgrund der negativen Reaktionen sagte Handke diese erste Lesung ab.*Ebd. S. 27. Weitere Stationen der Lesereise waren u. a. München, Wien und Belgrad sowie zwei weitere Auftritte im Juni in Deutschland.*Ebd. S. 28. Besonders der Auftritt in Wien löste heftige Kontroversen aus, da Handke in der Diskussion mit Peter Turrini und Peter Huemer heftig die Medien kritisierte und auf Nachfrage eines Journalisten eine recht unwirsche Antwort gab, die noch Tage darauf durch die Presse ging.*Ebd. S. 33. Ein weiteres Ereignis, das intensiv in den Medien diskutiert wurde, war Handkes Lesung Anfang Juni im österreichischen Parlament. Aufgrund der vorangegangenen Kritik, die dieses Ereignis auf sich zog, fanden sich allerdings nur knapp ein Dutzend Abgeordnete am für die Lesung festgelegten Tag im Nationalrat ein,*Ebd. S. 45. Drago Jancar wurde zur einer Art „Gegenlesung“ eingeladen.*Ebd. S. 43. Im Herbst 1996 erschien schließlich der Text Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise, der das Medieninteresse zwar noch einmal kurz aufleben ließ, allerdings bei weitem nicht den Sturm auslöste, den Eine winterliche Reise verursacht hatte.
Tendenz der Reaktionen
Die ersten Reaktionen nach der Veröffentlichung der beiden Teile von Eine winterliche Reise waren tatsächlich negativ. Besonders bemerkenswert waren die polemischen Artikel von Peter Schneider und Gustav Seibt, die auch Einzug in Zülchs Sammlung gefunden haben.*Vgl. Zülch 1996, S. 25–34, S. 67–71. Auf sie wurde auch in der folgenden Debatte immer wieder referiert. Generell lässt sich dabei feststellen, dass 11 der 15 Artikel, die Zülch für seine handkekritische Sammlung ausgesucht hatte, aus der ersten Zeit nach der Zeitungspublikation stammen, also bis zu dem Zeitpunkt am 19.02.1996, als sich Handke auf Lesereise begibt.*Dies hat nicht nur etwas mit der frühen Publikation im Jahr 1996 zu tun, da in Zülchs Sammlung ein Artikel erschienen ist, der Anfang März 1996 veröffentlicht wurde. Vgl. Zülch 1996, S. 103 ff. Dies mag auch daran liegen, dass diese Artikel „allgemeingültig“ sind in dem Sinne, dass sie sich weniger auf das Auftreten des Autors als auf den Inhalt der Texte konzentrieren, allerdings könnte es auch sein, dass die Artikel in der Folgezeit weniger polemisch wurden. Zu beachten ist auch, dass sich selbst zu Beginn der Diskussion einige Journalisten fanden, die Handkes Reisebericht verteidigten, allen voran Willi Winkler und Christian Seiler. Ersterer Artikel findet sich in Deichmanns Sammlung zum Nachlesen.*Vgl. Deichmann 1999, S. 19–22.
Wenn Winklers Artikel vom 19.01.1996 von Gritsch als erste positive Reaktion benannt wird,*Vgl. Gritsch 2009, S. 18. ist dies allerdings nicht ganz richtig. Seilers Artikel erschien schon vier Tage früher, unmittelbar nach dem Erscheinen vom zweiten Teil von Eine winterliche Reise nach dem Wochenende.*Vgl. Gritsch 2009, S. 16, Boevink in Deichmann 1999, S. 75. Am 19.01. wurden allerdings zeitgleich einige Artikel publiziert, die dem Handke-Reisebericht Positives abgewinnen konnten, u. a. auch ein Beitrag von Hannes Krauss in Freitag und einer von Christoph Kuhn in Tages Anzeiger.*Vgl. Gritsch 2009, S. 17. In den folgenden Tagen mehrten sich neben den vielen kritischen Stimmen auch die, die Handke wohlgesonnen waren, wie etwa die Autorin Elfriede Jelinek.*Vgl. Deichmann 1999, S. 40. Andere prominente Diskussionsteilnehmer wie der Regisseur Marcel Ophüls oder der Schriftsteller Jürg Laederach äußerten sich weniger wohlwollend: Letzterer verlässt sogar aus Protest gegen Handkes Schrift den Suhrkamp-Verlag, als dieser Handkes Text im Februar veröffentlicht.*Vgl. Gritsch 2009, S. 24. Anfang Februar finden sich vermehrt Artikel, die die Debatte kritisch beleuchten und feststellen, dass sie sich vom Text Handkes gelöst hat.*Vgl. ebd., S. 26. So schreibt Sigrid Löffler am 13.02.1996:
„Der Streit tobt ‑ aber längst nicht mehr um Handkes Thesen. Vielmehr um Peter Schneiders enge Jeans und andere Virilitäts-Demonstrationen, um Jürg Laederachs Neid auf Handkes Ruhm und Auflagen, um Handkes Zweifel an Marcel Ophüls' Verstand. Handkes Anfragen zum Bürgerkrieg der Süd-slawen wurden sofort – ohne viel Federlesens, wohl überhaupt ohne viel Lesens – abgefertigt [...].“*Deichmann 1999, S. 52.
Weitere, vereinzelt positive Stimmen, kamen vor allem aus dem Ausland, etwa von Spirous Moskovou in der griechischen Anti*Vgl. ebd., S. 44 ff. und von Wim Boevink in der niederlän-dischen Trouw*Vgl. ebd., S. 71 ff., die Mitte Februar generell einige, nicht nur positive Artikel zur Causa Handke veröffentlichte. Generell lässt sich aus Boevinks Artikel erahnen, dass Handke in den Niederlanden ähnlich kritisiert wurde, was später von Leopold Decloedt in seinem Aufsatz zur Rezeption in den Niederlanden bestätigt wird.*Vgl. Leopold Decloedt: „Einer der letzten Propheten der deutschen Literatur“. Peter Handke in den Niederlanden und in Flandern, in: Gregor Kokorz/Helga Mitterbauer (Hg.): Übergänge und Verflechtungen. Kulturelle Transfers in Europa, Bern 2004, S. 225–245, im Folgenden abgekürzt: Decloedt 2004.
Die am 19. Februar in Hamburg beginnende Lesereise des Autors verschaffte der Debatte neuen Aufwind; zusätzlich zu dem Inhalt von Eine winterliche Reise sorgte nun das Verhalten des Autors während der Auftritte für Gesprächsstoff. Es scheint, als ob sich während dieser Phase des Streits die Fronten verhärteten. Dies wird bei der zweiten Lesung in Frankfurt deutlich, als Tilman Zülch mit der Gesellschaft für bedrohte Völker vor der Lesung demonstrierte und auch nach der Lesung Handke derart angriff, dass dieser die Veranstaltung abbrach.*Vgl. Gritsch 2009, S. 29. Aufgrund dieser Vorgänge hagelte es negative Kritiken zu Handke, die u. a. auch Eingang in Zülchs Sammlung gefunden haben.*Vgl. Zülch 1996, S. 99–105. Andere Journalisten, wie etwa Hannes Krauss von Freitag, verteidigten einmal mehr den Schriftsteller und seine Ambitionen,*Vgl. Gritsch 2009, S. 30. auch die österreichische Zeitschrift profil blieb bei ihrer tendenziell Handke-freundlichen Linie mit einem positiven Beitrag von Wolfgang Reiter.*Vgl. ebd., S. 31.
Obwohl dies von Gritsch nicht so dargestellt wird, scheint es, als ob es durchaus einige Handke-Fürsprecher gegeben hätte, was auch an Deichmanns Artikelsammlung merkbar ist, von der ein großer Teil der Texte zwischen Ende Februar und Juni 1996 erschienen ist. Dennoch mag dies gerade im bundesdeutschen Raum nicht so gewirkt haben, da große Zeitungen, allen voran die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Spiegel, die Handke in Eine winterliche Reise direkt angriff, äußerst kritisch mit dem Autor ins Gericht gingen. Die Lesungen dienten dabei, so Gritsch, häufig dazu „ihre Position gegen den Serbien-Essay aufs Neue zu dokumentieren, wenngleich sich manchmal doch eine etwas differenziertere Stellungnahme erkennen lässt als noch einige Wochen zuvor.“*Ebd.
Kritische Stimmen nehmen vor allem in Reaktion auf den Eklat bei der Wiener Lesung schlagartig zu.*Vgl. ebd., S. 33 f. Die im Anschluss erfolgten Veranstaltungen in Ljubljana und Belgrad werden wiederum eher beobachtend kommentiert, da die unmittelbare Nähe des Publikums zu den Ereignissen gegeben war und sich auch daraus teilweise hitzige Diskussionen ergaben. Die österreichischen und deutschen Kommentatoren nutzten diese Gelegenheiten dazu, um den Status quo der dortigen Auseinandersetzungen der Intellektuellen mit dem Krieg noch einmal zu beleuchten.*Vgl. ebd., S. 35 f. Währenddessen zeigte sich das gesteigerte Interesse Handkes mit seinen Kritikerinnen und Kritikern zu kommunizieren und seine Position zu klären darin, dass er für zahlreiche Interviews und Portraits in deutschen wie ausländischen Magazinen zur Verfügung stand. Dazu gehört etwa ein Portrait in der italienischen Zeitung Corriere della Sera*Vgl. Deichmann 1999, S. 125–131. und den ihm gewogenen Journalisten Wolfgang Reiter und Christian Seiler in profil.*Vgl. ebd., S. 147–156. Ein kritisches Hinterfragen findet im Gespräch mit Gabriel Grüner statt, der 1999 in Mazedonien im Zuge weiterer Auseinandersetzungen ermordet wurde.*Vgl. ebd., S. 107–113. In ausländischen Medien wird weiterhin sporadisch berichtet, u. a. in Zusammenfassungen der Geschehnisse wie die von Gitte Laustroer im finnischen Hufvudstadsbladet*Vgl. ebd., S. 122 ff. und Stephen Kinzer in der amerikanischen International Herald Tribune*Vgl. ebd., S. 159 ff..
Einen weiteren Eckpunkt stellt die Handke-Lesung im österreichischen Parlament dar, allerdings bemerkt Gritsch, dass „die ganze Aufregung einmal mehr [...] viel Lärm um nichts“*Gritsch 2009, S. 45. war. Eine ähnliche Frontenbildung, wie sie bereits während der Lesereise zu beobachten war, zeigt sich auch in diesem Fall, nur, dass die Medien hier wieder deutlich mehr Berichterstattung betreiben und sich mit Meinungsäußerungen zurückhalten. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man das betreffende Kapitel bei Gritsch liest.*Vgl. ebd., S. 42–45. Bis auf eine turbulentere Buchvorstellung in Madrid*Vgl. ebd., S. 46. und zwei weiteren Interviews mit Thomas Deichmann und Bru Rovira*Vgl. Deichmann 1999, S. 187–202. – letzteres wohl auch aufgrund der Buchvorstellung geführt – bleibt es ruhig bis zum Herbst, als Sommerlicher Nachtrag erscheint. Bei dieser Publikation schlagen die Wogen keinesfalls so hoch wie es erwartbar gewesen wäre; viele deutschsprachigen Medien berichteten gar nicht oder nur am Rande von dem neuen Buch Handkes.*Vgl. Gritsch 2009, S. 49.
Erstaunlicherweise wirkt es zumindest in Gritschs Darstellung so, dass die Artikel, die erschienen, überraschend negativ ausfielen, selbst von Journalisten, die Handke zuvor noch verteidigt hatten, wie etwa der Wochenpost-Chefredakteur Jürgen Busche.*Ebd., S. 52. Seine im Februar erschienene Verteidigung lässt sich ausführlich in Deichmanns Artikelsammlung nachlesen.*Deichmann 1999, S. 48–51. Ein Sinneswandel, allerdings in die andere Richtung, findet sich hingegen bei Wolfram Schütte, der zwar davon entfernt ist, eine Handke-Verteidigung zu schreiben, aber dem Text Sommerlicher Nachtrag dennoch attestiert:
Ohne Zweifel: Wo Handke visuelle und akustische Welt-Erfahrung, gebrochen durch die Reflexion des wahrnehmenden und erinnernden Schriftstellers, zu Wort kommen läßt, ist er als aufschreibender Seismograph des sichtbar Vorgefallenen und der Jetzt-Zeit des rudimentär-ruinösen Lebens im serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas der positivistischen Reportage literarisch überlegen.*Ebd., S. 206. Zum Vergleich bietet es sich an, noch einmal auf Schüttes Verriss von Eine winterliche Reise hinzuweisen, die in Zülchs Textsammlung erschienen ist. Vgl. Zülch 1996, S. 81–87.
Von Busche wie von Schütte wird das Erscheinen des zweiten Berichts offensichtlich dazu genutzt, in der Betrachtung der Debatte einen differenzierteren Standpunkt anzunehmen und ältere, polemische Äußerungen dadurch gewissermaßen zu revidieren.
Außer Deichmanns Verteidigung in Novo*Vgl. Deichmann 1999, S. 216–222. gibt es nahezu keine ausschließlich positive Kritik zu Sommerlicher Nachtrag. Allerdings finden sich im Ausklang der Debatte mehrere Gespräche von führenden Intellektuellen und Literaturschaffenden in Zeitschriften veröffentlicht, die sich entweder für oder gegen Handke positionieren. Dazu zählt etwa das Gespräch mit Aleksandar Tišma in Die Welt,*Vgl. ebd., S. 210 f. das Interview mit dem scheidenden Literaturchef der FAZ, Gustav Seibt oder das Interview der Basler Zeitung mit dem Philosophen Alain Finkielkraut.*Vgl. Gritsch 2009, S. 57 ff.
Dieses „Totdiskutieren“ des Sujets mit den führenden Meinungsmachern, in das sich Handke selbst nicht mehr allzu sehr einzumischen scheint, zeigt, wie sehr sich das Thema im Laufe des Jahres 1996 abgenutzt hat. Allein die Tatsache, dass Thomas Deichmann zum Ende seiner Artikelsammlung hin auf Veröffentlichungen in immer kleineren Printmedien zurückgreifen muss, untermauert diese Vermutung und endet mit dem Verstummen der Debatte spätestens im Frühjahr 1997.
Die Tendenzen bei den Zeitungen lassen sich bei Gritsch nachlesen.*Vgl. ebd., S. 179–182. Demnach sind es vor allem die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die Neue Zürcher Zeitung, die tageszeitung und der Spiegel, die sich ablehnend gegen Handke äußern. Die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und der Standard haben keine einheitliche redaktionelle Linie bzw. kritisieren einzelne Punkte an den Reiseberichten. Gänzlich oder zumindest weitestgehend positiv positionieren sich nur profil, Neues Deutschland und die Wiener Zeitung. Im Vergleich zu der wissenschaftlichen Rezeption lässt auch hier sich zumindest feststellen, dass zwei der drei Printmedien, die Handke verteidigen, österreichisch sind.
Inhalte der medialen Kritik
In diesem Unterkapitel orientiere ich mich weitestgehend nicht an Gritschs Zusammenfassung der Kritikpunkte,*Vgl. ebd., S. 160–178. sondern bündele die meines Erachtens wichtigsten Aspekte anhand der vorliegenden Sammlungen von Tilman Zülch und Thomas Deichmann.
Einer der Hauptvorwürfe ist dabei nicht Handkes revisionistische Tendenzen in Bezug auf den Völkermord, sondern der weitaus häufiger erhobene Vorwurf, er vernachlässige generell die Faktenlage. So sagt Ralf Caspary in den Kulturnotizen, bevor er sich dieser Kritik anschließt:
Zu Recht monieren fast alle Kritiker unisono, Peter Schneider im Spiegel, Gustav Seibt in der FAZ, Michael Thumann in der Zeit und Thomas Schmid in der taz, daß Handke sich kein einziges Mal die Mühe macht, diese These mit Fakten zu untermauern.*Zülch 1996, S. 77. Diese Liste ließe sich noch um einige andere Namen ergänzen: zu nennen wären da etwa der Artikel von Dževad Karahasan, welcher ebenfalls in Zülchs Aufsatzsammlung abgedruckt ist, sowie die Artikel von Ian Traynor und Peter Götz, die in Deichmanns Zusammenstellung zu finden sind.
Auch der Satz im ersten Teil des Buches, dass sich Handke nicht besonders für die Reise vorbereitet habe (WR, S. 21), wird ihm von seinen Kritikern übel genommen. „Unwissenheit als Voraussetzung für Unvoreingenommenheit. Außer einer hochmütigen Illusion ist es zugleich eine verhängnisvolle Selbsttäuschung“*Ebd., S. 86., spöttelt Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau deshalb. Die Befürworter Handkes betonen dagegen, dass Handke zum Teil mehr Ahnung vom Lande habe als viele seiner Kritiker – dies ist etwa ein Argument von Lothar Baier.*Vgl. Deichmann 1999, S. 34 f. Außerdem sei es laut Deichmann Aufgabe eines Schriftstellers Kritik zu üben, selbst, wenn die Faktenlage noch nicht geklärt ist.*Vgl. Deichmann 1999, S. 181.
Ein weiterer Vorwurf, der häufig erhoben wird, ist, dass Handke serbische Verbrechen verharmlose und generell „proserbisch“ eingestellt sei. „Handke bestreitet die serbische Kriegsschuld“*Zülch 1996, S. 94., heißt es etwa in einem Spiegel-Artikel und Ian Traynor schreibt im Guardian, dass Handke die Serben heroisiere*Deichmann 1999, S. 164.. So kommt es auch zu dem von Gritsch so fokussierten Vorwurf, dass Handke ähnlich geschichtsrevisionistisch handle wie einige seiner Kollegen in früheren Tagen, die das Nazi-Deutschland oder die aufkommende UdSSR verherrlichten: Diese Analogie sieht zumindest der Spiegel in seinem Artikel.*Vgl. Zülch 1996, S. 96 f. Auch würde Handke zwar gegen das Stereotyp des bösen Serben anschreiben, dabei aber selbst ein Stereotyp „des“ Serben kreieren. Ein solcher Vorwurf findet sich etwa in einem Gespräch mit Nenad Fišer*Vgl. Deichmann 1999, S. 84. oder auch in einem Artikel von Adolf Muschg im Tages-Anzeiger*Vgl. ebd., S. 94 f..
Auch in der Kritik am allzu subjektiven Blickwinkel des Autors schwingt dieser Vorwurf mit. Durch diese Perspektive finde nicht nur eine Aussparung der Wirklichkeit statt, vielmehr würden damit besonders die Täter und nicht die Opfer in den Fokus rücken. So legt der Kriegsreporter Gabriel Grüner Handke im Interview nahe, dass er nach Bosnien hätte reisen sollen.*Vgl. ebd., S. 109. Dževad Karahasan moniert in seinem Artikel, dass Handke nach Serbien fahre, obwohl doch in Bosnien der Krieg wüte.*Vgl. Zülch 1996, S. 46. Sigrid Löffler hält dagegen, dass Handke lediglich gegen die „einhellig [...] antiserbische Weltmeinung“*Deichmann 1999, S. 52. anschreibe.
Ein dritter wichtiger Kritikpunkt ist der Umgang Handkes mit den Medien und seine fehlende Würdigung der journalistischen Arbeit. Dieser ist z. B. gleich zu Beginn der Debatte von Marcel Ophüls geäußert worden, der in einer weit ausschweifenden Polemik zum Schluss fragt:
[W]as qualifiziert Handke dazu, Seiten und Seiten von Zeitungsdruck in Anspruch zu nehmen, ganz ohne Risiko, in einer Sache, in der vierzig Journalisten ihr Leben verloren haben?*Zülch 1996, S. 39.
Für ihn wie für andere ist die Fahrt Handkes nach Serbien fast als ein Übergriff in ein Metier zu werten, von dem er als Schriftsteller nichts verstehe: dem des Journalismus und der zur Wahrheit verpflichteten Reportage.*Ähnlich formulierte Vorwürfe finden sich u. a. im Interview mit Dojcinović in Deichmanns Artikelsammlung und Schoellers und Kunerts Artikeln bei Zülch.Karahasan beklagt hingegen, dass die Schuld der Täter auf den Schultern derer abgeladen wird, die von den Taten berichten: „Wie soll man dem Literaten Handke klarmachen, daß nicht der Spiegel schuld ist, wenn das Gesicht häßlich ist?“*Zülch 1996, S. 43.
Doch gerade in seiner Medienkritik findet Handke überraschend viele Fürsprecher: Lothar Baier lobt in seinem durchaus Handke-kritischen Artikel die Fähigkeit des Autors, Ungereimtheiten in den Zeitungen nachzuspüren,*Vgl. Deichmann 1999, S. 43. Hubertus Czernin stimmt mit Handke überein, dass die Berichterstattung über die postjugoslawischen Kriege „einseitig“*Vgl. ebd., S. 114.[19] sei und Deichmann bestätigt die Schablonenhaftigkeit der Darstellung des Kriegsgeschehens*Vgl. ebd., S. 181.. Ein Gegensatz zwischen poetischem und journalistischem Blick sollte gar nicht erst aufgemacht werden, befindet Hannes Krauss – vielmehr könne er zur Ergänzung dienen.*Vgl. ebd., S. 17 f.
Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ab, dass die angeblich so objektiven Wahrheiten möglicherweise nicht stimmten und Handke mit seiner Einschätzung der einseitigen und damit verfälschenden Berichterstattung gar nicht einmal so falsch lag. Oder, wie Wolfgang Reiter es formuliert:
[M]an [...] wird sich doch mit ihm [gemeint ist Handke, Anm. d. Verf. d. Diss.] darauf einigen müssen, daß die ganze Wahrheit mit allen notwendigen Differenzierungen und Nuancierungen, wenn überhaupt, erst – wie bei allen anderen Kriegen der Vergangenheit – eine spätere Geschichtsschreibung hervorbringen wird.*Vgl. ebd., S. 139 f.
Sicherlich gäbe es noch einige Kritikpunkte, die in den Medien heftig diskutiert wurden, aber in der vorangegangenen Sektion sollten vor allem diese drei wichtigsten kurz vorgestellt werden: Handkes Umgang mit den Fakten, seine „proserbische“ Wahrnehmung und die Zeitungskritik, die er übt. Obwohl dies bei Gritsch nicht herausgestellt wird, zeigt sich bei der chronologischen Betrachtung des Streits, dass es gleich zu Beginn Menschen gab, die Handke verteidigten und diese Verteidigung auch im Laufe der Diskussion aufrechterhielten, während andere Journalisten wie Jürgen Busche oder Wolfram Schütte ihre Meinung im Laufe des Jahres zumindest partiell und unter dem Druck ihrer Kolleginnen und Kollegen revidierten. Festgestellt werden muss auch, dass sich die Diskussion im Laufe der Zeit von ihrem eigentlichen Gegenstand entfernte und Handkes Auftreten immer mehr in die Bewertung des Textes miteinfloss. Dies hat sicherlich seinen Grund: Handke inszeniert sich als „poeta vates“*Vgl. Gottwald/Freinschlag 2009, S. 84 f. und
Auftreten und Dichtung Handkes sind nicht immer leicht voneinander zu trennen. Eine Trennung ist auch nur bedingt sinnvoll, weil Handkes öffentliches Verhalten ein Ausdruck einer ästhetischen Haltung ist.*Ebd., S. 92.
Dies gilt vor allem dann, wenn man Handke als engagierten Autor betrachtet. Die wissenschaftliche Rezeption, die im Jahre 1997 begann, war dabei durchaus von der polemischen Stimmung der Zeitungsrezeption geprägt; wie diese Prägung sich genauer gestaltete, soll im anschließenden Kapitel erarbeitet werden.
Forschungsstand zu den Texten Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag von 1996–2013
Weitestgehend chronologisch*Im Falle, dass mehrere Aufsätze oder Monografien in einem Jahr erschienen sind, wird kein Wert darauf gelegt, diese nach ihrem exakten monatlichen Erscheinen einzuordnen, da dies für die Untersuchung unerheblich ist. sollen im Folgenden wissenschaftliche Aufsätze und Monografien vorgestellt und zusammengefasst werden, die sich mit den Texten Eine winterliche Reise oder Sommerlicher Nachtrag befassen. Dabei wird zwar generell Wert darauf gelegt, so viele Publikationen wie möglich zu berücksichtigen, es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass angesichts der Fülle des Materials Aufsätze, die schwer zu erhalten oder weniger sichtbar sind, in dieser Arbeit nicht auftauchen. Ebenfalls sollen zumindest an dieser Stelle diejenigen Sekundärtexte keine Beachtung finden, die Peter Handkes Fall nur am Rande behandeln. Ein Beispiel für einen solchen Fall wäre etwa Ulla Biernats Studie zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945, die Peter Handke zwar erwähnt, allerdings nicht ausführlicher bespricht. Auch Bücher, die sich generell mit der Person Handkes auseinandersetzen wie Herwig Gottwalds und Andreas Freinschlags Biografie*Herwig Gottwald/Andreas Freinschlag: Peter Handke, Wien u. a. 2009, im Folgenden abgekürzt: Gottwald/Freinschlag 2009. sowie die Biografie von Hans Höller*Hans Höller: Peter Handke, Reinbek bei Hamburg 2007, im Folgenden abgekürzt: Höller 2007. spielen an dieser Stelle keine Rolle. Allerdings sind dies natürlich Einzelfallentscheidungen.
Ziel dieses Kapitel ist es zunächst, einen Forschungsüberblick zu geben und damit eine fundierte Grundlage für die nachfolgende Analyse von Handkes Serbientexten in Bezug auf die Darstellung der postjugoslawischen Kriege zu schaffen. Ein Nebenprodukt davon ist, dass sich während der Recherche feststellen ließ, dass die vorangegangene mediale Diskussion Einfluss auf die Tendenz der wissenschaftlichen Besprechungen hatte und die Forschenden gerade zu Beginn der Debatte Stellung für oder gegen Handke bezogen oder gar polemisch agierten. Ob dabei im Verlauf der Diskussion bestimmte Tendenzen wahrnehmbar waren, soll im Fazit dieses Unterkapitels geklärt werden. Auch inhaltliche „Trends“ sowie bestimmte Stimmungsbilder können nach dem Herkunftsland der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verortet werden. Zuletzt sollen einige Aufsätze herausgehoben werden, die durch einen besonderen Zugang oder argumentatorische Klarheit besonders auffallen.
Beginn des Streits um Handkes Serbien-Texte: Die Jahre 1997–1999
Die erste Veröffentlichung in Buchform stellte, wie im vorangegangenen Kapitel bereits angedeutet, Tilman Zülchs Zusammenstellung von Zeitungsartikeln dar, die Handkes Texten gegenüber einen kritisch-polemischen Ton anschlugen. Erst 1997 und 1998 folgten die ersten wissenschaftlichen Aufsätze, die sich mit Eine winterlichen Reise und Sommerlicher Nachtrag beschäftigten durch Jürgen Daiber*Jürgen Daiber: Politisches Pamphlet oder poetisches Produkt? – Peter Handkes Schrift Gerechtigkeit für Serbien, in: Germanistik. Publications du centre universitaire du Luxembourg, Lettres allemandes 10 (1997), S. 89–99, im Folgenden abgekürzt: Daiber 1997., Ulrich Dronske*Ulrich Dronske: Das Jugoslawienbild in den Texten Peter Handkes, in: Zagreber Germanistische Beiträge 6 (1997), S. 69–81, im Folgenden abgekürzt: Dronske 1997. und Lothar Bluhm*Lothar Bluhm: „Schon lange…hatte ich vorgehabt, nach Serbien zu fahren“. Peter Handkes Reisebücher oder: Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer „Augenzeugenschaft“, in: Heinz Rölleke (Hg.): Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre (48), Bonn 1998, S. 68–90, im Folgenden abgekürzt: Bluhm 1998..
Daibers Aufsatz ist in drei Teile untergliedert und beschäftigt sich hauptsächlich mit Eine winterliche Reise. Zunächst verortet er den Text Handkes in der allgemeinen gesellschaftspolitischen Stimmung und setzt ihn mit anderen öffentlichen Äußerungen von Schriftstellern zu jener Zeit in Beziehung. Die These des Aufsatzes ist, dass sich Peter Handke einer politischen Problematik mittels eines poetischen Verfahrens nähern wolle, was allerdings scheitere.*Daiber 1997, S. 89 ff. Im zweiten Teil des Aufsatzes kommt Daiber auf die Rolle der Medien in Bezug auf Handkes Veröffentlichung zu sprechen. Diese werden von Handke stark kritisiert in ihrer verfremdenden Berichterstattung und vorschnell geschaffene Fakten werden angezweifelt, wie etwa, dass das Attentat auf den Markt in Sarajewo durch bosnische Serben verübt wurde.*Ebd., S. 91 ff. Der dritte Teil versucht Handkes Vorgehensweise über dessen poetologisches Programm zu erkunden. Dieses bestünde in einer besonderen Art der Betrachtung, in einem „Sich-hineinversenken“ in die scheinbar nebensächlichen Dinge.
Das Problem des Textes gliedert sich für Daiber in drei Punkte: die Wahl der Text-sorte als narrativer Reisebericht, der aber nicht als solcher als fiktional gekennzeichnet ist; der Verzicht auf Fakten; und zuletzt die Vermischung von politischer und poetischer Wirklichkeit.*Ebd., S.98 f. Der Literaturwissenschaftler Daiber, der damals noch in Trier lehrte, steht dem Handke-Text merklich kritisch gegenüber.Ulrich Dronske beschäftigt sich vor allem mit den Mystifizierungsstrategien in den Jugoslawientexten Handkes. Die Mystifizierung Serbiens ist für ihn eine konsequente Weiterentwicklung der Mystifizierung Sloweniens.*Ebd., S. 79 f.
Ulrich Dronske beschäftigt sich vor allem mit den Mystifizierungsstrategien in den Jugoslawientexten Handkes. Die Mystifizierung Serbiens ist für ihn eine konsequente Weiterentwicklung der Mystifizierung Sloweniens.*Dronske 1997, S. 79. Allerdings kritisiert er diese in Bezug auf die gesellschaftliche Realität.*Ebd., S. 79 f.
Ein erster längerer Aufsatz zu Eine winterliche Reise erschien 1998 durch Lothar Bluhm in Wirkendes Wort, welcher seit 2002 auch Mitherausgeber der Zeitschrift ist. Auch er analysiert zunächst die Umstände, weshalb das Thema „Serbien“ so stark zum Reizwort in der öffentlichen Diskussion wurde. Ziel seines Aufsatzes ist eine andere Lesart des Textes zu finden, vor allem in Einbezug bisheriger Werke.*Bluhm 1998, S. 74. Dabei arbeitet Bluhm Handkes biografische Verbundenheit zu Slowenien ebenso heraus wie seine Poetik einer „Märchenwirklichkeit“ und der „Gehheimat“*Ebd., S. 80.. Im fünften Teil seiner Ausführungen stellt sich der Wissenschaftler schließlich die Frage, ob hier überhaupt vom „Erzählen“ geredet werden könne, da der Erzähler sich zurücknehme und seiner Reisebegleitung und der serbischen Bevölkerung das Wort überlasse. Auch sei das Buch als „Friedensbuch“*Ebd., S. 85. intendiert. In seinem Fazit, wie es zu der missverständlichen Lesart kommen konnte, nennt Bluhm das rezeptionsästhetische Misslingen aufgrund der changierenden Textsorte und des harschen Vorworts.*Ebd. Abschließend ordnet er die Diskussion ähnlich wie Daiber in das Umfeld anderer literarisch-politischer Streite ein.*Ebd., S. 86 ff. Später widmet sich Bluhm außerhalb des veränderten Neudrucks seines Aufsatzes*Lothar Bluhm: Peter Handkes Serbienbücher. Versuch einer kulturwissenschaftlichen und poetologischen Einordnung, in: Täter als Opfer? Deutschsprachige Literatur zu Krieg und Vertreibung im 20. Jahrhundert, Hamburg 2007 (Poetica: Schriften zur Literaturwissenschaft, 100), S. 165–195, im Folgenden abgekürzt: Bluhm 2007a. noch zweimal dem Vorfällen um Peter Handke, wobei in diesen Aufsätzen die Analyse der Literaturstreits der 90er Jahre im Vordergrund steht – deshalb finden die Aufsätze an dieser Stelle der Arbeit keine weitere Erwähnung.*Vgl. Lothar Bluhm: Standortbestimmungen. Anmerkungen zu den Literaturstreits der 1990er Jahre in Deutschland – eine kulturwissenschaftliche Skizze, in: Clemens Kammler/Torsten Pflugmacher (Hg.): Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989. Zwischenbilanzen – Analysen – Vermittlungsperspektiven, Heidelberg 2004, S. 61–73, im Folgenden abgekürzt: Bluhm 2004, und ders.: Verdrängungsdiskurse in den Literaturstreits der neunziger Jahre, in: Stefan Neuhaus/Johannes Holzner (Hg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen, Göttingen 2007, S. 568–576, im Folgenden abgekürzt: Bluhm 2007b.
*mporary German-language literature, Bern 1998, S. 353–370, im Folgenden abgekürzt: Lengauer 1998. 1999 erscheint Jürgen Deichmanns Band Noch einmal für Jugoslawien, das vorwiegend positiv oder differenziert betrachtende Artikel zur Causa Handke in Buchform bringt. Zudem kommt ein Text und Kritik-Band*Heinz-Ludwig Arnold (Hg.): Text und Kritik 24. Zeitschrift für Literatur VI (1999), im Folgenden abgekürzt: Text und Kritik 1999. heraus, in dem sich drei der Aufsätze mit den Geschehnissen beschäftigen. Man könnte also konstatieren, dass 1999 ein erster Höhepunkt in der wissenschaftlichen Handke-Rezeption war, welcher möglicherweise durch den Kosovokrieg, die Frage, ob Deutschland eingreifen solle, sowie die Bombardierung Belgrads*Peter Handke bereiste auch zu diesem Zeitpunkt wieder Serbien und veröffentlichte seine Aufzeichnungen Unter Tränen fragend. Vgl. ders.: Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999, Frankfurt a. M. 2000, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: UTF. zusätzlich angeheizt wurde. Allerdings sollte man sich bei den Aufsätzen, die sich in Text und Kritik befinden, im Klaren darüber sein, dass diese keine wissenschaftlichen Aufsätze im engeren Sinne sind: Die Verfasserin Frauke Meyer-Gosau ist Redakteurin der Zeitschrift Literaturen, Hugo Dittberner ist Schriftsteller. Der Stil ist in allen Fällen stark essayistisch und verweist trotz Fußnoten weniger auf wissenschaftliche Fachliteratur, sondern – wenn überhaupt – auf zum Thema erschienene Zeitungsartikel.*Vgl. das Fußnotenverzeichnis von Richard Wagner in Text und Kritik 1999, S. 27. Hugo Dittberner kommt gar ohne Fußnotenverzeichnis aus.
Kurz zum Inhaltlichen: Handkes Kindheitsutopie ist laut Frauke Meyer-Gosau der Ausgangspunkt für dessen Serbientexte. Durch den Angriff der öffentlich-westlichen Bilder sieht sich Handke herausgefordert, sein „Mutterkindland“ Jugoslawien, das in seinen Resten für ihn von Serbien repräsentiert wird, mit eigenen Bildern zu verteidigen. Richard Wagner leitet Handkes Haltung zu Serbien aus der generellen Ansicht der Linksliberalen zu dieser Zeit ab, deren ideologische Grundlage durch die vermeintlich notwendigen Kriege ins Wanken kam. Hugo Dittberner liest die Reisetexte von Handke, insbesondere Eine winterliche Reise, als „Reisemärchen“*Text und Kritik 1999, S. 30.; eine derartige Huldigung des volkstümlichen Serbiens ließe allerdings nur wenig Kritik zu.*Vgl. ebd, S. 32.
In den drei Aufsätzen – oder vielmehr Essays – wird noch deutlich mehr Kritik an Handkes Jugoslawientexten geübt als es bei Daiber oder Bluhm der Fall war. Man könnte sogar so weit gehen, zumindest Frauke Meyer-Gosaus Aufsatz polemisch zu nennen, z. B. wenn sie schreibt:
Zum bösen Schluß bietet da der Dichter der Weltöffentlichkeit an, ihn im letzten Residuum seiner Projektionen mit diesem gemeinsam heroisch zugrundegehen zu sehen: zusammengebombt von den Feinden der, nämlich seiner „Freiheit“.*Text und Kritik 1999, S. 18.
Den Stil Wagners ist zwar nicht polemisch, aber auch seine kritisch-ablehnende Haltung wird deutlich.*Vgl. ebd., S. 23 f.Damit sind die Essays im 24. Heft von Text und Kritik ein Beispiel dafür, wie sich die in der breiten Öffentlichkeit geführte Debatte auch in einer renommierten wissenschaftlichen Publikationsserie widerspiegelt.
Kritische Stimmen zu Beginn des neuen Jahrtausends: Die Jahre 2000–2002
Um das Jahr 2000 ist bereits eine Weiterentwicklung im Falle Handkes absehbar: Am Wiener Burgtheater wurde Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg*Auch erhältlich als Taschenbuch, vgl. Peter Handke: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg, Frankfurt a. M. 1999, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: FE. uraufgeführt. Zudem erschien in diesem Jahr Unter Tränen fragend, Handkes Aufzeichnungen zu seiner Serbienreise 1999. Es zeigt sich, dass der Autor keinesfalls von dem Thema Jugoslawien abweicht, sondern sich im Gegenteil noch intensiver damit auseinandersetzt und seine Kritik wiederholt. Zu dieser Entwicklung zählt auch die Rückgabe des 1973 erhaltenen Büchner-Preises und stattdessen die Annahme einer serbischen Auszeichung.*Christoph Parry: Zeitgeschichte im Roman. Der Schriftsteller und die Zeitgeschichte. Peter Handke und Jugoslawien, in: Edgar Platen (Hg.): Erinnerte und erfundene Erfahrung. Zur Darstellung der Zeitgeschichte in deutscher Gegenwartsliteratur, München 2000, S. 116–129, hier: S. 116, im Folgenden abgekürzt: Parry 2000. Möglicherweise ist dies ein Grund dafür, weshalb die Kommentatoren sich tendenziell eher kritisch gegenüber den Texten Handkes positionieren.
Der 2000 in der Mailänder Literaturzeitschrift Studia austriaca erschienene Beitrag von Leopold R. G. Decloedt*Leopold R. G. Decloedt: Krieg um Peter Handke. Handke und seine Haltung zu Serbien, in: Fausto Cercignani (Hg.): Studia austriaca VIII (2000). S. 189–208, im Folgenden abgekürzt: Decloedt 2000. beschäftigt sich vornehmlich mit Die Fahrt im Einbaum, analysiert allerdings auch, warum es zum vorhergehenden Literaturstreit kommen konnte:
Es handelt sich um den ewigen Konflikt zwischen Fiktion und Realität, zwischen Journalist und Schriftsteller, zwischen Moral und Ästhetik, zwischen Kurzlebigkeit und Dauer.*Ebd., S. 194.
Decloedt leitet Handkes Sprache ähnlich wie Jürgen Daiber und Lothar Bluhm aus seiner werkimmanenten Poetologie ab, die eine der Sprachkritik ist; Sprache könne, so Handke, von Politik und Medien leicht missbraucht werden. Diese Haltung sei aber in der Öffentlichkeit missverständlich und werde daher diskutiert.*Ebd., S. 196. Decloedt beurteilt die hier ausführlich betrachteten frühen Serbientexte des Autors tendenziell eher positiv, während er die nachfolgenden Aktionen und Äußerungen Handkes in Bezug auf Serbien negativ wahrnimmt.
Ebenfalls 2000 erschienen ist die Monografie des Literaturwissenschaftlers Matthias Konzett, der an der Universität New Hampshire lehrt, The Rhetoric of National Dissent in Thomas Bernhard, Peter Handke, and Elfriede Jelinek. Auch hier werden bereits spätere Äußerungen von Handke in die Betrachtung miteinbezogen; das Urteil Konzetts fällt dementsprechend sehr negativ aus. Argumentiert wird von Konzett hauptsächlich auf politischer Basis, obwohl die Poetologie des Autors durchaus Berücksichtigung findet.*Vgl. Matthias Konzett: The rhetoric of national dissent in Thomas Bernhard, Peter Handke, and Elfriede Jelinek, Rochester 2000, S. 61, im Folgenden abgekürzt: Konzett 2000. Konzett weitet seine Kritik auf die weiteren Literaturdiskurse aus, die zu dieser Zeit geführt wurden:
Handke's problematic stance of Serbia shows little sympathy for the persecution of an ethnic minority and seems to negate his earlier anti-fascist stance as well as his solidarity with those silenced by state authority. More soberly seen, Handke has joined other well-known liberal writers such as Christa Wolf, Botho Strauss and Martin Walser in their revisionist claims concerning the legacy of liberalism. All of them display dubious and embarrassing reactionary tendencies and seem to have fallen out of synchrony with the progressive political tenor of their times.*Ebd., S. 58. Vgl. auch Konzetts ähnlich formulierte Kritik an Handke auf Seite 15 der Monografie.
Ein weiterer Essay eines schon lange im Ausland lehrenden Germanisten fällt ebenfalls in das Jahr 2000: Zeitgeschichte im Roman von Christoph Parry, der eine Germanistikprofessur in Vaasa, Finnland, bekleidet. Wie bereits zum Eingang der Sektion erwähnt, stellt er zunächst zusammenfassend die Entwicklung des Falls Handke dar und kommt ähnlich wie Konzett auf die anderen Literaturstreite in Deutschland seit der Wende zu sprechen.*Vgl. Parry 2000, S. 117. Die „implizite[...] milde[...] Beurteilung serbischer Politik“*Ebd., S. 116. der Texte setzt Parry dabei bei Handke voraus. Es gäbe unterschiedliche Ebenen, auf denen sich Schriftsteller bewegten: eine private, eine öffentliche, die sich jedoch auf den Kontakt zwischen Buch und Leser beschränke, und eine komplett exponierte, die der Medien.*Ebd., S. 117. Auch die biografischen Hintergründe und ihr Einfluss auf Handkes Werk werden wie bei einigen anderen Aufsätzen beleuchtet.*Vgl. Parry 2000, S. 118–120 sowie Bluhm 1998 und Frauke Meyer-Gosau in Text und Kritik 1999. „Antigermanismus“ als Beweggrund für die Veröffentlichungen wird stärker als in anderen Aufsätzen gemutmaßt.*Vgl. Parry 2000, S. 121.
Der kritische Duktus des Aufsatzes splittet sich vor allem in fünf verschiedene Punkte auf, die unterschiedlich stark gewichtet werden, und die denen Lothar Daibers ähneln, ohne diesen explizit zu benennen: Diese beziehen sich auf die Rezeption in den Massenmedien, auf den ästhetischen Gehalt des Textes, seine implizite Polemik, auf die Vermischung verschiedener Wirklichkeiten und den im Text impliziten Rassismus.*Ebd., S. 124–128. Parry ist den Handke-Texten, unschwer erkennbar, sehr kritisch gegenüber eingestellt.
Ebenfalls in Finnland zu dieser Zeit tätig war Ulrich Breuer, der mittlerweile die Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mainz innehat. Im Gegensatz zu anderen Kommentatoren vertritt Breuer die These, dass Handke die Medienberichterstattung nicht grundsätzlich ablehnt, sondern nach ethischen Grundlagen des Schreibens für die unterschiedlichen Medien sucht.*Breuer 2001, S. 288. Neben der Analyse von Merkmalen, die Eine winterliche Reise als einen literarischen Text qualifizieren*Vgl. ebd., S. 290., geht es Breuer darum, die medienkritischen Argumente im Text Handkes detailliert nachzuzeichnen, die bei Jürgen Daiber nur angeschnitten wurden: die Parteinahme in den Medienberichten, die sich in der fehlenden Authentizität durch Augenzeugenschaft bei dem Berichteten ausdrückt und dem Automatismus der Berichterstattung, wie er in den Reaktionen zu Emir Kusturicas Film Underground gespiegelt wird.*Ebd., S. 291 ff. Auf Basis der Medienkritik wird der Text zu einer Realitätskritik ausgeweitet, für die Handke ebenfalls literarische Formen wie etwa die Spaltung des Erzähler-Ichs findet, um sie adäquat zu formulieren.*Ebd., S. 293 ff. Die Poesie könne also laut Handke eine Erweiterung der Wirklichkeit sein, wie sie in den Medien dargestellt wird.*Ebd., S. 296. Schließlich zeigt Breuer auf, wie Handke seine eigene, im Prolog der Reise entwickelte Poetik einlöst.*Ebd., S. 297.[20] Handkes Text Eine winterliche Reise wird dabei zumindest als poetischer Text positiv bewertet, was etwa der negativen Wertung von Parry in Zeitgeschichte im Roman zuwiderläuft.*Vgl. ebd., S. 299.
Ein Schlusspunkt der hier dargestellten Periode von 2000–2002 bildet Alva Meiers Aufsatz Zum ethischen Aspekt der Darstellung von Zeitgeschichte anhand von Peter Handkes „Eine Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, der von einer stark kritischen bzw. nahezu polemischen Tonart gegenüber dem Text geprägt ist. Auf Basis von wissenschaftlicher Literatur, die sich mit dem Ursprung der postjugoslawischen Kriege auseinandersetzt, widerlegt sie Handkes vornehmliche Behauptung, dass Kroatien der Aggressor gewesen sei,*Alva Meier: Zum ethischen Aspekt der Darstellung von Zeitgeschichte anhand von Peter Handkes Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, in: Edgar Platen (Hg.): Perspektivensuche. Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutscher Gegenwartsliteratur (II), München 2002, S. 233–249, hier: S. 236, im Folgenden abgekürzt: Meier 2002. Vgl. dazu auch WR, S. 35 f. genauso wie seine Aussage, die Staatsgründung Bosniens und Herzegowinas sei eigenmächtig gewesen*Ebd., S. 237, vgl. WR, S. 38 f.. Handke habe, ähnlich wie er selbst bei den Medien kritisiere, keinen guten Umgang mit Fakten, Zeitgeschichte sei bei ihm „Verarbeitung von Anschauung“*Ebd., S. 239 f.. Meier geht nicht auf Handkes Poetik ein und beurteilt die Beschreibung des serbischen Alltags somit als romantisierend.*Ebd., S. 240 f. Auch die Naturbilder dienten letztlich nur dazu, von den politischen Geschehnissen abzulenken, das serbische Volk zu verharmlosen und von ihm begangene Verbrechen zu marginalisieren.*Vgl. ebd., S. 241–248.
Meiers abschließende Kritik an Handke lautet, er oder zumindest die Redaktion der Süddeutschen Zeitung hätte subjektive Meinungen von ihm deutlicher im Text kennzeichnen müssen und dass sein Konzept einer alternativen Wirklichkeit zu Lasten der Realität geht. Sie hält daher seinen Text für ethisch problematisch.*Ebd., S. 249.
Ausgleichende Tendenzen: 2003–2006
Einer der Aufsätze, der diese Phase der wissenschaftlichen Rezeption Handkes einleitete, war die kürzere Version einer sechs Jahre später erscheinenden Monografie: Der Innsbrucker Historiker Kurt Gritsch bot bereits in Eine Frage des Blickpunkts einen Überblick über die Forschungsergebnisse zur Handke-Rezeption in den Medien. Da Gritsch schon im Abschnitt zum journalistischen Handke-Diskurs ausführlich rezipiert wurde, soll er weder hier noch bei der Besprechung seiner 2009 erschienenen Monografie einen zu großen Raum einnehmen, es kann aber der Vollständigkeit halber festgehalten werden, dass Gritsch Handke gegenüber eher positiv eingestellt ist.*Vgl. Kurt Gritsch: Eine Frage des Blickpunkts? Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ in der Rezeption deutschsprachiger Printmedien, in: Zeitgeschichte 1 (2003), S. 3–18, abrufbar unter: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=ztg&datum=2003&page=28&size=45 (Stand: 23.12.2016), hier: S. 14, im Folgenden abgekürzt: Gritsch 2003.
Auch der in Vaasa lehrende Germanistikprofessor Christoph Parry veröffentlichte 2003 einen weiteren Aufsatz zu Handke: Peter Handke, Jugoslawien und Europa. Dieser richtete seinen Blick eher auf das Gesamtwerk und Handkes Haltung zu Europa, die mit seiner Einstellung zu Jugoslawien eng verzahnt ist. Zwar erkennt Parry, dass der Volksbegriff bei Handke ein utopischer und idealisierter ist, die Sehnsucht nach einem Volk sei
jedoch insofern auf die realen Verhältnisse im heutigen Europa bezogen, als sie die immer weiter wachsende Spannung zwischen der vielschichtigen alten Kultur und dem gleichzeitig wachsenden Anteil einer entwurzelten Bevölkerung registriert.*Christoph Parry: Peter Handke, Jugoslawien und Europa, in: Wulf Segebrecht u. a. (Hg.): Europa in den europäischen Literaturen der Gegenwart, Frankfurt a. M. u. a. 2003 (Helicon: Beiträge zur deutschen Literatur, 29), S. 329–342, hier: S. 341, im Folgenden abgekürzt: Parry 2003.
Parry begründet in diesem Aufsatz vieles aus der Biografie Handkes – eine Strategie, die bereits von anderen Aufsätzen hinreichend bekannt ist.*Vgl. insbesondere Meyer-Gosau in Text und Kritik 1999, Bluhm 1998. Auch der vierte Teil des Aufsatzes, der sich insbesondere den Texten Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag widmet, fasst bereits bekannte Aspekte der Serbientexte zusammen: Ihre Ansiedlung zwischen politischem Essay und poetischem Text, Handkes Sympathie für die Serben als Volk, die allerdings nicht mit seiner Sympathie für die serbische Politik zu verwechseln sei, sowie seinen Wunsch nach einer vormodernen Welt, den er auf das kriegsgeschädigte Serbien projiziert.*Parry 2003, S. 336 f. Letzteres sei laut Parry ein „unbegreiflicher [...] Wunsch“*Ebd., S. 337. – das einzige Mal, dass durch den Wissenschaftler eine explizite Wertung vorgenommen wird. Ansonsten ist der Aufsatz im Gegensatz zur Publikation von 2000 als unentschieden zu bewerten, der sich hauptsächlich auf das Thema „Europa“ in Handkes Werk konzentriert. Er ist somit paradigmatisch für eine neue Art von Publikationen zu Handke, die zunehmend unpolitischer werden. Auch weist er kurz auf den Kunstdiskurs in Handkes Werk hin, der in Eine winterliche Reise in Erscheinung tritt,*Ebd., S. 337 f. – dies wurde bislang von der wissenschaftlichen Rezeption übersehen bzw. nicht explizit angesprochen.
Leopold Decloedt, der bereits 2000 einen Beitrag zur Handke-Forschung geleistet hat, untersuchte 2004 in seinem Aufsatz Einer der letzten Propheten der deutschen Literatur die Rezeption von Peter Handke in den Niederlanden und Flandern. Obgleich der Aufsatz die gesamte Werkspanne des Autors umfasst, finden sich auch Stellen zum Literaturstreit der 90er Jahre. Letztlich kommt Decloedt zum Schluss, dass der Text ähnlich wie in den deutschen Medien gerade nach der Übersetzung und dem Abdruck in der niederländischen Tageszeitung Trouw weniger als poetisches Werk denn als politische Äußerung gelesen wurde.*Decloedt 2004, S. 245.
Auch der bereits im Eingang dieses Kapitels erwähnte Robert Weninger brachte 2004 seine Monografie zu Literaturdiskursen im deutschsprachigen Raum heraus, in der auch Handkes Serbientexte besprochen wurden. Seine uneindeutige und wechselnde Haltung, die er gegenüber dem Schriftsteller ausdrückt, steht sicherlich exemplarisch für die Position vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich eingehend mit dem österreichischen Autor beschäftigen:
Auch war meine eigene Einstellung zu Handke mehreren Wandlungen ausgesetzt. Anfangs stand ich wie die große Mehrheit der in- und ausländischen Kritiker weniger Handkes beiden Leitgedanken der Medienkritik und der prinzipiellen Gerechtigkeit für Serbien als der Präsentationsweise seiner Argumente kritisch gegenüber. Je mehr ich mich dann mit der Kontroverse befaßte und je mehr Distanz sich zum Streit um 1996 ergab, desto mehr begann ich mit dem underdog Handke zu sympathisieren, auf den die Presse geradezu Jagd zu machen schien. Doch dann kam 1999 der Kosovo-Konflikt, begleitet von Handkes Theaterstück Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg und seinem Einsatz für den jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milošević, mit dem er sich, von meiner Perspektive aus gesehen, vollends in eine Sackgasse manövrierte.*Weninger 2004, S. 166.
Ein Grenzfall zwischen wissenschaftlicher und journalistischer Rezeption bieten auch die kurzen Beiträge in der Septemberausgabe der Fachzeitschrift Literaturen. Die Verfasserinnen und Verfasser der kurzen Beiträge, allen voran Slavenka Drakulić, spielen immer wieder am Rande eine Rolle in dem Literaturstreit um Handke, weshalb sie hier zumindest kurz Erwähnung finden sollen.*Als erklärte Antagonistin Handkes hat dieser sie einmal zusammen mit Dževad Karahasan in einem Interview als „Berufs-Ex-Jugoslawen“ bezeichnet. Vgl. Martin Meyer/Andreas Breitenstein: Der lange Abschied von Jugoslawien, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17.06.2006. Zur Vorgeschichte: In der Juli/August-Ausgabe wurde exklusiv ein Vordruck von Handkes selbst betitelten „Umwegzeugen-bericht“, Die Tablas von Daimiel*Peter Handke: Die Tablas von Daimiel, in: Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, H. 7/8 (2005), S. 84–103, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: TD. abgedruckt. Dieser enthält, wie auch schon Rund um das große Tribunal*Ebd.: Rund um das große Tribunal, Frankfurt a. M. 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: RGT. 2003 die Sichtweise Handkes auf den Prozess gegen Milošević. Der ehemalige Präsident Serbiens hatte Handke als einen von 1600 Zeugen der Verteidigung benannt, allerdings hatte sich der Autor entschlossen nicht auszusagen.*Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, H. 7/8 (2005), S. 82, im Folgenden abgekürzt: Literaturen 2005. In der darauffolgenden Septemberausgabe diente das und die Veröffentlichung des letzten Tagebuchbands Gestern unterwegs Sigrid Löffler, Slavenka Drakulić und Cornelia Vismann als Grund, den Fall Handke noch einmal kurz zu kommentieren. Eine Presseschau ist ebenfalls vorhanden.*Vgl. Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, H. 9 (2005), S. 76–83.
Löffler widmet sich in ihrer Besprechung vor allem eben diesem Tagebuchband und arbeitet Handkes Poetik als „Mythos des Jetzt“ heraus:
[M]ythisch wird das Gegenwärtige durch die besondere Wahrnehmungsarbeit dieses Autors, die von allem Offensichtlichen konsequent absieht [...] und sich den Wundern des Alltäglichen zuwendet, um in profanen Erleuchtungen ‚der Weite und Märchenhaftigkeit der Welt‘ innezuwerden [...].*Vgl. ebd., S. 78.
Die poetischen Tagebücher hingen mit den Jugoslawientexten insofern zusammen, als dass diese noch einmal „das Recht eines anderen, des poetischen Blicks auch auf die politische Welt“*Ebd., S. 79. manifestierten. Insofern steht die Rezensentin sowohl den Tagebüchern als auch den Reiseberichten eher verständnisvoll und positiv gegenüber.
Eine gänzlich andere Position nimmt Slavenka Drakulić in ihrem Beitrag Ein Text und ein fatales Jubiläum*Ebd., S. 80 f. ein. Sie betrachtet eher Die Tablas von Daimiel und dessen Rezeptionsgeschichte, vor allem in den serbischen Medien. Zwar goutiert sie, dass Handke endlich das Massaker von Srebrenica erwähnt, die Wortwahl der muslimischen „Soldaten“ statt Männer verharmlose allerdings wieder beabsichtigt oder unbeabsichtigt die Geschehnisse. Überhaupt scheine die Zeit stehengeblieben, da er immer noch auf das serbische, nicht auf das Leid der anderen Seite blicke. Cornelia Vismann betrachtet schlussendlich Handkes Äußerungen relativ unentschieden aus einer juristischen Perspektive. Zusammengefasst kann man also sagen, dass sich Literaturen in dieser Ausgabe darum bemüht, einen möglichst vielschichtigen Blick auf den Fall Handke zu bieten. Kritischer dagegen ist Jay Julian Rosellini gegenüber Peter Handke und Norbert Gstrein eingestellt, denen er bereits 2005 einen ersten Aufsatz in der wissenschaftlichen Zeitschrift Glossen widmet. Allerdings bezieht er sich eher auf Die Tablas von Daimiel und Unter Tränen fragend, also kürzlich erschienene Texte Handkes.*Vgl. Jay Julian Rosellini: „Das Handwerk des Berichtens“. Der Medienkritiker Handke und Gstrein als Balkan-Kundschafter, in Glossen 21 (2005), im Folgenden abgekürzt: Rosellini 2005.
2006 erschienen zwei Aufsätze und eine Monografie zu Handke, wobei die Monografie von Peter Jamin Der Handke-Skandal. Wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kulturgesellschaft entblößte*Peter Jamin: Der Handke-Skandal. Wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kultur-Gesellschaft entblößte, Remscheid-Lüttringhausen 2006, im Folgenden abgekürzt: Jamin 2006. nur am Rande erwähnt bleiben soll. Dies hat zwei Gründe: zum einen beschäftigt sich Jamin mit den Geschehnissen um den freiwilligen Verzicht des Preises durch Handke, die für diese Untersuchung nur insofern von Bedeutung sind, dass sie eine der Folgen der Debatte um Handkes Jugoslawientexte bilden. Jamin geht es dabei nicht im engeren Sinne um eine literaturwissenschaftliche Analyse, sondern eher um eine gesellschaftspolitische. Der zweite Grund betrifft die schlichte Tatsache, dass Jamin nicht in der Funktion eines Wissenschaftlers schreibt – was am Schreibstil zu merken ist, der nahezu polemisch für Handke votiert –, sondern in seiner Funktion als Journalist. Dennoch wurde dieses Buch auch in wissenschaftlichen Kreisen rezipiert.*Vgl. Martin Sexl/Arno Gisinger: Hotel Jugoslavija. Die literarische und mediale Wahrnehmung der Balkankonflikte, Innsbruck 2008, im Folgenden abgekürzt: Sexl/Gisinger 2008, sowie Christian Weber: Die Instrumentalisierung des Missverständnisses. Zu Peter Handkes Serbienbild, dem Eklat um den Düsseldorfer Heine-Preis und dem Problem des Übersetzers, in: Sidonie Kellerer u. a. (Hg.): Missverständnis – Malentendu. Kultur zwischen Kommunikation und Störung, Würzburg 2008, S. 165–178, im Folgenden abgekürzt: Weber 2008.
Susanne Düwell, die an der Universität Köln tätig ist, vergleicht in ihrem Aufsatz „Ein Toter macht noch keinen Roman.“ Repräsentationen des Jugoslawienkrieges bei Peter Handke und Norbert Gstrein die Serbientexte der beiden Autoren miteinander und greift dabei bei Handke einige Punkte auf, die bislang nicht besprochen wurden. So weist sie auf die religiöse Bedeutungsschicht des Textes hin, die dazu führe, dass Handke den Mythos Balkan mit seiner eigener Mythisierung kontrastiere.*Susanne Düwell: „Ein Toter macht noch keinen Roman.“ Repräsentationen des Jugoslawienkrieges bei Peter Handke und Norbert Gstrein, in: Stephan Jaeger/Christer Petersen (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und Medien. Bd. II: Ideologisierung und Entideologisierung, Kiel 2006, S. 92–117, hier: S. 98, im Folgenden abgekürzt: Düwell 2006. Auch inszeniere sich Handke als Sprachrohr der verstummten Serben.*Ebd., S. 104. Düwells Kritik an Handke speist sich wie bei anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im neuen Jahrtausend zu einem nicht geringen Teil aus seinen später erscheinenden Texten – so erkennt sie z. B., dass bei Eine winterliche Reise noch eine deutliche Trennung zwischen der serbischen Bevölkerung und ihrer politischen Führung gemacht werde, die in späteren Texten aufgehoben wurde.*Ebd., S. 105. Im Vergleich mit Gstrein kommt sie bei beiden zu einem kritischen Fazit, wobei sie Gstrein noch kritischer gegenüberzustehen scheint.*Eine eingehendere Analyse von Düwells Meinung zu Gstrein findet sich in Kapitel 4.2.1, S. 162–167. So verwundert Düwells Fazit nicht:
Letztlich bieten daher weder die Texte von Handke zum Jugoslawienkrieg noch Gstreins Roman ein Modell für eine weniger ideologische Darstellung des Krieges: Handkes Poetisierung Serbiens und seine Parteinahme münden in einer erneuten Ideologisierung, Gstreins Darstellungsform ist derart metareflexiv und universalisierend, dass das spezifische Ereignis des Krieges aus dem Blick gerät.*Düwell 2006, S. 116.
Ähnlich wie Düwell untersucht Helga Meditz in ihrem Aufsatz Eine Poetik des Friedens ebenfalls die Funktion des Verstummens und die Mythisierung Handkes, bei der sie allerdings weniger von einem Mythos, sondern vielmehr von einem utopischen Geschichtsbild spricht, ein Oxymoron, da sich das eine mehr auf die Vergangenheit, das andere mehr auf die Zukunft bezieht. Dieses sei jedoch spätestens bei Unter Tränen fragend an seinen Endpunkt gelangt.*Helga Meditz: Eine Poetik des Friedens? Das Projekt des Erzählens in Peter Handkes Jugoslawien-Texten, in: Adolf Haslinger u. a. (Hg.): „Abenteuerliche, gefahrvolle Arbeit“. Erzählen als Überlebenskunst. Vorträge des Salzburger Handke-Symposions, Stuttgart 2006 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, 432), S. 85–99, hier: S. 98 f., im Folgenden abgekürzt: Meditz 2006. Im Gegensatz zu Düwell steht Meditz Handke allerdings positiv gegenüber, da sie die Missinterpretation seiner Texte als journalistische verurteilt*Vgl. ebd., S. 92. – ungeachtet der Tatsache, dass die wissenschaftliche Diskussion bereits zu diesem Zeitpunkt in die Richtung geht, die „Janusköpfigkeit“*Vgl. Haller 1990, S. 67 sowie Abschnitt 2.2.5, S. 45–51, dieser Arbeit. der Reisetexte als gegeben und zum Teil wohl auch als vom Autor intendiert anzusehen. Originär ist allerdings ihre Analyse des Einflusses von Paul Cezanne auf Handkes Werk und den Begriff der „Sensation“ versus des französischen „sensation“.*Vgl. Meditz 2006, S. 91 f.
Einen weiteren neuen Aspekt bietet der Aufsatz Imagining the Balkans, Imagining Germany von Karoline von Oppen, die in Bath, Großbritannien, als Lektorin arbeitet. Sie diskutiert die Reiseberichte von Peter Schneider, Hans Christoph Buch, Johann Georg Reißmüller und Peter Handke in Hinblick auf den Balkanismus-Begriff, der von Maria Todorova geprägt wurde. Von Oppen bewertet Handkes Willen, sich mit Einheimischen zu umgeben, positiv;*Vgl. Karoline von Oppen: Imagining the Balkans, Imagining Germany: Intellectual Journeys to Former Yugoslawia in the 1990s, in: The German Quarterly, Vol. 79/2 (2006), S. 192–210, hier: S. 200, im Folgenden abgekürzt: von Oppen 2006a. sie goutiert an gleicher Stelle ebenfalls seine Vorkenntnisse vom Land sowie die Tatsache, dass er seinen subjektiven Blick als Autor und Reisender im Gegensatz zu Journalisten wie Peter Schneider explizit im Text thematisiert.*Vgl. ebd., S. 201 f.
Auf der anderen Seite kritisiert sie Handke an mehreren Stellen: Seine Betonung der „otherness“ des Balkans sei im Grunde ein weiteres Stereotyp, das über die Region existiere und auch er sei wie Schneider nicht wirklich in der Lage eine Lösung des Konflikts anzubieten.*Vgl. ebd., S. 202 f. Das Fazit, das von Oppen zieht, gilt letztlich für alle vier Reiseberichte, obwohl ihre Kritik gegenüber Schneider und vor allem Reißmüller noch deutlich schärfer ausfällt: Dass sie teilweise den Konflikt entpolitisieren und simplifizieren und offensichtlich nicht gewillt sind, sich mit der Komplexität der Region auseinanderzusetzen.*Vgl. ebd., S. 208. Im gleichen Jahr veröffentlicht von Oppen einen weiteren Aufsatz, in dem Peter Handke, aber vor allem Ingrid Bachér eine besondere Beachtung finden.*Vgl. von Oppen 2006b und Abschnitt 4.2.2, S. 167–172, dieser Arbeit. Dieser soll jedoch an anderer Stelle vorgestellt werden.
Höhepunkt der wissenschaftlichen Handke-Rezeption: Das Jahr 2007
Die Handke-Rezeption erreichte einen vorläufigen Höhepunkt im Jahr 2007: Gleich neun Arbeiten wurden zu diesem Thema veröffentlicht. Die meisten bewegen sich in dem Spektrum zwischen unentschieden und kritisch, zwei Ausnahmen, die jedoch in eine andere Richtung gehen, sollen hier gleich zu Beginn erwähnt werden: es handelt sich um die beiden Monografien, die in diesem Jahr zu Handke erschienen sind. Anne Lindner untersucht in ihrer umgearbeiteten Magisterarbeit die gesellschafts- bzw. staatsformkritischen Aspekte in Peter Handkes Oeuvre. So stünde Handke jeder Form von Staatlichkeit skeptisch gegenüber, da sie nur eine Gemeinschaftsform von vielen darstelle und Gefahren in deren Versprechungen von Eigenständigkeit und Autonomie lägen.*Anne Lindner: Peter Handke, Jugoslawien und das Problem der strukturellen Gewalt. Literaturwissenschaft und politische Theorie, Wiesbaden 2007, S. 53, im Folgenden abgekürzt: Lindner 2007. Dabei argumentiert Lindner mit linken bzw. marxistisch-kommunistischen Theoretikern wie etwa Karl Marx, Rosa Luxemburg und Jacques Rancière. Es entsteht zuweilen der Eindruck, dass Handkes Texte für diese Theorien instrumentalisiert werden, auch wenn einzelne Beobachtungen in ihrer Argumentation durchaus einleuchten. Die Autorin steht Handke deutlich positiv gegenüber, wie etwa an der Verteidigung seiner Werke abzulesen ist.*Vgl. ebd., S. 19. Wohl auch wegen dem marxistischen Impetus der Monografie sowie der Tatsache, dass die Autorin außer diesem Werk scheinbar kein weiteres wissenschaftliches Engagement zeigte, wurde diese Monografie nahezu missachtet im wissenschaftlichen Diskurs.
Katja Thomas Monografie Poetik des Zerstörten behandelt den Literaturstreit im Gegensatz zu vielen anderen wissenschaftlichen Texten dieser Zeit fast überhaupt nicht. Stattdessen wird hier die Wahrnehmungspoetik von Juli Zeh und Peter Handke in ihren Serbientexten ausführlich besprochen und verglichen. Auch diese Untersuchung wurde vergleichsweise wenig in der Forschung rezipiert, u. a. vermutlich gerade deshalb, weil sie keinen Bezug auf die gesellschaftspolitische Debatte nimmt. Über die Autorin ist wenig erfahrbar, außer, dass sie wohl am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert hat, wie der Homepage zu entnehmen ist.*http://www.deutsches-literaturinstitut.de/publikationen.html (Stand: 23.12.2016).
Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich bereits zur Handke-Debatte geäußert haben, veröffentlichen in diesem Jahr neue Aufsätze zum Thema. Bei Lothar Bluhms Peter Handkes Serbienbücher, erschienen im Sammelband Täter als Opfer?, handelt es sich um eine überarbeitete Fassung seines bereits 1998 erschienenen und hier besprochenen Titels.*Vgl. Bluhm 2007a, S. 165. Es wurde u. a. die aktuelle Sekundärliteratur*Vgl. ebd., S. 169, 193. und einige Reflexionen, z. B. zu poetologischen Fragen hinzugefügt*Vgl. ebd., S. 171.. Zudem wurde die Kontextualisierung der Debatte durch die Einordnung „medienkulturwissenschaftlich“*Bluhm 2007a, S. 193. präzisiert. Ansonsten ist vor allem das veränderte Ende des Aufsatzes aufschlussreich: War 1998 noch von der Suche nach einem „neue[m] Selbstverständnis“*Bluhm 1998, S. 88. in der deutsch-deutschen Literatur nach der Wende die Rede, so wird nun vom „Marginalisierungstrend“*Bluhm 2007a, S. 195. gesprochen. Die Prognose ist also um Einiges düsterer geworden.
Ähnlich wie Bluhm bereits vorher zum Handke-Streit Stellung bezogen hat, tritt auch die Bonner Germanistin Susanne Düwell mit gleich zwei Beiträgen im Jahr 2007 an die Öffentlichkeit. In beiden Texten beschäftigt sie sich nicht nur vornehmlich mit Eine winterliche Reise, sondern auch mit dem 1999 erschienenem Text Unter Tränen fragend. Obgleich Düwell in ihren Betrachtungen durchaus Rücksicht auf die Poetologie Handkes nimmt, bewertet sie seine Texte vor allem vor ihrem politischen Hintergrund, was sie dementsprechend eher kritisch gegenüber dem Autor positioniert. Neben bereits bekannten Punkten zu Handke – u. a. die bereits vorhergegangene Utopisierung Jugoslawiens in anderen Büchern sowie die religiöse Konnotation des Berichts, die sie auch in ihrem 2006 erschienenem Aufsatz erwähnt*Vgl. Düwell 2006, S. 98 und Susanne Düwell: Peter Handkes Kriegs-Reise-Berichte aus Jugoslawien, in: Lars Koch/Marianne Vogel (Hg.): Imaginäre Welten im Widerstreit. Krieg und Geschichte in der deutschsprachigen Literatur seit 1900, Würzburg 2007, S. 235–248, hier: S. 244, im Folgenden abgekürzt: Düwell 2007a. – ist einzig ihre Analyse der Symbolik von zerstörten Gegenständen in Handkes Texten wirklich neu.*Vgl. Düwell 2007a, S. 244 f. Deutlich wird, dass sie Unter Tränen fragend negativer bewertet als den Reisebericht Eine winterliche Reise, den sie jedoch ebenso kritisiert.*Vgl. ebd., S. 247.
Der zweite Aufsatz von Düwell in diesem Jahr ist infolge einer Tagung zum Thema Literatur als Skandal entstanden und beinhaltet im Wesentlichen ähnliche inhaltliche Punkte wie der stärker ausgearbeitete Aufsatz in der Sammlung Imaginäre Welten im Widerstreit. Einzig die Kritik an den Serbien-Reiseberichten Handkes wird etwas ausführlicher kommentiert: Handkes Position sei demnach nicht apolitisch und daher problematisch, sondern ihr Skandalon liege vielmehr in der Vermischung zwischen Ästhetischem und Politischem.*Susanne Düwell: Der Skandal um Peter Handkes ästhetische Inszenierung von Serbien, in: Stefan Neuhaus/Johann Holzner (Hg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen, Göttingen 2007, S. 577–587, hier: S. 582, im Folgenden abgekürzt: Düwell 2007b. Überhaupt stellt Düwell mehr noch als Jürgen Daiber in seinem bereits 1997 erschienenem Aufsatz die Zweigleisigkeit des Textes als dessen Hauptproblem dar.*Vgl. Daiber 1997, S. 98 f., Düwell 2007b, S. 584.
Zwei weitere Beiträge zur wissenschaftlichen Debatte um Peter Handke stammen von Auslandsgermanisten und wurden während des Germanistentreffens vom Deutschen Akademischen Austauschdienst 2006 diskutiert. Es handelt sich um die Beiträge des serbischen Literaturprofessors Savica Toma und des Zagreber Dozenten Svjetlan Lacko Vidulić. Beide Beiträge wurden außer von den Beteiligten selbst*Vidulić erwähnt sie in seinem 2008 erschienenem Aufsatz, der später noch diskutiert werden soll. kaum rezipiert.
Die Fragestellung von Tomas Aufsatz lautet, welchen Beitrag Handke zur Aufklärung von Kriegsereignissen leiste, insbesondere für den Balkan und Serbien.*Savica Toma: Peter Handkes Gerechtigkeit für Serbien. Über das Verhältnis von Text und Kontext in der Interpretation, in: Germanistentreffen Deutschland. Süd – Ost – Europa. 2.–6.10.2006. Dokumentation der Tagungsbeiträge, Köln 2007, S. 109–126, hier: S. 111, im Folgenden abgekürzt: Toma 2007. Er stellt jedoch gleich zu Beginn zur serbischen Zeitungsrezeption fest:
Die literarischen Texte werden als bloße Illustrationen für politische, gesellschaftliche und historische Befunde missbraucht – sie werden als Steinbrüche für literaturfremde Konstruktionen verwendet, ohne dass dabei ihre besonderen Eigenschaften und Funktionen angemessen berücksichtigt würden.*Ebd., S. 113.
Toma argumentiert, dass Literatur immer „ein Durchbrechen des puren Faktischen“*Toma 2007, S. 113. darstelle und schlussfolgert daraus, dass der Literaturwissenschaftler primär den Text, der Historiker jedoch den Kontext in den Blickpunkt rücken sollte.*Ebd., S. 114. Diese Denkweise käme auch dem in den Texten formulierten Anspruch etwas Anderes als rein journalistische Produkte zu sein, entgegen. Die Frage, die sich für Toma daraus ergibt, ist, inwieweit die Texte aus heutiger Sicht aktueller sein könnten als die Zeitungsreportagen, die sich diesem Thema widmeten.*Ebd., S. 115. Handke handle dabei als eine Art Anthropologe, der die regionalen Besonderheiten aufzeichne.*Vgl. Toma 2007, S. 119 f. Das Problem bei Handkes Vorgehen sei dabei, dass er seinen Blick nicht auf das Innere dieser Gemeinschaft richte und damit zu „falschen politischen Ergebnissen“*Ebd., S. 121. käme. Diese politischen Ergebnisse führt Toma weiter aus: Handke leiste mit seinem Schreiben einen Beitrag zur Vorstellung der Serben, dass sie die Gerechtigkeit verkörperten,*Vgl. ebd., S. 121 f., 123 f. auch sei an Handkes weiteren literarischen Schriften eine ungute Entwicklung in Bezug auf Serbien abzulesen.*Vgl. ebd., S. 124 f.
Der Ton dieses Aufsatzes ist zunächst sehr kritisch bis polemisch, was möglicherweise auch an der Herkunft des Autors liegt;*Diesen Einfluss erwähnt Svjetlan Lacko Vidulić in seinem 2008 erschienenem Aufsatz, in dem er sich selbst eine „ethnifizierte Erinnerung“ bescheinigt. Vgl. ebd.: Vergangenheitsfalle und Erinnerungsort. Zur Wirkung der Handke-Kontroverse in Serbien seit 1991, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext. Beiträge des gleichnamigen Symposiums in Lovran/Kroatien, 4.–7. Oktober 2007, Tübingen/Basel 2008, S. 205–215, hier: S. 206, im Folgenden abgekürzt: Lacko Vidulić 2008. Es gilt hier die allgemein auch in den Sozialwissenschaften bedachte „Standortgebundenheit des Forschenden“ mitzubedenken. Vgl. Kleemann u. a. 2013, S. 18. allerdings bezieht sich dieser Ton vornehmlich auf die Berichterstattung der Medien und nicht auf das eigentliche Subjekt des Aufsatzes, nämlich Peter Handkes Reisetexte. Später wird durchaus ausgewogen über ihn berichtet, u. a. wird Verständnis für seine Poetologie aufgebracht, doch das Fazit fällt kritisch aus, gerade in Hinblick auf den Nachfolgertext Rund um das große Tribunal.
Svjetlan Lacko Vidulićs ausführlich recherchierter Beitrag ist besonders im Hinblick auf die bis dahin einmalige Untersuchung der kroatischen Rezeption von Bedeutung. Diese gliedert sich nach Lacko Vidulić in zwei Zeiträume: eine polemische Rezeption in den Anfangsjahren sowie eine Öffnung der Debatte ab 2002, nach seinem Engagement bei dem Tribunal in den Haag.*Vgl. Svjetlan Lacko Vidulić: Imaginierte Gemeinschaft. Peter Handkes jugoslawische „Befriedungsschriften“ und ihre Rezeption in Kroatien, in: Germanistentreffen Deutschland. Süd – Ost – Europa. 2.–6.10.2006. Dokumentation der Tagungsbeiträge, Köln 2007, S. 127–151, hier: S. 138, 142, im Folgenden abgekürzt: Lacko Vidulić 2007. Angeregt durch Theaterpremieren in Slowenien würde nun zwischen Texten vor und nach der Kontroverse unterschieden werden.*Ebd., S. 144. Angesichts der überzogenen Kritik an Handke in Kroatien verteidigt Lacko Vidulić den Autor. Er konstatiert jedoch am Ende des Aufsatzes, dass Handkes Reisebericht zumindest in Hinblick auf die von ihm angesprochene Region den textimmanenten Anspruch des „Friedenstextes“ nicht erfülle:
Die „Befriedungsschriften“ haben [in Kroatien] eine konflikteskalierende Wirkung entfaltet, da sie fast ausschließlich im Sinne proserbischer Pamphletistik gelesen wurden und somit ins Bezugsfeld und in den Dienst der dominanten politischen Diskurse gerieten.*Ebd., S. 145.
Eine weitere Auslandsgermanistin, nämlich Joanna Drynda, die an der Universität Posen in Polen lehrt, trägt ebenfalls einen kurzen Aufsatz zur Causa Handke bei. Sie untersucht die Darstellung von Kriegsgeschehen anhand dreier österreichischer Bücher über die postjugoslawischen Kriege: Gerhard Roths Der Berg, Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens und Handkes Eine winterliche Reise. Während ihre Ansicht zu Gstrein und Roth noch nachfolgend*Vgl. Abschnitt 4.2.2, S. 167–172, dieser Arbeit. genauer beleuchtet werden soll, geht es hier vornehmlich um den Teil des Aufsatzes, der sich mit Handke beschäftigt. Drynda fasst dabei die Hauptargumente der Kritiken an Handke zusammen, bestätigt diese aber auch: nämlich dass Handke die Geschichte schön schreibe sowie sein ausweichender, verfälschter Blick auf den serbischen Alltag.*Joanna Drynda: Der Schriftsteller als medialer Zaungast einer Kriegskatastrophe. Die Informationsware „Balkankrieg“ in den Prosatexten von Gerhard Roth, Peter Handke und Norbert Gstrein, in: Claudia Glunz u. a. Hg.): Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung, Göttingen 2007 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, 22), S. 455–465, hier: S. 458, im Folgenden abgekürzt: Drynda 2007. Sie relativiert dies jedoch teilweise, in dem sie betont, dass Handkes Text zuvorderst eine Medienkritik sei. Trotz dieser Analyse findet sie weitere problematische Punkte: Handkes Text sei von seinem „Wunschdenken“*Ebd., S. 459. geprägt, er hätte zu wenig Vorwissen über die Region. Im Gegensatz zu Düwells Aufsatz 2006 steht Drynda Gstreins Roman eher positiv gegenüber im Vergleich mit Handke.
Abschließend sei noch kurz auf den Aufsatz von Matthias Schöning hingewiesen, der ebenfalls in diesem Jahr erschien. Er beschäftigt sich wie bereits Jamin 2006 mit der Kontroverse um den Heine-Preis, stellt aber eher aus den Serbientexten heraus argumentierend die Frage, ob Handke diesen zu Recht verliehen bekommen hätte. Seine Antwort ist zweigeteilt:
[Handkes] Äußerungen zu Milošević oder Karadžić, seine Beobachtungen zum Haager Gericht und auch sein Besuch des Begräbnisses von Milošević sagen dementsprechend etwas über Handke aus und mögen interessant sein, wo es um die Person des Schriftstellers geht, hinsichtlich der fraglichen Sachverhalte können sie keinen weiteren Geltungsanspruch reklamieren als den beliebiger Privatmeinungen.
Anders verhält es sich meines Erachtens mit seinen Reiseberichten aus Serbien. Auch diese sind zwar idiosynkratisch hinsichtlich der Auswahl und Präsentation des Dargestellten (2.), erschöpfen sich aber darin nicht, wenigstens dann nicht, wenn sie als Versuch gelesen werden, an die moralischen Kosten zu erinnern, die die vorsätzlich in Kauf genommenen Opfer der Zivilbevölkerung darstellen (3.).*Matthias Schöning: Verbohrte Denkanstöße? Peter Handkes Jugoslawienengagement und die Ethik der Intervention, in: Davor Beganović/Peter Braun (Hg.): Krieg sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien, München 2007, S. 307–330, hier: S. 312 f., im Folgenden abgekürzt: Schöning 2007.
Handkes Gerichtstexte halten demnach dem Anspruch des Heine-Preises einen Mehrwert zur gesellschaftspolitischen Diskussion zu leisten nicht stand, während die Serbientexte dies sehr wohl täten. Zugleich sieht er aber auch die Bringschuld der Rezeption: man müsse die Texte adäquat lesen, in dem man deren Poetizität berücksichtige.*Ebd., S. 318.
Der Handke-Diskurs in neuester Zeit: 2008–2013
In den letzten Jahren haben sich einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die sich bereits früher zu Handke äußerten, allerdings kamen auch neue Stimmen hinzu. Zu denen, die bereits früher zu Handke geforscht haben, zählt Svjetlan Lacko Vidulić. Sein 2008 erschienener Aufsatz Vergangenheitsfalle und Erinnerungsort. Zur Wirkung der Handke-Kontroverse in Serbien beschäftigt sich nicht wie der aus dem vorangegangenen Jahr mit der Handke-Rezeption in Kroatien, sondern damit, wie der Autor in dem Land, über das er schreibt, wirkt. So leitete der Essay Abschied des Träu-mers vom Neunten Land in Serbien eine umfassende Handke-Renaissance ein, was auch zur Instrumentalisierung des Autors führte.*Lacko Vidulić 2008, S. 208. Die Handke-Begeisterung in Serbien wurde nur durch wenige kritische serbische Stimmen aus dem Ausland gebrochen. Die Zahl der Erst- und Neuveröffentlichungen von Handkes Werken stieg an.*Ebd., S. 210 f. 2000 stelle jedoch ein Wendejahr in der Handke-Rezeption dar: Da sich die politischen Rahmenbedingungen veränderten, kam es zu distanzierter oder kritischer Berichterstattung.*Ebd., S. 211 f. Lacko Vidulić stimmt Toma in seiner Feststellung zu, dass Handke serbische Nationalismen gefestigt habe,*Ebd., S. 213. bemüht sich aber ansonsten um Objektivität gegenüber den Serbientexten des Schriftstellers.
Ganz anders verhält es sich mit dem Bildband des Innsbrucker Literaturwissenschaftlers Martin Sexl, der 2008 zusammen mit dem Fotografen Arno Gisinger den Bildband Hotel Jugoslavija herausgegeben hat. Dieses Werk ist, obgleich von einem Literaturwissenschaftler publiziert, kein typisch wissenschaftliches Werk; der Autor bezeichnet es selbst als „Werkzeugkiste“*Sexl/Gisinger 2008, S. 13.. Es ist aber insofern für diese Untersuchung von Bedeutung, als es für eine neue wissenschaftliche Schule steht, die sich in Österreich und besonders in Innsbruck zu etablieren scheint: Diese ist dem Autoren Handke ausgesprochen positiv gegenüber gesonnen. Auch Stefanie Denz und Dagmar Pirkl sowie Kurt Gritsch vertreten diese Schule.
Auf dreierlei Arten wird sich in Sexls Bildband dem Krieg in der Region genähert: durch Zeichen (Texte, Bilder, Filme), durch die Erlebnisse vor Ort und durch Gespräche mit Zeitzeugen.*Ebd., S. 13. Zu den Texten, die hier vorgestellt werden, gehört auch Eine winterliche Reise. Gegenüber der heftigen Medienkritik verteidigt Sexl Handke:
Dass die Winterliche Reise, wie auch die nachfolgenden Texte, scharfe und polemische Attacken in allen Medien – mit einem Wort: einen Medienrummel – auslösten, hat etwas Ironisches, ja Bitteres an sich, sind doch die Texte Handkes bewusst gegen und außerhalb eines solchen „Medienzirkus“ verortet.*Ebd., S. 113.
2010 kommt ein weiteres Gemeinschaftswerk des Fotografen und des Literaturwissenschaftlers heraus, das – in Bezug auf Benedict Andersons Buch Imagined Communities – Imagined Wars getauft wurde.*Martin Sexl/Arno Gisinger: Imagined wars. Mediale Rekonstruktionen des Krieges, Innsbruck 2010, S. 7, im Folgenden abgekürzt: Sexl/Gisinger 2010. Dieses äußert sich allerdings eher allgemein zu den hier fokussierten Texten Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag und ist deshalb an dieser Stelle von marginaler Bedeutung. Allerdings fällt, wie später noch gezeigt wird, auf, dass es in inhaltlichen Punkten nahezu identisch zum 2011 erschienenen Aufsatz Literatur als Bildkritik ist. Trotz ihrer wohlgesonnenen Haltung*Vgl. ebd. S. 157. zu Handke schreiben sie in diesem Werk auch:
Handkes Protagonisten artikulieren ein Scheitern ihrer Kritik an den übermächtigen Bildern, als ob auch der Autor selbst wüsste, dass er mit dem Anspruch, eine andere Perspektive auf den Balkan oder die Jugoslawienkriege ins Werk setzen zu können, gescheitert ist.*Ebd., S. 148.
Christian Weber, der ebenfalls 2008 seinen Aufsatz Die Instrumentalisierung des Missverständnisses veröffentlichte, ist dagegen ein neuer Name auf dem Feld der Handke-Forschung. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung promovierte und lehrte er an der Freien Universität Berlin. In seinem Aufsatz wählte er einen bis dato nicht vorkommenden Zugang zu den Texten Handkes: den des Übersetzers. In vielen Werken des Autors werde die Rolle des Übersetzens reflektiert,*Weber 2008, S. 175. das Problem des Übersetzens werde bei Handke mit der sprachlichen und politischen Identität verknüpft.*Ebd., S. 178. Durch diese Verbindung käme es allerdings zu Missverständnissen, die Handke vor allem bei seinem missglückten Holocaust-Vergleich in einem Interview bewusst instrumentalisiere, um politische Statements abzugeben.
An diesem Fazit Webers kann man gut erkennen, dass der Wissenschaftler Handke kritisch gegenüber eingestellt ist. Er schreibt wörtlich: „Diese Untersuchung teilt die Kritik an Handkes Einstellung [...]“*Ebd., S. 166.. Der Aufsatz referiert allerdings auch ausführlich auf vorangegangene Sekundärliteratur.
Ein weiterer Forscher, der sich sowohl mit Peter Handke als auch mit anderen deutschsprachigen Autoren beschäftigt, die die postjugoslawischen Kriege darstellen, publiziert drei Aufsätze in den Jahren 2008 und 2009: es handelt sich um den Schweizer Literaturwissenschaftler Boris Previšić.*Diese drei Aufsätze sind: Eine Frage der Perspektive (abgekürzt: Previšić 2008), Poetik der Marginalität (abgekürzt: Previšić 2009a) und ders.: Poetologie und Poetik: Peter Handkes Winterliche Reise, in: Olga Iljassova-Morger/Elke Reinhardt-Becker (Hg.): Literatur – Kultur – Verstehen. Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissenschaft, Duisburg 2009, S. 107–122, im Folgenden abgekürzt: Previšić 2009b. Seine Untersuchungen sind von Todorovas und Bakić-Haydens Balkanismus-Konzept beeinflusst. Previšić bemerkt, dass es eine Art „Second-Hand-Situation“*Ders. 2009a., S. 191. in der Rezeption des Balkans in der deutschsprachigen Literatur gäbe. Dies unterscheide den angedeuteten „Balkan Turn“ von dem Namensvetter des „Turkish Turn“, den vor allem türkischstämmige Autorinnen und Autoren vorangebracht haben; eine stereotype Betrachtungsweise ist davon häufig die Folge.*Ebd. Peter Handke bildet für diese Art der Darstellung den literarischen Ausgangspunkt; erst Saša Stanišić schaffe es durch Multiperspektivität sich von den alteingebrachten Vorstellungen über die Region und deren Einwohner freizumachen.*Vgl. ders. 2008, S. 106 sowie 2009a, S. 199 f. Unklar bleibt bei Previšićs Darstellung, ob er die Hinwendung von deutschsprachigen Autoren bereits als „Balkan Turn“ bezeichnet oder erst ab Stanišićs Engagement für dessen Herkunftsregion diesen im Sinne des „Turkish Turn“ wahrnimmt. Dies würde bedeuten, dass die biografische Verwurzelung der Autoren in der Region ein entscheidendes Kriterium für den Begriff ist. Im zweiten, 2009 erschienenen Aufsatz widmet Previšić sich ausschließlich Handke und zeigt auf, wie dessen anthropologische Raumvorstellungen von Serbien dessen Kartographierung beeinflusst.*Vgl. ders. 2009b, S. 115 f. In diesem, wie auch in dem ersten, 2009 erschienenem Aufsatz wird die Frage nach Nähe und Distanz der Schreibenden zu dem beschriebenen Gebiet gestellt.*Vgl. ders. 2009a, S. 195–198.
2009 kommt neben einem weiteren, kürzeren Text von Jay Julian Rosellini*Jay Julian Rosellini: Die Literaten und die Auflösung Jugoslawiens. Noch einmal zu Handke und Gstrein, in: Glossen 29 (2009), im Folgenden abgekürzt: Rosellini 2009. die ausführliche Untersuchung Kurt Gritschs zur Rezeptionsgeschichte der Serbientexte Handkes heraus, die vor allem im Kapitel zur Rezeption Handkes in den Massenmedien behandelt wird (vgl. Abschnitt 3.1). Obwohl sie hauptsächlich einen Überblick zu den Zeitungsrezeptionen bietet, wird an mehreren Stellen deutlich, dass Gritsch Handke eher wohlgesonnen ist.*Vgl. Gritsch 2009, S. 187.
Erwähnung finden soll auch das Studienprojekt einiger Innsbrucker Studierenden, die unter der Leitung Martin Sexls eigenverantwortlich eine Aufsatzsammlung zum Thema Peter Handke und der Krieg veröffentlichten.*Vgl. Stefanie Denz/Dagmar Pirkl (Hg.): Peter Handke und der Krieg, Innsbruck 2009, S. 9, im Folgenden abgekürzt: Denz/Pirkl 2009. Es ist bis heute*Stand: März 2015. eine der wenigen Aufsatzsammlungen, die sich ausschließlich den Kriegstexten Peter Handkes widmen. Die Aufsätze sollen nicht einzeln besprochen werden, da sie durch die nicht abgeschlossene Ausbildung der Studierenden bedingt sehr stark im wissenschaftlichen Niveau schwanken. Das literarische Vorgehen Handkes wird jedoch verteidigt, wie am Vorwort Martin Sexls deutlich wird, der das Seminar leitete, in dessen Rahmen die Aufsatzsammlung entstand:
Die Tatsache, dass die LeserInnen zum Zeitpunkt des Erscheinens der Winterlichen Reise (1996) im Normalfall über die Jugoslawienkriege bereits gut informiert waren, lässt eine Aussparung der Kriegsereignisse auf jeden Fall als durchaus legitimes Verfahren erscheinen, auch wenn man aus einer Kriegsregion „berichtet“.*Denz/Pirkl 2009, S. 12.
Aus Innsbruck stammt auch ein weiterer Beitrag zu der Debatte, der deshalb ungewöhnlich ist, weil er sich von politikwissenschaftlicher Seite dem Literaturstreit annähert: Hermann Mitterhofers Monografie Die Evokation der Vergangenheit. Die deutschsprachige Presse und der Krieg in Bosnien. In ihr beschreibt er mit diskurstheoretischen Mitteln die Diskussion um Peter Handke. Er kritisiert dabei Handke, allerdings auch dessen Kritikerinnen und Kritiker; die Kritik an Handke überwiegt jedoch. Einer der Punkte, die er bereits in der Einleitung des Kapitels um Handke erwähnt, ist die Tatsache, dass der Schriftsteller mediale Diskurse als Realität zweiten Grades bewertet, was Mitterhofer zufolge allerdings nicht stimme; vielmehr seien mediale Diskurse als gleichwertige Realität zu betrachten.*Hermann Mitterhofer: Die Evokation der Vergangenheit. Die deutschsprachige Presse und der Krieg in Bosnien, Kröning 2010, S. 181, im Folgenden abgekürzt: Mitterhofer 2010.
Im Gegensatz zu den bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten zu den Jugoslawientexten teilt Mitterhofer Handkes Text nicht in zwei, sondern gleich in vier Ebenen ein, die er im Folgenden genauer bespricht: Die erste Strukturebene sei demnach die Infragestellung des Antagonismus, die zweite die der Trägerinnen und Träger des Diskurses, die dritte Strukturebene die Thematisierung der ideologischen Anrufung und die vierte die Rekonstitution des Antagonismus. Auf der ersten Strukturebene stellt Mitterhofer fest, dass der Text im Diskurs als Verleugnung von Verbrechen und Handke damit als Unterstützer der serbischen Seite konstruiert wurde.*Ebd., S. 188. Auf der zweiten Strukturebene diskutiere Handke die Rolle der Journalistinnen und Journalisten im Kriegsgeschehen und der Darstellung der beiden Seiten; als Folge auf diese Textpassagen würden in den journalistischen Reaktionen Gegensatzpaare wie Journalismus vs. Literatur und subjektiv vs. objektiv konstruiert werden.*Ebd., S. 191. Auf der dritten Strukturebene zeige Handke, wie durch vorherrschende Stereotype der Blick auf die Serben in der Berichterstattung bereits vorgeprägt sei.*Ebd., S. 193. Mitterhofers zentraler Kritikpunkt gilt jedoch der vierten Strukturebene – im Gegensatz zu den journalistischen Reaktionen, wie er selbst meint. Demnach konstruiere Handke ein Gegenbild der Serben, das ebenfalls von Ideologie durchzogen und damit wenig besser sei als das durch die Medien vermittelte Bild.*Vgl. ebd., S. 195. Besonders kritisch bewertet Mitterhofer dabei den Volksbegriff Handkes.*Vgl. ebd., S. 198.
2011 meldet sich der Bonner Literaturwissenschaftler Jürgen Brokoff in der Aufsatzsammlung Kriegsdiskurse in Literatur und Medien von 1989 bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts zu Wort. In diesem Werk finden sich zwei weitere Aufsätze, die sich mit Handke befassen: Martin Sexls Literatur und Bildkritik und Helena Messners Literarische Interventionen. Martin Sexl ist dabei, wie bereits erwähnt, ein Handke positiv gegenüberstehender Wissenschaftler, Helena Messner diesem gegenüber eher kritisch eingestellt. Insofern bildet die Aufsatzsammlung einen Einblick in unterschiedliche Positionen.
Brokoff listet dabei eine Vielzahl an Kritikpunkten an Peter Handke auf, die teilweise bereits aufgetaucht sind, teilweise jedoch eine neue Position einnehmen. Einer der Kritikpunkte, der so noch nicht auftauchte, ist, dass die Gegenüberstellung von journalistischer und literarischer Sprache nicht aufrecht zu erhalten sei.*Jürgen Brokoff: „Srebrenica – was für ein klangvolles Wort.“ Zur Problematik der poetischen Frage in Peter Handkes Texten zum Jugoslawien-Krieg, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 61–88, hier: S. 65, im Folgenden abgekürzt: Brokoff 2011.
Zudem hielte sich Handke von Kriegsschauplätzen fern, mutmaße aber dennoch darüber entgegen seiner eigenen Vorsätze, was dort geschehen sei.*Ebd., S. 66, 71. Diese Mutmaßungen seien jedoch laut Brokoff oft historisch nicht zu halten.*Vgl. ebd., S. 72–75. Die eigentliche Kritik des Wissenschaftlers zielt jedoch auf Handkes Sprache und nicht auf seine „vermeintlich naiven politischen Stellungnahmen“*Ebd., S. 86.. Er produziere nicht nur selbst Klischees über das serbische Volk und falle damit auf die serbische Propaganda herein,*Ebd., S. 71, 77. sondern bezweifle auch die Wahrheit des Berichteten und nehme damit den Opfern die Möglichkeit, sich selbst über das Geschehene zu äußern; damit spotte er über sie.*Ebd., S. 86.
In Martin Sexls Beitrag in der Aufsatzsammlung werden im Wesentlichen ähnliche Inhalte vermittelt wie in seiner zuvor erschienen Monografie Imagined wars.*Martin Sexl: Literatur als Bildkritik. Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 89–106, im Folgenden abgekürzt: Sexl 2011. Dies geht sogar so weit, dass die gleichen Zitate unterschiedlich arrangiert wiedergegeben werden.*Vgl. die Zitate aus Juan Goytisolos Roman Das Manuskript von Sarajevo in Sexl 2011, S. 103 f. und Sexl/Gisinger 2010, S. 158, oder der Verweis auf Claude Lanzmanns Bilderverbot, Sexl 2010, S. 155 f. bzw. Sexl 2011, S. 101. Die Bildkritik Handkes ist auch hier sein zentrales Anliegen. Er vergleicht das Vorgehen des Schriftstellers mit Claude Lanzmanns Forderung eines „Bilderverbots“, da es ihm nicht primär um vermittelte Informationen, sondern um Narration ginge.*Sexl 2011, S. 101 f. Handke beschäftige sich vielmehr mit dem „Nebendraußen“ – was auch legitim sei, da dem Leser zum Zeitpunkt des Erscheinens von Eine winterliche Reise die Fakten zu den postjugoslawischen Kriegen hinreichend bekannt gewesen waren.*Ebd., S. 104 f., vgl. dazu auch Sexl/Gisinger 2010, S. 41; die Information wird in Fußnote 41 wiedergegeben und ist fast Wort für Wort identisch.
Obwohl Sexl wie auch in der 2010 erschienenen Monografie offen für Kritik an Handke zu sein scheint, da er beispielsweise den „Mythos des Natürlichen“ des Autors als „problematisch“*Sexl 2011, S. 103. bezeichnet, verteidigt er dennoch den Autor gegenüber skeptischen Positionen.
Der Aufsatz der an der Universität Wien lehrenden Komparatistin Elena Messner, „Literarische Interventionen“ deutschsprachiger Autorinnen und Autoren im Kontext der Jugoslawienkriege der 1990er richtet sich, wie der Titel schon besagt, eher auf einen Überblick der dazu erschienenen Belletristik. Da Peter Handke jedoch der berühmteste Vertreter dieser sich zu dem Thema äußernden deutschsprachigen Autoren ist, wird er auch in Messners Aufsatz ausführlicher behandelt.*Dies erwähnt sie im Übrigen auch selbst. Vgl. Elena Messner: „Literarische Interventionen“ deutschsprachiger Autorinnen und Autoren im Kontext der Jugoslawienkriege der 1990er, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 107–118, hier: S. 108, im Folgenden abgekürzt: Messner 2011. Zu ihm, wie auch zu den meisten deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sie in ihrem Überblick anreißt, äußert sie sich generell kritisch:
Die wiederholt aufgesuchte Nähe, die etwa Handke durch seine Reisebeschreibungen herzustellen versucht, entpuppt sich als übermäßige Verzerrung der von ihm wiedergegebenen Nahaufnahme bzw. „Augenzeugenschaft“, vergleichbar mit dem gern zitierten Vergleich des Mikroskops, unter dem die Dinge ihre Form verlieren, weil man sie aus zu großer Nähe betrachtet.*Ebd., S. 115.
Auch stellt Messner Fragen zu Spezifika des österreichischen und deutschen wissenschaftlichen Blickes, der im abschließenden Teil dieses Unterkapitels aufgegriffen wird.
Jean Bertrand Miguoué publiziert 2012 in Innsbruck seine Arbeit, die eine der wenigen Monografien in der Erforschung der Handkeschen Jugoslawientexte darstellt. Hinter allen Jugoslawientexten des Autors steht für ihn die Frage nach dem Umgang des Poeten mit der Wirklichkeit.*Miguoué 2012, S. 19. Auch die Textrezeption steht im Vordergrund in Miguoués Untersuchung: Er vertritt die These, dass der Text durch die Medien „gewandert“ sei und somit unterschiedliche Leserschichten anspreche.*Ebd., S. 76 f. Dabei geht er stark von einem aktiv handelnden schreibenden Subjekt aus, das sehr genau bestimmt, welche Beobachtungen aufgeschrieben werden und welche nicht:
Im Prozess der Textproduktion erschafft das schreibende Subjekt schon architextuelle Äußerungen über sein eigenes Sprachgebilde, indem es deutlich sagt, was für einen Text es schreibt und wie er gelesen werden soll. Dadurch wird auch klar, dass das schreibende Subjekt nicht nur einen Text produziert, sondern auch einen metatextuellen und interpretatorischen Diskurs über den eigenen Text kreiert.*Ebd., S. 126.
Kurz darauf widerspricht Miguoué dieser Argumentation, die in Richtung eines sehr aktiven Schreibenden mit einem autonomen Blick weist, scheinbar wieder, in dem er feststellt, dass der Blick, den das Ich hat, stark durch die beiden einheimischen Vermittler geprägt ist.*Ebd., S. 131. Diese Vermittler nehmen im Übrigen eine ähnliche Rolle ein, wie es etwa auch die Stringer, also einheimische Kontaktpersonen, für Kriegsreporter tun. Dass dies wohl vornehmlich eine Inszenierungsstrategie Handkes ist, erwähnt Miguoué mit keinem Wort. Obwohl Miguoué dessen Vorgehen aus einer ästhetischen Perspektive heraus verteidigt*Vgl. Ebd., S. 179, S. 242., übt er Kritik daran, da die Wirkungsmächtigkeit des Textes außerhalb des werkimmanenten Kosmos gering bleibt. Dies zeigt sich vor allem in Hinblick auf die in Eine winterliche Reise ausgedrückte Intention, ein Friedenstext zu sein.*Vgl. Ebd., S. 264 f.
Zuletzt ist 2013 Daniela Finzis Dissertation Unterwegs zum Anderen? erschienen, die ebenfalls auf Basis der Theorien zum Balkanismus ausgewählte deutschsprachige Texte untersucht, nämlich die von Peter Handke, Juli Zeh, Norbert Gstrein, Saša Stanišić und Anna Kim.*Vgl. Finzi 2013. Neben einem anderen methodischen Vorgehen und dem stärkeren Fokus auf Theorien ist es dabei vor allem die reduzierte Textauswahl, die diese Arbeit von der hier vorliegenden unterscheidet. Zudem kommt Finzi zu einem anderen Ergebnis im Fall Handkes, wie im Abschnitt zum Balkanismus in den Werken des Autors noch ersichtlich werden wird.
Fazit zur wissenschaftlichen Handke-Rezeption
Die wissenschaftliche Rezeption von Handke hat sich im Laufe der Jahre merklich verändert. Versuchten die ersten Aufsätze von Lothar Bluhm und Jürgen Daiber noch mehrere Aspekte der frühen Jugoslawientexte Handkes zu besprechen, wurde die Themenwahl der wissenschaftlichen Aufsätze im Laufe der Zeit spezifischer. Eingehendere Betrachtung fand vor allem die Poetologie Handkes, die angesichts der politischen Brisanz der Texte in den ersten Jahren nach der Erscheinung von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag eine untergeordnete Rolle spielte. Hier fanden zahlreiche Ausdifferenzierungen statt: Eines der bevorzugten Themen wurde Handkes Volksbegriff.*Vgl. Parry 2003, Lacko Vidulić 2007, Mitterhofer 2010.
Aber auch neue Aspekte von Handkes Poetologie wurden in den späteren Aufsätzen erschlossen, wie beispielsweise der Kunstdiskurs*Vgl. Parry 2003., die religiöse Bedeutungsschicht der Texte*Vgl. Düwell 2006. oder – sehr ausführlich – seine Wahrnehmungspoetik.*Vgl. Thomas 2007. Mithilfe von Theorien, die aus anderen Feldern wie beispielsweise der Politikwissenschaft stammen, wurden Handkes Texte unter neuen Aspekten betrachtet: Karoline von Oppens Aufsatz von 2006 arbeitet mit Todorovas Balkanismus-Definition und Anne Lindner beschäftigt sich 2007 mit dem Einfluss von linken Theoretikern auf Handkes Texte. Der wissenschaft-liche Diskurs referierte demnach weniger ausführlich auf die Handke-Kontroverse als in den Anfangsjahren, sondern widmete sich vielmehr inhaltlichen Fragen. Ungeklärt und kontrovers diskutiert bleibt jedoch weiterhin die politische Einstellung des Autors sowie die Richtigkeit seines Handelns – gerade in den Jahren zwischen 1999 und 2003 – stellt sich diese Frage in den Aufsätzen immer wieder, wohl, weil sich abzeichnet, dass der Autor sich weiterhin massiv für die serbische Seite im Krieg einsetzt.*Vgl. Wagner 1999, Konzett 2000, Parry 2003. Ein neu hinzukommendes Thema, das sicherlich auch weiterhin einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird, ist die zusammenfassende Betrachtung der journalistischen Rezeption von Handkes Jugoslawientexten, insbesondere von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag. Bislang wurde dies im deutschsprachigen,*Vgl. Gritsch 2003, 2009. dem niederländischen*Vgl. Decloedt 2004. und dem kroatischen und serbischen Raum*Vgl. Lacko Vidulić 2007, 2008. vorgenommen.
Zu Beginn der wissenschaftlichen Handke-Rezeption äußerten sich viele Forschende kritisch; es zeigte sich, dass auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über eine adäquate Darstellungsweise der Kriege nachdenken und bei ihrer Beurteilung der Serbientexte Handkes durchaus einen moralisch-ethischen Blick auf diese Frage haben. Unentschiedene Meinungsäußerungen nahmen erst in der späteren Rezeption zu, ebenso positive. Die Abkehr vom politischen hin zu einem poetischen Diskurs sorgt dafür, dass solche unentschiedenen Stimmen nun stärker vertreten sind. Die meisten der positiven Stimmen kommen indes aus Österreich – bis auf Hermann Mitterhofer und Daniela Finzi stehen alle der hier vorgestellten österreichischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Handke positiv gegenüber. Eine Art Schule scheint sich hierbei um den Innsbrucker Literaturprofessor Martin Sexl gebildet zu haben, dessen Meinung in Österreich prägend ist. Hier zeigt sich der Wille der österreichischen Literaturwissenschaft, eine Art österreichische Literaturgeschichtsschreibung zu etablieren. Dabei einen äußerst kontroversen Diskurs von vorneherein so unkritisch zu sehen, allein, weil es sich um einen österreichischen Schriftsteller handelt, halte ich jedoch für den falschen Weg. Wie sieht es allerdings mit den skandinavischen Beiträgen aus? Auch hier gibt es Vernetzungen: So gehen die Aufsätze von Christoph Parry (2000) und Alva Meier (2002) wohl auf die gleiche Konferenz zurück, die 1999 in Umeå stattfand. Beide vertreten kritische Ansichten zu Handke. Die Aufsätze des Serben Savica Toma und des Kroaten Svjetlan Lacko Vidulić sind dagegen unentschieden gehalten, obwohl ihnen die kritische Haltung zu Handke durchaus anzumerken ist – dies ist nicht unbedingt selbstverständlich angesichts der Handke-Debatte in den Heimatländern der beiden Wissenschaftler. Bei einem anderen Forscher, nämlich dem in den USA lehrenden Matthias Konzett, ist die Abgrenzung vom angloamerikanischen Diskurs der Jugoslawienkriege hingegen weniger deutlich. Er bezieht keinerlei neuere Forschungsliteratur in seine Analyse von Handkes Jugoslawientexten ein und seine negative Haltung scheint mir stark von dem generellen Serbienbild geprägt zu sein, das in amerikanischen Medien vorherrschend war, da sein Aufsatz politisch äußerst stark wertet.
Wie schon geschrieben wurde, verändern sich die Interessensgebiete der Autorinnen und Autoren im Laufe der Jahre. Die Aufsätze werden spezifischer, weniger polemisch, rezipieren die vorangegangene Literatur und gewinnen damit an Qualität. Bleibt dieser Reflexionsprozess aus, so wird dies leider auch am Inhalt der Aufsätze deutlich – sie wiederholen dann bereits vorangegangene Erklärungsmuster wie etwa, die Texte mit Hilfe der Biografie des Autors erschließen zu wollen.*Vgl. hierzu beispielsweise Parry 2000 und Daiber 1997. Parry hat eine ähnliche Herangehensweise wie Daiber, lässt dies jedoch in seinem Aufsatz unerwähnt. Dennoch muss betont werden, dass Parry in seinem Aufsatz von 2000 durchaus eine neue Herangehensweise in die Diskussion mit einbringt – sein Konzept von den verschiedenen Ebenen, auf denen ein Autor sich bewegt, ist so noch nicht auf die frühen Jugoslawientexte von Handke bezogen worden. Vgl. Parry 2000, S. 117. Ein weiteres Beispiel für die fehlende Rezeption von bereits erschienener Sekundärliteratur ist Joanna Dryndas Aufsatz aus der 2007 erschienenen Sammlung Information Warfare.
Dass Martin Sexls und Arno Gisingers Publikationen aufgrund ihrer unkritischen Betrachtungsweise gegenüber Handke zum Teil problematisch sind, wurde bereits angedeutet. Im vorherigen Unterkapitel wurde bereits die partielle Ähnlichkeit zwischen Sexls Aufsatz 2011, der im Gansel/Kaulen-Sammelband veröffentlicht wurde, und seiner Monografie mit Arno Gisinger zusammen von 2010 herausgestellt. Ob es sich hier schon um ein Eigenplagiat handelt, wie im Zuge der immer wieder aufflammenden Diskussionen um (von sich selbst) abgeschriebene Doktorarbeiten argumentiert werden könnte,*Vgl. beispielsweise Oliver Trenkamp: Darf ich bei mir selbst abschreiben? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium /plagiatsaffaeren-was-ist-ein-eigenplagiat-a-876819.html (Stand: 23.12.2016). sei dahingestellt, die Tatsache, dass Sexl seine zuvor erschienene Monografie mit keinem Wort in einer Fußnote erwähnt, ist jedoch mindestens akademisch unredlich.
Neue Zugänge, die auf ausführlicher Literaturrecherche fußen, bieten hingegen die Aufsätze von Toma Savica und Svjetlan Lacko Vidulić. Elena Messners Beitrag in der Aufsatzsammlung von Gansel und Kaulen bietet einen Überblick über die aktuelle Forschungslage sowie einen Einstieg zu möglichen Forschungsfragestellungen. Bei einem älteren Aufsatz, nämlich dem von Ulrich Breuer aus dem Jahr 2001, ist die Untersuchung der Spiegelung von Eine winterliche Reise an Emir Kusturicas Film Underground (der auch in dem Buch erwähnt wird) aufschlussreich.*Vgl. Breuer 2001, S. 293. Auch Hermann Mitterhofers Monografie ermöglicht dank der Ebenentheorie eine detailliertere Aufschlüsselung der Texte als bisher geschehen. Allerdings ist Mitterhofer kein Literaturwissenschaftler und bezieht daher weder die Textsorte ein, die Handke wählt, noch problematisiert er die Poetik Handkes.
Motive und Themen Peter Handkes im Werkkontext
„Ich bin nur kritisierbar innerhalb der Idee, die ich von mir selber habe“*Peter Handke: Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977), Frankfurt a. M. 1979, S. 175, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WEL. – so lautet bereits 1977 eine kurze Notiz in Peter Handkes Journal Das Gewicht der Welt. Insofern ist es nur konsequent, dass Handke-Kenner wie Lothar Bluhm gleich zu Beginn der Debatte versucht haben, die Bücher in ihren Werkkontext zu stellen.*Vgl. Bluhm 1998. Auch Karl Wagner stellt in seiner Monografie fest:
Wer mit Handkes bisherigem Werk vertraut war, konnte von seinem jüngsten Text [gemeint ist hauptsächlich Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag, Anm. der Verf. dieser Dissertation] keinesfalls so überrascht worden sein, wie die Berichterstatter vorgaben, es zu sein.*Karl Wagner: Weiter im Blues. Studien und Texte zu Peter Handke, Bonn 2010, S. 118, im Folgenden abgekürzt: Wagner 2010.
Nachdem die Serbientexte bislang rezeptionsanalytisch betrachtet wurden, also ein Augenmerk auf ihrer Wirkung lag, soll in den letzten zwei Unterkapiteln über Handke der Blickwinkel geändert und der Inhalt der Texte betrachtet werden. Diesen Inhalt möglichst vollständig zu analysieren erscheint mir nur in Bezug auf das Gesamtoeuvre des Autors möglich. Zu diesem zähle ich außer vor und nach der Debatte erschienene Primärliteratur von Peter Handke ebenso paratextuelle Äußerungen, die z. B. während Interviews entstanden. Die tatsächliche Idee, die der Schriftsteller von sich selbst hatte, dabei herauszufinden, maße ich mir ebenso wenig an, wie das Rad neu zu erfinden – es gibt bereits gute Überblickswerke*Vgl. beispielsweise den bereits zitierten Wagner 2010 oder Gottwald/Freinschlag 2009, deren Handke-Glossar einen guten Überblick über zentrale Schlagworte in Handkes Schreiben gibt. sowie einige Monografien*Vgl. z. B. Sebastian Hafner, der sich mit dem Komplex Slowenien in Handkes Werk beschäftigt: Ebd.: Peter Handke. Unterwegs ins Neunte Land, Wien 2009, im Folgenden abgekürzt: Hafner 2009. Vgl. weiterhin das bereits erwähnte Werk von Katja Thomas, die über die spezifische Wahrnehmungspoetik bei Peter Handke und Juli Zeh im Kontext der postjugoslawischen Kriege schreibt (Thomas 2007)., die sich Hauptthemen des Autors ausführlich widmen. Trotzdem erscheint es im Rahmen dieser Untersuchung ratsam, zentrale Motivkomplexe Handkes noch einmal in Erinnerung zu rufen und neu miteinander zu verknüpfen. Dabei werden jedoch in Hinblick auf das Ziel dieser Dissertation die Aspekte von Handkes Schreiben, die für den Jugoslawiendiskurs keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen, ausgeblendet. Ein Beispiel für einen solchen Aspekt wäre das Doppelgängermotiv oder die Wiederholung. Ein anderes Detail, das gerade im jüngsten Werk von Bedeutung ist, nämlich die Imagination eines Ideallesers, möchte ich hingegen aufgreifen. Es erscheint mir eine Konsequenz des Autors aus der bislang geführten Debatte zu sein – weshalb ich dieses Urteil treffe, möchte ich in dem betreffenden Abschnitt darlegen.
Die wissenschaftliche Kommentierung, die oben bereits ausführlich vorgestellt wurde, soll auch hier ihren Platz finden, soweit es passend erscheint; ich versuche jedoch, hauptsächlich aus den verschiedenen Primärtexten heraus zu argumentieren. Im Gegensatz zum vorangegangenen Unterkapitel erhebe ich keinen Anspruch, das umfassende Werk Handkes vollständig in meine Überlegungen miteinzubeziehen – Peter Handke ist ein Autor, der seine Texte selbst leitmotivisch verknüpft, was es im Umkehrschluss möglich macht, auch bei einer Werkauswahl zentrale Themen zu bestimmen. Durch diese starke Verschränkung untereinander kann es sein, dass ich mich bei Stichpunkten wiederhole oder auf sie verweise, während ich einen anderen Themenkomplex behandle – es wird dabei nicht weiter auf den Verweis eingegangen werden, dieser wird aber der Einfachheit halber fett markiert, um ein leichteres Nachschlagen in den betreffenden Abschnitt der Arbeit zu gewährleisten. Ob Peter Handke tatsächlich nur innerhalb seiner eigenen Idee kritisierbar bleiben soll, sei dahingestellt; eine Bewertung dieser Position soll abschließend im Fazit folgen.
Der Raum: Reisen als „Gegenwartsammeln“
Unter den Begriff „Raum“ fallen bei Peter Handke einige Schlagwörter, unter denen die wichtigsten wohl Schwelle/Grenze, Reisen – im Gegenpol dazu die Heimat – und die berühmten „Zwischenräume“ sind, die über kurz oder lang wohl in jedem von Handkes Werken präsent sind. Wie an diesen Stichwörtern schon erkennbar, muss der Raum in der Bewegung durchmessen, nahezu abgeschritten werden, weshalb Herwig Gottwald und Andreas Freinschlag auch feststellen, dass „das Reisemodell [...] ein Grundmodell vieler Werke“*Gottwald/Freinschlag 2009, S. 10. Handkes sei. Aber sind diese Werke damit auch Reiseberichte im klassischen Sinn oder doch eher Reiseromane? Barbara Korte schreibt dazu in ihrer 1996 erschienenen Studie Der englische Reisebericht:
Wie kaum eine andere Textart ist der Reisebericht durch die Begegnung eines Subjekts mit Welt definiert, wobei diese Welt in fremden Ländern ebenso wie im eigenen Land bestehen kann.*Korte 1996, S. 9.
Sie gibt dabei im Folgenden zu, dass dies eine reichlich offene Definition des Reiseberichts ist, deren Offenheit und fehlende Abgrenzung zu anderen Textsorten jedoch gleichzeitig auch der Gattung immanent sei:
Grenzüberschreitungen zum Essay, zum Brief, zur Reportage, Skizze, Anekdote oder Abhandlung sind mannigfaltig, und gelegentlich stößt man in Reiseberichten sogar auf Gedichteinlagen.*Ebd., S. 13.
Narrativität sei ein wichtiges Kriterium für Reiseberichte, ebenso wie Nicht-Fiktionalität (oder zumindest der Anschein danach) und eine autobiografische Erzählweise, wobei der Erzähler nicht dem realen Autor entsprechen muss.*Ebd., S. 14, 17. Wie nah Autobiografie und autobiografisches Erzählen bzw. der autobiografische Roman miteinander verknüpft ist, betont auch Günter Niggl: „Die Autobiographie bleibt aufgrund der doppelten Identität ihres Autors mit dem Helden u. dem Erzähler der Lebensgeschichte an die textexterne Realität gebunden, verharrt also prinzipiell auf der Ebene der nicht-fiktionalen Literatur; der autobiographische Roman dagegen übernimmt von der Autobiographie nur die Identität des Helden mit dem Erzähler, dehnt sie aber nicht auf seinen Autor aus, weshalb er die fiktionale Ebene auch dann nicht verläßt, wenn er Elemente aus dem realen Leben des Autors […]verwertet, da er alle diese Stoffe in den poetischen Raum seiner Geschichte aufhebt.“ Günter Niggl: Autobiographie, in: Volker Meid (Hg.): Sachlexikon Literatur. München 2000, S. 59–65, hier: S. 59 f. Vgl. dazu auch Abschnitt 2.2.5, S. 45–51, dieser Arbeit. Damit fallen zumindest einige Werke Handkes wie etwa Die Wiederholung*Peter Handke: Die Wiederholung, Frankfurt a. M. 1986, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WH.Peter Handke: Die Wiederholung, Frankfurt a. M. 1986, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WH., in der Filip Kobal als Alter ego Handkes nach Slowenien reist oder Die morawische Nacht*Peter Handke: Die morawische Nacht, Frankfurt a. M. 2008, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: MN., in der es eine nicht namentlich spezifizierte Autor-Figur gibt, in die Kategorie der Reiseromane*Der Reiseroman wird zumindest im Handbuch der literarischen Gattungen als eine „Gattungsspielart[…]“ der übergeordneten Reiseliteratur bezeichnet, Fuchs 2009, S. 594. Auch die „ästhetischen“ Reiseberichte, wie hier die literarischen Reiseberichte genannt werden, sind insofern nur als Unterpunkt dieser übergeordneten Bezeichnung zu verstehen., während Texte wie Eine winterliche Reise samt ihres Sommerlichen Nachtrags eher zu den literarischen Reiseberichten gerechnet werden können. Sie stehen dabei keinesfalls gattungstechnisch zwischen Literatur und Journalismus, wie etwa Jean Bertrand Miguoué argumentiert,*Vgl. Miguoué 2012, S. 79. sondern spielen mit der gattungsimmanenten Hybridität. Gestern unterwegs*Peter Handke: Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990, Wien 2005, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: GU. ist eher im notizenhaften Journalstil von Das Gewicht der Welt gehalten und hält damit zumindest Kortes Kriterium der Narrativität nicht stand. Als Bezeichnungen für die Texte erfindet der Autor im Übrigen auffällig häufig Gattungen, wie es etwa bei der Reihe der „Versuche“*Bislang sind folgende kürzere Texte mit diesem Namen erschienen: Versuch über die Müdigkeit, 1989, Versuch über die Jukebox, 1990, Versuch über den geglückten Tag, 1991, Versuch über den Stillen Ort, 2012, Versuch über den Pilznarren, 2013. Sie eint eine spezifische Betrachtung von einem Thema. Die Serialität, die hier geschaffen wird, findet sich auch in anderen Texten wie etwa in Eine winterliche Reise und dem Sommerlichen Nachtrag. der Fall ist, oder verwendet diese in einem irreführenden Kontext: So ist Die morawische Nacht mit 561 Seiten wohl kaum mehr als Erzählung zu benennen, wie der Paratext suggeriert. Zum einen ist diese Herangehensweise sicherlich poetologisch begründbar: Ulrich Dronske bezeichnet gerade Eine winterliche Reise wie auch Sommerlicher Nachtrag als „Schwellentexte“*Dronske 1997, S. 73., die den Anspruch, die Grenzen zwischen fiktiven und faktischen Elementen verschwimmen zu lassen, in das Spiel mit den Gattungen einbeziehen. Zum anderen kann man aber auch von „Schutzbezeichnungen“*So geäußert auf einem deutsch-ukrainischen Forschungskolloqium am 13./14.09.2014 in Truskavets (Ukraine). sprechen, wie es etwa Dirk Niefanger tut: Etwaige Authentizitätsansprüche sollen durch die originären Bezeichnungen entkräftet werden. Dabei finden sich Authentizitätsmerkmale wie die Angaben von realen Personen und Orten sowie das häufige Setzen von Orts- und/ oder Datumsangaben an den Schluss oder Anfang der Texte. Selbst in einem Roman wie Die morawische Nacht wird mit der Datumsangabe am Ende des Buches ein solcher widersprüchlicher Authentizitätsmarker gesetzt (MN, S. 561). Auch bei den beiden genannten Kerntexten dieser Arbeit ist dies der Fall (vgl. WR, S. 135, SN, S. 92). Beispiele für weitere, mit diesen Authentizitätsmarkern ausgestattete Texte sind Das Gewicht der Welt, in dem die Datumsangabe sogar als Untertitel auf dem Cover prangt, und Gestern unterwegs, in dem Ort und Datum unter jeden der kurzen Texte gesetzt wurden, samt dem Vorwort aus dem Jahr 2005, in dem Peter Handke mit seinem Kürzel die aufgeschriebenen Beobachtungen gewissermaßen „verifiziert“. Diese Verifikation kann nach Philippe Lejeune „autobiografischer Pakt“*Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt, in: Günter Niggl (Hg.): Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, 2., um ein Nachw. zur Neuausg. und einen bibliogr. Nachtr. erg. Aufl., Darmstadt 1998, S. 214–257, hier: S. 231 f.; eine ähnliche Vorgehensweise findet sich z. B. auch als Vorbemerkung zu Unter Tränen fragend. genannt werden, der dazu dient, deutlich zu machen, dass Erzähler, Autor und Protagonist identisch sind. Es zeichnet das Geschriebene zunächst einmal als „Wirklichkeitserzählung“ aus, wie sie Christian Klein und Matías Martínez charakterisieren.*Vgl. Klein/Martínez 2009, S. 3. Antonius Weixler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Authentizitätspakt“*Weixler 2012, S. 23. Er verwendet diesen Begriff in Anlehnung an Matthias Bandtel in demselben Band. Vgl. ders.: Authentizität in der politischen Kommunikation. Mediale Inszenierungsstrategien und authentifizierende Selbstdarstellungspraktiken politischer Akteure, in: Weixler 2012, S. 213–236, hier: S. 215., der mehr die Zuschreibungsebene der Rezipierenden in den Vordergrund stellt. Insofern wird der Name „Peter Handke“ in Bezug auf diese Texte im Folgenden auch im Sinne des Erzählers oder Protagonisten verwendet, auch wenn dabei die Inszenierung der Authentizität implizit mitbedacht werden soll.
Diese Betonung von der Wahrhaftigkeit des Geschriebenen, die sich zumindest in Form von genauen Zeitangaben auch in Die Geschichte des Dragoljub Milanović*Peter Handke: Die Geschichte des Dragoljub Milanović, Salzburg und Wien 2011, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: DM. oder in Die Kuckucke von Velika Hoča*Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoča. Eine Nachschrift, Frankfurt a. M. 2009, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: VH. findet, korreliert trotz der Zeitungskritik des Autors mit einer dazu im Widerspruch stehenden Nachahmung bestimmter Schreibweisen des Journalismus. Dass der Autor die beschriebenen Reisen tatsächlich gemacht hat, lässt sich zudem an paratextuellen Äußerungen wie Interviews feststellen. So sagt er im Gespräch mit Michael Kerbler, dass er seit der Reise Ende der 80er, die in Gestern unterwegs festgehalten wird, keine längere Reise mehr gemacht habe.*Peter Handke: „…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen.“ Peter Handke im Interview mit Michael Kerbler, Klagenfurt u. a. 2007, S. 15 f., im Folgenden im Haupttext abgekürzt: MNS. In Hinblick auf das moderne Reisen zeigt sich Handke in diesem Interview skeptisch. Eines der Probleme sei, dass es heutzutage zu einfach sei zu reisen, es zu viele Touristen gäbe (MNS, S. 33). Diese Aussagen überraschen angesichts einer postmodernen Tendenz in der Reiseliteratur, mit dem Status des Touristen eher spielerisch umzugehen und zu akzeptieren, dass kein authentisches Erleben in diesem Zustand möglich ist.*Chris Rojek: Ways of escape. Modern transformation in leisure and travel, Lanham (Maryland, USA) 1994, S. 177. Vgl. auch. Biernat 2004, S. 191. Juli Zeh beispielsweise ist diesem „postmodernen“ Gefühl in ihrem Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch beispielsweise deutlich näher, ebenso Thomas Glavinic in Unterwegs im Namen des Herrn. Ebd., München 2011. Vgl. zu Zeh auch Thomas 2007, S. 48 f. Handke dagegen steht dabei mehr in einer Tradition des 20. Jahrhunderts, in dem der Tourismus den Gegenentwurf zu einer „echten“ Reise darstellt.*Korte 1996, S. 181. Beweggründe für die Reise sind bei Handke oft Flucht oder Vatersuche (vgl. MN, S. 38 f., S. 305) und natürlich die Heimat- oder generelle Identitätssuche wie in Die Wiederholung. Dabei kann die Heimat durchaus im Unterwegssein bestehen (vgl. MNS, S. 16). Das Unterwegssein, das Reisen, stellt eine Art „Gegenwartslehre; Gegenwartsammeln“ (GU, S. 259) dar, für die sich Zeit gelassen werden muss, für Um- und Abwege und das Mäandern (MN, S. 208).
Dem Spazieren als Bewegung, die kein Ziel kennt, korrespondiert ein Schreiben, dessen Prinzip Absichtslosigkeit ist.*Wagner 2010, S. 64.
Diese Verfahrensweise gleicht im Übrigen der Theorie moderner Kreativitätsforscher wie Wolfgang Welsch, die erkannt haben, dass zielgerichtetes Handeln oftmals dem Entstehen von Kunst hinderlich sein kann.*Vgl. Wolfgang Welsch: Kreativität durch Zufall. Das große Vorbild der Evolution und einige künstlerische Parallelen, in: Günter Abel (Hg.): Kreativität. XX. Deutscher Kongreß für Philosophie. 26.–30. September 2005 an der Technischen Universität Berlin. Kolloquienbeiträge, Hamburg 2006, S. 1185–1210, hier: S. 1185.
Das Zufällige spielt auch in Peter Handkes Wahrnehmungs- und Schreibweise eine große Rolle, auch oder gerade weil sie modernen Tendenzen hin zu Effizienz und Ziel-orientierung fundamental widerspricht. Das abweichende Reisen führt den Reisenden oft an Grenz- oder Schwellenbereiche, die, wie in der Morawischen Nacht betont wird, die Reise im schlimmsten Fall gefährden können (MN, S. 208). Mehr noch: Im Grunde werden diese Grenzbereiche bewusst aufgesucht, sind der Figur gleichsam in ihren Namen eingeschrieben. So heißt Kobal, der Nachname des Erzählers in Die Wiederholung laut dessen Vater „Grenznatur“, wobei er erklärend hinzufügt: „Eine Grenznatur, das ist eine Randexistenz, doch keine Randfigur!“ (WH, S. 235)*Im Gespräch mit Herbert Kamper variiert Handke eben diesen Ausspruch in Bezug auf den Schriftsteller: „Also ich betrachte mich als Schriftsteller nicht als Randfigur, aber als Grenznatur.“ Vgl. Peter Handke: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Ein Gespräch, geführt von Herbert Gamper, Zürich 1987, S. 164, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: ZR. Diese nahezu wortwörtliche Übereinstimmung hängt sicherlich mit der zeitlichen Nähe der Entstehung des Interviews und des epischen Romans zusammen; doch illustrieren diese beiden Zitate sehr deutlich, wie sehr Handkes Selbstverständnis (oder vielmehr Selbstinszenierung) in seine Romane hineinwirkt und umgekehrt, wie untrennbar verknüpft seine Selbstdarstellung mit seiner Figurenzeichnung ist und deren Verständnis von der Welt. Handke ist in diesem Sinne tatsächlich ganz von der romantischen Vorstellung der Universalpoesie durchdrungen.. Diese Stelle ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, findet die Erklärung doch genau an der Grenze zwischen Jugoslawien und Österreich statt, ein Faktum, das auf die biografische Verbundenheit des Autors Handke zur Grenzregion Kärnten verweist. Handke selbst spricht von einem „Grenzlandbewusstsein“*„Nackter, blinder, blöder Wahnsinn“: Peter Handke im Gespräch mit Wolfgang Reiter und Christian Seiler, in: Deichmann 1999, S. 147–156, hier: S. 150, im Folgenden abgekürzt: Reiter/Seiler in Deichmann 1999. in dieser Region. Ob es dafür tatsächlich ein kollektives Bewusstsein in der Gegend gibt, lässt sich hinterfragen – klar ist jedoch, dass die metaphorische Verwendung von „Balkan“ als „Grenzbegriff“*Močnik 2002, S. 96. in Handkes Poetologie Einzug findet.
Doch zurück zum Wortlaut des Zitats: Hier wird deutlich, dass die Ränder nicht im Sinne einer Marginalisierung zu verstehen sind. Im Gegenteil bieten sie die Möglichkeit der noch nicht mit Sinn besetzten Räume,*Vgl. Wagner 2010, S. 109, 302. was ebenfalls für Handkes Wortding-Theorie von Bedeutung ist. So suchen die Protagonisten bei Handke bewusst nicht das Zentrum, sondern den Rand; in der Morawischen Nacht will der Schriftsteller beispielsweise bei seiner Ankunft in Wien gar nicht erst in die inneren Bezirke vordringen (vgl. MN, S. 316).
Handke ist, wie Wagner im Gespräch mit Klaus Nüchtern zum Ende seiner Monografie herausarbeitet, eine Art Chronist der Stadtränder, was besonders auffiele in seinem Umgang mit Paris, das Walter Benjamin zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts erklärt hatte.*Vgl. ebd., S. 300. Schon 1987 deutet Handke im Gespräch mit Herbert Gamper an, warum das so ist: Weil Grenzgebiete und Stadtränder Orte sind, an denen Leere zu finden ist – eine Leere, die im Übrigen im Handkeschen Sinne nichts mit „Menschenleere“, also dem kompletten Rückzug aus der Zivilisation zu tun hat. Diese Leere sei der Beginn von allem (vgl. ZR, S. 113). Die Leere ist zu verstehen als „Möglichkeitsraum, [als] Projektionsraum, wo sich Mögliches abzeichnet“ (ZR, S. 115). Diese Orte sind, um im Sprachgebrauch Wagners zu bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes „sinn-los“ und bieten die Möglichkeit, sie mit Sinn zu erfüllen.
Eine weitere Konnotation der Schwellen und Ränder in Handkes Werk beschreiben Gottwald und Freinschlag. Sie deuten die Ränder als „quasi-magische[...] Orte“, in denen sich die Epiphanien in Handkes Werk abspielen, die mit dem Zeit-Begriff bei ihm eng verknüpft sind*Gottwald/Freinschlag 2009, S. 60.: „‚Randerscheinung‘: schöner (treffender) Ausdruck“ (GU, S. 441). Mythologisch können sie als Übergang zwischen zwei Lebensphasen gedeutet werden; auch zeugten sie von dem Versuch Handkes, die Verzauberung der Welt in die Moderne (Literatur) hinüberzuretten.*Ebd. Ein solches Schwellengebiet in der französischen Hauptstadt findet sich in Handkes Werk Mein Jahr in der Niemandsbucht*Das Buch ist bereits 1994 erschienen, in dieser Arbeit wird jedoch aus der 2007 veröffentlichten Taschenbuchausgabe zitiert: Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt a. M. 2007 (suhrkamp taschenbuch, 3887), im Folgenden im Haupttext abgekürzt: NB., in dem wichtige Motive im mäanderndem Schreibstil des Autors fühlbar gemacht werden ohne diese konkret zu benennen: Es wird deutlich, dass die „Niemandsbucht“ in ihrer Achronologie durch einen Krieg, den es nie gegeben hat und durch ein Jahr, das eigentlich viel länger gewesen sein müsste, zu dem Ort wird, in dem die Dinge ihre Gegenständlichkeit wiedergewinnen. Die Wirklichkeit der Dinge wird durch die eingenommene Grenzperspektive erneut erkennbar, das eigene Selbst wird spürbar. Evoziert wird ein Zur-Ruhe-kommen, ein „In-[s]ich-Einrasten“ findet statt (NB, S. 197 f.). Dieses Einrasten bezieht sich auch auf die Muttersprache – bei Handke ist das Leben im Grenzraum die eigentliche Heimat, im Übergang von einem zum anderen Stadium kann Geborgenheit gefunden werden.
Die Zeit-losigkeit der beschriebenen „Niemandsbucht“ äußert sich unter anderem in der Abwesenheit der Reporter; niemals fänden sich in der Zeitung Neuigkeiten aus der Niemandsbucht (NB, S. 554).*Vgl. auch den Abschnitt zur Zeitungskritik im Werk Handkes. Die andere Zeit in der Niemandsbucht ist ebenfalls durch die Vermischung von fiktiven und faktischen, biografischen Elementen wie intertextuellen Komponenten gegeben: Es ist allgemein bekannt, dass Handke tatsächlich in einem Vorort von Paris wohnt. Biografische Elemente finden sich auch in den Geschichten der zahlreichen Nebenfiguren des Romans versteckt: Der Architekt fände beispielsweise die Ideen für seine Bauwerke in seiner Kindheitslandschaft, einem Grenzland, dem Karst (NB, S. 347) – der Region, in der Handke aufgewachsen ist.*Der Karst als intertextueller Verweis taucht auch in Das Handwerk des Tötens von Norbert Gstrein auf. Damit widerspreche ich Alma Kalinski in ihrem Aufsatz zu diesem Roman, in dem sie den Karst als von Symbolismen unbesetzten Raum skizziert – im Gegenteil, er ist durch die Verknüpfung mit Handke enorm bedeutungsgeladen. Vgl dies.: Zwischen Europa und Balkan. Das Spiel mit Auto- und Heterostereotypen über Kroaten und Kroatien in Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft –Differenz, 12), S. 231–243, im Folgenden abgekürzt: Kalinski 2008. Bei anderen Textstellen weiß man wiederum nicht, ob sie sich primär auf autobiografische Erfahrungen beziehen oder sich in der Diegese des Gesamtoeuvres bewegen: Die „Geschichte des Sohnes“ ist eine solche Textstelle; hier folgt der Erzähler mit seiner Reise nach Slowenien der Jugendreise des Vaters. Handke selbst hat nie einen Sohn gehabt, ist aber selbst gewissermaßen dieser Sohn – als Nachfolger des im 2. Weltkrieg gefallenen Bruders der Mutter Handkes, Gregor, dem sich Handke „wegen der schönen Handschrift [...], [...] der Wut auf die Welt des Kriegs und wegen der Sehnsucht nach Heimkehr, die aus seinen Briefen spricht“*Höller 2007, S. 13. Vgl. auch Hafner 2009, S. 12. verbunden fühlte und dessen Namen des Öfteren in Handkes Werken, u. a. in Die Stunde der wahren Empfindung*Peter Handke: Die Stunde der wahren Empfindung, Frankfurt a. M. 1975, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SE. auftaucht. Eine solche Reise wäre also in Handkes Jugend denkbar gewesen,*Vgl. Adolf Haslinger: Peter Handke. Jugend eines Schriftstellers, Salzburg und Wien 1992, S. 49, im Folgenden abgekürzt: Haslinger 1992. allerdings gibt Handke in seinem jüngst erschienenen Buch Versuch über den stillen Ort an, dass er eine solche Reise niemals unternommen habe.*Peter Handke: Versuch über den stillen Ort, Berlin 2012, S. 29 ff., S. 41, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: VO. Die Textstelle erinnert dennoch an die Reise des jungen Filip Kobal in Die Wiederholung. Bevor aber der Verdacht im Leser reifen könnte, dass es sich bei dem Sohn selbst um eben diesen Filip Kobal handeln könnte, wird jener als Gegenwartsautor benannt, nimmt also eine weitere Rolle in der Fiktion der erzählten Welt ein (vgl. NB, S. 387) – es scheint, als ob Biographeme des Autors auf mehrere Figuren in dem Werk aufgeteilt und sie alle in aufgeteilten Perspektivierungen von den Rändern dieser (und ihrer) Welt erzählen würden. Zugleich aber verschwimmen ganz real die Übergänge zwischen fiktiven und faktischen Elementen, zwischen realem Autor und Autorinstanz, zwischen Fingiertem und Authentischem – die Grenzen, von denen der Roman erzählt, werden als Leseerfahrung plastisch erlebbar gemacht.
Diese Grenze, die beschreibbar ist als Ort zwischen zwei Orten, wird im Kleinen wie im Großen in Handkes Werken als „Zwischenraum“ bezeichnet. Eine genaue Abgrenzung zwischen den „Zwischenräumen“ und allgemeinen Schwellenbereichen ist schwierig zu beschreiben, noch schwieriger zu definieren. Im Allgemeinen sind die „Zwischenräume“ eher auf Details zu beziehen, während die „Schwellen“ und „Grenzen“ einen größeren Übergang, beispielsweise zwischen Stadt und Land oder von einer Region zu einer anderen bezeichnen. Mythologisch aufgeladen sind die Zwischenräume dennoch, epiphanische Momente vermögen auch sie auszulösen. Mehr noch als bei den Schwellen kommt es allerdings zu einer Verschränkung mit Handkes Wortding-Theorie: Die Zwischenräume beleben die Dinge. Auch hier ist es die Leere, die einen neuen Möglichkeitsraum eröffnet:
Lesen und ein Deutschland, in dem die totgesagten Dinge einen staunen machten, als seien sie nach einem Jahrhundert in einer farben- und formlosen Vorhölle wiederauferstanden. Dinge, damit waren dir nicht die allgegenwärtigen Krücken, Rollstühle, Ambulanzwagen, Bestattungsgestelle gemeint, sondern das, was in den trotzdem noch offenen und wohl auch durch das Lesen sich öffnenden Zwischenräumen so blühte, [...]inbegriffen die Zwischenräume selber. Ein hölzerner Hochsitz in den Wäldern konnte das sein, auf den kein Jäger mehr kletterte, [...] der eine Serviettenring, der nicht zur Kollektion gehörte [...]. Und jeweils einzeln, seltsam, seltsam, begegneten ihm im Umkreis die Dinge, immer in der Einzahl, so wie ihm das dann in der Folge auch auffiel an den Tieren und den Zonengebietsmenschen. (MN, S. 292)
Vereinzelung und Unangepasstheit an die Zwischenräume – oder vielmehr in den Zwischenräumen machen die Dinge so offensichtlich, offen einsehbar, geben ihnen Gegenständlichkeit und Greifbarkeit zurück. Gleichzeitig sind es diese Objekte, die aus der Norm fallen, die die Zwischenräume überhaupt erst ermöglichen: In Mein Jahr in der Niemandsbucht sind es beispielsweise die uneinheitlichen Arten von Häusern, die erst die Zwischenräume sichtbar machen (NB, S. 771), in Die Wiederholung gar die schwarzweiße Kleidung des Kellners*Peter Handke: Die Wiederholung, Frankfurt a. M. 1986, S. 230, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WH.. Die gegenständlich gewordenen Dinge und Zwischenräume profitieren also gleichermaßen voneinander; sie werden als etwas durchaus Erstrebenswertes dargestellt.
Ein Umkehrschluss scheint mir dabei zu den kunsttheoretischen Überlegungen Luhmanns vorzuliegen, da sich die Kunstwerke hierbei u. a. darüber definieren, dass sie als etwas künstlich Gemachtes Aufmerksamkeit auf sich ziehen.*Vgl. Luhmann 1999, S. 78. Hier ist es jedoch die genaue Beobachtung, die selbst diese Aufmerksamkeit erzeugt und nicht die Gegenstände an sich. Mit dieser Beobachtungsgabe und mit Hilfe der Schrift verwandelt sie die eigentlich so profanen Alltagsgegenstände in Kunstwerke, die sich nach Luhmann immer darüber auszeichnen, sowohl von Hersteller- wie von Rezeptionsseite aus Beobachtungsoperationen zweiter Ordnung zu sein.*Ebd., S. 89.
Für die Urbilder, so heißt es in Die Wiederholung, brauche man Zwischenräume (WH, S. 277), auch für die Formung der Zukunft und einer neuen Welt darin (vgl. WH, S. 285, NB, S. 36 f.), für das immer wieder mögliche Staunen über die Welt (vgl. GU, S. 101) und für das Schärfen der Wahrnehmung (vgl. NB, S. 777). Um Ruhe und Entfernung zu gewinnen, sind Zwischenräume vonnöten:
„Und“: Ruhe und Entfernung: Erst in der Ruhe ermesse ich die Entfernungen (die Abstände und Zwischenräume) (GU, S. 256).
An dieser Stelle wird, wie so oft, deutlich, wie sehr sich Handkes poetologische Überlegungen an seinem Schreibstil manifestieren.
„Die andere Zeit“
Das Wichtigste: die Geschichte nicht für sich reklamieren, sich nicht von ihr definieren lassen, sich nicht auf sie herausreden – sie verachten, in denen, die ihre persönliche Nichtigkeit mit ihr kaschieren – und doch sie kennen, um die anderen zu verstehen und vor allem zu durchschauen (mein Haß auf die Geschichte als Asyl für die Seins-Nichtse) (WEL, S. 20).
Nicht nur in Das Gewicht der Welt erwähnt Peter Handke seine Geschichtsabneigung – in zahlreichen späteren Werken geschieht dies ebenso. In dem mit Herbert Gamper geführtem Gespräch bringt er seine Sorge zum Ausdruck, zu sehr von der Geschichte, auch der persönlichen, abhängig zu werden und sich so einzuschränken. Daher bevorzuge er für sich die Geschichtslosigkeit (ZR, S. 132, vgl. auch WEL, S. 134). Statt an seiner eigenen Geschichte festzuhalten, könne er sich eher mit quasi „geschichtslosen“ Dingen der Natur, wie etwa Wolken, identifizieren – dieser Bezug auf die Wolken findet sich noch einmal in Das Gewicht der Welt. Auf das Aufgehen in den Dingen durch deren Betrachtung soll jedoch im Abschnitt zu Handkes literarischer Bewältigung der Wirklichkeit eingegangen werden.
Die gefühlte Geschichtslosigkeit Sloweniens, das als kleiner Teil in der großen Geschichte Jugoslawiens aufging, hatte dem Autor offensichtlich zugesagt, insofern dass die Geschichtslosigkeit das „Gegenwärtigsein“ (AT, S. 19) von Dingen und Landschaften überhaupt erst ermöglicht hatte. In diesem subjektiven Gefühl, dass Handke selbst an derselben Stelle als „Schein“ (ebd.) bezeichnet, liegt ein Teil der Enttäuschung über den Zusammenbruch Jugoslawiens als Heimatsubstitut begründet. Auch die Serben, die Handke zumindest zeitweise als eine Art Verfechter Restjugoslawiens anzusehen schien, haben laut ihm einen „anderen Zeitsinn“*„Mit Jugoslawien ist Europa zugrunde gegangen“: Peter Handke im Gespräch mit Antoine de Gaudemar, in: Deichmann 1999, S. 262–265, hier: S. 263, im Folgenden abgekürzt: de Gaudemar in Deichmann 1999., wie sich beispielsweise anhand ihrer Totentrauer nachvollziehen lässt.*Diese Beobachtung scheint tatsächlich in der orthodoxen Theologie begründet, da in Gott selbst alles gegenwärtig ist und er somit im Gegensatz zu den Menschen in der Lage ist, die Toten ewig in seinem Gedächtnis zu bewahren. Vgl. Anastasios Kallis: Das hätte ich gerne gewußt. 100 Fragen an einen orthodoxen Theologen, Münster 2003, S. 207, im Folgenden abgekürzt: Kallis 2003. Doch was hat es mit der Behauptung der „anderen Zeit“ auf sich? Zur Beantwortung dieser Frage ist eine Schlüsselstelle aus einem Interview zu zitieren, das Michael Kerbler 2007 mit dem Autor führte:
Die Erzählung schreibt die Geschichte anders, die Erzählung handelt von einer anderen Zeit. Das ist von A bis Z mein Ausgangspunkt: die andere Zeit; nicht die geschriebene, nicht die Historikerzeit und nicht die journalistische Zeit, auch nicht die Kalenderzeit, nicht die Realzeit – natürlich auch, zeitweise – vorkommen zu lassen in der Prosa, in mein, der Erzählung, sondern die andere Zeit. Was auch immer die ist, es gibt eine andere Zeit. Wahrscheinlich ist das mein religiöses Element, auf dem ich aber bestehe, weil es Stoff ist, weil es Materie ist. (MNS, S. 50)
Ganz klar ist es also für Peter Handke nicht, was für ihn „die andere Zeit“ konkret meint, aber einige Schlüsselbegriffe, die diese Zeit zu fassen versuchen, fallen im wortwörtlich-sten Sinne en passant im Text. Das Mäandern und Spazierengehen im Raum, die Entschleunigung und Langsamkeit der Eindrücke gehören sicher dazu.*Vgl. zu diesem Thema auch Gottwald/Freinschlag 2009, S. 62–64. Zeit-Haben sei ein Schreib- und Lebensprinzip für ihn, lässt Handke im selben Interview verlauten (MNS, S. 34) und dieses Prinzip spiegelt sich in Handkes Sprache: Seine Sätze wirken suchend, lassen sich Zeit, kommen nicht gleich auf den Punkt, umschreiben diesen eher in der vorsichtigen Skepsis, das richtige Wort, die richtige Sprache zu finden. Dass dem nicht nur in seinen literarischen Texten so ist, lässt sich an dem oben zitierten Ausschnitt aus dem Interview leicht nachvollziehen.
Die Skepsis gegenüber einer wie auch immer gearteten „tatsächlichen Zeit“ kommt gleichfalls oft im Werk zum Ausdruck. So muss der Erzähler in der Morawischen Nacht Deutschland verlassen, weil ihm hier zu viel Zeitgleichheit herrsche (MN, S. 295 f.).*Dies steht in einem vordergründig merkwürdigen Widerspruch zu einem in dem vorherigen Kapitel gewähltem Zitat, das Deutschland als einen Raum der Zwischenräume benennt. Diese positive Anerkennung Handkes, die nur wenige Seiten vor der negativen Feststellung liegt, dass in Deutschland keine „andere Zeit“ zu herrschen scheint, illustriert auf eindrückliche Weise, dass der Autor sich verschiedener Motive bedient, die zwar in seinem Gesamtwerk eine gewisse (einheitliche) Funktion erfüllen, in einzelnen Abschnitten jedoch nicht zueinander zu passen scheinen bzw. komplett widersprüchlich sind. Diese Besetzung mit Sinn, die sich bei genauerem Hinsehen doch als sinnlos entpuppt, erinnert an postmoderne Strategien und passt dabei zu Handkes Kritik am Narrativen. Vgl. dazu auch Jean-Francois Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, 7., überarbeitete Auflage, Wien 2012. Der Einfluss der Postmoderne auf Handkes Werkkonzeption stellt m.W. ein Forschungsdesiderat dar.
Eindrucksvoll ist die Stelle, in der der Reisende einem Weltmaultrommelfestival beiwohnt, bei dem die Teilnehmenden in ihrem Spiel jedes Zeitempfinden zu verlieren scheinen. Nur die Armbanduhren der Maultrommler störten laut dem Erzähler diesen Augenblick:
Es war bei ihrem Anblick, als könnten Erzähl- wie Spielzeit gegen die reale Zeit nichts ausrichten, sie seien, eine wie die andere eitle Illusion, Rauch im Wind, und dazu das falsche Maß. (MN, S. 354 f.)
Die Normalzeit wird umso mehr zu einer Bedrohung, je mehr das Festival zu seinem Ende gelangt.
An dieser Stelle zeigt sich, welch große Bedeutung der Augenblick oder Moment im Werk Handkes einnimmt – Sigrid Löffler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Mythos des Jetzt“*Dies. in Literaturen 2005, S. 78. Vgl. auch Abschnitt 3.2.3, S. 77–82, dieser Arbeit.. In Gottwald/Freinschlags Glossar wird der Augenblick als „seltene[r] kurze[r] Moment des Glücks, der intensiven Wahrnehmung, der Erfahrung von Ganzheitlichkeit und Zusammenhang“*Gottwald/Freinschlag 2009, S. 114. definiert. Auch die Bezeichnung „Epiphanie“ fällt in diesem Kontext. Als epiphanisch könnte man etwa den Moment in dem 1986 erschienen epischen Roman Die Wiederholung bezeichnen, als der Protagonist Filip Kobal nach langer Reise zum ersten Mal das Tal der Save erblickt und in diesem Anblick fast eine Art Gottesvorstellung wiederfindet (vgl. WH, S. 114). Diese Art von Erlebnis scheint auch in der Biografie Handkes eine Rolle gespielt zu haben. Im Interview mit Michael Kerbler von 2007 schildert er den ersten Anblick des Karstes oberhalb von Triest (der nicht allzu weit weg von der Quelle der Save liegt) mit einer ähnlichen Begeisterung (vgl. MNS, S. 28).*Laut Gottwald/Freinschlag ist es das bereits 1975 erschienene Werk Die Stunde der wahren Empfindung, das die Epiphanie in Handkes Werk in ihrer gesamten Bandbreite einführt. Vgl. ebd., S. 28.
Der Augenblick könne Einheitlichkeit und Einverständnis schaffen, ganz im Gegensatz zur Geschichte. Dies sei sogar an Orten wie Velika Hoča möglich, also Gebiete, die im wahrsten Sinne des Wortes „geschichtsträchtig“ seien (vgl. VH, S. 100). Der Augenblick kann auf eine kleine Zeiteinheit heruntergebrochen werden. Insofern erscheint der Schluss der Morawischen Nacht nicht nur durch den verwendeten Konjunktiv wie die Abschiedsformel einer religiösen Zeremonie*Vgl. auch zu religiösen Elementen in Handkes Werk Düwell 2006, S. 98 bzw. die Abschnitte 3.2.3, S. 77–82, und 3.2.6, S. 95–97, dieser Arbeit.:
Ein schräges Leuchten aus den Wolken, schau, das war manchmal das Leben. Daß du der Sohn deiner Sekunde seist. Und daß die Sekunde dein Atem sei. (MN, S. 560)
Das „Wortding“
...ich will sagen, daß schon eine Sache gelungen ist, wenn der Schreibende nur Einem Wort, das in den Schatten der Abwertung geraten ist, wieder seinen Wert zurückzugeben [vermag]; wenn da nur ein Wort in seiner Sache wieder ursprünglich wird, ist das eine Errungenschaft. (ZR, S. 205)
Handkes Theorie über den Zusammenhang zwischen Wörtern und Dingen – die von mir hier vereinfacht „Wortding“-Theorie genannt wird – hängt stark mit seinem erzählkritischen Duktus zusammen, der schon früh zutage tritt.*Eine kurze, pointierte Fassung von Handkes Verständnis von Dingen findet sich u. a. auch in Gottwald/Freinschlags Handke-Glossar. Vgl. ebd., S. 103 f. So kritisiert er in dem bereits 1972 erschienenen Essay Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms die Art von Literatur, die sich anmaße, die Wirklichkeit darstellen zu wollen mithilfe von Wörtern, deren Bedeutung bereits „zu“ festgeschrieben sei. Ein Beispiel dafür sei „Auschwitz“. Stattdessen müsse man die Bedeutung der Wörter zerstören, um Name und Ding wieder zusammenzuführen.*Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Frankfurt a. M. 1972, S. 25, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: BET.
Ein ähnliches Postulat, nämlich den ursprünglichen Zusammenhang zwischen Wort und Ding wiederherzustellen, findet sich auch knapp 15 Jahre später in dem Interview mit Herbert Gamper wieder (ZR, S. 112). Handke selbst verweist dabei mehr oder weniger direkt auf die philosophischen Konzepte, die seiner Poetologie zugrunde liegen, die er damit allerdings auch kritisiert. Der Verweis auf den Platonismus und seine Kritik daran ist dabei offensichtlich, wenn er von der Zeichenwelt spricht, die ihm nicht gefalle, es sei denn, er sei imstande, eigene Zeichen zu finden (ZR, S. 24 f.).*Diese Bewegung des Findens von eigenen Zeichen lässt Handke beispielsweise seinen Protagonisten Gregor Keuschnig in Die Stunde der wahren Empfindung nachvollziehen, der die Gegenstände in seiner Umgebung wie ein Pfadfinder anfängt als Zeichen zu lesen (vgl. SE, S. 118 f.). Zwar spricht er in diesem Abschnitt des Interviews über die Reklamewelt, die Doppeldeutigkeit scheint ihm aber durchaus bewusst zu sein. Dies passt im Übrigen zu seinem eingangs vorgestellten Ausspruch in Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, dass es ihm gar nicht wichtig sei, „die Wirklichkeit zu zeigen oder zu bewältigen“, sondern „[s]eine Wirklichkeit zu zeigen“ (BET, S. 25). Und für diese Wirklichkeit brauche es „andere Wörter“ (NB, S. 609), wie es der Erzähler in Mein Jahr in der Niemandsbucht ausdrückt. So führt für Handke die Erneuerung der Verbindung zwischen Wort und Ding entweder über eine Erneuerung der Wortbedeutung oder über neue Wörter selbst. In dem Anfangszitat dieses Abschnitts bezieht er sich dabei auf Nietzsche: nicht nur eine Umwertung der Werte sei vonnöten, sondern gleichsam eine „Umwertung der Wörter“ (ZR, S. 205).
Zusammenhängend mit der Symbiose Wort und Ding ist das Verhältnis zwischen Ding/Gegenstand und (Ab-)bild bei Handke. Der Signifikant – das Wort, das Zeichen oder eben das Bild – verweist auf den Signifikaten, der der Gegenstand oder das Ding ist. Das Ding ist aber in der modernen Welt von den Bildern verstellt, es herrscht ein „Bilderzwang“, eine „Bilderkrankheit“ (GU, S. 293), die er selbst analog zur „Wörterkrankheit“ des Protagonisten von Die Angst des Tormanns beim Elfmeter setzt. Diese Bilder wünscht er zu zerschlagen – ein Postulat, das er ähnlich schon in dem Essay Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms für die Literatur formuliert: Diese solle alle „endgültig scheinenden Weltbilder“ (BET, S. 20) zerbrechen. Die Bild- und Wortskepsis ist eng verzahnt mit Handkes Zeitungskritik, wie später noch ersichtlich sein wird, aber auch mit der Frage nach Wahrnehmung und Wirklichkeit in seinem Werk.
Wie sieht aber die Erneuerung der Dinge und Wörter sowie die Erneuerung ihres Zusammenhangs bei Handke konkret aus? Eine erste Bewegung wäre dabei das Zusammenbringen der Dinge selbst durch veränderte Wahrnehmung, durch die bereits erwähnte Epiphanie in der Zeit, die momenthaft den Zusammenhalt der Objekte deutlich werden lässt. „Daß [...] die Dinge des täglichen Lebens bis in die kleinsten Verzweigungen eine Einheit bilden – eine sehr vielfältige Einheit dadurch natürlich, daß es verschiedene Dinge sind“ (ZR, S. 155) wird besonders in dem frühen Text Die Stunde der wahren Empfindung deutlich, in dem Gregor Keuschnig durch das plötzliche Erkennen dieses Zusammenhangs dem Wahnsinn entgehen kann und Erlösung findet. Bei ihm sind es konkret drei Gegenstände, „ein Kastanienblatt; ein Stück von einem Taschenspiegel; eine Kinderzopfspange“ (SE, S. 81), die später eine Verbindung miteinander eingehen:
Jetzt erschien ihm die Idee, die ihm gekommen war beim Anblick der drei Dinge im Sand des Carré Marigny, anwendbar. Indem ihm die Welt geheimnisvoll wurde, öffnete sie sich und konnte zurückerobert werden. (SE, S. 152)
Die vorzeitliche, fast mythische Verbindung zwischen Wort und Ding kann hier eingelöst, oder, in Handkes Vokabular „wieder-geholt“ werden. Die Einheit in der Verschiedenheit der Gegenstände wird durch das Semikolon ausgedrückt, das die drei Gegenstände sowohl miteinander verbindet als auch voneinander trennt und so als einzelne sichtbar macht.
Dies ist sicher die bekannteste und am meisten zitierte Passage in Handkes Werk, um diesen Aspekt seines Schreibens deutlich zu machen; dennoch finden sich auch in anderen Büchern ähnliche Textstellen. So gibt es in Mein Jahr in der Niemandsbucht ein Nachbarskind, bei dem besonders auffällt, dass es eine Gabe besitzt, die Gegenstände beim Namen zu nennen oder vielmehr: Die Sachen tatsächlich vor Augen zu haben, die es benennt und nicht nur eine Idee von ihnen zu haben (vgl. NB, S. 510). In dieser Äußerung des Erzählers versteckt sich Kritik am Platonismus.
Ein zweiter Schritt, der nach dem Zusammenführen verschiedener Gegenstände untereinander geschehen müsste, wäre, in diesen Dingen eine Art „Reich“ zu sehen (vgl. ZR, S. 156 f.). Allerdings warte dieses „Reich“, das – und darauf weist Handke ausdrücklich hin – keinesfalls politisch zu lesen sei, nur auf seine Verwandlung in Wort, in Schrift: Dies sei „das einzig vernünftige und nicht metaphysische Reich“ (ZR, S. 158). Eine Erzählung sei damit dementsprechend auch eine Bewegung zwischen dem Wörter- und dem Zeichenreich, hier als das Reich der Schrift (vgl. ZR, S. 231), und der Autor damit beauftragt, die vergessene Sprache der Menschen wiederzufinden (WEL, S. 63) – er ist also ein Vermittler zwischen den Gegenständen der Welt und deren Schriftzeichen. Das Ideal ist die Übereinstimmung zwischen diesen beiden Welten, das vollständige Aufgehen des Gegenstandes „Stuhl“ in dem bezeichnenden Wort. Dieses Bemühen um angemessene Wörter zur Beschreibung der Welt drückt sich in Handkes Stil aus, in langen, umschreibenden Sätzen, die nur zögerlich auf den Punkt kommen und oftmals abbrechen, in dem Wissen, dass dieser Punkt (noch) nicht zu finden ist: Es zeigt den Respekt des Autors vor der Verbindlichkeit des Gesagten.
Eine Frage der Perspektive: Wahrnehmung und Wirklichkeit
Bereits im vorangegangenen Abschnitt wurde die Bedeutung der subjektiven Wahrnehmung, der eigenen Wirklichkeit, in Handkes Werk deutlich. Diese wird als die einzig letztlich gültige angenommen, allerdings immer unter der Prämisse, dass das eigene Empfinden als Schriftsteller „mythisch“ sei und verallgemeinert werden könne (MNS, S. 29). Es wäre unfair, diese Bemerkung zu ernst zu nehmen, dennoch wird Egozentrismus im Gegensatz zur allgemeinen Meinung darüber von Handke als nicht nur negativ empfunden:
Nur der entschiedene, bewußte Ego-Zentriker kann sein Ich – den „Pfahl“, an den er, laut Doderer, „gefesselt“ ist – loswerden? Nur er kann tatkräftig durchlässig werden, ein anderes, erweitertes Zentrum werden? als Mitte, an der Stelle seines Ichs, der luftige Weltenbaum? (GU, S. 178)
Es ist kein Zufall, dass dieses Zitat in Fragen formuliert ist – abschließend ist die Gültigkeit ihres Inhalts keineswegs beschlossen, vielmehr wird darüber nachgedacht, inwieweit ein so starkes „Ich“ seine Berechtigung hat. In Handkes Werk gibt es durchaus zwei Perspektiven auf diese Problematik: zum einen die immer stark auffallenden und auftretenden Ich-Erzähler, wie sie auch in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag präsent sind, zum anderen den Versuch durch das Schauen ganz Chronist zu werden und die eigene Rolle im Weltgeschehen zu neutralisieren. Der starke Wunsch danach wird in Mein Jahr in der Niemandsbucht deutlich, das ohnehin einigen Aufschluss über die Rolle der Wahrnehmung in Handkes Werk gibt.
Hier wird bewusst zunächst von dem Ich-Erzähler versucht, sich selbst als Zuschauer zu definieren, aber gleichzeitig auch die Frage aufgeworfen, inwieweit Zuschauen eine Art von Handeln sei und ob die Sprache eines Chronisten für sein Vorhaben ausreichen könne (NB, S. 30 f.). Ganz diesem Vorsatz folgend beginnt er nun als „Chronist des Stadtrandes“ das, was ein Jahr lang in der Niemandsbucht geschah, mitzuprotokollieren (NB, S. 411). Bald jedoch muss er feststellen, dass seine Chronistenrolle nicht so funktioniert, wie er sich das ursprünglich ausgemalt hatte; sein Erzählen sei seine Art von Anteilnahme und pure Fakten reichten schlichtweg nicht aus: Die Fakten müssten „Sprach-Augen“ (NB, S. 418) erhalten. Ein solches Postulat gilt freilich erst einmal für die Werke des Autors selbst, ferner möglicherweise für die Schriftstellerei – es lässt sich nicht zu einer Forderung verallgemeinern, die auch „Chronisten-Schreiber“ betrifft, wie sie etwa in Geschichtswissenschaften und Journalismus vorzufinden sind. Sein Misstrauen gegenüber der Art Geschichte(n) zu erzählen, wie es in diesen Disziplinen geschieht, rührt jedoch von dieser Forderung an sich selbst.*Es sei angemerkt, dass Handke das Problem seiner starken Subjektivierung am ehesten in den Theaterstücken zu lösen vermag, da er durch die Dialoge Multiperspektivität erzeugen kann. Dies wird vor allem in Die Fahrt im Einbaum deutlich, was er wohl selbst intendiert hat (vgl. de Gaudemar in Deichmann 1999, S. 265).
Als Ort des Geschehens wählt Handke, wie schon besprochen, oft das Periphere, das Marginalisierte: Aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich die Dinge auf eine andere Art betrachten, die Nebensächlichkeiten schätzen und die Welt neu entdecken. Dabei wird ein Staunen und Wundern über die gewonnene Weltanschauung evoziert, dient aber gleichzeitig dazu, den Blick auf die Welt und ihre Details offenzuhalten: „[W]er nicht mehr staunt, der hat die Zwischenräume, oder Durchlässe, verloren“ (GU, S. 101). Erstaunlich sind vor allem die kleinen Dinge, die, die in Zwischenräumen sichtbar werden, die Einzelheiten. Das große Ganze interessiert ebenso wenig wie das Zentrum des Geschehens. Diese Haltung spiegelt sich in der Rechtfertigung Handkes vor Journalistinnen und Journalisten, weshalb er nach Serbien und nicht nach Bosnien gegangen sei: „Fast niemand hat über Serbien während des Krieges berichtet“*De Gaudemar in Deichmann 1999, S. 262., sagt er beispielsweise in einem Gespräch mit Antoine de Gaudemar 1997.
Der Wunsch nach Alltäglichkeit äußert sich in dem Interview mit Bru Rovira,*„Die Serben gelten heute automatisch als die Schuldigen, und Fragen werden nicht gestellt“. Peter Handke im Gespräch mit Bru Rovira, in: Deichmann 1999, S. 199–202, hier: S. 199, im Folgenden abgekürzt: Rovira in Deichmann 1999. in den Tablas von Daimiel zeigt sich der Wunsch nach Nebensächlichem bereits im Titel. Eigentlich handelt dieser Text von einem „Umwegzeugenbericht“ über den Prozess von Slobodan Milošević, der Titel erzählt jedoch von einer Fahrt zu den Tablas von Daimiel, einem bereits vergessenen Touristenziel in Spanien, die am Ende des Buches vorkommt. Auch beim Verhör des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten hätte Handke gerne, so schreibt er, mehr Nebensächliches gehört (vgl. TD, S. 94).
Die Skepsis, das große Ganze darstellen zu können und die daraus folgende Konsequenz, sich lieber auf das Kleine konzentrieren zu wollen, rühren wohl auch von einem allgemeinen Misstrauen her, was Wirklichkeit sein soll. Das Wirkliche, so scheint es, sei das oben genannte „Schriftreich“, die Wirklichkeit der Wörter und des Erzählten oft wirklicher als das, was zum Erzählen geführt hat (vgl. BET, S. 19). Insofern ist der Begriff des Wirklichen bei Handke – wie so viel bei ihm – ambivalent konnotiert; schließlich ist spätestens seit seinem Streit um den Realismusbegriff mit Marcel Reich-Ranicki und der Gruppe 47 bekannt, dass Handke sich einer bloßen und nur behaupteten Darstellung der Wirklichkeit in der Literatur widersetzt (vgl. BET. S. 20). Eine ähnliche Schlussfolgerung lassen Sätze wie dieser zu: „‚Wirklichkeit‘ – mit einer solchen Bezeichnung wird geehrt, was am Leben hindert“ (WEL, S. 143). Schaut man sich dieses Zitat allerdings genauer an, wird klar, dass hier der Missbrauch des Wortes „Wirklichkeit“ gemeint ist, um Probleme zu umschreiben (vgl. WEL S. 133). Dieser „Sprachautomatismus“ verstelle den Blick auf die Wirklichkeit und verschleiere sie mehr, als dass sie zutage trete.*Gottwald/Freinschlag 2009, S. 49.
Tatsächlich findet Wirklichkeit bei Handke genau in den Momenten statt, in der sie am wenigsten erwartet wird – z. B. in Träumen (vgl. NB, S. 238), beim Schreiben (vgl. BET, S. 14) und auf Reisen. Gerade Slowenien hat es ihm mit seiner „Märchenwirklichkeit“ (vgl. AT, S. 28) angetan. In diesem Land würden die Dinge gegenständlich (AT, S. 13), vor allem im Vergleich zu Deutschland, wo nur die Gegend um die Heimatstadt des Vaters herum Wirklichkeit durch die Dinge besäße (MN, S. 290). So wird es jedenfalls im Roman Die morawische Nacht beschrieben. In Mein Jahr in der Niemandsbucht gewinnt Deutschland nach dem Krieg seine Gegenständlichkeit zurück (vgl. NB, 548 f.), was insofern interessant ist, da es darauf hinweist, dass der Erzähler zumindest hier die „Chancen“ eines Krieges betont. Diese würde dann darin bestehen, dass durch die äußerliche Zerstörung eine Erneuerung, auch der Bilder und Wörter stattfinden kann. Angewendet auf Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag ergibt das eine bemerkenswerte neue Lesart, die im Abschnitt zum Kriegsbegriff bei Peter Handke noch näher erläutert werden wird.
Wortlosigkeit und Erzählkritik
Ebenso wie die visuelle Wahrnehmung in Form von Zeichen und der besonderen Bedeutung von Gegenständen in Peter Handkes Werk Einzug hält, findet sich auch eine komplexe Theorie der akustischen Welt in seinen Büchern wieder. Dies beginnt schon mit seinem Debütroman Die Hornissen. Der blinde Protagonist ist ganz auf Geräusche angewiesen, deren Namen er sorgfältig vergibt.*Peter Handke: Die Hornissen, Frankfurt a. M. 1966, S. 47 f., S. 84, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: H. In späteren Büchern sind die Geräusche ebenfalls zentral: In der „Geschichte des Malers“, der auch Filmemacher ist, gerät dieser an einen Toningenieur, der auf der Suche nach „Zwischentöne[n]“ (NB, S. 314) von fallenden Regentropfen ist; in der Morawischen Nacht besucht die Autorenfigur ein Symposium zum Thema Lärm und Geräusch (vgl. MN, S. 157). Dort hält ein ehemaliger Schweigemönch einen Vortrag darüber, dass der einzig stille Ort in seinem Kloster der Abort gewesen sei (vgl. MN, S. 174 f.) – ein amüsantes Detail, denkt man an Handkes Versuch über den stillen Ort. Die Stille als Ausgangspunkt und als Gegensatz zu Geräuschen bietet in mehreren Werken Handkes Anlass zur Reflektion. Sie ist das akustische Pendant zur räumlichen Leere und bietet damit Platz für einen Neuanfang: „In der Stille die Kunst des Fragens neu erlernen“ (GU, S. 187). In diesem geflügelten Wort wird die Bedeutung der Stille als Möglichkeit angeblich feststehende Sachverhalte zu be- und hinterfragen besonders betont und hängt auch mit der Utopie des „schweigend Erzählens“*Meditz 2006, S. 90. zusammen, wie Ursula Meditz schreibt.
Die Fragen bei Peter Handke wurden schon vielfach kommentiert.*U. a. Meditz 2006, S. 88, Gottwald/Freinschlag 2009, S. 9, Wagner 2010, S. 112 f. Das Fragen als offensichtlich textstrukturierendes Merkmal tritt vor allem in Handkes Spiel vom Fragen*Peter Handke: Das Spiel vom Fragen, Frankfurt a. M. 1989, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SF. auf. Hier zeigt sich, dass Handkes Werk zwar viele Motive umfasst, auf die immer wieder zurückgegriffen wird, es aber gleichsam „Motivspitzen“ ausbildet, in denen ein Thema besonders bearbeitet wird. Somit könnte man meinen, dass Das Spiel vom Fragen für den Motivkomplex des Fragens ähnlich fungiert wie Mein Jahr in der Niemandsbucht für die Thematik der Randgebiete und des Peripheren. Die Fragen stehen in Handkes Werken einerseits für Skepsis und die Weigerung Dinge vorbehaltlos zu akzeptieren,*Vgl. Gottwald/Freinschlag 2009, S. 52. andererseits für die Neugier auf eine „noch nicht restlos erkannte[...], noch zu entdeckende[...] Welt.“*Ebd., S. 105. Karl Wagner verweist gar auf die Anspielungen auf den Parzival von Wolfram von Eschenbach und das darin geschilderte Unvermögen zu fragen.*Wagner 2010, S. 112. Parzival tritt auch als Figur in Das Spiel vom Fragen auf und benennt das „Nichtfragenkönnen“ als sein Lebensproblem (SF, S. 131). Es begegnen dem Leser immer wieder aus verschiedensten Gründen stumm gewordene und schweigende Figuren in Handkes Werk. Das Schweigen kann dabei sowohl positiv, unentschieden als auch explizit negativ gelesen werden: Positiv dann, wenn es, analog zur Stille, einen Neuanfang markiert, unentschieden dann, wenn es Hinweis auf eine gewisse Vorsicht gegenüber der Verwendung von Sprache ausdrückt; zwar fürchte der Autor die Sprachlosigkeit, allerdings müsse er auch jedes Wort verantworten können, das er schreibt (ZR, S. 45 f.). Diese Art von überlegenem und überlegendem Schweigen hängt also in höchstem Maße mit seiner Achtung vor der eigenen Wirklichkeit der Wörter (Wortding-Theorie) sowie mit seinem erzählkritischen Duktus zusammen.
Ein dritter Typus des Schweigens ist in seinen Büchern merklich negativ konnotiert: das Schweigen der Opfer, der Übergangenen. Dieser Zusammenhang wird im Schweigen der geflohenen Serben in Die Tablas von Daimiel deutlich, zu denen es lapidar heißt, dass das Fragen bisher bei ihnen versäumt worden sei (vgl. TD, S. 100 f.).
Die Erzählkritik in Peter Handkes Werk setzt sich erkennbar aus vielen Grundzügen seines Schreibens sowie deren Teilaspekten zusammen. Sie manifestiert sich unter anderem in seinem mäandernden Stil, der nicht auf eine lineare Erzählung oder ein geschlossenes dramaturgisches Konstrukt aus ist. Diese Offenheit der Erzählstruktur hängt, wie schon erwähnt, mit seiner Skepsis gegenüber Geschichte und dem Zeit-Begriff bei ihm zusammen. Auf die zentrale Rolle der Essays, die unter dem Buchtitel Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms subsummiert sind, wurde bereits in dem Wortding-Abschnitt verwiesen. Sie beinhalten vor allem Handkes Kritik an sogenannter „realistischer“ Literatur und deren naiven Glauben an die Wirklichkeit. Wörter kann man nicht ohne sie zu hinterfragen benutzen, um eine angebliche Objektivität zu erzählen – eine Neubewertung dieser Wörter, das Zerschlagen von alten Bedeutungen und das Zusammenführen mit ihren ursprünglichen Bedeutungen sei in der Literatur vonnöten. Handke plädiert für eine radikale Subjektivität und eine Konzentration auf das Nebensächliche statt dem Erzählen großer Chroniken*Der Terminus wird verstanden als „[a]m naturalen Zeitablauf orientierte Form der geschichtlichen Darstellung […], [die] den geschichtlichen Stoff chronologisch anordnet bzw. Die Einzelergebnisse den Etappen eines Zeitrasters zuordnet, dabei in der Regel die strukturellen Zusammenhänge kausaler Entwicklungen in den Hintergrund treten läßt sowie sich einer dramaturgischen Durchformung des geschilderten Geschehens enthält, wodurch er gegenüber der Historie eine ausdrückliche Abgrenzung findet.“ Gert Melville: Chronik, in: Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band I, A–G, Berlin/New York 1997, S. 304–307, hier: S. 304.. Diese Subjektivität dient dazu die Wirklichkeit zu dekonstruieren, etwa mit dem sprachlichen Mittel der Fragen.
Dekonstruktion, vor allem die von gängigen Erzählschemata, ist tatsächlich ein entscheidendes Schlagwort.
Die „Problematik des Erzählens in der Moderne“*Wagner 2010, S. 35. ist nicht erst von Handke thematisiert worden, sondern besitzt ihrerseits eine lange Tradition. Bei Handke richtet sich das Ablehnen u. a. gegen die Automatisierung der Welt und es ist sein Anspruch, eine Gegenwelt in der Literatur zu schaffen, die, im Gegensatz zur echten Welt greifbar ist (ZR, S. 120 f.). Das Paradoxon der „Greifbarkeit“ der Welt in der Literatur – es erinnert an Handkes Wortding-Theorie, der zufolge die Dinge in den Wörtern wiederauferstehen können. Demnach ist Handkes Literaturpostulat eigentlich immer ein „antimodernes“; es müsse Widerstand gegen die Sprache der Zeit geleistet werden durch das Auffinden einer eigenen Sprache (vgl. ZR, S. 259). Diese Sprache, die für die heutige Zeit gefunden werden muss, ist offensichtlich nicht die der Realisten. Es ist nicht so, dass die Fragmentarizität der Welt ihr passendes Pendant in der Sprache zu finden hätte, aber bruchstückhaft sind die Geschichten, die der Autor zu erzählen gewillt ist, allemal. So sehr er sich zu seiner Affinität zur Romantik*Einen guten Überblick zu den romantischen Bezügen bei Peter Handke bieten Gottwald/Freinschlag 2009, S. 84 ff. und den damit verbundenen Gattungen bekennt und diese in seinen Werken offensichtlich ist, so sehr muss er bei einem Besuch von Ferdinand Raimunds Wohnhaus feststellen, dass Märchen wie die seinigen heutzutage „bestenfalls in Bruchstücken“, als „Märchen, die eine Sekunde dauern“ (MN, S. 368) zu erzählen seien. Derartige Textstellen in den Büchern deuten auf die Abneigung gegenüber klaren, aufeinander aufbauenden Erzählstrukturen hin, die zu einem eindeutigen Ergebnis, einer „Moral der Geschichte“, führen.*Vgl. Wagner 2010, S. 29. Auch in früheren Erzählungen Handkes seien mehr „Schemata von Geschichten“*Ebd., S. 35. bewusst gemacht worden, anstelle einer stringenten Geschichte. Die Narration füge sich bisweilen ausschließlich durch den Betrachter zusammen (vgl. MN, S. 425 f.). Wagner nennt das Zuschauen als eine Vorform des Erzählens Handkes „epische[s] Ideal“*Ebd., S. 130.. Diesen Schritt vom reinen Beobachten zum Erzählen vollzieht fast musterhaft der Erzähler in Mein Jahr in der Niemandsbucht (vgl. NB S. 415 f.). Verdorben wird diese reine Augenzeugenschaft, die wie Wagner richtig bemerkt, generell eine Krise im 20. Jahrhundert erfährt,*Vgl. ebd., S. 266. durch den Beginn des Urteilens und der Bildung von Meinung zu dem Gesehenen. Erst durch die Rückkehr zum reinen Schauen kann sich der Erzähler vor voreiligen Schlüssen retten (vgl. NB. S. 417). Die Erzählung ist zwar dann ein Produkt dieses Schauens, kommt aber nie an die Vorform heran:
Sooft ich mir ein solch distanziertes Festhalten und Bezeugen vornahm, drehte und wand es sich mitten im ersten Satz weg in ein gleichsam voreiliges Erzählen, oder gar eine Erzählerei. War es denkbar, daß es heutzutage in der Welt nichts mehr zu erzählen gab, bloß noch einen Erzählzwang? (NB, S. 418)
Das Erzählen liegt in Handkes Poetik auf einer Mittelposition, die nicht die Wahrhaftigkeit des Zuschauens erreicht, aber noch besser ist als das pure Aufzählen von Fakten, die Chronik (die im Übrigen auch widersprüchlich konnotiert wird, vgl. NB, S. 239). Den Ausschlag, mit dem Erzählen zu beginnen, können unterschiedliche Dinge geben: In der Morawischen Nacht ist es das Spüren von Gefahr (vgl. MN, S. 30). Dazu passt es, wenn Handke im Interview Literatur als „Zittern der Existenz“ (MNS, S. 37) bezeichnet.
Die Einlösung von solchen, in Interviews dargelegten Theorien, in seiner Literatur sind typisch für die Verschmelzung von Handkes Auftreten als öffentliche Person und seinen Erzählern, selbst wenn sie wie in der Morawischen Nacht deutlich in einem fiktiven Kontext eingebettet sind und sich so von dem Ich-Erzähler Handke in seinen Journalen und Reiseberichten unterscheiden. Der Autor Peter Handke war bereits zu Beginn der Karriere für seine Provokationen bekannt, obwohl er selbst im Interview auf die Problematik von Autorenäußerungen zum tagespolitischen Geschehen hingewiesen hat (vgl. MNS, S. 53). Obwohl viele Kritiker Handkes ihm gerade während der Debatte um die Serbientexte vorgeworfen haben, aus marktstrategischen Gründen zu handeln, um sich und sein „Label“*Vgl. zu dieser Thematik Dirk Niefanger: Der Autor und sein „Label“. Überlegungen zur „fonction classificateure“ Foucaults (mit Fallstudien zu Langbehn und Kracauer), in: Heinrich Detering (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen, Stuttgart/Weimar 2002 (Germanistische Symposien-Berichtsbände, 24), S. 521–539. besser zu verkaufen, gehen zumindest Kurt Wagner und Gottwald/Freinschlag davon aus, dass dies nicht der Fall gewesen sei.*Vgl. Wagner 2010, S. 252 f., Gottwald/Freinschlag 2009, S. 89. Dennoch fallen ihnen die „dissonanten Effekte“*Wagner 2010, S. 255. – wie Wagner es nennt – bei Handkes Dichterinszenierung auf, wenn Handkes poetologische Vorstellungen mit tatsächlichen Geschehnissen wie den postjugoslawischen Kriegen in Berührung kommen. Um diese Dissonanzen besser verstehen und abschließend bewerten zu können, scheint es ratsam, sich einige weitere thematische Zentren in Handkes Schreiben vor Augen zu führen wie etwa Handkes Konstituierung von Heimat.
Heimat: Zwischen Österreich, Slowenien, Deutschland, Jugoslawien und Europa
Heimat sei, so Kurt Wagner, bei Handke nicht wie bei vielen Autoren gleichzusetzen mit dem Ort, an dem man aufgewachsen ist; stattdessen herrsche auch im „Inland [...] Fremde, auch die Fremde kann Heimat sein.“*Ebd., S. 60. Diese motivische Besonderheit ist genauso wie das Grenzlandbewusstsein in der Biografie Handkes verwurzelt, wie mehrere Kommentatoren zu Recht feststellen: Handke stammt gebürtig aus Griffen, einer Kärntner Gemeinde, die durch die Grenze mit Slowenien jahrhundertelang dem Einfluss der slowenischen Sprache und Kultur ausgesetzt war. Auch seine Mutter war slowenischstämmig.*Vgl. Gottwald/Freinschlag 2009, S. 70, Höller 2007, S. 11. Eine oft von Handke zitierte Anekdote besagt, dass der Großvater, als Kärnten zwischen dem Anschluss an das Habsburger Reich und Jugoslawien wählen durfte, für Jugoslawien abgestimmt hätte.*Vgl. Höller 2007, S. 14, sowie: „Nackter, blinder, blöder Wahnsinn“. Peter Handke im Gespräch mit Wolfgang Reiter und Christian Seiler, in: Deichmann 1999, S. 147–156, hier: S. 149 f., im Folgenden abgekürzt: Reiter/Seiler in Deichmann 1999. Dennoch versäumt der Autor nicht darauf hinzuweisen, dass er selbst als Kind das Slowenische ablehnte (vgl. AT, S. 9). Dieses Biographem findet sich vor allem in der Wiederholung wieder, in der der Erzähler einen ähnlichen Familienhintergrund wie der Autor Handke hat und ebenfalls von der abschreckenden Wirkung des Slowenischen, die er als Kind empfand, zu erzählen weiß (vgl. WH, S. 198). Später erlernte der Autor Slowenisch neu und betätigte sich als Übersetzer von slowenischer Literatur. Obwohl er das Slowenische früh erlernte und sich später erneut aneignete, ist die Sprache eher „Denkmal für etwas Abwesendes“*Hafner 2008, S. 15., wie Fabjan Hafner schreibt. Wenn Handke sein Verhältnis zu Slowenien charakterisiert, bedient er sich Begriffen wie dem der mythischen „Urheimat“ (GU, S. 10).
In seiner Einbettung in das große Ganze Jugoslawiens hätte es gerade die „Geschichtslosigkeit“ (AT, S. 19) des Landes ermöglicht, Dinge wieder gegenwärtig oder – in Handkes Sprachduktus – wirklich und greifbar erscheinen zu lassen. An Beschreibungen, die aus Handkes Wortding-Theorie herrührten, mangelt es dem Autor jedenfalls nicht: Slowenien, das sei etwas „Drittes, oder ‚Neuntes‘, Unbenennbares, dafür aber Märchenwirkliches“ (AT, S. 28) für ihn gewesen. In seiner Kritik an der Selbstständigkeit Sloweniens spiegelt sich die Ambivalenz des Volksbegriffs in Handkes Werk. Zunächst wurde dieser Volksbegriff in einem mythischen Sinne von ihm durchaus positiv gedeutet: Er sei im Volk der „Niemande“ (AT, S. 11) zuhause, heißt es noch im Abschied des Träumers vom Neunten Land 1991. 1994, in Mein Jahr in der Niemandsbucht, wird aber generell vom Konzept des Volkes Abstand genommen:
An eine Gemeinschaft der Verstreuten glaubte ich nur in einer Zwischenzeit. Und genauso wenig leitet mich eine noch frühere Idee [...]: die von einem Volk. Ich habe nie an das Landvolk geglaubt, ebenso wenig wie an das Religionsvolk, das Sprachvolk, nie an das Volk mit dem bestimmten Artikel. Aber ich kann auch nicht mehr, wie einstmals, glauben an ein Volk der Minderheiten, der Wartenden, der Leser, der Leidenden und Opfer. (NB, S. 58 f.)
Das Wort „Volk“ scheint zumindest im Oeuvre des Autors unbenutzbar geworden zu sein, ein Wort, das sich nicht mehr mit neuer, anderer Bedeutung aufladen lässt, weil seine Bedeutung zu sehr im Sinne eines „Staatsvolkes“ missbraucht worden ist. Dies trifft insbesondere auf Sloweniens Staatsgründung zu. Lange Zeit stellte die slowenische Karstlandschaft eine Art Märchen- oder Kindheitslandschaft in Handkes Werken dar. Doch:
Mit einem Locus amoenus ist kein Staat zu machen. In einen Staat verwandelt, verliert das Pastorale alles Idyllische.*Hafner 2009, S. 274.
Dementsprechend wird in späteren Werken dieses Wort hauptsächlich negativ benutzt. In Immer noch Sturm wird ein Volk als „Geschichtsvolk“*Peter Handke: Immer noch Sturm, Berlin 2010, S. 152, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: INS. bezeichnet, sobald es vom Opfer- zum Tätervolk wird. Dieser Disput erinnert, obwohl von den slowenischspra-chigen Kärntnern die Rede ist, an den Mythos Serbiens als Opfervolk, das während der postjugoslawischen Kriege plötzlich zum Täter wurde.*Calic 1996, S. 115 f. Zudem zeigt dieser Ausdruck die allgemeine Abneigung gegen Geschichte, wie sie im Abschnitt zur Zeit im Werk Handkes besprochen wurde: Ein Volk, das plötzlich Geschichte hat, so die Logik, ist seiner Unschuld beraubt worden.
In der Morawischen Nacht wird eine Begebenheit geschildert, in der der Erzähler eine Reise aus einer serbischen Enklave im Kosovo – die man unschwer als das von Handke besuchte vorwiegend serbischsprachige Dorf Velika Hoča identifizieren kann – in den Rest Kosovos antritt. Der Bus, der mit kyrillischen Schriftzeichen bedruckt ist, wird in den übrigen Teilen Kosovos häufig mit Steinwürfen attackiert, bis der Busfahrer wütend feststellt, dass dies der Hass des neuen Staatsvolks gegen diejenigen sei, die nicht zu diesem Staatsvolk gehörten (MN, S. 103). Der Hass würde durch das Gründen eines Staates geschürt, denn: „Staat und Haß, das gehört zusammen.“ (MN, S. 104).
Handke äußerte sich in Interviews und eigenen Texten wiederholt kritisch gegenüber der Staats- und Nationalidee, die durch einige Länder Europas forciert worden sei. So habe er das Gefühl, dass Jugoslawien sich die Notwendigkeit des Zerfalls in mehrere Länder von außen habe einreden lassen (AT, S. 31) und beklagt den „Natio-Chauvinismus“ (NS, S. 33) in Europa.*Vgl. zu Handkes Haltung zu Europa auch Parry 2003. Die Rede von „Mitteleuropa“ als Konglomerat, zu dem es sich lohnen würde zu gehören, sei einer der Gründe, warum die jugoslawische Idee gescheitert sei; Handke nennt dies in seinem dafür wegweisenden Text Abschied des Träumers vom Neunten Land „Gespenstergerede von einem Mitteleuropa“ (AT, S. 29). Er schließt in seiner Formulierung an einen Topos der „Geister des Balkan“ an, der wenig später virulent wird, z. B. in Robert D. Kaplans gleichnamiger Reportage. Eine ähnliche Formulierung verwendet Handke im Übrigen auch in seinem bereits 1987 erschienenen Interview mit Herbert Gamper (vgl. ZR, S. 153). Sein Blickwinkel auf das Verhältnis zwischen Europa und Jugoslawien ist einer, der stark von dem des Mainstreams abweicht: Statt einer Erstarkung der europäischen Idee in dem Anschluss früherer jugoslawischer Länder an Europa zu sehen, ist für ihn auch die Idee Europas in dem Zerfall Jugoslawiens gescheitert.*Vgl. de Gaudemar in Deichmann 1999, S. 264. Zu diesem Themenkomplex siehe auch Abschnitt 3.4, S. 138–148, in dieser Arbeit.
Man sieht bereits an diesen Momentaufnahmen aus den Werken und Äußerungen Handkes, wie sich sein Engagement für Slowenien immer mehr zu einem Engagement für Jugoslawien wandelt – und damit zu einem Engagement für Serbien wird, das für ihn die jugoslawische Idee verkörpert. Für Fabjan Hafner gehört diese Art sich von seiner Heimat abzuwenden, zu Peter Handkes Arbeit dazu; die Abkehr fände erst von Südkärnten statt, dann von Österreich und schließlich auch von Slowenien.*Hafner 2009, S. 286. Begründet werden kann dies laut Jean Bertrand Miguoué poetologisch dadurch, dass ein Märchenland ohnehin nie fixiert werden könne; insofern könne ein solcher Wunschort auch von Slowenien nach Serbien „wandern“.*Vgl. Miguoué 2012, S. 245. Handke selbst bestreitet allerdings in Interviews, dass Serbien ein Heimatersatz für ihn geworden sei, nachdem Slowenien durch seine Unabhängigkeit diese Rolle für ihn eingebüßt hatte.*Reiter/Seiler in Deichmann 1999, S. 150 f.
Das Engagement für Serbien und für einzelne serbische Akteure, die aufgrund ihrer Rolle in den postjugoslawischen Kriegen auch in Den Haag angeklagt wurden, ist in zahlreichen Werken Handkes offensichtlich. Nach den besprochenen Kerntexten Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag sind folgende Texte, die sich mehr oder weniger explizit mit der Jugoslawienthematik beschäftigen, erschienen: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg (1999), Unter Tränen fragend (2000), Rund um das große Tribunal (2003), Die Tablas von Daimiel (2005), Die morawische Nacht (2008), Die Kuckucke von Velika Hoča (2009), Immer noch Sturm (2010) und Die Geschichte des Dragoljub Milanović (2011). An dieser Fülle von Texten ist ersichtlich, dass Handke dieses Thema auch in jüngster Zeit noch beschäftigt und möglicherweise weitere Veröffentlichungen dazu zu erwarten sind, auch wenn es in letzter Zeit so scheint, als sei er etwas von der Problematik rund um die postjugoslawischen Kriege abgerückt.
Genauso wie Serbien für Handke die jugoslawische Idee verkörpert, ist Deutschland für ihn der Vertreter der klein- und nationalstaatlichen Idee. „Deutschland hat jedes Interesse daran, daß es möglichst viele sklavenfähige, auf die Wirtschaftsmacht Deutschland ausgerichtete Kleinstaaten gibt“*Ebd., S. 148 f., formuliert er seine These ziemlich drastisch in dem Interview mit Wolfgang Reiter und Christian Seiler in der österreichischen Zeitschrift Profil 1996. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist sein Verhältnis zu Deutschland vielschichtig. Anders formuliert: Bei Handke ist es Deutschland und nicht die Balkanländer, das „errettet“ und „geheilt“ werden muss von der Krankheit seiner Unwirklichkeit. Dies wird besonders deutlich in Mein Jahr in der Niemandsbucht, in dem der Autor den europäischen Bürgerkrieg kurzerhand nach Deutschland verlegt. Der Krieg ermögliche dem Land einen Neuanfang (vgl. NB, S. 464) – eine zugegeben sehr romantisierte Vorstellung von Krieg, die aber typisch für Handkes neuere Motivik ist. Nach dem Krieg gewännen auch in Deutschland die Gegenstände ihre Gestalt und Form zurück, würden die Wörter wieder ihre ursprüngliche Bedeutung annehmen (vgl. NB, S. 548). Kurzum: Der Krieg führt das Land zu einer Ursprünglichkeit zurück, die Slowenien in Gefahr ist durch seine Nationalstaatlichkeit zu verlieren.
Am Beispiel Deutschlands wird offensichtlich, wie sehr Heimat für Handke eine Entscheidung erfordert, ähnlich wie sie sein Großvater beim Anschluss Kärntens an das Habsburger Reich getroffen hat: Schließlich ist Handke selbst zur Hälfte Deutscher, hat einen Teil seiner Kindheitsjahre in Berlin verbracht. Heimat ist bei Handke nichts Selbstverständliches, sondern etwas, das im Schreiben geschaffen, aber nicht vollendet erschaffen wird (vgl. ZR, S. 32). Ein Heimatgefühl ist daher eher en passant erlebbar, eine Bewegung wie das Reisen, die mit dem Schreiben korrespondiert: „Das Schreiben ist meine Heimat“ (MNS, S. 13). Gerade in diesem späteren Interview mit Michael Kerbler gesteht Handke sich aber auch einen traditionellen Heimatbegriff zu, den er der Gegend, aus der er stammt, zuordnet und schließlich auch Österreich. Dennoch: „[M]an kann gegen das Fremdsein nichts machen; [...]mir kommt vor, dass man auf dieser Erde, in dieser Epoche auf der Erde noch nie so fremd war wie jetzt“ (MNS, S. 13 f.). Die Entfremdung des Menschen von seinem Ursprungsort spiegelt sich in seinen Büchern. Als Filip Kobal in Die Wiederholung von seiner Reise nach Österreich zurückkehrt, fühlt er zwar die Vertrautheit des Ortes, aber auch seine Rolle als Gast, selbst in dieser Region, in der er doch beheimatet ist (vgl. WH S. 323). „Die Frage nach Heimat ist hier die Frage nach Utopie“*Wagner 2010, S. 188. formuliert es Wagner, zwar in Bezug auf Das Spiel vom Fragen, aber diese Feststellung kann auf andere Texte Handkes übertragen werden. Die Frage nach einer end- und letztgültigen Heimat muss demzufolge wohl immer eine unbeantwortete bleiben, auch wenn etwa Jay Julian Rosellini gerade in Die morawische Nacht Tendenzen erkennt, dass sich der Autor wieder an seine ursprüngliche Heimat Österreich annähert.*Vgl. ders. 2009.
Zeitungskritik
Das Ressentiment gegenüber Zeitungen und Reportagen, das im Zuge der Besprechung von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag so häufig kritisiert wurde, ergibt sich aus Elementen, die in den vorangestellten Abschnitten bereits erwähnt wurden und hier noch einmal kurz wiederholt und zusammengefasst werden sollen. Handke besitzt eine tief sitzende Geschichtsabneigung; sein Ideal ist die Geschichtslosigkeit des Augenblicks. Demzufolge lehnt er eine pure Chronistensprache ebenso ab wie die Naivität des nur scheinbar realistischen Erzählens. In der Moderne – so Handke – könne man nicht einfach auf simple Erzählschemata zurückgreifen. In Printmedien würde von einer Zeit berichtet, die seinem Konzept der „anderen Zeit“ fundamental widerspreche. Die andere Zeit – das ist ein völlig subjektives Aufgehen in dem Augenblick des Schauens, des Betrachtens eines Dings.*Sein intertextuelles Spiel, das sich gerade in diesem Aspekt auf die antike Persönlichkeit des Thukydides beruft, untersucht u. a. Neville Mocley genauer. Vgl. ders.: Peter Handke’s Thucydides, in: Classical Receptions Journal IV/1 (2012), S. 20–47. Dem unverstellten Schauen steht ein „Bilderzwang“ (GU, S. 293) entgegen, der die Ursprünglichkeit der Gegenstände überdeckt.*Vgl. dazu Lengauer 2008, in dem Handkes Kritik an der Fotografie näher beleuchtet wird. Dabei sei es Aufgabe des Schriftstellers „Zeitzeuge“ zu sein. „Für jeden Schriftsteller wär das selbstverständlich gewesen, dass er da hinfährt, nach Požarevac [Ort der Beerdigung von Slobodan Milošević, Anm. der Verf. d. Diss.]“ (MNS, S. 64), schimpft er also folgerichtig über die entsetzte Reaktion der Öffentlichkeit, als er am Begräbnis des ehemaligen jugoslawischen Staatsoberhauptes teilnimmt. Dass diese „Bezeugung der Zeit“ auch seine Grenzen hat, erkennt er jedoch ebenfalls in der Auseinandersetzung mit Milošević. Als er von ihm als Zeuge im Gericht von Den Haag benannt wird, lehnt er diese Zeugenschaft ab. Seine Aussagen seien vor Gericht „unbenutzbar“ (TD, S. 97), er sei eher „Umwegzeuge“ (TD, S. 82). Die Tatsache, dass Handke mit dieser Aussage anzuerkennen scheint, dass Literatur einen anderen Zugang zur Wirklichkeit hat, eröffnet die Möglichkeit, über die Rolle des Journalismus zu diskutieren. Tatsächlich ist Handkes Stellung zu Zeitungen und Journalistinnen und Journalisten nicht so eindeutig, wie es oft wirkt. Kurt Wagner merkt an, dass Handke früher selbst für Zeitungen geschrieben habe; zudem verweist Handke immer wieder auf seine eigene Lesesucht, die auch für Zeitungen gilt.*Wagner 2010, S. 258, S. 198. Die Verwendung von Reportageelementen wird zumindest in Die Kuckucke von Velika Hoča kokett kommentiert:
Es drängte mich, den und jenen einzelnen im serbischen Kosovo ausführlich, sozusagen systematisch, in der Rolle eines Reporters oder meinetwegen Journalisten, zu befragen, und die Antworten dem entsprechend mitzuschreiben. (VH, S. 8 f.)
Dennoch ist natürlich unbestritten, dass Handke der Zeitungsbranche in der Mehrzahl seiner Äußerungen und Schriften skeptisch gegenüber steht. Dies zeigt sich schon früh in seinen Werken: Bereits in Das Gewicht der Welt von 1979 finden sich zahlreiche zeitungskritische Passagen. Beispielsweise konstatiert er erst nach dem Weglegen der Zeitung ein Gefühl für die Wirklichkeit – obwohl gerade diese doch von den Zeitungen vermittelt werden sollte – (vgl. WEL, S. 104) und stellt fest, dass die Nachrichtenwelt einem das Bewusstsein vom eigenen Leben nehme (WEL, S. 254). Diese Position ist auch in dem 1987 erschienenen Interview mit Herbert Gamper durch sein „Zitronenfalterbeispiel“ (vgl. ZR, S. 96) vertreten. Mit diesem Beispiel verdeutlicht er, dass ein Zitronenfalter, der durch seinen Garten flöge ihn in diesem Augenblick, wo er es tue, mehr bewegen würde als die Nachrichten, die in der Zeitung stünden. Das Interesse für die kleinen Dinge und für das, was neben der großen Schaubühne passiert, prägt viele seiner Schriften, ebenso Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag. Der Kritik in vielen Kommentaren begegnete er so, wie ich es bereits im vorhergegangen Abschnitt zur Wirklichkeit bei Handke dargelegt habe: Er schreibe deswegen über Serbien und die alltäglichen Dinge, weil es außer ihm niemand tun würde.*Vgl. de Gaudemar in Deichmann 1999, S. 262.
Wie sich die latente Abneigung gegenüber dem Journalismus nach den Veröffentlichungen von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag entwickelte, ist bekannt. Die Debatte um mögliche Darstellungsweisen des Krieges führte in späteren Werken zu zahlreichen Vorwürfen Handkes gegen Zeitungen. Ihre Auslandskorrespondenten würden sich nicht gut mit den früheren jugoslawischen Ländern auskennen,*Vgl. Reiter/Seiler in Deichmann 1999, S. 152 f. sie würden sich schlecht in Serbien benehmen*Peter Handke: Rede zur Eröffnung der Belgrader Buchmesse am 21. Oktober 1997, in: Deichmann 1999, S. 266–271, hier: S. 266, im Folgenden abgekürzt: Handke in Deichmann 1999. und sie hätten seine Texte nicht wirklich gelesen*Vgl. „Ich mag nicht gerne theoretisieren oder politisieren, aber Serbien war wahrscheinlich das, was der inneren Leere vieler, die sonst überhaupt kein Engagement, keine Vision hatten, gefehlt hat.“ Peter Handke im Gespräch mit Thomas Deichmann, in: Deichmann 1999, S. 187–198, hier: S. 190, im Folgenden abgekürzt: Deichmann in ders. 1999. sind da noch einige der harmloseren Bedenken, die Handke in der Debatte äußert. Viel schwerer wiegt etwa der Vorwurf, dass die Zeitungen sich zwar als Hüter der Wahrheit verstünden, dennoch aber marktschreierisch eine tatsächliche Vermittlung der Geschehnisse verhinderten (vgl. UTF, S. 13 f.). Auch deutet Handke in Unter Tränen fragend an, dass es den Zeitungen mehr um Auflagezahlen denn darum gehe, die Eskalation der Gewalt zu verhindern (vgl. UTF, S. 74). Im Zuge der Prozesse von Den Haag kritisiert er die vorverurteilende Einstellung vieler Journalistinnen und Journalisten*Peter Handke: Rund um das große Tribunal, Frankfurt a. M. 2003, S. 56, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: RGT. und in den Tablas von Daimiel beklagt er – wieder einmal –, dass in vielen Berichten nicht auch einmal das Leid, das in serbischen Flüchtlingslagern herrschte, vorkomme (vgl. TD, S. 101). Es könnten noch zahllose weitere Beispiele für Kritik gefunden werden, die Handke am Medium der Zeitung äußert, aber dies soll fürs Erste genügen. Es ist deutlich geworden, dass Handkes Zeitungskritik auf mehreren poetologischen Prinzipien von ihm aufbaut, allerdings auch schon in früheren Werkphasen relativ selbstständig von diesen Motiven in Handkes Werken aufgetreten ist.
Neueste Entwicklungen in der Motivik Handkes
Hier werden zwei Tendenzen in Handkes Werken behandelt, die meines Wissens noch nicht ausführlicher wissenschaftlich erfasst wurden: zum einen die Bedeutung des Krieges als literarisches Motiv in seinem Werk, zum anderen die Funktion des Ideallesers. Im Folgenden kann keine umfassende Analyse dieser beiden Aspekte geschehen, allerdings soll dieser Abschnitt Denkanstöße liefern, inwieweit sich neue Themengebiete bei Handke im Zuge der Serbienkontroverse etabliert haben. Auch wäre eine Durchsicht der Werke unter den folgenden Themenaspekten sicherlich unter literaturwissenschaftlichen Aspekten gewinnbringend.
Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass der Krieg bei Peter Handke eine ähnlich negative Bedeutung hat wie zu vermuten war. Im Grunde behandeln all seine Bücher, die das ehemalige Jugoslawien zum Thema haben, das Leid, das die Kriege über die Zivilbevölkerung brachte – ungeachtet der Seite, die Opfer des Krieges wurde. Allerdings findet sich auch eine Entwicklung im Gesamtwerk, die Krieg etwas Positives abgewinnen kann. Dies lässt sich in einem Zitat aus Das Gewicht der Welt ablesen:
Wieder einmal fast schon die Wunschvorstellung vom Krieg: daß ein Krieg nötig wäre, die Außenwelt zu entriegeln, die tote Körperhaut zu häuten ‑ und am nächsten Tag ein Anti-Kriegs-Erlebnis beim Anblick eines kleinen Teesiebs; daß das ein Gegenstand gegen den Krieg sei und daß sein Erfinder ein richtiger Friedensmensch gewesen sein müßte (plötzlich ein Aufleuchten all der energischen kleinen Gegenstände des Friedens um mich her) (WEL, S. 267).
An diesem Zitat überwiegt letztlich noch die Wertschätzung des Friedens: dies äußert sich durch die Verwendung des Wortes „fast“ verbunden mit der Feststellung, dass Anti-Kriegs-Erlebnisse auch ohne einschlägige Erfahrungen geschehen können. Auch die Formulierung der aufleuchtenden Friedensgegenstände findet sich in ähnlicher Weise in Mein Jahr in der Niemandsbucht (vgl. NB, S. 32). Dennoch hat man das Gefühl, dass diese kleine Notiz in späteren Werken umgesetzt wurde. So heißt es beispielsweise im Theaterstück Das Spiel vom Fragen von einer der Figuren:
Oft wünsche ich mir einen Krieg oder eine Krankheit oder sonst einen Ernstfall, damit ich endlich einmal sorgenfrei würde. (SF, S. 69)
Eine ganz ähnliche Äußerung findet sich in Mein Jahr in der Niemandsbucht: Er wünsche sich manchmal, dass der dritte Weltkrieg ausbräche, damit er in seinem Einzelkampf nicht so allein sei (NB, S. 230 f.). Dieser Wunsch geht zumindest in Form eines Bürgerkriegs in Erfüllung. Dieser wird, wie schon oben besprochen, zwar nicht in Jugoslawien, sondern in Deutschland ausgetragen – ein Handlungskniff, der für einen erstaunlichen Verfremdungseffekt sorgt – und ermöglicht Deutschland einen Neubeginn (vgl. NB, S. 464). Diese poetisierte Einarbeitung des Krieges in einen Roman sollte auch bei einer endgültigen Betrachtung von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag bedacht werden, zumal Mein Jahr in der Niemandsbucht relativ kurz vor dem Erscheinen der beiden Serbientexte publiziert wurde. Sie steht hierbei in einer generellen Tradition, dem Krieg, vor allem auch den postjugoslawischen, etwas Romantisches abzugewinnen, in Form einer stärkeren Wahrnehmung des Lebens und der Wirklichkeit.*Vgl. hierzu Beispiele von Vesna Goldsworthy in Goldsworthy 2002, S. 30 f. Auch bei ideologischen Strömungen vor dem Ersten Weltkrieg gibt es die Tendenz Krieg als Chance auf einen Neuanfang zu begreifen.*Diesen Hinweis verdanke ich Dirk Kretzschmar in seinem Vortrag „Ernst Jünger, Peter Handke und die Ästhetisierung des Krieges“, gehalten am 25.11.2015 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Ähnlich wie Krieg ist auch Hass und der damit verbundene Themenkomplex der „Feinde“ zweideutig konnotiert in Handkes Werk. Auf der einen Seite gilt die negative Bedeutung wie in dem bereits oben zitierten Ausspruch „Staat und Haß, das gehört zusammen!“ (MN, S. 104), auf der anderen Seite gehört der Hass zum alltäglichen Leben der Autorenfigur in der Morawischen Nacht: „Sein ganzes bisheriges Leben [...] war [...] begleitet worden von unerklärlichen Hassern“ (MN, S. 39).
Hier ist es durchaus denkbar, dass autobiografische Erfahrungen des Autors in diese Äußerung hineingewirkt haben; sagt er doch von sich selber, dass er kein „harmonischer Mensch“ (ZR, S. 50) sei und die Beschimpfungsgesten seiner Werke durchaus auf ihn als Person rückführbar wären. Wie diese und seine Provokationen im Allgemeinen mit seinem Rollenverständnis als Dichter zusammenhängen, lässt sich in dem Unterkapitel zur Erzählkritik bei Peter Handke nachverfolgen. Dass das Dasein als strittiger Mensch allerdings etwas Erstrebenswertes besitzt, zeigt sich bei Die Stunde der wahren Empfindung, als Gregor Keuschnig zuletzt beschließt, dass er sich fortan Feinde schaffen wolle (vgl. SE, S. 166).
Die Figur des „Ideallesers“ oder auch des „erträumten Lesers“ taucht zum ersten Mal explizit in der Morawischen Nacht 2008 auf, eine ähnlich angelegte Figur findet sich aber bereits 1994 in Mein Jahr in der Niemandsbucht in der Person des Lesers, der zudem noch den Namen Gregor Keuschnig trägt, der Protagonist von Die Stunde der wahren Empfindung. Dieser Name wiederum ist Handkes Familie, allen voran dem im Krieg verstorbenen Onkel Gregor entliehen, und auch das „Keuschnig“ leitet sich aus seinem familiären Hintergrund als „Kleinhäusler“ ab.*Vgl. Haslinger 1992, S. 71. Man könnte also sagen, dass Gregor Keuschnig eine Art „Wieder-gänger“ oder „Doppelgänger“, dieses verstorbenen Onkels darstellt und die Figur wiederum in mehreren Texten Handkes auftaucht wie in der Morawischen Nacht und in Immer noch Sturm, wo er, anders als der echte Patenonkel, als einziger von drei Brüdern den Krieg überlebt. Auf das Doppelgänger-Motiv, das sich auch in anderer Weise bei Handke äußert, soll hier nicht weiter eingegangen werden, wichtig ist nur so viel: Es scheint den Ausgangspunkt der Überlegungen für den „Idealleser“ zu bilden. Auch dieser Gregor Keuschnig kommt dem Erzähler in Mein Jahr in der Niemandsbucht zunächst wie ein Doppelgänger vor, allerdings wie ein unguter (NB, S. 110). Das, was ihm in der Folge am meisten beim Leser überrascht, ist seine Fähigkeit die Bücher des Erzählers so wiederzugeben, dass er Lust bekam „sie selber gleich lesen zu gehen“ (NB, S. 110).
Wirklich ausgebaut wird die Idee des idealen Lesers aber vor allem in Die morawische Nacht. Am Anfang steht der fromme Wunsch der Autorenfigur, eines „erträumten Lesers“ (MN, S. 265), der ein Buch lese ohne mit der Wimper zu zucken. Im Verlauf der Reise trifft er tatsächlich auf eine junge Leserin, die dieses Ideal zu erfüllen scheint:
Sie lebte sichtlich mit dem Buch da, buchstabierte es nach, befragte es, befragte sich, war mit ihm verbunden, wurde und war mit ihm eins. (MN, S. 381)
Und weiterhin heißt es:
So einen Leser, so eine Leserin, so jemand durch und durch Zarten, hatte er sich vorzeiten auch für seine Bücher vorgestellt. (MN, S. 382)
Der Lidschlag der Leserin wird dabei im Folgenden genau beschrieben – eine strukturelle Gemeinsamkeit, die die vorher zitierte Stelle mit dem Finden dieser „Idealleserin“ verbindet. Im Folgenden entspinnt sich auch eine Unterhaltung mit der jungen Leserin über ihr Leben, da sie ihn als früheren Autor erkennt, aber dennoch genauso darüber staunt, dass er ein Autor aus Fleisch und Blut sei, der ab und an auch in einem Zug fuhr (MN, S. 385).
Dieser Textabschnitt wirkt fast wie eine metatextueller Kommentar zu Umberto Ecos Konzept des „model reader“ und „model author“. Der „model reader“, zu Deutsch „Modellleser“, setzt sich dabei aus verschiedenen Instruktionen, die im Text vorkommen, zusammen.*Umberto Eco: Six walks in the fictional woods, Cambridge (Massachusetts, USA) u. a. 1994, S. 15 f., im Folgenden abgekürzt: Eco 1994. Zum Beispiel können in einem Märchen, das mit einer Ansprache an Kinder beginnt, diese als Idealleser angenommen werden.*Ebd., S. 10. Der „erträumte Leser“ ist in Handkes Büchern also eine Figur, die bestimmte Eigenschaften eines idealen Lesers für dessen Bücher subsummiert. Die Leserin in der Morawischen Nacht ist eine Wunschvorstellung, nicht unbedingt des realen Autors Handke, aber zumindest der Autoren-figur, wie sie in der Morawischen Nacht skizziert wird und die manche Ähnlichkeit mit der Person Handke aufweist. Die Leserin erinnert zugleich aber auch – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – an all die weniger idealen und empirischen Leser Handkes, die Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag in der Öffentlichkeit so verrissen haben.
Es wurmt mich doch etwas, daß ich nicht den Eindruck habe, daß der Text Satz für Satz, wörtlich – meine meine Arbeit ist ja das Wörtliche –, daß der Text nicht gelesen wurde. Es wird gelesen, aber es dringt nicht richtig ein*Deichmann in ders. 1999, S. 190.,
formuliert Peter Handke seinen Eindruck vom Leseverhalten des Publikums in einem Interview mit Thomas Deichmann. Auch Matthias Schöning betont die Bringschuld der Rezipientinnen und Rezipienten, die er im Falle der Serbientexte vermisst hat.*Schöning 2007, S. 318 wie auch Abschnitt 3.2.4, S. 83–88, dieser Arbeit. Gleichwohl könnte man mit dem Luhmannschen Kunstverständnis argumentieren, dass ein Kunstschaffender immer die Rezeption seines Kunstwerks mitdenken müsse, um eine Kommunikation zwischen der rezipierenden und textgenerierenden Instanz zu etablieren. Gleichzeitig kann durch die Polysemie des Kunstwerks keinesfalls davon ausgegangen werden, dass sich diese Kommunikation eindeutig gestalte.*Vgl. Luhmann 1999, S. 71 f. Es bleibt dahingestellt, ob die erstarkenden Leserfiguren in seinen neueren Büchern mit Handkes Enttäuschung von den Publikumsreaktionen zusammenhängen, zumal die „Erstarkung“ des Lesers im Text ja bereits vor den Serbientexten einsetzt, wie oben gesehen.*Vgl. zu dem Begriff des “Leservolks“ allerdings auch Abschnitt 3.4.2, S. 140–144, dieser Arbeit. Trotzdem erscheint dies möglich und es wäre sicherlich lohnenswert die Entwicklung der Leserfiguren in künftigen Werken Handkes im Auge zu behalten.
Zusammenfassung und Bewertung von Handkes Poetologie in Bezug auf Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag
Der Grund, warum Handke zweimal in die ehemaligen jugoslawischen Länder reiste – erst nach Serbien und dann, im Sommer nach dem Friedensschluss, auch nach Bosnien, ist wohl zuallererst in seiner Skepsis gegenüber jeglicher vorgefertigter Realitätsabbildung zu suchen. Wie bereits im Kapitel zur Wirklichkeit bei Handke ersichtlich wurde, findet sich in seinem Gesamtwerk die Tendenz das Subjektive, also das tatsächlich Gesehene, vor das scheinbar Objektive zu stellen und sogar davon auszugehen, dass dieses subjektive Empfinden verallgemeinert werden könne. Im Vorwort zu seiner ersten Reise heißt es:
[E]s lockte mich auch, einfach das Land anzuschauen, das mir von allen Ländern Jugoslawiens das am wenigsten bekannte war, und dabei, vielleicht gerade bewirkt durch die Meldungen und Meinungen darüber, das inzwischen am stärksten anziehende, das, mitsamt dem befremdenden Hörensagen über es, sozusagen interessanteste. Beinah alle Bilder und Berichte der letzten vier Jahre kamen ja von der einen Seite der Fronten oder Grenzen, und wenn sie zwischendurch auch einmal von der anderen kamen, erschienen sie mir, mit der Zeit mehr und mehr, als bloße Spiegelungen der üblichen, eingespielten Blickseiten – als Verspiegelungen in unseren Sehzellen selber, und jedenfalls nicht als Augenzeugenschaft. (WR, S. 13)
Es erscheint mir wichtig, die subjektive Wahrnehmung als Zentrum von Handkes Vorgehensweise an den Anfang dieses Fazits zu stellen, weil nahezu alle weiteren bereits vorgestellten Themenkomplexe damit verknüpft sind – dies gilt, mehr noch als bei anderen Werken, für Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag. Dass dabei der Erzähler der Reise durchaus Kritik an seiner Wahrnehmung zulässt, wurde von den meisten Kommentatoren kaum beachtet. So gibt dieser zu, gerade im ersten Augenblick häufig „Realitätsembleme“ (WR, S. 55) zu übersehen. Oft geschieht es, fast ritualisiert, dass er sich in seinen Feststellungen verbessert. Manchmal handelt es sich dabei nur um ein Wort, wie etwa, wenn er in Sommerlicher Nachtrag das Weiden von Schweinen zu einem „Fressen“ korrigiert (vgl. SN, S. 16), manchmal geht es um ganze Eindrücke. Die unvollendeten Neubauten auf der anderen, der bosnischen Seite der Drina entpuppen sich tatsächlich als Ruinen (WR, S. 119), die vermuteten Soldaten werden durch die Erklärung eines Einheimischen doch wieder zu Waldarbeitern (WR, S. 98). Auf die genaue Verwendung der Wörter kommt es Handke an – wie bereits im Kapitel zur Erzählkritik dargelegt – insofern verwundert es nicht, dass er gerade bei eigentlich unbedeutenden Kleinigkeiten darum bemüht ist, sie zu berichtigen. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Stelle im Sommerlichen Nachtrag, in der ihn die Bewohner von Bajina Bašta auf kleine Fehler in seinem ersten Bericht hinweisen (vgl. SN, S. 18–20): Sie kann dem Autor einerseits boshaft ausgelegt werden, weil sie von der inhaltlichen Kritik, die es nach Eine winterliche Reise hagelte, scheinbar nur Nichtigkeiten aufnimmt und berichtigt. Andererseits zeigt sie die Blickrichtung des Erzählers in das „[N]ebendraußen“ (WR, S. 51), wie dieser sein Vorgehen nach Hermann Lenz selbst nennt. Die alltäglichen Dinge seien es, die letztlich Versöhnungsmöglichkeiten eröffnen würden als der gemeinsame Nenner einer Lebenswelt (vgl. WR, S. 132 f.). Wenn man an das „Zitronenfalterbeispiel“ denkt, das bereits im Kapitel über die Zeitungskritik geschildert wurde, so sieht man, dass in Handkes Werk generell die Dinge, die einen unmittelbar umgeben, mehr Bedeutung haben als eine abstrakte, nicht greifbare Nachrichtenwelt. Insofern verwundert es nicht, dass er sich von diesen Dingen, ähnlich wie es seinem Protagonisten in Die Stunde der wahren Empfindung widerfährt, mehr Heil im Sinne einer „Heilung“ verspricht als von Journalisten und ihren Berichten über die Länder.
Die Zeitungskritik, die sich bei beiden Texten findet, war tatsächlich in einer derartigen Form und Heftigkeit bislang noch nicht bei Handke aufgetreten.*Vgl. Bluhm 2007a, S. 170. Oftmals zitiert und auch verrissen sind seine harschen Worte zum „Haßleitartikler[...]“ (WR, S. 33) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den er später zu „Reißwolf und Geifermüller“ (WR, S. 126) verunglimpft oder auch seine Bemerkung zu den „Rotten der Fernfuchtler, welche ihren Schreiberuf mit dem eines Richters oder gar mit der Rolle eines Demagogen verwechseln“ (WR, S. 122 f.). Sieht man sich allerdings mit dem zeitlichen Abstand von 20 Jahren an, wie binär der damalige Mitherausgeber und hier diffamierte Johann Georg Reißmüller die Situation im auseinanderfallenden Jugoslawien konstruiert hat, erscheint die Kritik in gewissem Maße berechtigt.*Eine Zusammenfassung findet sich bei von Oppen 2006b, S. 170. Bemerkt werden muss dabei aber auch: Bei letzterer Stelle kritisiert Handke eindeutig die Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht vor Ort befanden, um als Augenzeugen über die Geschehnisse zu berichten. Wie wichtig ihm eine solche Augenzeugenschaft bei aller Zeitungskritik ist, zeigte ich bereits im gleichnamigen Kapitel.
Sein Problem mit Zeitungen und den Medien generell äußert sich in zweierlei Hinsicht: Er kritisiert die fahrlässige Verwendung von Wörtern, die für ihn eine eigene Wirklichkeit bilden und somit mit Bedacht gewählt werden müssen, und Bilder, die ein verfälschtes oder unzuverlässiges Abbild der Wirklichkeit sind.*Vgl. auch zu einem genaueren Aufschlüsseln der medienkritischen Argumente Handkes Breuer 2001.
Zum ersten: Hier bemängelt er vor allem, dass mit bestimmten Wörtern immer dieselben Topoi bedient werden, z. B., wenn man bei Radovan Karadžić immer darauf hinweise, dass er Doktor der Psychiatrie sei, „denn bekanntlich [...] haben ja auch alle die Geisteskranken Behandelnden selbst einen Schatten“ (WR, S. 44). Dieses schaffe „Wortbilder“, die nicht wesentlich besser seien als die blutigen Eindrücke, die im Fernsehen zu sehen seien: Ein gutes Beispiel sei dafür die französische Zeitung le monde, die zwar auf Fotos und dergleichen verzichte, dies aber manipulativ durch klischeehafte Beschreibungen von Personen und Geschehnissen wettmachen würde (WR, S. 26). In der Bildkritik, die Handke bezüglich der Berichterstattung der postjugoslawischen Kriege äußert, spielt einmal mehr seine Poetik des „Nebendraußen“ eine Rolle: Er will nicht nur die alltäglichen Dinge, von denen sonst niemand berichtet, in seinem Reisejournal festhalten, sondern auch die Blickrichtung gänzlich ändern: von dem Neben-den-Bildern-liegenden in die Bilder hinein. Und so verwundert es aus poetologischer Sicht nicht, dass er Serbien und seine Bevölkerung als Ausgangspunkt für seine Perspektive wählt und es verwundert noch weniger, dass es in Eine winterliche Reise immer wieder zu Szenen kommt, in denen er an der Grenze zu Bosnien steht und hinüberblickt, beispielsweise in der oft zitierten Szene bei seinem Spaziergang zur Drina (vgl. WR, S. 119 f.). Handke gibt dies sowohl in Interviews und auch in dem Text selber zu, dass ihn vor allem Serbien reizte, weil es so wenig Bilder von Serben, vor allem den Leidenden, in den Medien gegeben habe (vgl. WR, S. 40 f.). Einige Wissenschaftler, vor allem auch Martin Sexl, gestehen ihm die Aussparung der bosnischen Kriegsleiden durchaus zu, da die Geschehnisse in Bosnien zum Zeitpunkt der Publikation von Eine winterliche Reise hinreichend bekannt gewesen wären.*Vgl. Sexl in Denz/Pirkl 2009, S. 21.
Es findet aber gerade in Sommerlicher Nachtrag eine Weiterentwicklung der Bild-Thematik in Handkes Werk statt. Diese wird vor allem bei seinem Besuch in Srebrenica deutlich, welches er, wohl auch aus Respekt vor der Bedeutung des Wortes, bei seinem Besuch dort (wohlgemerkt nicht davor) schlicht mit „S.“ abkürzt. In Srebrenica sei das „Problem des Weitererzählens, der Bilderbeschreibung“ (SN, S. 65) deutlich. Handke bringt es gar mit dem Bilderverbot, der im Islam gilt, in Verbindung (SN, S. 66). An dieser Stelle schwingt ebenfalls die Erzählkritik Handkes deutlich mit, da es ihm im Gegensatz zu den – aus seiner Perspektive – platten Attitüden der Journalisten schwerfällt, den Ort angemessen zu beschreiben oder ihm gar eine Erzähllogik zu geben. Wie er stattdessen mit Geräuschen und der Stille in dem Ort arbeitet, soll später noch einmal genauer betrachtet werden, doch wäre eine der Lösungen dieses Darstellungsproblems für Handke hier:
[E]in Abweisen der großen, der ausgemalten, der zu Ende geschilderten, der monumentalen Bilder, ein Abweisen, das dafür aber Raum gäbe oder ließe für noch und noch Miniaturen, als Bilder kaum mehr zu entziffernden, auch kaum mehr etwas zu bedeutenden ‑ ein solches Kleinstbild zusätzlich verknüpft mit dem andern zu einer bloßen, bloßen?, im ganzen vielleicht doch das eine oder das andere besagenden „Arabeske“. Ja, Arabeske. (SN, S. 66)
Diese Möglichkeit Srebrenica darzustellen, wird aber dennoch wieder teilweise in Frage gestellt. Einen Teil der „Arabeske“, der vielen Klein- und Kleinstbilder von Srebrenica, könnte auch die Natur bieten, zu der der Blick des Reisenden immer wieder schweift und die in den anderen Teilen der früheren jugoslawischen Länder durch den endenden Frühling im Überfluss vertreten ist. Doch in Srebrenica gilt, dass er keine Bilder von der Natur im Nachhinein erinnert, weder von der Natur noch von den Kindern noch von mutmaßlichen Genozidstätten, die die Reporter mit ihren Kameras in Szene setzten (SN, S. 77): „auch wenn da tatsächlich...“ (SN, S. 78).
Dieses Anzweifeln der eigenen Erinnerung, der eigenen Bilder im Kopf, kann auf unterschiedlichste Art und Weise gelesen werden: Zum einen könnte man es als eine Respektbezeugung vor dem Ort des Grauens sehen, dass diese Art von Naturbildern hier fehl am Platze wären. Wahrscheinlicher erscheint mir jedoch die Möglichkeit, dass dies ein ironischer Kommentar Handkes auf die bissigen Reaktionen von Journalistinnen und Journalisten ist, die ihn für seine Naturbeschreibungen kritisierten. Faktisch ist es ja nicht so, dass Handke an dieser Textstelle all diese „Gegenbilder“ nicht erinnert: Er erinnert sie und er schreibt sie auf, wenngleich er auch ihre Beschreibung kurz hält. Obwohl er ihre Wirkung scheinbar negiert, eröffnet er mit dem unvollendeten Zusatz „auch wenn da tatsächlich...“ die Möglichkeit, dass all diese in seinen Augen „fried-lichen“ Naturbilder selbst an einem Ort wie Srebrenica zugegen waren. Zugleich ist es gerade die Natur, die die Gleichzeitigkeit verschiedener narrativer Ebenen ermöglicht. So schreibt Jean Bertrand Miguoué:
Die Erfahrung und das Verstehen des Menschen und seiner Geschichte schließt eine Berücksichtigung der Natur, in der er sich bewegt, mit ein. Die Natur, die Landschaft könnten also jenes Unscheinbare liefern, welches die „Dauer“ bzw. das „Ewige“ in der Geschichte verschiedener Völker rekonstruieren lässt. Es geht also darum wieder einen Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Natur und Kultur herzustellen.*Miguoué 2012, S. 175.
Dafür spricht, dass ihm die Bilder aus Serbien und Bosnien selbst dann noch präsent waren, als er von seiner zweiten Reise wieder zurück nach Paris kam (vgl. SN, S. 88 f.). Es findet eine Art Bildüberlagerung statt, die ihn an scheinbar friedlichen Stätten Massengräber und Luftaufnahmen Srebrenicas sehen lässt. Die Suche nach dem Ursprung des Bildes, das eine Art Leitthema für den Sommerlichen Nachtrag darstellt und dementsprechend nicht ohne Grund im das Buch abschließenden Zitat von Ivo Andrić auftaucht (vgl. SN, S. 92), macht sicherlich einen Teil dieser Realitätsverschiebung aus. Die Textstelle bietet aber auch die Möglichkeit, auf ein weiteres Thema einzugehen, das sowohl in Handkes Gesamtwerk als auch in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag wichtig ist: Das Verständnis von Heimat. Von der Grenzregion zwischen Bosnien und Serbien bemerkt ein Begleiter, Žarko, etwa, dass es ihn an die Natur in Handkes Geburtsstätte Kärnten erinnerte – eine Beobachtung, der Handke zustimmen muss (vgl. SN, S. 25 f.). Das Verhältnis zwischen Heimat und Fremde empfindet er in Serbien als besonders ambivalent:
[W]eder wurde ich in Serbien heimisch, noch erlebte ich mich je als ein Fremder, im Sinn eines Unzugehörigen oder gar vor den Kopf Gestoßenen. Beständig blieb ich ein Reisender, ja ein Tourist, wenn auch jener neuen Art, welche seit kurzem die Reiseforscher oder -wissenschaftler dem „Urlauber“ als „nachhaltiges Reisen“ vorschlagen. (WR, S. 114)
Bei diesem Zitat sei noch einmal daran erinnert, dass diese Idealisierung Handkes bezüglich des Reisens erstaunt, da er seine Reiseberichte in einem Zeitraum schreibt, in dem das postmoderne ironische Erleben des Reisens bereits Einzug in die Literatur gehalten hat (vgl. dazu auch das Kapitel über den Raum im Werk Handkes). Tatsächlich wird gleich zu Beginn von Eine winterliche Reise erwähnt, dass es unwahrscheinlich ist, in ein Kriegsgebiet als „Tourist“ (WR, S. 21) zu fahren, wie es Handke in der serbischen Behörde in Paris als Aufenthaltsgrund angibt. Andererseits könnte man argumentieren, dass ein zum Tourismus eigentlich ungeeignetes Kriegsgebiet eines der letzten weißen Flecken der Landkarte darstellt, zumal die Länder durch die neuen territorialen Grenzen tatsächlich noch nicht oder nicht mehr auf einer Landkarte erfasst sind.*Dieses Bestreben könnte man nach Lennon und Foley als „Dark Tourism“ einordnen, wobei Handke das eigentliche Kriegsgebiet bewusst meidet. Er stellt sich in dieser Hinsicht zumindest in Eine winterliche Reise gegen eine touristische Besichtigung der Gräuelstätten. Vgl. Lennon/Foley 2000 sowie Abschnitt 2.2.5, S. 45–51, dieser Arbeit. Einen solchen weißen Flecken zu entdecken – dies ist eines der beherrschenden Topoi der Reiseliteratur in den letzten Jahrhunderten. Hier zeigt sich einmal mehr, dass sich Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag relativ unproblematisch in die Tradition von Reiseliteratur und insbesondere von Reiseberichten einordnen lassen und er nicht, wie Miguoué schreibt, zwischen Journalismus und Literatur steht.*Vgl. Miguoué 2012, S. 79 und Abschnitt 3.3.1, S. 99–107, dieser Arbeit.
Während also Handke, ganz wie es schon im Raum-Kapitel zum Ausdruck kam, sich in dem Gefühl der vertrauten Fremde einfindet, sind es seltsamerweise die Einheimischen wie sein Reisebegleiter Žarko oder der Bibliothekar, die sich in ihrem alten Land nicht mehr heimisch fühlen (vgl. WR, S. 57, S. 102). Das Verstummen der Einheimischen angesichts der neuen Zustände in ihrem Land, die Stille, die in diesem vorherrscht, fällt besonders als Motiv auf. Die Stille, die in früheren Werken als etwas Positives wahrgenommen wird, ist hier zum Indiz für das Unglück geworden, das die Länder befallen hat. Besonders deutlich wird das in Višegrad in der Republika Srpska, in der selbst der serbisch-orthodoxe Gottesdienst und die Todesklagen eigentümlich still wirken, wie auch die ganze Stadt einen ruhigen, fast ausgestorbenen Eindruck auf den Reisenden macht (vgl. SN, S. 38, S. 48 f.). Zudem verschlägt es den Bewohnern der früheren jugoslawischen Länder immer wieder die Sprache. Handkes Begleiter Žarko ist seit Kriegsbeginn verstummt (WR, S. 15 f.), selbst das Treffen mit Dragan Velikić, einem berühmten serbischen Schriftsteller, verläuft lange Zeit merkwürdig ruhig (vgl. WR, S. 83). Die wohl stärkste Flucht in die Stille wird am Ende von Eine winterliche Reise geschildert: Es ist der Abschiedsbrief eines ehemaligen Partisanen, der sich nach Ausbruch der postjugoslawischen Kriege selbst tötete (vgl. WR, S. 135). Die Tatsache, dass dieser Brief durch Handkes Übersetzung lesbar gemacht und „wieder zur Sprache gebracht“ wird, das Schweigen über das Leid also somit gebrochen wird, zeigt eine weitere Motivation der Texte: Den Opfern, denen bislang noch niemand eine Stimme gegeben hat, dieselbe (wieder) zu geben. Dass sich Handke hierbei bisweilen irren mag, legt er selbst im Text offen – ein Grund, weshalb der Autor angreifbar wurde. Textstellen wie die oft zitierte, in der ein Serbe die Kriegsschuld seines Volks beklagt und der Erzähler zugibt, dass er diese Argumente nicht hören wollte (vgl. WR, S. 85 f.) sind es, die ihm viel Kritik eingebracht haben. Dabei könnte man umgekehrt ähnlich wie in dem Fall des „Bilderverbots“ in Srebrenica argumentieren, dass er allein durch die Entscheidung, dieses Gespräch trotz seines Widerwillens in das Buch aufzunehmen, zeigt, dass er anderen Meinungen durchaus Gehör schenkt.*In diese Richtung argumentieren Miguoué 2012, S. 131 und Blum 1998, S. 85. Beobachtet werden kann jedoch in jedem Fall ein unentschiedenes Vorgehen der Realität und den Ereignissen Raum zu geben. Dies zeigt sich zum einen in Handkes Fragen als Widerstand gegen die Wortlosigkeit, welche als unverzichtbarer Teil seiner Erzählkritik auch hier wichtig sind. In Bezug auf das Gesamtwerk wirken also Stellen*Zu nennen wären da etwa die Fragen nach dem Kriegsbeginn und dem auslösenden Aggressor, WR, S. 31, dem Zustand von Dubrovnik und dem Verursacher des Anschlags auf dem Marktplatz von Sarajevo, WR, S. 47 f. und die Frage, was in Srebrenica tatsächlich passierte, WR, S. 121., die die einzelnen Geschehnisse im Krieg befragen und möglicherweise auch hinterfragen, deshalb keineswegs so provokativ wie sie für Leser wirken müssen, die nicht vertraut mit Handkes früheren Büchern sind. Sie gehören als Technik zu Handkes Skepsis gegenüber der Wirklichkeit dazu. Allerdings wird im Laufe der Reisen die alles beherrschende Frage, inwieweit diese Technik überhaupt zum Frieden nütze oder ob Stille nicht doch die passendere Reaktion auf das Geschehene sei, gerade was Srebrenica betrifft:
Und dort [in Srebrenica, Anm. d. Verf. dieser Diss.] möglichst lange nichts fragen, das Fragen hinausschieben bis zum richtigen Moment ‑ erst einmal nur dabeisitzen, dabeihocken, den Kopf mit in die Hände stützen. (SN, S. 89)
Mit-Leiden und Empathie für den Anderen scheint als Weg für einen möglichen Frieden in den Gebieten auch zuletzt über die profunde Kenntnis der Vorgeschichte zu siegen, die Handke zwischenzeitlich von den Berichterstattungen einfordert und die er in mancher Reportage vermisst (vgl. SN, S. 81). So heißt es bereits einige Seiten später, dass die Vorgeschichte nur zwischenzeitlich für Erhellung sorgen und keinesfalls alles erklären konnte (vgl. SN, S. 84), und er gelangt zum Fazit:
Es ist der Fall, daß ich wohl einiges weiß [...]. Und im übrigen ging es mir auf dieser Reise mit meinem Wissen so, daß es immer ungewisser wurde, während die Ahnung, die, gemäß meiner Erfahrung, ganz anders vorausweist als jedes Wissen, immer gewisser wurde – die Ahnung, oder eben jener dritte Blickwinkel, der kaumwo je vorkam – nicht vorkommen durfte – und warum nicht? (SN, S. 85)
Das subjektive Empfinden wird in dieser Textstelle einmal mehr über die Faktenlage gestellt, eine Entscheidung, die innerhalb von Handkes Werk – oder seiner „Idee“, die er von sich selber hat, wie es zum Eingang dieses Kapitels heißt – durchaus stringent ist. Weniger stringent ist es dagegen, und hier bleibe ich in meiner Kritik bei dem, was Handkes Texte sich selbst an Anspruch vorgeben, wenn er diese Faktenlage in die Berichte einarbeitet und zugleich hinterfragt. Dies ginge meines Erachtens nicht, wenn er sich bei der Schilderung seiner Reise allein auf seine unmittelbare Umgebung beschränkte und somit die damals aktuelle Ereignislage ausgeklammert hätte. Aber das Hereinbrechen einer großen, wie auch immer gearteten Geschichte in die persönliche Geschichte, den eigenen Mythos, ist etwas, das Handke seit der Unabhängigkeit Sloweniens und seiner Schrift Abschied des Träumers vom Neunten Land beschäftigt. Den Zusammenhang zwischen Slowenien, seiner verloren gegangenen „Gehheimat“*Vgl. dazu auch Blum 1998, S. 80. und dem Heimischwerden in Serbien, den seine Kritikerinnen und Kritiker immer wieder sehen, stellt Handke im Übrigen selbst her, da er Slowenien in den Text einbaut (vgl. WR, S. 108‑113). Auch scheint er in den Serben das Volk wiedergefunden zu haben, dem er eigentlich abgeschworen hatte (vgl. das Kapitel zur Heimat), ein Volk, das von seiner „kollektiven Vereinzelung“ (WR, S. 59) lebt. Wie in dem Kapitel zum Raum bei Peter Handke ersichtlich wurde, ist die Vereinzelung der Gegenstände etwas durchaus Positives, da durch diese ihre Greifbarkeit wieder zum Vorschein käme. Selbst wenn diese Gegenstände in einer Ansammlung aufträten, seien Zwischenräume vonnöten, um sie wirklich „dingfest“ zu machen. Eine ähnliche Theorie lässt sich auf die Menschen in Handkes Büchern übertragen. Dies erklärt, warum es ihn stört, dass die serbische Bevölkerung immerzu als Gruppe in den Medien gezeigt wird (vgl. WR, S. 42) – ganz abgesehen davon, dass ein „Feind-Bild“ (SN, S. 91), wie er es nennt, besonders gut dann funktioniert, wenn der Feind weder ein konkretes Gesicht noch einen Namen erhält.
Dieses Mythisieren von Serbien, dem serbischen Volk und der kriegsbedingten Abgeschnittenheit des Landes*Besonders häufig zitiert und kritisiert wurde die Beschreibung eines Besuchs auf dem Markt und das Beschönigen der Handelsknappheit während der Kriegsjahre, vgl. WR, S. 71 f. zog verständlicherweise Kritik nach sich. Auch der Balkanismus-Vorwurf, der im folgenden Kapitel betrachtet werden soll und der dadurch entsteht, dass Handke eine Art Gegen-Mythos des „ursprünglichen“ Balkanbewohners schafft, ist nicht von der Hand zu weisen. Seine Kritik an Mitteleuropa, das insbesondere in Eine winterliche Reise von Deutschland vertreten wird, ist dabei ebenfalls schon in anderen Werken Handkes manifest geworden. Inwieweit diese ihre Berechtigung hat, soll ebenfalls im Folgenden behandelt werden.
Ich habe in diesem Unterkapitel über die Themen und Motive im Werk Handkes vor allem versucht zu zeigen, dass abseits des hitzigen Streites, den die Texte Eine winter-liche Reise und Sommerlicher Nachtrag ausgelöst haben, eine Lesart möglich und notwendig ist, die rein auf die poetologische Tradition Handkes abzielt, welche in den Texten deutlich zutage tritt. Das beginnt mit der thematischen Beschäftigung der Texte mit dem Reisen, das einen großen Raum in Handkes Werk einnimmt, sowie die Perspektivenwahl auf den Krieg in Bosnien: Es wird vom Rande her, genauer gesagt aus dem Nachbarland aus einer Grenzregion erzählt. Weiterhin wird deutlich, dass die subjektive Empfindung über die Konstruktion einer „Geschichte“ gestellt wird, wie sie etwa Reportagen erzählen. Auch den bedenkenlosen Umgang mit Wörtern, die eine eigene Realität bilden, kritisiert Handke. Ihm ist daran gelegen, möglichst präzise Beschreibungen dafür zu finden, was er unmittelbar sieht. Wirklichkeit ist bei ihm vor allem von Alltäglichkeit und den Gegenständen und Menschen direkt um ihn herum geprägt. Diesen Menschen, durch den Krieg verstummt, versucht er eine Stimme zu geben, gerade weil sie durch ihren Wohnort in Serbien von den internationalen Medien an den Rand gedrängt wurden – zumindest, was den Aufmerksamkeitsfokus betrifft. In Serbien findet Handke eine Art Heimatgefühl in der Fremde vor, seine Sonderstellung gegen die allumfassende Idee von Mitteleuropa begrüßt er. Der Krieg wird teilweise indirekt idealisiert, indem die Versorgungsknappheit der Bevölkerung nicht als ein Mangel gedeutet wird. Die Idee des Ideallesers taucht hier hingegen noch nicht auf, könnte allerdings motivisch als eine Konsequenz aus den Reaktionen auf die Texte gelesen werden.
Balkanismus in Handkes Werken: Eine eindeutige Angelegenheit?
Der Vorwurf, dass Handkes Werke Tendenzen zu Balkanismus aufweisen, ist von Karoline von Oppen in ihrem 2006 erschienenen Aufsatz erstmals in explizitem Bezug auf Todorovas Theorien formuliert worden.*Vgl. von Oppen 2006a sowie Abschnitt 3.2.3, S. 77–82, dieser Arbeit. Doch bereits vorher wurde seine proserbische Haltung kritisiert*Schon in den Printmedien findet sich häufig die Ansicht, dass Handke eine Art „Gegenstereotyp“ gegen das verbreitete Stereotyp von Serben schaffen wollte; auf diese Weise argumentieren Nenad Fišer und Adolf Muschg, vgl. Deichmann 1999, S. 84, S. 94 f. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich dieser Argumentation später angeschlossen (z. B. Konzett 2000, Parry 2000, Meier 2002 sowie Drynda 2007). und sein Verfahren, eigene Mythen mit dem Mythos über den Balkan zu vermischen und dadurch der Debatte eine gefährliche Stoßrichtung, insbesondere in Serbien, zu geben.*Düwell 2006, S. 98 (vgl. auch Abschnitt 3.2.3, S. 77–82) hat diese Vermischung der Mythen als Erste angesprochen; später hat Savica Toma diese Mythenbildung durch Handke in Serbien selbst analysiert (vgl. Toma 2007, Abschnitt 3.2.4, S. 83–88); Lacko Vidulić 2008, S. 213, stimmt Toma zu, selbst der ihm sonst positiv gesonnene Martin Sexl kritisiert Handkes Vorgehen in Bezug auf den Mythos (ders. 2011, S. 103). Auch der eigentümliche Volksbegriff Handkes wurde von mehreren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgenommen und besprochen.*U. a. von Parry 2003, Lacko Vidulić 2007 sowie Mitterhofer 2010. Obwohl ich dieser Kritik grundsätzlich zustimme und im Folgenden einige Beispiele für die in anderen wissenschaftlichen Arbeiten erwähnten Formen von Handkes Balkanismus geben möchte, erscheint es mir wichtig zu erwähnen, dass Handke nicht in jedem seiner kritischen Denkanstöße unrecht hatte; in einigen kommt er den Positionen Todorovas mitunter erstaunlich nahe. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich Abschied des Träumers vom Neunten Land ansieht, den Text, der 1991 den Anfangspunkt für die explizite Auseinandersetzung mit dem Thema der postjugoslawischen Kriege markiert. Meine These ist, dass sich die Balkanvorstellungen bei Handke im Laufe der Zeit verändern und in drei Werkabschnitte unterteilen lassen, deren einzelne Elemente jedoch ineinander übergreifen. In Abschied des Träumers vom Neunten Land herrscht die Voraussicht vor, dass das Scheitern des Vielvölkerstaates Jugoslawien ein Scheitern des sich aus vielen Staaten zusammensetzenden Europas vorwegnimmt. In Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag werden eigene Mythen und die Mythen über den Balkan amalgamiert und – wie schon von anderen beschrieben – zu einer Art Gegenmythos verschmolzen. Dieser ist letztlich jedoch nicht unbedingt ein solcher, wie gezeigt werden wird. In den später erschienenen Büchern über die Region setzen sich diese Positionen fort und verhärten sich – die von Decloedt bereits angesprochene „Starrköpfigkeit“, die an die eines Kindes erinnert,*Vgl. Decloedt 2000, S. 199. manifestiert sich hier.
Handkes Position in Abschied des Träumers vom Neunten Land
Die biografische Bindung Handkes an Jugoslawien und insbesondere an Slowenien sowie das Gefühl der Verbundenheit zu diesem Land wurden bereits erwähnt.*Vgl. Abschnitt 3.3.6, S. 119–123, dieser Arbeit. Ein Bruch mit dieser, in den Texten zum Ausdruck gekommenen Verbundenheit, geschieht mit der Abspaltung Sloweniens von Jugoslawien und dem darauf erschienenen Text Abschied des Träumers vom Neunten Land. Darin wird das Konzept von „Zentral-“ und vor allem von „Mitteleuropa“ kritisiert (vgl. AT, S. 22). Die Geschichte dieses „Mitteleuropas“ (ich setze den Begriff ähnlich wie er in Abschied des Träumers vom Neunten Land vorkommt, in Anführungszeichen, da es sich offensichtlich um eine Begriffskritik handelt) habe in den letzten Jahren in Slowenien Verbreitung gefunden (AT, S. 22). Der Autor spricht hier, wie bereits oben erwähnt, von einem „Gespenstergerede von Mitteleuropa“ (AT, S. 29)*Vgl. ebd., das an den Topos der „Geister des Balkans“ angelehnt ist und diesen umkehrt. Slowenien sei aber ebenso wenig in den Begriffen „Osten“ oder „Balkan“ zu fassen (AT, S. 25 f.). Diese Begriffskritik erinnert an die sehr ausführliche von Maria Todorova in deren Hauptwerk.*Vgl. Todorova 2009, insbesondere das erste Kapitel Nomen, S. 21–37, sowie zur pejorativen Verwendung der Termini „Osten“ und „östlich“: S. 58. Auch die Ansicht, dass das nationalstaatliche Konzept von „Mitteleuropa“, insbesondere auch Deutschlands,*Wie bereits in Abschnitt 3.3.6 gesehen, ist es v. a. Deutschland, das für Handke diese ungute Tendenz verkörpert. Vgl. auch Reiter/Seiler in Deichmann 1999. von außen an den Völkerbund herangetragen wurde (vgl. AT, S. 31, vgl. auch AT, S. 38), ist keine, mit der Handke alleine steht. In ähnlicher Weise findet sich diese Theorie bei Milica Bakić-Hayden und Robert M. Hayden:
Ironically if not tragically, it is now in danger of succumbing to the ideology of bounded nations that has for so long driven European thought. Thus the Yugoslav peoples, looking for salvation to an idealized unified Europe that does not yet exist, may fall victim to the illusions of severable nations that have twice in this century destroyed the Europe that has long existed.*Bakić-Hayden 1992, S. 15.
Marie-Janine Calic benennt u. a. den wirtschaftlichen Aspekt, der zur Erosion des Vielvölkerstaates geführt hat:*Vgl. Calic 1996, S. 61 ff., Calic 2010, S. 280 f., S. 336. So gab es etwa ein Missverhältnis zwischen dem wirtschaftlich reicheren Slowenien und dem ärmeren Kosovo. Dass dadurch einige Vorurteile entstanden sind, wie sie Handke benennt, à la „die im Süden sind faul“ (AT, S. 39), ist gut vorstellbar. Auch wenn ökonomische Autarkie als Unabhängigkeitsgrund nachvollziehbar ist, ist dieser ebenso kritisierbar als ein Aufkündigen des Solidaritätsprinzips, auf dem föderale Staaten beruhen. Genau diese Kritik übt Peter Handke in diesem Punkt berechtigterweise, genauso wie der Begriff „Mitteleuropa“ und die pejorative Konnotation des Begriffs „Osten“ zu Recht als Problem benannt werden. Die aktuellen Entwicklungen in Europa, die Krise in der EU und gerade auch der Ukrainekrieg zeigen, dass „Mitteleuropa“ alles andere als obsolet geworden ist, wie Fabjan Hafner etwa behauptet,*Vgl. Hafner 2009, S. 22, S. 234 f. sondern nach wie vor eine mächtige Wirkung besitzt. Auch dass das dahinterstehende Konzept der ethnisch homogenen Nationalstaatlichkeit von den jeweiligen Völkern aufgegriffen wird, ist eine berechtigte Beobachtung. Insofern kann man zumindest bei Abschied des Träumers vom Neunten Land behaupten, dass Handke hier einige Entwicklungen frühzeitig benannt hat, die später in der Fachliteratur ähnlich bewertet werden. Dies ist eine durchaus bemerkenswerte Tatsache.
Die Formulierung eines Gegenmythos in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag
Im Zuge von Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag kommt es zunächst häufig zu einer ironischen Aufnahme der geläufigen Stereotype und Vorurteile über den Osten im Allgemeinen und dem Westen im Besonderen. Das Auto seines Begleiters sei beispielsweise weder gestohlen noch in irgendeiner Form beschädigt worden (WR, S. 67) und Halt auf ihrer Reise würden sie nicht etwa machen, um Alkohol zu trinken, sondern Wasser (WR, S. 77). Auch in Sommerlicher Nachtrag werden diese Stereotype aufgegriffen, als der Erzähler mit seinen Begleitern auf zwei serbische Frauen trifft:
Ja, sie sahen in uns einmal welche, die nicht von vorneherein als Feinde oder Übeltäter in ihr verfemtes Land strebten; deren Reiseziel oder Hinter- und Hauptgedanke es jedenfalls nicht war, weitere Worte und Sätze zuzuhäufeln zu der Sage von ihrem Volk als einem von Vergewaltigern, Schlächtern und uneuropäischen Barbaren. (SN, S. 14)
Die Idee von der Grausamkeit der Menschen (und vor allem Männer) des Balkans ist schon älter, wie Todorova bemerkt – allerdings ist dieses Bild im 18. und 19. Jahrhundert meist noch auf die herrschenden Osmanen und nicht auf Serben bezogen.*Vgl. Todorova 2009, S. 66, S. 90 f. Auch auffällig ist die bewusst gewählte Dichotomie zu Europa – der Erzähler bezeichnet die Serben hier ironisch als „uneuropäische Barbaren“. Allerdings werden die in dem Text verwendeten Stereotype nur erwähnt, um sie später in ihr Gegenteil zu verkehren. Keine Barbaren seien die Serben, sondern ein
offensichtlich europaweit [sic!] geächtetes wissendes ganzes, großes Volk, welches […] jetzt der Welt zeigen will, auch wenn diese so gar nichts davon wahrnehmen will, daß es, nicht nur auf den Straßen, sondern ebenso abseits, ziemlich anders ist (WR, S. 115).
Handke bedient sich bei der Darstellung dieses Volkes seiner eigenen poetologischen Verfahren, die ihm in der Kritik zu Lasten gelegt wurden. Häufig ist in der Sekundärliteratur und den Zeitungsartikeln etwa von der Beschreibung des dem Krieg geschuldeten Benzinmangels (vgl. WR, S. 88) die Rede,*Vgl. etwa Parry 2003, S. 337. die bei Handke romantisiert wird. Diese poetologischen Interferenzen sind bereits ausführlich in der Zusammenfassung des letzten Unterkapitels erläutert worden: Der Blick auf das „Nebendraußen“ der Alltagsgegenstände wie auch Handkes Volksbegriff mögen an diesen Stellen von Bedeutung gewesen sein. Einer kurzen Betrachtung wert und meines Wissens noch nicht besprochen, sind jedoch dreierlei Dinge in diesem Zusammenhang:
a) die Bezeichnung der Serben als „Leservolk“;
b) die Bewertung des Kriegszustands;
c) die allmähliche Umbesetzung von „Europa“.
Zu a): Die ab Mein Jahr in der Niemandsbucht beginnende negative Umwertung des „Volks“-Begriffs bei Handke ist bereits erwähnt worden.*Vgl. Abschnitt 3.3.6, S. 119–123, zu Handkes Heimat-Begriff. Eine letzte Ausnahme bildet hier die Bezeichnung der Serben als „Leservolk“ (WR, S. 77), was nicht nur aufgrund der genannten Tatsache interessant ist: Der „Leser“ als solcher wird, wie gezeigt,*Vgl. Abschnitt 3.3.8, S. 125–129, zur Leserfigur bei Handke. erst ab der Morawischen Nacht wirklich virulent. Wir haben es hier also bezüglich dieses Begriffs mit einem Zwischenstadium in Handkes Poetologie zu tun. Zwar gilt, wie bereits erwähnt, dass der Volksbegriff in seinen Texten zwiegespalten ist: In früheren Werken ist er als eher utopischer oder – wie Parry es ausdrückt – als „Abstraktum“*Vgl. Parry 2003, S. 332. Parrys darauffolgende Argumentation, dass Handkes „Volks“-Begriff in hohem Maße durch Taten oder auch durch eine bewusste Wahl der Protagonisten bestimmt ist, passt zu Stuart Halls Begrifflichkeit der „Identifikation“. Vgl. ders. 1994, S. 196 sowie Abschnitt 2.2.1.1, S. 21–25. zu verstehen, ab Mein Jahr in der Niemandsbucht und spätestens nach den Serbientexten als eher politischer. Ersterer wird von Handke begrüßt, letzterer abgelehnt. Dennoch kann bemerkt werden, dass gerade bei diesem Text, der von Vielen aufgrund der Hybridität zwischen „politischem Pamphlet [und] poetischem Produkt“*So heißt in leicht abgewandelter Form bereits einer der ersten Aufsätze zu Handke. Vgl. Daiber 1997. kritisiert wurde, noch einmal eine Ausnahme zu dem bereits vorher verworfenen Volksbegriff gemacht wurde und dieser idealisiert und im Zusammenhang mit dem ebenfalls idealisierten „Leser“ in Bezug auf Serben verwendet wird.
Zu b): Wie dargestellt*Vgl. Abschnitt 3.3.8, S. 125–129, zu der Bewertung von Krieg bei Handke. finden sich in Handkes Werk Tendenzen, die dem Krieg durchaus etwas Positives abgewinnen und ihn idealisiert wahrnehmen. Diese Tendenz zeigt sich auch in Eine winterliche Reise. Die bereits erwähnte Benzin-Stelle würde ich dieser Entwicklung zurechnen und mich Parrys Wertung anschließen, dass dies „unbegreiflich[…]“*Parry 2003, S. 337. sei.
Zu c): Auch hier ist auf Parrys Aufsatz von 2003 zu verweisen, der Handkes Verhältnis zu Europa ausführlicher betrachtet. Allerdings weichen meine Ergebnisse der Textanalyse von seinen Ergebnissen geringfügig ab: Ich verstehe den Europa-Begriff ebenso wie den Begriff des „Volkes“ in Handkes Werkkontext als einen, der (nahezu) gegensätzlich verwendet wird. Chronologisch könnte man von einer leichten Tendenz reden, (Mittel)-Europa zunächst als negatives Gegenbild zum Vielvölkerstaat Jugoslawien zu werten. Zumindest in Interviews wird dies später umgewidmet. So sagt Handke etwa 1997:
[D]ie Idee von Jugoslawien ist eine kosmopolitische Idee. Für mich ist mit Jugoslawien Europa zugrunde gegangen.*De Gaudemar in Deichmann 1999, S. 264.
Dieses Zitat impliziert meines Erachtens zweierlei: Zum einen wird die positiv bewertete kosmopolitische Idee darin wider allen negativen Konnotationen auch Europa zugestanden. Das heißt, dass Europa zwar weiterhin der negativ dargestellte Antagonist zum multiethnischen Jugoslawien ist, aber dessen Vision – nämlich die vom friedlichen Zusammenleben vieler Völker – vergleichbar mit der Jugoslawiens ist. Dies bildet eine Analogie zum Mythos Serbiens, das zugleich das Gegenüber Europas darstellt und die Wiege desselben sein soll, und zeigt, wie sehr Handke zu diesem Zeitpunkt bereits von serbischer Propaganda beeinflusst war.*Vgl. zum Mythos Serbiens Čolović 2002, S. 39. Zum anderen ist es eben diese Idee, auf die Handke sich in allen Fällen bezieht: Hier merkt man, warum Handkes idealistische Bewertung mit der realpolitischen (die im zweiten Satz anklingt) immer wieder kollidiert und dementsprechend auch kritisiert wird.
Dass Handke in diesen zwei zentralen Texten *Vgl. Said 2009, S. 32 und Abschnitt 2.2.2, S. 30–37, dieser Arbeit.die realen Gegebenheiten durch die Brille seiner eigenen Poetik sieht, ist ein Teil des auftretenden Balkanismus in diesem Text; der andere ist das Fragezeichen in der Überschrift dieses Abschnitts. Handelt es sich hier wirklich um einen originären Handkeschen Gegenmythos, der entstanden ist, um die geläufigen Vorurteile und Klischees zu überschreiben?
Allein, dass Handke das Ziel verfolgt, den Opfern des Krieges eine Stimme zurückgeben zu müssen, erinnert an das Gebaren westlicher Reisende, die in den „Orient“ mit dem gleichen Ziel fuhren. Damit wird den Kriegsbetroffenen die Möglichkeit genommen, für sich selbst zu sprechen; sie werden wie Kinder entmündigt. Der ethnologische Duktus des Textes ruft gleichermaßen Probleme hervor:
[Handke] reist in die Region, so wie ein Anthropologe, der beweißen will, daß dieser blutrünstige Volksstamm auch noch menschliche, ja sogar edle Züge hat*Fišer/Dojcinovič in Deichmann 1999, S. 83.,
bemerkt Predrag Dojcinovič trefflich. Dabei ist es weniger so, dass Handke originär einen Gegenmythos erschafft, sondern sich vielmehr auf einen bereits bestehenden stützt – ob ihm das bewusst ist oder nicht. Es ist die Anfang des 20. Jahrhunderts festgestellte Vorstellung einer ursprünglichen „Volkskultur“, die bereits John B. Allcock bei seiner Untersuchung von weiblichen Reiseberichten aus dieser Zeit festgestellt hat.*Vgl. Allcock 2000, S. 234–239. Auch wenn dies ein positives Stereotyp über den Balkan sein mag – es bleibt dennoch ein Stereotyp, das auch in der heutigen Zeit äußerste Virulenz besitzt.*Als Beispiel neben Handkes romantisierter Sicht auf die Serben kann etwa Juli Zehs Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch gelten, wie in Abschnitt 4.4.2, S 211–215, noch gezeigt werden wird. Die Otherness des Balkans wird auch in Karoline von Oppens Aufsatz betont, welcher sich als erster mit dem Balkanismus bei Handke auseinandersetzte.*Vgl. von Oppen 2006a, S. 202 f. sowie Abschnitt 3.2.3, S. 77–82.
In einigen Aussagen des Erzählers in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag klingt diese Tradition, den Balkan so zu sehen, deutlich an. Wenn er etwa von den „serbischstämmigen Muselmanen Bosniens“ (WR, S. 25) redet, schwingt der Vorwurf mit, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhoben wurde, dass das Slawentum des Balkans durch den osmanischen Einfluss „verunreinigt“ worden sei.*Vgl. Todorova 2009, S. 127. Boris Previšić ordnet diese Stelle klar in bestehende Stereotypen ein und schreibt dazu:
Im undifferenzierten Sammelsurium, in der Reduktion des Zivilisationsgrades und in der Betonung des Ungeordneten wird der Erzählende dem Balkan als Projektionsfläche westlicher Verdrängungen, Befürchtungen und heimlichen Wünschen vollauf gerecht.*Previšić 2008, S. 98.
Die Art und Weise, wie Handke die Bosniaken im Vergleich zu den Serben ausgrenze, könne mit Bakić-Haydens „Nesting orientalisms“ beschrieben werden*Previšić 2009a, S. 194. – diese seien deutlich „orientalischer“ als die Serben selbst.
Ähnliches gilt für eine Stelle in Sommerlicher Nachtrag, in der die Ankunft Handkes und seiner Begleiter in Bosnien geschildert wird. Ein besonders hartnäckiger Hund attackierte dabei ihr Auto – es musste „schon ein bosnischer Hund sein – wenn so einer sich in Gang setzt, weicht er vor nichts mehr zurück!“ (SN, S. 27). Diese Stelle bleibt kryptisch und löst ein ungutes Gefühl aus – ohne, dass explizit festzustellen wäre, dass es sich hier um Balkanismus handelt.
Deutlicher wird dies hingegen am Ende von Sommerlicher Nachtrag, als Handke die Serben als Indianer Europas bezeichnet, wie sie um ihre Freiheit kämpfen (vgl. SN, S. 92). Dieses Bild findet sich bereits in früheren Reisebeschreibungen des Balkans*Vgl. Todorova, S. 107. und erscheint selbst im historischen Kontext als Vergleich äußerst unpassend. Zudem bestärkt es das Selbstverständnis einiger serbischer Patriotinnen und Patrioten, dass Serbien im Grunde immer das Opfervolk war.*Dies ist, wie oben bereits mehrfach erwähnt, einer der Hauptkritikpunkte Savica Tomas an Handkes Serbientexten. Vgl. Toma 2007, S. 121 f., S. 123 f. Weitere Textstellen, die das Bild des „Opfervolks“ der Serben implizit stützen, sind in Eine winterliche Reise etwa S. 18, 21, S. 31 f. und S. 34 f. sowie in Sommerlicher Nachtrag etwa auf S. 52 f. und S. 83 zu finden. Diese Ansicht wird auch in weiteren Schriften verfolgt und zunehmend auf einzelne biografische Personen übertragen, was die Position Handkes umso angreifbarer macht.*Matthias Schöning argumentiert in seinem Aufsatz Verbohrte Denkanstöße ebenfalls in die Richtung gehend, dass zwischen Handkes allgemeinem Serbienbild und seiner Haltung zu einzelnen, am Gerichtshof von den Haag angeklagten Serben unbedingt unterschieden werden müsste. Letztere kritisiert er ausführlich, während für erstere zumindest in einigen Punkten noch Verständnis aufgebracht werden kann. Vgl. Schöning 2007, S. 311 ff. Es wird dabei deutlich, dass die kulturelle Annäherung mit poetischen Mitteln, die Handke im Falle Serbiens vorantreibt, für Bosnien keine Option ist – dies stellt auch Previšić in seiner Untersuchung zum Verhältnis von Nähe und Distanz bei dem Autor fest.*Vgl. Previšić 2009b, S. 120.
Verfestigung der Positionen
Auch während des Kosovokonflikts 1999 bereist Handke Serbien. Allein durch die Wahl des Untertitels des daraus entstandenen Reiseberichts Unter Tränen fragend, der Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999, lautet, ist die Stoßrichtung erkennbar. Obwohl man eigentlich schon ab der Abspaltung Sloweniens von Jugoslawien 1991 von den postjugoslawischen Kriegen reden kann, wie es etwa in der vorliegenden Arbeit geschieht, entscheidet sich der Autor und der Verlag noch im Jahr 2000 von „Jugoslawien-Durchquerungen“ zu sprechen. Auch der Inhalt des Reiseberichts zementiert Serbiens Darstellung als „Opfervolk“: Ein Beispiel dafür ist das wiederholte Schildern der „jugoslawischen Geduld“ (UTF, S. 93, vgl. auch S. 146) beim Warten, etwa in einem Stau. Etwas ironisch fügt hierbei der Erzähler hinzu, dass diese Geduld wohl die eigentliche Gefahr, die von diesem Volk ausginge, sei (vgl. ebd.). Die Erfahrung von der Toleranz und der Verbundenheit der Serben mit den restlichen Völkern wird ebenfalls hervorgehoben (UTF, S. 69). Das Serbien-Bild, das hier konstruiert wird, unterscheidet sich nicht im Wesentlichen von der zweiten Phase des Jugoslawienengagements Handkes, wie auch Jean Bertrand Miguoué feststellt.*Vgl. Miguoué 2012, S. 16. Allerdings teilt Miguoué die Jugoslawientexte etwas anders ein als in der vorliegenden Arbeit. Die erste Phase besteht demnach in „der Zelebration eines multikulturellen Jugoslawien“, während in der zweiten Phase Abschied des Träumers vom Neunten Land integriert ist. Vgl. ders., S. 14 ff.
Dieser Reisebericht bezieht sich ähnlich wie Eine Winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag auf das Volk als Ganzes. Dies kann sowohl als Stärke angesehen werden, da diese Form der Darstellung einer pauschalisierten Verurteilung der Menschen diametral entgegengestellt ist als auch als Schwäche. Es liegt an der bereits oben dargestellten, gewollten Poetik des Ego-zentrismus, des Postulats, das durch Augenzeugenschaft zumindest eine subjektive Wahrheit wiedergegeben werden kann, dass die Dargestellten höchst oberflächlich bleiben. Wie auch in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag begegnet der Erzähler Betroffenen, der frühere Reisebegleiter Zlatko ist ebenfalls wieder dabei, doch selten kommt es bei diesen Reiseberichten meiner Ansicht nach dazu, dass sich intensiver mit den aufgesuchten Personen beschäftigt wird. Dies würde auch der Poetik von einem idealisierten Volksbegriff zuwiderlaufen. In Unter Tränen fragend kommt es zu einer Aufteilung in „Exklusiv-Europa“ und „anderes Europa“(UTF, S. 90). Diese Beobachtung schließt an Todorovas Konzept an, dass der Balkan das „Andere“ im „Bekannten“ sei und gerade deshalb als unkontrollierbar und zum Teil gefährlich angesehen würde.*Vgl. Todorova 2009, S. 17 wie auch Abschnitt 2.2.3, S. 37–40. Die Frage, die sich bei einer solchen Aufteilung gerade angesichts eines Krieges stellt und auf die der Erzähler implizit rekurriert, ist, ob diese nicht auch einen Schutzmechanismus darstellt. Ein Krieg, der in einem „anderen“ Europa geführt wird, ist sicherlich einfacher zu fassen als ein Krieg, der im „eigenen“ Europa geführt wird. Aber derartige Gedankengänge sind letztlich Spekulation. Dennoch scheint mir, dass gerade diese Überwindung einer solchen Trennung forciert wird, wenn etwa wie in Mein Jahr in der Niemandsbucht ein solcher Krieg direkt in das „eigene“ Europa gelegt wird – um nun unleugbar zum Bestandteil des europäischen Selbstverständnisses zu werden, dass auch hier, zum Ausgang des 20. Jahrhunderts, Krieg möglich ist.
Aber um auf weitere Texte zurückzukommen, die nach 1996 veröffentlicht wurden: In Interviews und Romanen, die zum Ende der 00er-Jahre erschienen, unter anderem in dem Gespräch mit Michael Kerbler 2007 und in Die Morawische Nacht 2008, werden oftmals altbekannte Positionen wiederholt und zu erklären versucht. In …und machte mich auf, meinen Namen zu suchen wird so unter anderem die neue Distanz zur früheren „Geh-Heimat“ Slowenien erläutert (vgl. MNS, S. 29), Jugoslawien als Modell für Europa dargestellt und der „Natio-Chauvinismus“ (MNS, S. 33) der anderen Länder kritisiert. Milošević wird als Symbolfigur für die jugoslawische Idee skizziert (vgl. MNS, S. 61). Gerade letzteres ist Beleg für die eingangs formulierte These, dass hier eine Vermischung von realen Personen mit der eigenen poetischen Vorstellung stattfindet und somit eine Überlagerung zu spüren ist. Dies ist gewissermaßen eine Weiterentwicklung der Verschränkung zweier Textsorten auf anderer Ebene, wie sie schon in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag merkbar war. Ging es bei letzterem eher um Gattungs- und Strukturfragen, zielt ersteres klar auf die inhaltliche Konsistenz. Beide Ebenen sind jedoch durch die unklare Gestaltung von Fiktionalitäts- und Faktualitätsmerkmalen miteinander verknüpft und vielleicht auch nicht voneinander zu trennen, wenn man an Koschorkes Postulat denkt, dass Narration überall ist.*Vgl. Kapitel 2.2.6, S. 51–57, dieser Arbeit. Insofern passt der narrative turn zu den Vorstellungen Handkes, dass eine Objektivität außerhalb der subjektiven Erzählung nicht fassbar ist, selbst wenn der Erzähler in vielen seiner Werke ansonsten die Ablehnung von Erzählmustern deutlich zum Ausdruck bringt.
Die in Interviews formulierte Skepsis gegenüber Nationalstaaten findet sich auch in den Romanen wieder. Die Autorfigur in Die morawische Nacht denkt zurück an die Zeit, als er als Nationalautor galt, was er mittlerweile ablehne (MN, S. 307). Die Frage, warum dieses Konzept damals für ihn virulent gewesen sei, wird folgendermaßen beantwortet:
Vielleicht, weil er seinerzeit, für eine kleine Weile, in der Tat an etwas wie eine andere Nation glaubte, überhaupt an grundandere Nationen und meinte, die mitverkörpern zu können. (MN, S. 308)
Hier wie in der bereits zitierten Stelle, dass Staat und Hass zusammengehöre,*MN, S. 104, vgl. Abschnitt 3.3.6, S. 119–123. zeigt sich wiederum die Ablehnung des mitteleuropäischen Konzepts. Eine andere Strategie, den Balkan darzustellen, ist ähnlich wie in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag das Mittel der Ironie, etwa, wenn die Autofigur anhand von klischeehaften Insignien erkennt, dass er nicht mehr auf dem Balkan ist (vgl. MN, S. 104).
An diesen beiden Beispielen wird offensichtlich: Außer den neu hinzugekommenen literarischen Gerichtsberichten*Hier findet eine Textsortenausdifferenzierung statt, wie sie schon typisch für Handkes Reiseberichte ist. Dass dessen Reiseberichte trotzdem unschwer in die Tradition von literarischen Reiseberichten einzuordnen sind, habe ich bereits in Abschnitt 3.3.1, S. 99–107, erläutert. Ob dies für die Gerichtstexte ebenso gilt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden, es bleibt jedoch eine spannende Forschungsfrage., wie sie etwa in Rund um das große Tribunal (2003), Die Tablas von Daimiel (2005) und der bis dahin kaum besprochene Text Die Geschichte des Dragoljub Milanović (2011) zu finden sind, bleiben die Ingredienzen der Kritik an Mitteleuropa und der nationalstaatlichen Idee sowie die Verteidigung einer jugoslawischen Idee weitestgehend dieselben. Ausdifferenziert wird dabei in dieser letzten Werkphase neben der neuen Textsorte vor allem die Idee der Serben als „Opfervolk“*Vgl. dazu etwa auch Immer noch Sturm (2010), S. 152., was deren eigenem Mythos entgegenkommt. Zugleich wirkt Peter Handke massiv beeinflusst von den auf der serbischen Seite propagierten Bildern, wie Jürgen Brokoff zu bedenken gibt.*Vgl. Brokoff 2011, S. 71, 77. Dies scheint mir eine ungünstige Entwicklung zu sein, vor allem, da Handke meines Erachtens zu Beginn seines Jugoslawienengagements einige Dinge zu Recht kritisierte, etwa das ebenso dogmatisch feststehende Konzept eines „Mitteleuropas“ und die herrschenden Stereotypen über die Jugoslawen, aber auch die unreflektierte Verwendung von einigen Wörtern. Ein Beispiel hierfür ist die in den Medien verbreitete Formulierung „Restjugoslawien“ (SN, S. 15), die später in Die Fahrt im Einbaum in der persiflierenden Verwendung des „Ex-Dorfes“ und „Rest-Dorfes“ (FE, S. 27 f.) aufgegriffen wird. Der „Gegen-Mythos“, den Handke dabei entwirft, setzt sich dabei zum einen aus der eigenen Poetik zusammen, fußt aber auch auf vorher in literarischen Traditionen vorkommenden positiven Stereotypen des Balkans über seine Bewohner und deren Ursprünglichkeit. Die darin anklingende Rousseausche Idee des „edlen Wilden“ ist dabei selbst zutiefst eurozentrisch und damit in einem Balkanismus verhaftet, der die Bewohner der früheren jugoslawischen Länder und insbesondere die Serben als „anders“ von Europäern markiert. Insofern ist vor allem festzuhalten, dass Handkes Serbienbild nicht originär ist, sondern stattdessen eine Vielzahl von Vorgängern hat.
Fazit zum Fall Handke
In diesem Kapitel wurde eine möglichst genaue und umfassende Betrachtung des Falls Handke, vor allem bezüglich der zwei frühen Serbientexte Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag, versucht. Dabei wurde in einem ersten Schritt die Medienberichterstattung unmittelbar nach der Publikation der beiden Texte zusammengefasst. Im Vergleich zu der Vorgängerpublikation von Gritsch 2009 wurde hervorgehoben, dass es zwar mehrheitlich negative Berichterstattung zu diesen Texten gab, sich aber auch bereits zu Beginn einige positive Stimmen fanden. Gerade in Österreich gab es einige Printmedien, die eine wohlwollende Berichterstattung gegenüber Handke pflegten. Hauptvorwürfe gegen ihn waren in Zeitungsartikeln revisionistische Tendenzen in Bezug auf den Völkermord, die Verharmlosung von serbischen Verbrechen und die fehlende Würdigung der journalistischen Arbeit. Bei letzterem Punkt fanden sich jedoch einige Journalistinnen und Journalisten, die diese Kritik nachvollziehen konnten. Generell fällt auf, dass mit der Verselbstständigung der Debatte und dem Beginn von Handkes Lesereise sein Auftreten in die Wertung der Rezensionen zunehmend mehr hineinspielt und schließlich die eigentlichen Texte in den Hintergrund rücken. Die Inszenierungsstrategien des Autors beeinflussen damit nicht nur gleich zu Beginn die mediale Rezeption, sondern auch wissenschaftliche Arbeiten, wie im zweiten Teil des Abschnitts ersichtlich wird.
Eine Erkenntnis des zweiten Abschnitts zur wissenschaftlichen Rezeption von Handke war, dass frühe wissenschaftliche Arbeiten von der aufgeheizten politischen Debatte merklich geprägt sind. Einige Aufsätze zeigten durchaus Spuren von Polemik gegenüber dem Autor. Erst Anfang der 00er Jahre konnte sich eine wissenschaftliche Rezeption durchsetzen, die zunehmend auch das frühere Oeuvre Handkes in den Blick nahm, um die Serbientexte unter diesem Aspekt zu rezipieren. Allerdings kam es immer wieder zu „Spitzen“ der kritischen Herangehensweise: Diese war bei den wissenschaft-lichen Arbeiten unter anderem dadurch forciert, dass durch das Erscheinen weiterer Texte von Handke, die sich mit den Kriegen beschäftigten, Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag in einen neuen Kontext gerückt wurden. Die hitzige Debatte beruhigte sich also in der Wissenschaft erst mit dem zeitlichen Abstand. Auffallend dabei ist, dass die Medienberichterstattung in den jeweiligen Herkunftsländern der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie das Herkunftsland an sich eine gewisse Rolle in der Rezeption spielte: Österreichische Forschende tendierten etwa dazu, Handke positiver zu betrachten als skandinavische.
Der in den letzten Jahren bevorzugten thematischen Einbettung der Serbientexte in den Werkzusammenhang schloss ich mich im dritten Abschnitt dieses Kapitels an: In Bezug auf frühere Bücher Handkes versuchte ich einige typische thematische und motivische Verknüpfungen herauszuarbeiten, die insbesondere in Hinblick auf Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag von Bedeutung sind. Dazu zählt etwa eine tief verwurzelte Kritik an traditionellen Erzählmustern, die sich im Blick auf das „Nebendraußen“ und die Alltagsgegenstände manifestiert. Handkes Zeitungskritik ist eine logische Folge dieses Ansatzes. Besonders auffällig ist, dass es neue Motive gibt, die sich im Zuge der Diskussion um die Serbientexte zu entwickeln scheinen, wie etwa die Figur des Ideallesers. Es konnten aber auch Themen herausgearbeitet werden, die bislang in der Handke-Rezeption nur wenig Beachtung fanden: Die Bewertung von Krieg bei Handke ist etwa ein solcher Aspekt. Diesem wäre auch zukünftig mehr Aufmerksamkeit zu wünschen.
In einem letzten Schritt wurde das Auftreten von Balkanismus in Handkes Büchern untersucht. Hierbei ließen sich drei Etappen feststellen: Die erste Etappe mag darin die spannendste und bislang am wenigsten erforschte sein, zeigt sie doch, dass Handke zunächst durchaus berechtigt Kritik an Konzepten von „Mittel- und Osteuropa“ übt und Nationalstaatlichkeit hinterfragt. Diese kritische Hinterfragung zu einer Zeit, in der gerade die Souveränität von Völkern euphorisch bejubelt wurde, verdient meines Erachtens Anerkennung. Anders sieht es hingegen mit späteren Texten aus:
[D]ie Narration des Anderen [wird] über sich selbst ausgeblendet, deformiert und unhörbar gemacht und als Mittel zum Selbstentwurf und zur Selbstversicherung instrumentalisiert*Miguoué 2012, S. 229.,
wie Jean Bertrand Miguoué schreibt. Handkes eigener serbischer Mythos gipfelt darin, dass er Kriegsverbrecher wie Slobodan Milošević mit der jugoslawischen Idee des Vielvölkerstaates gleichsetzt, und dabei romantischen Idealismus mit politischer Ideologie vermischt. Dafür ist er zu Recht kritisiert worden.
Handke geht über Alltagsbeobachtungen auf seinen Reisen zum Teil deutlich hinaus und stellt Behauptungen über bestimmte Kriegsereignisse auf. Eine genauere Analyse dieser Äußerungen steht bislang noch aus. Dies betrifft insbesondere die nach 1996 erschienenen Serbientexte, die bislang weder inhaltlich noch in ihrem gesellschaftspolitischen Kontext eingehender betrachtet wurden. Auch hier wäre es durchaus ertragreich, Äußerungen der öffentlichen Person Handkes in Interviews, Zeitungskommentaren, etc. in eine solche Analyse miteinzubeziehen. Die Darstellung der früheren jugoslawischen Länder und das textimmanente Konzept des Balkans könnte in eine solche Untersuchung ebenfalls einbezogen werden. So ausführlich wie Handkes Werke hier auch besprochen wurden – sie dienen als Grundlage für die Rezeption anderer deutschsprachiger Bücher, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen befassen. Dass die Diskussion um Handke die Produktion dieser Werke maßgeblich beeinflusste, wird im folgenden Kapitel zu zeigen sein.
Überblick über weitere Darstellungen der postjugoslawischen Kriege in deutschsprachiger Literatur
Nach der intensiven Betrachtung von Peter Handkes Büchern, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen sowie der Region allgemein auseinandersetzen, soll im folgenden Abschnitt der Blick auf die deutschsprachige Literatur erweitert werden und andere Bücher analysiert werden, die sich mit der Thematik befassen. Ich habe hierbei 22 Bücher, die sich im engeren Sinne damit beschäftigen, gerade in Hinblick auf die darin vorkommenden Motive und Themen in die Untersuchung einbezogen; weitere Texte, u. a. auch Saša Stanišićs neuester und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman Vor dem Fest*Saša Stanišić: Vor dem Fest, München 2014, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: VF. wurden teilweise verwendet. Dies lag im genanntem Fall daran, dass sich hierbei Werktendenzen des Autors deutlich zeigten, in einem anderen Fall, nämlich Nicolas Borns Die Fälschung*Nicolas Born: Die Fälschung, Reinbek bei Hamburg 1979, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: F. wurde das 1979 erschienene Buch in den Analysekorpus aufgenommen, da es strukturell und thematisch eine wichtige Vorlage für Peter Handke und andere deutschsprachige Autorinnen und Autoren war, die über Kriege schrieben: Hier wie in anderen Romanen werden die Produktionsbedingungen von Kriegsreportagen kritisch beleuchtet. Dabei sollte darauf hingewiesen werden, dass Born selbstverständlich ebenfalls nicht den Ausgangspunkt für diese Fragestellungen in der deutschsprachigen Literatur bildet: Vielmehr findet sich mindestens seit Siegfried Krakauer und Karl Kraus ein solcher Diskurs in Gesellschaft und Literatur. Die Parallelen zwischen Kraus Die letzten Tage der Menschheit und Gstreins Das Handwerk des Tötens werden etwa im Aufsatz Sigurd Paul Scheichls behandelt, der unten besprochen werden soll.*Vgl. ders.: Ein Echo der letzten Tage der Menschheit in Norbert Gstreins Handwerk des Tötens, in: Claudia Glunz u. a. (Hg.): Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung, Göttingen 2007 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, 22), S. 467–476, im Folgenden abgekürzt: Scheichl 2007.
Außer den bereits genannten Namen fanden Bücher von Juli Zeh, Martin Mosebach und Anna Kim in diesem Kapitel Eingang, wobei dies bereits die bekannteren Texte sind. Im Gegensatz zu von anderen Forschenden vorgenommenen Analysen habe ich mich dafür entschieden, auch Bücher, die man in dem Bereich der Trivialliteratur verorten könnte, zu analysieren, ohne dass ich diese von belletristisch möglicherweise ambitionierteren Projekten unterschieden hätte. Der Grund dafür ist ein einfacher: Auch wenn es u. a. ein Merkmal dieser Bücher ist, dass sie einige komplexere Themen nicht behandeln, gibt es doch verblüffende Ähnlichkeiten in den Schwerpunkten von trivialeren und anspruchsvolleren Texten: So spielen etwa Kriegsreporterinnen und -reporter und deren Alltag in den betroffenen Gebieten, Medienkritik und der Fokus auf die psychische Zerstörung der Protagonisten in Thrillern wie Tod eines Engels*Udo Röbel/Christoph Scheuring: Tod eines Engels, München 2002, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: TE. von den BILD-Journalisten Udo Röbel und Christoph Scheuring ebenso eine Rolle wie in dem deutlich komplexeren Roman Das Handwerk des Tötens von Norbert Gstrein.
In der Auswahl des Korpus kann leider kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, da bei einer Publikationsrate von ca. 87.000 Erst- und Neuauflagen pro Jahr allein in Deutschland schnell der Überblick verloren werden kann.*So sahen etwa die Zahlen für das Jahr 2014 aus. Vgl. http://www.boersenverein.de/de/182716 (Stand: 08.12.2015). Allerdings bin ich darum bemüht, gerade auch unbekanntere Bücher, die weder von der Öffentlichkeit noch von der Wissenschaft in größerem Maße rezipiert wurden, in diese Untersuchung miteinzubeziehen.
Rezeption in den Medien
Nachfolgend soll ein Eindruck von den medialen*Mein Medienbegriff stellt schon wie im vorausgegangenen Kapitel zu Peter Handke vor allem die Zeitungsmedien in den Vordergrund, in einzelnen Fällen werden aber auch Radiobeiträge berücksichtigt. Diskussionen um Bücher, die die postjugoslawischen Kriege behandeln, gegeben werden. Hier kann keinesfalls gewährleistet werden, dass alle Reaktionen auf die Texte erfasst wurden – zu groß ist der Primärtextkorpus, um dies auch nur ansatzweise zu erreichen. Gerade aber die Romane von Norbert Gstrein und Martin Mosebach werden an dieser Stelle fokussiert – beide sind gut dokumentiert und die Diskussion darüber erfolgte ausführlich. Bei ersterem ist der Grund der Skandal, welcher insbesondere Das Handwerk des Tötens in den Medien auslöste, bei zweiterem ist es die Aktualität des Erscheinens, die die Dokumentation der Rezeption erleichtert. Dies stellt genau das Problem von Büchern wie Juli Zehs Die Stille ist ein Geräusch und Anna Kims Die gefrorene Zeit dar: da ihre Publikation schon einige Jahre zurückliegt, mag der Eindruck, sie seien nicht genügend besprochen worden sein, auch der Quellenlage geschuldet sein.*So findet sich beispielsweise zu Anna Kim keine genuine Rezension im Internet. Saša Stanišićs Vor dem Fest hingegen ist gerade aufgrund der Auszeichnung auf der Leipziger Buchmesse 2014 in fast allen großen Zeitungen diskutiert worden. Da dieses aber das Thema Jugoslawien nur am Rande behandelt, soll es wie bereits im Abschnitt zu Themen und Motiven der Texte auch hier nicht im Vordergrund stehen.
Die Kontroverse um Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens und die darauffolgenden Werke
Die Debatten um Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens entzünden sich an der Widmung für den im Kosovo verstorbenen Kriegsreporter Gabriel Grüner, den Gstrein wohl kannte und von dem sich einige biografische Details in der Figur Allmayers finden. Wie bei Handke kommt es schnell zu einer Lagerbildung: Einige Rezensentinnen und Rezensenten finden den derart literarisierten Umgang mit der biografischen Figur Grüners pietätlos, andere verteidigen die künstlerische Freiheit Gstreins und betonen, dass es um eben diese Wirklichkeitsskepis im Roman ginge. Zu ersteren gehört etwa Iris Radisch mit einer vernichtenden Rezension in der ZEIT, die nicht nur die Unentschiedenheit des Romans in Bezug auf die Kriegsereignisse bemängelt, sondern sich vor allem am Umgang mit dem Vermächtnis von Grüner stört.*Vgl. Iris Radisch: Tonlos und banal, in: DIE ZEIT 01 (2004), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2004/01/L-Gstrein (Stand: 23.12.2016). Auch Barbara Supp beleuchtet im Spiegel die Kontroverse und beurteilt den Roman letztlich als inhaltsleer, da er um das Eigentliche herumrede.*Vgl. Barbara Supp: Kampf um die Unschuld, in: Der Spiegel 31 (2003), S. 124. Eine weitere negative Kritik findet sich in der Weltwoche. So nennt Hansjörg Schertenleib Allmayer einen „Pappkamerad[en]“*Hansjörg Schertenleib: Jedes Wort zuerst auf die Goldwaage, in: Die Weltwoche 34 (2003), abrufbar unter: http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2003-34/artikel-2003-34-jedes-wort-zuers.html (Stand: 08.12.2015). Auch der übrige Absatz bezieht sich auf den Inhalt dieses Artikels., der für die Unerzählbarkeit einiger Biografien stünde. Er erkennt in der verschachtelten Perspektive, dass zwei der drei Erzähler in Anlehnung an Paveses Das Handwerk des Lebens an demselben scheiterten. Der Grund für das negative Urteil Schertenleibs ist hauptsächlich, dass der Roman in seinen narrativen Verstrickungen langweile.
Auf der anderen Seite gibt es Fürsprecher wie Gerrit Bartels, der die verschachtelten Erzählperspektiven als Mittel der Distanznahme honoriert.*Vgl. Gerrit Bartels: Die Dauerfälscher, in: taz vom 09.08.2003, abrufbar unter: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2003/08/09/a0166 (Stand: 23.12.2016). In einem späteren Artikel über Gstreins Folgebuch Die ganze Wahrheit, in dem Gstrein wieder Fiktion mit tatsächlichen Geschehnissen um die Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz vermischt, verweist Bartels auf die in Die ganze Wahrheit angewandte Technik der Vermischung von fiktiven und faktischen Elementen. Vgl. ders.: Norbert Gstrein: Macht und Lügen, in: Der Tagesspiegel vom 29.08.2010, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur-norbert-gstrein-macht-und-luegen/1912950.html (Stand: 23.12.2016). Diese Technik erinnert stark an Das Handwerk des Tötens. Heribert Kuhn findet in Gstreins komplexer Schreibweise Anklänge an Thomas Bernhard und Sigrid Weigel benennt in ihrer Rede anlässlich des Uwe-Johnson-Preises für Norbert Gstrein ebendiese Vielstimmigkeit als herausragende Qualität des Romans.*Vgl. Heribert Kuhn: Plot ist Mord, in: Frankfurter Rundschau vom 08.10.2003, abrufbar unter: http://www.fr-online.de/literatur/heribert-kuhn-plot-ist-mord,1472266,3230526.html (Stand: 23.12.2016) und Sigrid Weigel: Alles wahr, weil erfunden, in: Frankfurter Rundschau vom 03.01.2004. Allein an diesen wenigen Beispielen zu der medialen Aufnahme von Das Handwerk des Tötens ist ersichtlich, dass die Kritiker ähnlich zwiegespalten wie bei Handke sind. Auch wenn sie ihr negatives Urteil zumeist nicht direkt in Anbindung an die „Causa Grüner“ formulieren, kommt kaum ein Artikel ohne den biografischen Verweis aus. Eine Ausnahme bildet dabei Bernhard Fetz Rezension in Falter, in dem er zwar moniert, dass einige Verweise auf literarische Akteure besser in einem politischen Essay angebracht gewesen wären, aber dennoch dem Roman eher wohlgesonnen ist.*Bernhard Fetz: Das Handwerk des Tötens, in Falter 31 (2003), S. 56.
Die Diskussion von Die Winter im Süden verläuft ungleich verhaltener. Die meisten Rezensionen wie etwa die von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, von Andreas Breitenstein in der Neuen Zürcher Zeitung und von Harald Klauhs in Die Presse kommen zu gemischten Fazits, was den Roman angeht. Die Gründe für die unentschiedenere Bilanz sind jedoch durchaus verschieden. Schröder etwa bemängelt die fehlende Handlung des Romans,*Vgl. Christoph Schröder: Gewalt in der Luft, in: Frankfurter Rundschau vom 23.08.2008, abrufbar unter: www.fr-online.de/literatur/-it-s-war-baby--it-s-war--gewalt-in-der-luft,1472266,3112476.html (Stand: 23.12.2016). Breitenstein das Zusammenspiel zwischen der grundsätzlich positiven Vermittlung von Unwirklichkeit über die Figurenebene, die jedoch andererseits den historischen Schrecken abmildere*Andreas Breitenstein: Last Exit Zagreb, in: Neue Zürcher Zeitung vom 26.08.2008, abrufbar unter: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/_buchrezensionen_nichtmehrgueltig/last-exit-zagreb-1.815668 (Stand: 23.12.2016). und Klauhs resümmiert:
Kritik musste der gelernte Mathematiker Gstrein auch wegen seiner Neigung hinnehmen, nicht auf seine Erzählung zu vertrauen und die Literatur auf dem Reißbrett zu entwerfen. Das hat zwar den Vorteil des hohen Reflexionsniveaus, das seine Prosa weit über die Creative-Writing-Literatur hinausragen lässt. Aber es birgt den Nachteil der Konstruiertheit.*Harald Klauhs: Der Faschist und das Mädchen, in: Die Presse vom 10.10.2008, abrufbar unter: http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/421643/print.do (Stand: 23.12.2016).
In dieser Kritik wird das zusammengefasst, was direkt oder indirekt auch die anderen Kritiken besagen: dass die Machart des Romans sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringt. Einzig Gabriele von Arnim äußert sich im Deutschlandradio dezidiert negativ – die Klischees, die Christoph Schröder als absichtlich eingesetzt klassifiziert, sind für von Arnim vor allem „verwirrend[…]“*Dies.: Es ist Krieg, Baby! In: Deutschlandradio Kultur vom 05.09.2008, abrufbar unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/es-ist-krieg-baby.950.de.html?dram:article_id=136585 (Stand: 23.12.2016).. Vor allem die Figur von Marija empfindet sie als „fast ärgerlich ergeben[…]“*Ebd.. Zu Marija äußert sich Norbert Gstrein in einem mit Klauhs geführten Interview in Die Presse: Angelehnt sei ihre Figur an Lars von Triers weibliche Hauptfigur in Breaking the waves, die zwischen den zwei Totalitarismen des Jahrhunderts stecke, verkörpert von den zwei Männern in ihrem Leben: ihrem Mann und ihrem Vater.*Harald Klauhs: Die toten Augen auf den Tisch, in: Die Presse vom 16.08.2008. In einem weiteren, sehr ähnlichen Interview mit Gunther Nickel bezeichnet er Marija als
das „Schlachtfeld“, auf dem ihr Mann und ihr Vater bzw. dessen Stellvertreter ihre Kämpfe austragen. Sie ist die schwache Mitte in dem Motto des Romans: „it's war, baby, it's war.“*Gunther Nickel: „Eine Figur, die sich verrannt hat“, zu finden auf: Volltext.net vom 21.08.2008, im Folgenden abgekürzt: Nickel 2008.
Zu der devoten Rolle Marijas wird sich allerdings im Verlauf der Arbeit eine weitere Analyse finden.*Vgl. Abschnitt 4.3.3, S. 188–195, dieser Arbeit. Es ist jedoch festzuhalten, dass ihre Sonderstellung gerade den Rezensentinnen und Rezensenten am Anfang aufgefallen und wohl auch teilweise missfallen ist.
Weitere Rezensionen von deutschsprachigen Texten
Juli Zehs Reisebericht und Saša Stanišićs erster Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert erzeugten beide erstaunlich wenig und dabei sehr gemischtes Medienecho. Während Juli Zeh in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgesprochen negativ rezensiert wird,*Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Nicht ohne meinen Hund, 14.09.2002, S. 40. Ebenfalls abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-nicht-ohne-meinen-hund-1259587-p2.html (Stand: 23.12.2016). musste Stanišić sich wiederholt dem Vorwurf stellen, sein Erzählen sei allgemein zu kindlich-naiv und damit nahe an der Kitschgrenze.*Vgl. Katrin Schuster: Was wiegt ein Spinnenleben?, in: Berliner Zeitung vom 28.09.2006, Iris Radisch: Der Krieg trägt Kittelschürze, in: DIE ZEIT 41 (2006), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2006/41/L-Stanisic (Stand: 23.12.2016). Auch wenn beide ebenfalls wohlwollende Reaktionen erhielten,*Vgl. z. B. Stern: Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch, 01.08.2002, abrufbar unter: http://www.stern.de/kultur/buecher/buecher-juli-zeh-die-stille-ist-ein-geraeusch-264848.html (Stand: 08.12.2015), Tobias Hierl: Erzählen von Liebe und Krieg, auf: buchkultur.net, abrufbar unter: http://www.buchkultur.net/start/buku/layout_interview_artikel.php?ID=136 (Stand: 08.12.2015). überrascht diese Kritik doch, da beide zum Zeitpunkt der Publikationen zum interessantesten deutschen literarischen Nachwuchs gehörten. Gerade bei Saša Stanišić wurde dies 2014 mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises für Vor dem Fest und den überschwänglichen Rezensionen zu dem Roman deutlich.*Vgl. z. B. Verena Auffermann: Eineinhalb Neonazis, in: DIE ZEIT 11 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/11/sasa-stanisic-vor-dem-fest-roman (Stand: 23.12.2016), Thomas Andre: Null Kneipen, aber Sterni mit Schnittchen, in: Spiegel Online vom 06.03.2014, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/sasa-stanisic-vor-dem-fest-a-955575.html (Stand: 23.12.2016), Gerrit Bartels: Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, in: Der Tagesspiegel vom 14.03.2014.
Erstaunlich ist, dass Otmar Jenners Sarajevo Safari relativ viele und auch positive Reaktionen in den Zeitungen erhalten hat.*Vgl. z. B. Stefan Krulle: Das Grauen, das alle Vorstellungen übertrifft, in: Die Welt vom 04.06.1999, abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article572893/Das-Grauen-das-alle-Vorstellungen-uebertrifft.html (Stand: 23.12.2016), Der Spiegel: Auf Kriegssafari, 51 (1998), S. 211, Jan Buerger: Belle-tristik, in: DIE ZEIT 06 (1999). Dies mag auch daran liegen, dass Jenner selbst lange Zeit als Kriegsreporter tätig war und damit einen gewissen Authentizitätsanspruch erfüllt, nämlich den der Autor-Authentizität*Vgl. Weixler 2012, S. 15.. Dies zeigt einmal mehr, dass der Unterschied zwischen Trivial- und belletristischer Literatur im vorliegenden Untersuchungsfeld nicht einmal über die Rezeptionsebene gemacht werden kann, zumindest nicht über die der damals aktuellen Literaturkritik; zu sehr spielt die Frage der Authentifizierung der Schreibenden eine Rolle in der Diskussion wie das Beispiel Jenners zeigt.
Auch Schussangst von Egon-Erwin-Kisch-Preisträger Dirk Kurbjuweit wurde weitestgehend positiv besprochen; der Roman wurde 2003 von Dito Tsintsadze verfilmt.*Vgl. z. B. Nicole Ljubic: Dirk Kurbjuweit: „Schussangst“ – Leicht verdauliches Schwarzbrot, in: Spiegel Online vom 08.09.1998, Detlef Grumbach: Schussangst, Deutschlandfunk vom 28.09.1998, abrufbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/schussangst.700.de.html?dram:article_id=79442 (Stand: 23.12.2016), Elmar Krekeler: Existentialismus am Ende der Welt, in: Die Welt vom 28.11.1998, abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article628876/Existenzialismus-am-Ende.html (Stand: 23.12.2016). Siehe auch den Film Schussangst, Regie: Dito Tsintsadze, D 2003, im Folgenden abgekürzt: Schussangst 2003. Vor allem Elmar Krekeler und Detlef Grumbach betonen die Rolle des Rhythmischen im Roman. Krekeler weist zudem darauf hin, dass der Typus des Anfang-/Mitte-20-jährigen, der verloren im Leben stehe, ein zu dieser Zeit beliebter der deutschsprachigen Literatur sei.
Doron Rabinovicis Roman „Ohnehin“ erhielt sehr gemischte, allerdings tendenziell eher negative Kritiken, die sich allerdings nicht auf die Darstellung der postjugoslawischen Kriege bezogen.*Rabinovici wurde u. a. in der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung, der Zeit und im Deutschlandfunk besprochen. Vgl. Martin Zingg: Dr. med. Erinnerungsarbeiter, in: Frankfurter Rundschau vom 21.04.2004, abrufbar unter: http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/ohnehin-r.htm (Stand: 23.12.2016), Daniela Strigl: Fragen sie Doktor Sandtner, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.06.2006, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/fragen-sie-doktor-sandtner-1332580.html (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Strigl 2006, Paul Michael Lützeler: Einmal muss doch Schluss sein, DIE ZEIT 32 (2004), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2004/32/L-Rabinovic (Stand: 08.12.2015), im Folgenden abgekürzt: Lützeler 2004 und Volker Kaukoreit: Viele Fragen, Deutschlandfunk vom 28.07.2004, abrufbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/viele-fragen.700.de.html?dram:article_id=81924 (Stand: 23.12.2016). Zu weiteren hier besprochenen Romanen finden sich eher einzelne Kritiken;*Vgl. z. B. Linda Stift: Grond: Old Danube House, in: Wiener Zeitung vom 20.10.2000, abrufbar unter: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/340935_Grond-Old-Danube-House.html (Stand: 23.12.2016), zu Gerhard Roths Der Berg Tilman Krause: Die Wahrheit gibt es nicht, in: Die Welt vom 19.02.2000, online abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article503191/Die-Wahrheit-gibt-es-nicht.html (Stand: 23.12.2016), Walter Klier: Elsas Großväter, in: Wiener Zeitung vom 20.06.2003, abrufbar unter: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/324579_Scholl-Elsas-Grossvaeter.html (Stand: 23.12.2016) und zur österreichischen Uraufführung von Richard Schuberths Satire Der Standard: Theater-Tipp: „Freitag in Sarajevo“, 17.05.2005, abrufbar unter: http://derstandard.at/2048650 (Stand: 23.12.2016). es wird deutlich, dass hier das Medienecho nicht so groß war wie bei den oben genannten Büchern.
Martin Mosebach und Marica Bodrožić: Neue Zugänge zu den postjugoslawischen Kriegen
Das Handy Anfang der 90er Jahre: Es ist das Thema, das am Hitzigsten in den Reaktionen zu Mosebachs Das Blutbuchenfest diskutiert wird. Grundlage dazu ist der Verriss von Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem auch erwähnt wird, dass Mosebach von sich selbst sage, es sei ihm beim Schreiben tatsächlich nicht aufgefallen und erst, als ihn das Lektorat darauf aufmerksam gemacht habe, habe er beschlossen es so zu lassen.*Vgl. Andreas Platthaus: Schriftsteller, ans Telefon!, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.01.2014, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/buecher-der-woche/fragen-an-mosebachs-neuen-roman-schriftsteller-ans-telefon-12777364.html (Stand: 23.12.2016). Eine weitere, sehr negative Kritik folgte kurz darauf auf dem Internetauftritt des Spiegels. Vgl. Thomas Andre: Die Sauerei der Reichen, in: Spiegel Online vom 05.02.2014, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/martin-mosebach-das-blutbuchenfest-a-950974.html (Stand: 80.12.2015). Interessanterweise ist Doron Rabinovici der Lapsus mit dem Mobiltelefon und dem Internet ebenfalls in seinem Roman mehrfach passiert, dies wurde allerdings in den Kritiken nicht bemerkt. Vgl. z. b. ders.: Ohnehin, Frankfurt a. M. 2005, S. 219, S. 87 f., im Folgenden im Haupttext abgekürzt: O. Nicht nur in diesem, sondern auch in weiteren Kritiken werden Indizien von „Anachronismus“*So nennt es Wolfgang Schneider in seiner Rezension im Tagesspiegel. Ders.: Die Leichen meiner Feinde im Main, in: Der Tagesspiegel vom 31.03.2014, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/martin-mosebachs-roman-das-blutbuchenfest-die-leichen-meiner-feinde-im-main/9687194.html (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Schneider 2014. aufgezählt: die Mails, die eine der Protagonistinnen während einer Busfahrt checkt,*Das stellt etwa Judith von Sternburg fest. Dies.: Schlachten ums kalte Buffet und andere Kriege, in: Frankfurter Rundschau vom 03.02.2014, abrufbar unter: http://www.fr-online.de/literatur/martin-mosebach--das-blutbuchenfest--schlachten-ums-kalte-buffet-und-andere-kriege,1472266,26075742.html (Stand: 23.12.2016). die altmodische Rechtschreibung Mosebachs*Vgl. Bettina Schulte: Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“, in: Badische Zeitung vom 22.02.2014, abrufbar unter: http://www.badische-zeitung.de/literatur-1/martin-mosebachs-roman-das-blutbuchenfest--81026278.html (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Schulte 2014. sowie der bereits erwähnte Wolfgang Schneider, der feststellt, dass der Krieg zum fraglichen Zeitpunkt in Bosnien noch gar nicht stattgefunden hat.*Vgl. Schneider 2014. Allerdings sind die meisten Rezensierenden nach Platthaus darum bemüht, die Anachronismen als dem Thema des Romans entsprechend zu deuten. So schreibt Bettina Schulte:
Die subtile Kunst des Martin Mosebach besteht in dieser Lesart darin, das chronologisch und topografisch Divergente in einer einzigen großen Gegenwart aufgehen zu lassen: der Gegenwart des Fests, in dem der Roman seiner paradoxen Klimax zusteuert.*Schulte 2014.
Das Finale lobt auch Roman Bucheli in der Neuen Zürcher Zeitung, der ansonsten ein sehr gemischtes Fazit zum Roman zieht.*Roman Bucheli: Putzen gegen den Weltuntergang, in: Neue Zürcher Zeitung vom 25.02.2014, abrufbar unter: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/putzen-gegen-den-weltuntergang-1.18250378 (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Bucheli 2014. Er verweist auf Reminiszenzen an Musils Mann ohne Eigenschaften, die in der merkwürdig allwissenden Figur des Ich-Erzählers zu finden sind. In diesem Punkt allerdings sollte man Vorgängerwerke Mosebachs einbeziehen, vor allem seinen Roman Was davor geschah. Hier erklärt der ebenfalls schon deutlich zu viel wissende (wenn auch noch nicht allwissende) Ich-Erzähler, dass es mit dem Erzählen wie mit einer zu oft gespielten Pacience sei; man kenne irgendwann die darunterliegenden Karten ohne sie tatsächlich gesehen zu haben.*Martin Mosebach: Was davor geschah, München 2010, S. 95 f. Diese metadiegetische Aussage sollte man meines Erachtens berücksichtigen, wenn man über die besondere Erzählperspektive Mosebachs spricht. Eine für diese Dissertation aufschlussreiche Anregung kommt von Bucheli dahingehend, dass er die Figur Ivanas als zu archaisch und schicksalsergebend gezeichnet sieht:
Die Putzfrau Ivana hätte das Zeug zu einer grossen tragischen Figur: Sie sieht die bosnische Katastrophe heraufkommen, und sie durchschaut – ohne dass sie es präzis hätte benennen können – die bizarre Scheinwelt, die sie wöchentlich gründlich putzen muss. Aber Mosebach legt sie in die Fesseln eines starren Weltbildes, wo Figuren Statthalter und nicht Individuen sind.*Bucheli 2014.
An dieser Stelle lassen sich durchaus Tendenzen zu Balkanismus im Roman vermuten (vgl. auch Abschnitt 4.4.1, S. 206–211, dieser Arbeit). Die Frage ist, inwieweit hier tatsächlich das Stereotyp einer armen, aber zähen bosnischen Landbevölkerung aufgerufen wird. Wie Bucheli feststellt, entspricht es zum Teil der Arbeitsweise Mosebachs auf derlei Stereotypen – auch auf das der reichen Frankfurter Upperclass – zurückzugreifen. Insofern erscheint mir eine Stilkritik hier etwas problematisch, ist der Roman in diesem Punkt doch etwa mit Andreas P. Pittlers Serbische Bohnen zu vergleichen, das sich ebenfalls einer satirischen und daher mit Stereotypen nahezu übersättigten Schreibweise bedient.*Vgl. Andreas P. Pittler: Serbische Bohnen, Klagenfurt u. a. 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SB.
Eine weitere Anmerkung zu dieser Arbeit liefert Ijoma Mangolds sehr positive Kritik in der ZEIT, wenn er schreibt:
Gegen alle Regelpoetik verstoßend, hat Mosebach einen Icherzähler installiert, der von Dingen erzählt, die er nicht wissen kann. Als wollte er sagen: Ist nicht all unser echtes Wissen vor allem träumerisches Ahnen?*Ijoma Mangold: Die Putzfrau der Gewalt, in: DIE ZEIT 06 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/06/martin-mosebach-das-blutbuchenfest-roman (Stand: 23.12.2016).
Dies wiederum würde zu der Feststellung passen, dass das Verschwimmen zwischen Realität und Fiktion in vielen Vorgängerwerken eine Rolle gespielt hat und auch auf die stilistische Ebene übertragen wurde.*Vgl. Abschnitt 4.3.1, S. 174–182, dieser Arbeit.
Positiver fallen hingegen die auffindbaren Rezensionen zu Marica Bodrožićs Roman Mein weißer Frieden aus, der im Herbst 2014 erschienen ist. Neben Radiobeiträgen in BR aktuell, Radiobremen und Deutschlandradio Kultur finden sich einige Zeitungsartikel. Diese betonen in erster Linie die Hybridität des Reisetextes – Ursula Escherig nennt ihn in der Tagesspiegel etwa ein „Mischwesen“*Ursula Escherig: Der Krieg in uns, in: Der Tagesspiegel vom 20.10.2014, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/marica-bodrois-buch-mein-weisser-frieden-der-krieg-in-uns/10860488.html (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Escherig 2014. zwischen Autobiografie und Reisebericht. Annette Hoffmann wundert sich in der Badischen Zeitung darüber, dass Bodrožićs Buch auf der Longlist für den NDR Kultur Sachbuchpreis stand, obwohl dies nicht im klassischen Sinne ein Sachbuch sei.*Annette Hoffmann: Marica Bodrožićs Roman „Mein weißer Frieden“ handelt von Jugoslawien, in: Badische Zeitung vom 31.10.2014, abrufbar unter: http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/marica-bodrozics-roman-mein-weisser-frieden-handelt-von-jugoslawien--93765658.html (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Hoffmann 2014. Einzig Marc Peschke benennt den Text auf hr online als das, was er meines Erachtens auch ist: ein „autobiografischer Reisebericht“*Marc Peschke: Marica Bodrožić und ihr weißer Frieden, hr online vom 19.11.2014, im Folgenden abgekürzt: Peschke 2015., der durchaus im Sinne der Texte Handkes als mehr oder weniger klassischer literarischer Reisebericht angesehen werden darf. Marica Bodrožić erzählt von einer tatsächlich unternommenen Reise*Dass die geschilderte(n) Reise(n) tatsächlich unternommen wurde(n), lässt sich daraus schließen, dass Marica Bodrožić das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung erhalten hat, die vor allem auch Recherchen von Literaten in osteuropäischen Ländern fördert. Siehe dazu auch die Vorstellung der Stipendiatin auf der Homepage der Stiftung: http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/14107.asp (Stand: 23.12.2016). mit den literarischen Mitteln, die ihr als Schriftstellerin zur Verfügung stehen – insofern ist diese Zuordnung des Buches nicht so uneindeutig, wie sie den Rezensentinnen und Rezensenten zunächst erscheinen mag, und genau deshalb für diese Dissertation in höchstem Maße interessant. Auch inhaltlich wird vor allem die Thematik der Identität*Vgl. Escherig 2014, Hoffmann 2014. und die Verbindung von Schönheit und Poesie und gleichzeitiger politischer Betrachtung der ehemaligen jugoslawischen Länder*Vgl. Escherig 2014, Peschke 2014. gewertschätzt. Einzig Hoffmann kritisiert, dass Bodrožić auf eine „etwas modische[.] Sprache der Innerlichkeit“*Hoffmann 2014. zurückgreife.
Letztlich lässt sich zum medialen Echo der deutschsprachigen Literatur sagen, dass gerade bekanntere Autoren wie Norbert Gstrein, Martin Mosebach, Juli Zeh und Saša Stanišić kontroverser und kritischer in den Medien diskutiert wurden als etwas unbekanntere wie Dirk Kurbjuweit und Otmar Jenner. Insofern greift hier Weixlers These, dass moralisch-ästhetische Urteile von der Komplexität der Erzählinstanzen abhängen, zumindest in der Zeitungsrezeption nicht, da sowohl Gstrein als auch Stanišić durchaus einen Metadiskurs über die Darstellung von Kriegen in ihren Texten eingearbeitet haben.*Vgl. Weixler 2012, S. 3, 9, sowie Abschnitt 2.2.6, S. 51–57. Auch die Frage, inwieweit Autor und/oder das Erzählte „authentisch“ wirken, wie etwa bei den Darstellungen des Holocaust diskutiert wird, ist hier bei den Rezensionen marginal.*Vgl. Martínez 2004 sowie Abschnitt 2.2.6. Bei Norbert Gstrein stand das Verhältnis von Realität und Fiktion im Vordergrund; bei Die Winter im Süden kommt das Thema der Konstruktion des Romans an sich sowie die Figur der Marija bei den Rezensionen hinzu. Das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Literatur spielt auch bei Martin Mosebach durch die bewusst-unbewusst gesetzten Anachronismen eine Rolle; diese werden sehr unterschiedlich bewertet. Ein weiteres Thema, das er sich mit Norbert Gstrein teilt und das gleichermaßen in den Kritiken besprochen und als wesentlich erachtet wird, ist die Erzählperspektive, die bei beiden Autoren ungewöhnlich ausfällt (bei Gstreins Das Handwerk des Tötens noch offensichtlicher als bei Die Winter im Süden). Allerdings ist die mediale Rezeption im Gegensatz zu Peter Handke höchstens bei Norbert Gstrein so umfassend ausgefallen, dass sie eine wissenschaftliche Rezeption hätte beeinflussen können, wie im folgenden Unterkapitel ersichtlich sein wird.
Forschungsstand abseits von Handke
Wissenschaftliche Publikationen zu Norbert Gstreins Jugoslawientexten
Derjenige, der nach Peter Handke wissenschaftlich die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog, war Norbert Gstrein mit Das Handwerk des Tötens. Dies hat neben der generellen Bekanntheit des österreichischen Autors sicherlich mit der Tatsache zu tun, dass er das Buch dem in den Jugoslawienkriegen getöteten Reporter Gabriel Grüner gewidmet hatte und so eine ähnliche, in den Zeitungen ausgetragene Kontroverse über das Verhältnis zwischen Dichtung und Wirklichkeit lostrat wie es Handke schon vor ihm getan hatte. Einen Anfang macht Susanne Düwell mit ihrem schon im Kontext von Handke erwähnten Aufsatz „Ein Toter macht noch keinen Roman“ 2006. Es wurde bereits besprochen, dass sie im Vergleich mit Handke Gstrein gar noch kritischer gegenüber eingestellt zu sein scheint. Ein Widerspruch innerhalb des Aufsatzes entsteht in dem anfangs erwähnten Postulat, dass Literatur in ihren Reflexionsmöglichkeiten Vorteile gegenüber journalistischen Beschreibungsformen hätte, andererseits aber in Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens die unterschiedlichen Darstellungsformen laut Düwell gleichermaßen kritisiert würden.*Vgl. Düwell 2006, S. 92, S. 106. Sie betont die Anlehnung an Grüners Geschichte, wobei sie die fiktionale Bearbeitung derselbigen anerkennt.*Vgl. Düwell 2006, S. 105. Es gehe Gstrein in erster Linie um eine Kritik an der fehlenden Distanzierung vom Kriegsgeschehen bei der Vermittlung, verbunden mit fingierter Authentizität; gängigen Bildern wolle Gstrein mit biografischen Details entgegenwirken, was aber eine Nivellierung der politischen Besonderheiten des Krieges zur Folge hätte.*Ebd., S. 108. In Düwells Augen ist Gstrein letztlich ebenso einer Art Balkanismus verfallen, gerade indem er ihn versucht hat zu vermeiden – auch wenn sie selbst diesen Terminus nicht in Bezug auf Gstrein gebraucht. Eine ähnliche argumentative Stoßrichtung vertritt im Übrigen auch Jay Julian Rosellini in seinem 2005 erschienenem Aufsatz.*Vgl. ders. 2005.
Auch Joanna Drynda wurde in Bezug auf die wissenschaftliche Handke-Rezeption schon einmal besprochen. Hier verhält es sich genau umgekehrt zu Düwells Vergleich mit Handke: Gstrein kommt dabei vergleichsweise positiv weg. In den in ihrem Aufsatz analysierten Texten von Handke, Gstrein und Gerhard Roth würde die Rolle des Intellektuellen im Ausland thematisiert und zugleich ein negatives Bild des Kriegsreporters gezeichnet werden. Sie erkennt auch deutlicher als etwa Düwell an, dass es Gstrein um die Produktionsbedingungen des Schreibens über den Krieg ginge und das Misslingen darüber möglicherweise die einzige Möglichkeit ist, den Krieg überhaupt darzustellen.*Vgl. Drynda 2007, S. 465, 463 f. Das Spiel mit Dichtung und Wahrheit sowie einzelne intertextuelle Bezüge, allen voran zu Cesare Paveses Das Handwerk des Lebens, werden ebenfalls angeschnitten.*Ebd., S. 463 f.
Die intertextuellen Referenzen bei Gstrein sind Thema des nächsten Aufsatzes in der Sammlung Information Warfare, nämlich Sigurd Paul Scheichls Ein Echo der „Letzten Tage der Menschheit“ in Norbert Gstreins „Handwerk des Tötens“. Dabei greift er sich dezidiert die weibliche Figur der Kriegsreporterin Alice Schalek in Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit heraus, da diese auch kurz in Das Handwerk des Tötens erwähnt wird, und kontrastiert diese zum einen mit der Figur von Allmayer, dem Journalisten bei Gstrein, und zum anderen mit einer positiv besetzten weiblichen Figur, Helena. Auch Schalek bei Kraus feuert, wie es bei Allmayer anzunehmen ist, einen Schuss auf die Gegenseite ab – dies unterstreiche laut Scheichl das Thema des Buches über „die Sogwirkung des Kriegs selbst auf jene, die Distanz wahren und über ihn nur berichten sollen“*Scheichl 2007, S. 475.. Durch Schaleks Bewunderung von Waffen bricht Karl Kraus mit dem Stereotyp der Weiblichkeit, die auf Gewalt verzichtet.*Vgl. ebd., S. 470 f. Dies ist umso interessanter, da Scheichl die positiv gezeichnete weibliche Figur der Helena genauer betrachtet, die als textueller Ausgleich der Verbrechen von Seiten der kroatischen Kriegspartei wohl ebenso einem kroatischen Hintergrund zugeordnet wird.*Vgl. ebd., S. 474. Eine solche Entscheidung des Autors zu der Ausgewogenheit ist letztlich Spekulation, würde aber gut zum oben dargestellten Vorwurf Düwells passen, das Gstrein keine klare politische Aussage trifft.
Konträr zur Lesart Düwells zeigt sich Waltraud „Wara“ Wendes Beitrag zu Das Handwerk des Tötens in der Aufsatzsammlung Imaginäre Welten im Widerstreit. Sie fasst zunächst die zahlreichen negativen Pressestimmen zum Roman zusammen, die sich immer wieder an der Differenz zwischen dem „Realen“, dem Tod Grüners, und der Fiktion Gstreins aufreiben.*Ebd.: Zuerst stirbt immer die Wahrheit. Fakten und Fiktionen im intermedialen Diskurs – Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens, in: Lars Koch/Marianne Vogel (Hg.): Imaginäre Welten im Widerstreit. Krieg und Geschichte in der deutschsprachigen Literatur seit 1900, Würzburg 2007, S. 169–183, hier: S. 170, im Folgenden abgekürzt: Wende 2007. Der Fehler liege ihrer Ansicht nach darin, einen Wahrheitsanspruch an Literatur zu stellen, denn: „Schriftsteller dürfen sich – dem Fiktionalitätsprogramm entsprechend – den literarischen Möglichkeitsraum ohne Rücksichten auf intersubjektive Tatsachenfundierung frei erfinden, Journalisten aber sollten genau dies nicht“*Ebd., S. 181, vgl. auch ebd., S. 171.. Genau diese Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der verschiedenen Medien sei Thema des Buches und werde somit durch seinen Übergriff auf das „Tatsächliche“ – der Biografie Grüners – reflektiert.*Vgl. ebd., S. 172. In ihrer positiven Rezeption Gstreins und der Fokussierung auf den Konstruktionscharakter von Wahrheit als eigentlichem Thema des Romans argumentiert Wende also in Dryndas Stoßrichtung.
Peter Brauns Aufsatz Im Trümmerfeld des Faktischen sieht als Kernfrage von Das Handwerk des Tötens, welches literarische Verfahren für die Darstellbarkeit des Krieges am ehesten geeignet ist. Verschiedene Verfahren würden durch die männlichen Hauptfiguren symbolisiert: Die Reportage werde durch Allmayer vertreten, die fiktive Biografie durch Paul und das Aufschreibeprojekt durch den Ich-Erzähler.*Peter Braun: Im Trümmerfeld des Faktischen. Norbert Gstreins Meditationen über die Darstellbarkeit des Krieges, in: Davor Beganović/Peter Braun (Hg.): Krieg sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien, München 2007, S. 247–269, hier: S. 254, im Folgenden abgekürzt: Braun 2007. Anders als Katja Stopka (siehe weiter unten) argumentiert Braun, dass es das Aufschreibeprojekt sei, das letztlich von den vorgestellten Medien triumphieren würde, da es in der Lage wäre dem „Leser einen Blick in den psychischen Abgrund des Krieges und seine Folgen für das Leben danach zu eröffnen“*Ebd., S. 258.. Desweiteren widmet sich Braun der Kontroverse um die Grüner-Widmung ebenso*Vgl. ebd. S. 259–265. wie der darauf folgenden Verteidigung Gstreins durch Wem gehört eine Geschichte?*Vgl. ebd., S. 265–269..
2009 erschien ein kürzerer Aufsatz von Jay Julian Rosellini zu Peter Handke und Norbert Gstrein, der bereits erwähnt wurde.*Vgl. ders. 2009 sowie Abschnitt 3.2.5, S. 88–95, dieser Arbeit.
Im Jahre 2008 kam ein Sammelband heraus, der sich vor allem Norbert Gstrein sehr ausführlich widmet: Gedächtnis – Identität – Differenz, herausgegeben von Wolfgang Müller-Funk und Marijan Bobinac. Ersterer skizziert auch in einer kurzen methodischen Einleitung die Bedeutung der Räume bei dem Autor. Eine wichtige Feststellung dabei ist, dass allen Erzählungen im Roman auch bestimmte Orte zugeordnet seien.*Wolfgang Müller-Funk: Narrative Modellierungen von symbolischen Räumen. Einige grundsätzliche Überlegungen mit Anwendungsbeispiel: Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft – Differenz, 12), S. 3–12, hier: S. 10, im Folgenden abgekürzt: Müller-Funk 2008. Theoretisch sieht er beim spatial turn der Kulturwissenschaften allerdings die Gefahr, dass man das dynamische Prinzip von Kultur dabei geringschätze oder gar vergesse.*Vgl. ebd., S. 9. Diese Gefahr sehe ich im Übrigen nicht; das Standardwerk des spatial turns, nämlich Homi K. Bhabhas The location of culture spricht nicht ohne Grund von einem diskursiven Durchlaufen der Räume. Vgl. Bhabha 1994 sowie Abschnitt 2.2.1.1, S. 21–25. Ein weiterer Aufsatz des Sammelbands, nämlich Goran Lovrics Erzählen aus dritter Hand in Norbert Gstreins „Das Handwerk des Tötens“ setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit der Ich-Erzähler und Paul als geteilte Persönlichkeitstypen angesehen werden könnten, die unterschiedliche Erzählertypen repräsentieren.*Ders.: Erzählen aus dritter Hand in Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens. Zeichen der Unsicherheit oder geteilte Erzählerpersönlichkeit?, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft –Differenz, 12), S. 217–230, hier: S. 219, im Folgenden abgekürzt: Lovric 2008. Lovric nimmt Analysen der unterschiedlichen Erzählstränge Gstreins vor, an deren Ende meistens der Ich-Erzähler steht – nur wird dieser aufgrund seiner Haltung zu Paul immer unglaubwürdiger.*Vgl. ebd., S. 220 f., S. 223. Im Übrigen kann man unter Umständen auch davon sprechen, dass der Ich-Erzähler allein deshalb unglaubwürdig ist, da er Pauls Vorhaben einen Roman über Allmayer zu schreiben, zunächst kritisiert (vgl. HT, S. 37), um schließlich selbst einen über den Kriegsreporter zu schreiben. Auch auf Imre Kertész Wem gehört Auschwitz und der intertextuellen Anlehnung an den Titel Wem gehört eine Geschichte? weist Lovric hin.*Vgl. ebd., S. 225. Alma Kalinskis Aufsatz, der auf Lovrics Aufsatz folgt, setzt sich dagegen explizit mit Stereotypen über den Balkan im Allgemeinen und Kroatien im Besonderen in Das Handwerk des Tötens auseinander.*Vgl. Kalinski 2008. Der letzte Aufsatz der Sammlung ist von Daniela Kinzi über Saša Stanišić und laut Eigenaussage eine gekürzte Fassung ihres unten vorgestellten Kapitels zu Wie der Soldat das Grammofon repariert.*Vgl. dies.: Wie der Krieg erzählt wird, wie der Krieg gelesen wird. Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišić, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft – Differenz, 12), S. 245–254. Vgl. auch Finzi 2013, S. 235.
Paul Michael Lützeler beschäftigt sich in seiner 2009 erschienenen Monografie ein Kapitel lang mit Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens. Obwohl hier die Forschungsfrage primär lautet (und auch beantwortet wird),*Vgl. ders. 2009, S. 74, S 93 ff. welche Kriegsgeschehnisse konkret in den Roman eingeflossen sind, werden zahlreiche andere Aspekte berücksichtigt. Beispielsweise merkt er an, dass in Das Handwerk des Tötens Roland Barthes These vom Tod des Autors konkret in die Handlung übersetzt wurde*Ebd., S. 88. – eine Nebensächlichkeit, die dennoch erwähnenswert ist. Interessant ist auch seine Ausdeutung von Allmayer, Paul und dem Ich-Erzähler als Personifikation des Freudschen Es, Ich und Über-Ich.*Vgl. ebd., S. 77 ff. Dies erinnert zum einen an die generelle Bedeutung der Psychoanalyse in einer größeren Menge der besprochenen österreichischen Literatur, zum anderen auch an Lovrics Analyse des „geteilten“ Erzählers weiter oben.
Zuletzt soll noch der Aufsatz von Katja Stopka erwähnt werden, der 2011 in Karsten Gansels und Heinrich Kaulens Sammelband Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989 erschienen ist – genauso wie Brokoffs, Sexls und Messners Aufsätze zu Handke, die weiter oben eine Rolle gespielt haben. Sven Kramers Analyse zu Die Winter im Süden und Antonia Rahofers Arbeit zu Anna Kim sollen nachfolgend besprochen werden. Stopka arbeitet mithilfe von Luhmanns Systematik der Beobachtung die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Borns Die Fälschung und Gstreins Die Winter im Süden heraus.*In eben diesem Sammelband ist auch ein Interview mit Norbert Gstrein veröffentlicht, in dem der Autor sagt, er hätte Die Fälschung erst nach der Vollendung von Das Handwerk des Tötens gelesen: „Das war wahrscheinlich eine Bedingung dafür, dass ich überhaupt angefangen habe, weil ich sonst möglicherweise gedacht hätte, alles, was ich gerne machen möchte, ist schon in einer gültigen Form da.“ Carsten Gansel/Heinrich Kaulen: „Der Sprachlosigkeit eine Sprache entgegensetzen“ – Gespräch mit Norbert Gstrein, in: dies. (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 403–411, hier: S. 407, im Folgenden abgekürzt: Gansel/Kaulen 2011. Während ersterer noch der Illusion obliegt, dass Literatur die perspektivischen Brechungen, die bei Kriegsberichterstattung entstehen, aufdecken könnte, sieht Gstrein Literatur als Teil des medialen Systems an.*Katja Stopka: „Beobachtete Beobachter“: Literarische Darstellungstendenzen von Kriegsperspektiven. Am Beispiel der Journalistenromane „Die Fälschung“ von Nicolas Born und „Das Handwerk des Tötens“ von Norbert Gstrein, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 119–136, hier: S. 129, im Folgenden abgekürzt: Stopka 2011. Letztlich erzählten beide Romane von der „Kriegsderealisierung im eigenen Land“*Ebd., S. 136., die es überhaupt notwendig mache, dass Reporter einem räumlich entfernten Publikum ein Gefühl für den Krieg vermittelten.
Sven Kramer stellt anhand von Gstreins zweitem Jugoslawienroman Die Winter im Süden die Frage, wie das Erzählen im Nachkrieg aussehen könne. Dabei beleuchtet er eine Vielzahl von Aspekten des Romans, etwa Gstreins bereits in Das Handwerk des Tötens eine Rolle spielende Poetik (und letztlich auch Ethik) der Distanz und daraus folgende Vermittlungsprozesse, die sich in der Form des Romans spiegeln.*Sven Kramer: Erzählen im Nachkrieg. Zu Norbert Gstreins Roman Die Winter im Süden, in: Carsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 137–163, hier: S. 140 ff., im Folgenden abgekürzt: Kramer 2011. Medialität spiele nicht mehr wie in Das Handwerk des Tötens im Sinne der Massenmedien eine Rolle, sondern eher durch Kommunikation oder auch durch klassische Medien wie die von Annoncen, Briefen und Bildern.*Ebd., S. 142 f. Diese lösten Zusammenhänge auf oder auch subjektive Geschichten, die das Weltbild erklärten. Alle drei Figuren versuchten über die Erzählung einen Sinnzusammenhang zu konstruieren, was vor allem bei dem Alten desaströs in seiner Ermordung ende.*Vgl. ebd., S. 149 f. In diesem Punkt – nämlich, dass Kramer an ein narratologisches Element anknüpft – erinnert er an den im theoretischen Teil dieser Arbeit vorgestellten Koschorke, ohne ihn jedoch direkt zu zitieren.*Vgl. Koschorke 2012. Aufgrund der späteren Erscheinung von Koschorkes Monografie wäre es Kramer auch nicht möglich gewesen, diesen für seine Untersuchung heranzuziehen. Auch die Rolle von Sexualität und Macht in Bezug auf den intertextuellen Verweis zu Naipals Guerillas analysiert er.*Vgl. Kramer 2011, S. 154 f. Zuletzt geht Kramer recht ausführlich auf das strukturelle Prinzip der Überkreuzung ein, das sich sowohl in symbolischen Gesten des Kreuzes und des Kreuzigens wiederholt als auch im Titel des Romans Eingang findet: Sowohl der Süden als auch der Winter ist je nachdem, auf welcher geografischen Position man sich befände – nämlich Österreich oder Argentinien – interpretierbar, ein vermeintlich Toter würde erst zum Leben erweckt, um dann am Ende doch zu sterben, Kriegs- und Friedenszustände überkreuzten sich ebenfalls.*Vgl. ebd., S. 159 f. Man könnte diese aufgedeckte Kreuzstruktur auch weiterführen in der Überkreuzung der beiden Kriege und der Kulmination in einem Zeitvakuum, das dadurch zu entstehen scheint – so wie ich es weiter unten aufgeführt habe.*Vgl. Abschnitt 4.3.1, S. 174–182.
Weitere Forschungsliteratur
Eine weitere, bisher nur in Ansätzen untersuchte Autorin, ist Anna Kim. So widmet ihr etwa Antonia Rahofer in Carsten Ganselns und Heinrich Kaulens Aufsatzsammlung einen Beitrag, indem sie die Gedächtnisnarrative in Die gefrorene Zeit untersucht. Dabei steht sie der Autorin insofern leicht kritisch gegenüber, da deren Konzentration auf Individualschicksale zwar übliche Klischees von Opferdiskursen vermeide, aber auch keine neuen Wege einschlage.*Antonia Rahofer: Kriegsinhalt – Textgewalt? Zur Verschränkung von Erinnern und Erzählen in Anna Kims Die gefrorene Zeit, in: Carsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 165–181, hier S. 169, im Folgenden abgekürzt: Rahofer 2011. Dazu passt, dass Kim Fragen nach Peter Handke und der Diskussion um dessen Serbientexte ausweicht.*Vgl. ebd., S. 165 f. sowie Gespräch mit Peter Landerl vom 22. September 2008, abrufbar unter: http://www.literaturhaus.at/index.php?id=5241 (Stand: 23.12.2016). Einzig verwunderlich an Rahofers Aufsatz ist, dass sie Kims Verfahren, literarische Darstellungsstrategien ins Zentrum zu rücken als Ausnahme klassifiziert. Kim wendet etwa verschachtelte Erzählperspektiven an, sodass Luans Perspektive durch die Ich-Erzählerin wiedergegeben wird.*Vgl. Rahofer 2011, S. 167, 174, 178. Nichts Anderes macht letztlich Norbert Gstrein in Das Handwerk des Tötens oder Martin Mosebach in Das Blutbuchenfest und es lässt sich fast davon sprechen, dass diese Art der Perspektivierung weniger eine originelle als eine konventionalisierte Methode darstellt, das Darstellungsproblem von Kriegen zu umgehen.*Dies scheint vor allem dann vonnöten zu sein, wenn der Krieg nicht selbst von den Autorinnen und Autoren erlebt wurde; dazu würde passen, dass sich diese Art der indirekten Vermittlung der Kriegsereignisse in der schwedischsprachigen Literatur kaum findet, da viele der Autoren unmittelbar vom Krieg betroffen waren. Vgl. auch das fünfte Kapitel, S. 223–256, dieser Arbeit.
Gerhard Roth findet zumindest in Verbindung mit Gstrein Erwähnung in Brauns Aufsatz Im Trümmerfeld des Faktischen*Vgl. Braun 2007, S. 249.. In Joanna Dryndas bereits mehrfach erwähnter Arbeit wird seine Darstellung des Krieges sowohl mit Norbert Gstrein als auch mit Peter Handke verglichen. Hier spielt für sie vor allem die Kritik am Prototypen des Kriegsberichterstatters eine Rolle und die Frage nach der wirklichkeitsgetreuen Darstellung des Krieges.*Vgl. Drynda 2007, S. 457.
Ein größerer Überblick über die Darstellung der postjugoslawischen Kriege in deutschsprachiger Literatur findet sich hauptsächlich in Elena Messners Aufsatz, der großen Aufschluss über bereits erschienene Bücher zu dem Thema gibt, Daniela Finzis Dissertation und zwei Aufsätzen*Diese wären: ders. 2008 und 2009a. 2009b behandelt in einem „Close Reading“, wie es der Wissenschaftler selbst nennt, ausschließlich Handke. von Boris Previšić, die bereits mehrmals in Bezug auf Peter Handke zur Sprache kamen. In Martin Sexls und Arno Gisingers Hotel Jugoslavija finden gleichsam Reminiszenzen an verschiedene Bücher zu dem Thema Eingang: Sie erwähnen Norbert Gstrein ebenso wie Juli Zeh.*Vgl. Sexl/Gisinger 2008, S. 108 f., S. 151. Aber zurück zu Messner: Textübergreifend beobachtet sie die Konstruktion von persönlicher Nähe, die aber mit einer „programmatischen Distanz“*Messner 2011, S. 110. einhergehe. Die räumliche Distanz werde auf der inhaltlichen Ebene häufig mit einer Reise zum Ausdruck gebracht,*Ebd., S. 110 f. die Untersuchung der Ebenen von Erzähltem und Geschehenem würde oft verbunden mit der Kritik an der Medienberichterstattung.*Ebd., S. 111 f. Gleichzeitig schließt sich Messner explizit der Meinung von Susanne Düwell an, die auf die zunehmende Entpolitisierung des Konflikts und der darauf folgenden Verzerrung der Darstellung verweist.*Ebd., S. 115. Was Messner in der Kürze der Zeit an wissenschaftlichen Fragestellungen aufwirft, formuliert Daniela Finzi in ihrer 2013 erschienenen Dissertation teilweise aus: Bei ihr werden neben Peter Handkes Texten Juli Zeh, Norbert Gstrein, Saša Stanišić und Anna Kim näher untersucht. Bei Juli Zeh schließt sie sich der schon genannten Stoßrichtung von Düwell und Messner an, dass durch die ausbleibende Positionierung im Konflikt bei Die Stille ist ein Geräusch eine Banalisierung des Sujets stattfindet.*Finzi 2013, S. 201. Das Problem des Balkanismus verlagere sich von außen in das Innenleben der Protagonistin: Die Fremdheit wird nicht mehr in der Umgebung gesucht, sondern in der Reisenden, dem Alter ego von Juli Zeh selbst.*Vgl. ebd., S. 196. Vgl. dazu auch Dutu 1982, S. 259 sowie Abschnitt 2.2.5, S. 45–51.
Über Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens fasst die Wissenschaftlerin einige bereits besprochene Aspekte zusammen, wie etwa die Überlagerung verschiedener Erzählebenen, die die Wahrhaftigkeit einer Version infrage stelle.*Vgl. ebd., S. 212, S. 215. Der Alltag im Krieg und die Spuren der Zerstörung in Nachkriegszeiten verdeutlichten und konkretisierten den Schrecken mehr als es direkte Schilderungen könnten und sind laut Finzi Punkte, die Gstrein mit Handke und Zeh gemein habe.*Ebd., S. 214, 219. Zwei Aspekte sind neu an Finzis Interpretation des Romans: Zum einen sieht sie den viel zitierten Satz „Ein Toter macht noch keinen Roman“ (HT, S. 37) widerlegt auf der Inhaltsebene, wenn gleichsam der Freitod Pauls als Anlass dient, darüber ein Buch zu schreiben.*Ebd., S. 213. Zum anderen erbringe der Roman den Beweis für die „unheilvolle Komplizenschaft von Literatur, Krieg und Sprache“*Ebd., S. 220., indem der Titel des Romans eine Erweiterung erfährt als „das Schreiben als ein Handwerk des Tötens.“*Ebd. Die Winter im Süden schließe an das Vorgängerwerk an, da durch die Figur von Marijas Ehemann wieder Medienkritik miteinfließe und wie auch in anderen Werken Gstreins ein literarisches Verfahren vorherrsche, das darauf abziele, Unterschiede zwischen Realität und Repräsentationen derselbigen aufzudecken.*Ebd., S. 224 f., S. 233. Eine Variation finde insofern statt, als das Thema des Buches Identitätsinstabilität sei, die darin gipfele, sich selbst fremd zu sein.*Ebd., S. 228.
Ein weiteres Kapitel ihrer Dissertation widmet Finzi Saša Stanišićs Debüt Wie der Soldat das Grammofon repariert, dessen verschiedene Erzählformen sie als postmodern klassifiziert.*Vgl. ebd., S. 244. An der gleichen Stelle betont Finzi aber auch, dass die Form auch das Auseinanderbrechen des Landes symbolisieren würde. Auch der unten ausführlicher dargestellte Aufsatz von Brigid Haines betont den postmodernen Aspekt der Handlung.*Vgl. dies.: Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Reinscribing Bosnia, or: Sad things, Positively, in: Lyn Marven/Stuart Taberner (Hg.): Emerging German-language novelists of the twenty-first century, Rochester/New York 2011, S. 105–116, hier: S. 110, im Folgenden abgekürzt: Haines 2011. Innerhalb dieser unterschiedlichen Textsorten findet ein „Spiel mit romantisierenden Balkanbildern“*Ebd., S. 240. statt. Zugleich sei der Erinnerungsdiskurs sehr präsent in dem Buch: der Ich-Erzähler Aleksandar sei sich bewusst, dass seine Erinnerungen unvollständig sind; umso mehr versucht er, sie zu ordnen und aufzulisten.*Vgl. ebd., S. 248, 252. Inhaltlich werde der Roman durch den Verzicht auf schablonisierte Darstellung der beiden Seiten geprägt; stattdessen gäbe es die Bemühung, allen Beteiligten der Kriegshandlungen menschliche Züge zu verleihen.*Vgl. ebd., S. 245. Der Krieg selbst werde häufig durch Spiele symbolisiert: Im Spiel der Kinder würde dieser vorweggenommen, seine Brutalität werde im Fußballspiel während eines Waffenstillstands und dessen abrupten Endes offensichtlich.*Vgl. ebd., S. 246, 249 f. Auch diese Argumentation findet sich bei Haines, allerdings leicht abgewandelt (und damit noch etwas umfangreicher) auf den Sport generell bezogen.*Vgl. dies. 2011, S. 111. Auf die zahlreichen intertextuellen Bezüge Stanišićs weist Haines ebenfalls hin, wie etwa Grimmelshausen, den magischen Realismus der Südamerikaner und – natürlich – Ivo Andrićs Die Brücke über die Drina.*Vgl. ebd., S. 108 f., S. 115 f. Ein weiterer englischsprachiger Aufsatz zu Stanišić stammt von Stijn Vervaet und stützt sich vor allem auf Assmanns, Erlls und de Capras Diskussionen des Begriffs der kollektiven Identität.*Vgl. ders.: Writing war, writing memory. The representation of the recent past and the construction of cultural memory in contemporary Bosnian prose, in: Neohelicon 38 (2011), S. 1–17. Besonders in Bezug auf die Postmodernität und ihrem Verhalten zur Erinnerung erinnert der Essay an die Argumentation von Haines.*Vgl. ebd., S. 13. Zwei sehr positiv positionierte Aufsätze zu Wie der Soldat das Grammofon repariert hat Boris Previšić verfasst: Das Buch sei gleichsam wahlweise der Höhe- oder Startpunkt einer Entwicklung in der deutschsprachigen Literatur, die er als „Balkan Turn“ klassifiziert.*Vgl. Abschnitt 3.2.5, S. 88–95. Besonderes Augenmerk legt Previšić dabei auf die Form des Romans, die die Kriegswirklichkeit widerspiegele*Previšić 2009a, S. 200. sowie auf die Multiplizierung des Ichs, die eine Art kollektives Gedächtnis durch die Vielstimmigkeit ausdrük-ke*Previšić 2008, S. 104 ff.. Anknüpfend an diese Überlegungen Previšićs könnte man konstatieren, dass der Ausdruck des kollektiven Gedächtnisses in Vor dem Fest konsequent weitergeführt wird, indem hier oft auf die Erzählinstanz des „Wir“ zurückgegriffen und dabei gleichsam ein fast antik anmutender Chor, der das Geschehen kommentiert, simuliert wird.
Zuletzt möchte ich kurz auf Finzis Bearbeitung von Anna Kims Roman zu sprechen kommen, den sie vor allem in Hinblick auf den Erinnerungsdiskurs liest. In Anknüpfung an Erll und Nünning argumentiert sie, dass sowohl individuelles als auch kollektives Gedächtnis in dem Roman eine Rolle spielten, wobei durch den Protagonisten Luan das individuelle Gedächtnis klar stärker akzentuiert würde.*Finzi 2013, S. 275. Vgl. auch Astrid Erll/Ansgar Nünning: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft: Ein Überblick, in: Astrid Erll u. a. (Hg.): Literatur – Erinnerung – Identität. Theoriekonzepte und Fallstudien, Trier 2003 (ELCH, 7), S. 3–27, hier: S. 4 f. Es fällt zudem auf, dass Finzi dem Roman ausgesprochen positiv gegenüberzustehen scheint.*Vgl. ebd., S. 281.
Zu Juli Zehs Die Stille ist ein Geräusch findet sich, gemessen an der Bekanntheit der Autorin, relativ wenig Sekundärliteratur. Katja Thomas bereits erwähnte Monografie kontrastiert die Verfahren, die Kriege wahrzunehmen, bei Peter Handke und Juli Zeh. Gemeinsamkeiten finden sich etwa in der Medienkritik und dem Versuch durch Augenzeugenschaft der medialen Blickfalle zu entkommen, da sie sich ihrer eigenen Wahrnehmung beraubt fühlen.*Vgl. Thomas 2007, S. 31–36, S. 40, S. 130. Im Unterschied zu Handke begreift Zeh die Sprache allerdings stärker als „Spielmaterial“, indem sie „gerade solche Zuschreibungen auf[ruft], von denen Handke die Dinge befreien will.“*Ebd., S. 65. Die Poetik der Zerstörung werde im Sinne von Zehs postmodernerem Umgang mit Tourismus auch durch den „Trümmertourismus“ aufgenommen – die zerstörten Häuser werden als Sehenswürdigkeiten bestaunt.*Ebd., S. 101.
Boris Previšić untersucht Die Stille ist ein Geräusch wie auch andere Texte vielmehr unter dem Aspekt des Balkanismus und der Konstruktion von Alterität, die er gerade in der Beschreibung der „türkischen Männer“ in dem Reisebericht findet.*Previšić 2008, S. 102. Zwar werde dies mit Hilfe von Ironisierung und einer Reflexion von Nähe- und Distanzgefügen gebrochen, helfe aber – wie auch im Falle Gstreins – nicht, Stereotype zu verändern.*Ebd., S. 104 und Previšić 2009a, S. 197, 199. Dieser moralische Anspruch an ein Werk – nämlich, dass es mit gängigen Stereotypen bricht – ist bereits von Anna Kims Die gefrorene Zeit bekannt.*Vgl. Rahofer 2011, siehe oben.
Auch Doron Rabinovici wurde mehrfach wissenschaftlich besprochen, wobei der Fokus nie auf der Thematik der postjugoslawischen Kriege lag, sondern auf Rabinovicis Beschäftigung mit dem Judentum. Mirjam Bitter widmet sich den „(De)Maskierungen“*Mirjam Bitter: (De)Maskierungen in Doron Rabinovicis Roman Ohnehin, in: Malca Konferenz, E-Journal 1 (2010), abrufbar unter: http://malca.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/konf_malca/malca_ejournal_m_bitter.pdf (Stand: 08.12.2015), im Folgenden abgekürzt: Bitter 2010. in dem Roman und Francis Michael Sharp dem Erinnerungs- und Gedächtnisdiskurs des Romans sowie der Frage, inwieweit die Asylsuchenden des Balkans mit der Situation der Juden während des Dritten Reichs zusammengedacht werden können.*Vgl. Francis Michael Sharp: Doron Rabinovicis Ohnehin. Selective memory and multiple pasts, in: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 16 (2006) (http://www.inst.at/trans/16Nr/05_2/ sharp16.htm, Stand: 23.12.2016).
Zuletzt findet sich ein einzelner Aufsatz zu Ingrid Bachérs Sarajewo 96 von Karoline von Oppen, die auch Beiträge zur Handke-Rezeption leistete. Derselbe spielt zwar auch in ihrem Aufsatz „(un)sägliche Vergleiche“ eine Rolle, allerdings bei weitem keine so große wie Bachér. Diese würde vor allem die Opfer- und Täterrolle der Deutschen erweitern – was die Wissenschaftlerin nicht ganz unkritisiert hinnehmen kann.*Vgl. von Oppen 2006b, S. 171, S. 174. Der Unterschied zu Handke ist offensichtlich:
While Bachér is suggesting a privileged role for Germans in uncovering commonalities in the region based on experiences of war and killing, Handke is ultimately arguing that Germans and Austrians have a responsibility to remember Nazi atrocities against Serbia, a responsibility that must continue to condition their behavior towards this country today.*Ebd., S. 176.
Fazit zur wissenschaftlichen Rezeption
Der mit Abstand am häufigsten untersuchte Autor nach Peter Handke ist Norbert Gstrein. Die wertende Frage nach der Kriegsdarstellung beeinflusst die Aufsätze der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Dies ist gut sichtbar an den Untersuchungen Susanne Düwells und Joanna Dryndas, allerdings geschieht diese Wertung gerade in Hinblick auf und im Vergleich mit Peter Handke. Abgesehen davon wird die Frage nach dem geeigneten Darstellungsverfahren für Kriege, die besonders Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens immanent ist, thematisiert: so etwa bei Peter Braun und Goran Lovric. Von besonderem Interesse scheint mir die Diskussion um Autorschaft und Schreiben als „Mordinstrument“ zu sein: Insbesondere Paul Michael Lützeler und Daniela Finzi liefern hierzu neue Forschungserkenntnisse. Der Thematisierung des Balkans und seiner Bevölkerung im Werke Gstreins widmen sich Susanne Düwell und Alma Kalinski, der der Intertextualität vor allem Goran Lovric. Einige detaillierte Beobachtungen zu unterschiedlichen Fragestellungen trägt Sven Kramer in seinem Aufsatz zu Die Winter im Süden bei.
Wie der Soldat das Grammofon repariert wurde ebenfalls wissenschaftlich untersucht, wobei die Darstellungsproblematik des Krieges in den Hintergrund tritt und als Forschungsschwerpunkt die Thematik des kollektiven Gedächtnisses ausgemacht werden kann. Es ist das literarische Verfahren, das kollektive Gedächtnis mittels verschiedener Erzählerstimmen und diskontinuierlicher Erzählpositionen in die Form des Romans einzuarbeiten, das Forschende wie Daniela Finzi, Brigid Haines, Stijn Vervaet und Boris Previšić interessiert. Hier ist offensichtlich, dass die fingierte Darstellungsweise eines kollektiven Gedächtnisses indirekt mit der Frage nach der adäquaten literarischen Darstellung der postjugoslawischen Kriege zusammenhängt. In den meisten Fällen wird dieser Versuch Stanišićs im Gegensatz zu einigen Rezensionen (vgl. Abschnitt 4.1.2, S. 156 f.) eher positiv bewertet.
Die gefrorene Zeit wird in seiner literarischen Bearbeitung der postjugoslawischen Kriege von Daniela Finzi ausgesprochen positiv wahrgenommen. Eine andere Meinung vertritt Antonia Rahofer, die bei Anna Kim zwar keine Klischees im Hinblick auf die Opferdarstellung bestätigt sieht, aber auch nichts Innovatives in der Verfahrensweise des Romans sieht. Der Täter- und Opferdiskurs wird auch in Karoline von Oppens Aufsatz zu Sarajewo 96 analysiert und kritisiert. Juli Zehs Balkan- und Kriegsbild stehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenfalls eher ablehnend gegenüber: Hier werden laut Boris Previšić alte Stereotypen beibehalten; Daniela Finzi empfindet die Darstellung des Konflikts als verharmlosend.
Im Überblick betrachtet zeigt sich, dass auch bei anderen deutschsprachigen Texten die Frage nach der Darstellung und Darstellbarkeit des Krieges und die darin anknüpfenden Fragen wie etwa die Bestärkung von Stereotypen oder die Positionierung zu Opfern und Tätern im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses steht. Allerdings wird deutlich weniger Position für oder gegen eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller bezogen als dies beispielsweise noch bei Peter Handke der Fall war – nicht einmal die Diskussion um Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens erreicht die Heftigkeit des Streits um Handkes Serbientexte.
Häufig auftretende Motive und Themen in deutschsprachiger Literatur
In deutschsprachigen Texten, die die postjugoslawischen Kriege behandeln, fallen vor allem zwei Dinge auf: Dass Handke nicht nur als „name-drop“ eine Rolle spielt, sondern die Bücher auch inhaltlich von seinen Jugoslawientexten geprägt sind und dass die Literaturstreite um die Jahrtausendwende generell Einfluss hatten. Themen, die gerade zu diesem Zeitpunkt verstärkt in der Literatur behandelt wurden – so wie etwa Erinnerung und Identität – tauchen auch in den hier analysierten Büchern auf. Dass dies sogar in Details zutrifft, wird sich in dem ersten großen Themenkomplex zeigen, der sich mit dem Aspekt des Erinnerns und Vergessens auseinandersetzt. Weitere große Komplexe bilden die Politisierung des Privaten, die Krise der Augenzeugenschaft, die Identitätssuche und das Auftreten von Balkanismus in den Texten. Zudem wird auf neue Entwicklungen anhand der Bücher von Martin Mosebach und Marica Bodrožić geblickt.
Wie in dem Unterkapitel zu Motiven und Themen im Werk Handkes bereits deutlich wurde, ist es unmöglich, die unterschiedlichen Kategorien voneinander zu isolieren. Wenn etwa von einem Erinnerungsdiskurs die Rede ist, dann spielt immer das Problem der Narrativität von Ereignissen allgemein und dem Krieg im Speziellen hinein. Auch Identität und Erinnerung hängen zusammen. Wiederholungen werden sich also nicht vermeiden lassen und ähnlich wie in den Sektionen zu Handke Stichworte, die auf einen anderen Textabschnitt hindeuten, deutlich markiert.
„Die gefrorene Zeit“: Zur Wiederholung der Geschichte
Die gefrorene Zeit*Anna Kim: Die gefrorene Zeit, Wien 2008, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: GZ. lautet der Titel von Anna Kims preisgekröntem Roman, der davon handelt, dass das Leben eines Kosovoalbaners, Luan, sich nach dem Verschwinden seiner politisch aktiven Frau fortan nur noch um diesen Moment dreht. Die Zeit scheint festgefroren, es gibt keine Gegenwart und erst recht keine Zukunft, wie sich spätestens bei Luans Selbstmord herausstellt. Die gefrorene Zeit könnte allerdings auch der Titel einer allgemeinen Erfahrung sein, die in vielen Büchern, die sich mit den postjugosla-wischen Kriegen auseinandersetzen, geschildert wird: Die Protagonistinnen und Protagonisten werden durch den aktuellen Konflikt in die Kriege des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt, die vollständige Identifizierung mit diesen geht in den seltensten Fällen für die Beteiligten gut aus. In Sarajewo 96*Ingrid Bachér: Sarajewo 96. Erzählung. Mit Bildzeichen von Günther Uecker, Düsseldorf 2001, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: S96. Leider können bei diesem Buch keine genauen Seitenangaben gegeben werden, da die Veröffentlichung ein Kooperationsprojekt mit dem Künstler Günther Uecker war und daher keine Seitennummerierung vorhanden ist. von Ingrid Bachér reist ein Schriftsteller zur Eröffnung einer Buchausstellung nach Sarajevo. Zunächst hat er den Eindruck, dass selbst in einer Stadt wie dieser die Zeit schnell vergehen könnte, aber dies stellt sich als Trugschluss heraus. Stattdessen ist es, als würde sich in dem Tal, in dem Sarajevo liegt, die Zeit stauen – den Schriftsteller erinnert es an den Zweiten Weltkrieg, in dem er selbst gekämpft hat. Immer mehr wird er durch die Gegenwart in die Erinnerung hineingezogen, bis sie ihn schließlich vollständig beherrscht: „Die Zeit verging nicht, löste nichts auf, verbarg alles nur und schwemmte es zurück“ (S96). Der Krieg bleibt die anthropologische Grundkonstante, die den Schriftsteller wieder aufs Minenfeld hinaustreibt und 17 Jahre alt bleiben lässt.
Auch Die Winter im Süden*Norbert Gstrein: Die Winter im Süden, München 2008, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WIS. von Norbert Gstrein nimmt auf vielfältige Art und Weise das Motiv der Wiederholung von Geschehenem auf. Da gibt es den Ex-Polizisten Ludwig, der traumatisiert von dem Tod seiner Kollegin und Geliebten ist und den Moment ihres Sterbens immer wieder erlebt:
Es machte ihn noch jedesmal schwindlig, wenn er an die entscheidenden Sekunden dachte, in denen er hinter ihr hergelaufen war, und das um so mehr, als er nicht wußte, ob nicht da schon diese andere Art Erinnerung eingesetzt hatte, ob er nicht da schon angefangen hatte, an sie zu denken, als wäre sie nicht mehr am Leben. Damit begann immer dieses rasende Dahingaloppieren der Zeit und die gleichzeitige Verlangsamung, die er keinem Menschen erklären konnte [...] (WIS, S. 245).
In dieser Passage überlagern sich mehrere Ebenen: Das Ereignis wird sofort Erinnerung, die Zeit folgt keiner Logik mehr. Gleichzeitig ist die Erinnerung Gegenwart in dem Moment, in dem Ludwig sie sich wieder vor Augen holt. Er steckt in dieser Zeitspirale fest – alles, was er danach im Leben unternimmt, ist unmotiviert, verfolgt kein Ziel, hat keine Zukunft. Dazu passt, dass Ludwigs Arbeitgeber ihn implizit mit einem Kondor vergleicht, der hoch in der Luft schwebt, um sich schließlich an einer Felswand zu zerschmettern (vgl. WIS, S. 132).
Ludwigs Arbeitgeber, der während der gesamten Dauer des Romans nur „der Alte“ genannt wird, betreibt eine aktive Wieder-holung der Geschichte, wobei ihm der Kriegsausbruch in Jugoslawien zugutekommt. Einst hatte er als Kroate gegen die Partisanen gekämpft und entkam nach deren Sieg nur knapp dem Tod, hinterließ dabei Frau und Tochter in Kroatien und baute sich ein neues Leben in Argentinien auf. Nun unterstützt er zunächst von dort aus, später auch im Land die nationalistische Bewegung, die sich in Kroatien formiert. Er vermittelt damit Ludwig das Gefühl, dass der Krieg von heute die Auseinandersetzung von damals wieder aufgreift (vgl. WIS, S. 198 f.). Die dritte Figur, die in der Gegenwart ihre Vergangenheit zu rekonstruieren versucht, ist die erwachsene Tochter des Alten, Marija. Sie fährt nach Zagreb, halb, um ihren Vater zu suchen, halb, um sich eine Auszeit von der zerrütteten Ehe mit einem Journalisten zu nehmen. Über einen Zeitungsartikel erfährt sie von der neuen Familie des Vaters, in ihren Halbschwestern erkennt sie sich selbst, in der neuen Frau des Vaters ihre eigene Mutter (vgl. WIS, S. 262). In der Figur Marijas ist es das Doppelgängermotiv, das das Erstarken der Erinnerung symbolisiert, die sich über die Gegenwart legt. Es tritt auch bei dem Geliebten Angelo auf, den sie in Zagreb kennenlernt und in dem sie beim ersten Treffen den Vater zu erkennen glaubt (vgl. WIS, S. 102). Dieses Phänomen, das man in C.G. Jungs Terminus des „Elektrakomplex[es]“*C. G. Jung: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, Olten und Freiburg im Breisgau 1973, S. 83. fassen könnte, passt zum Thema des Unterbewussten, das in Gstreins wie in weiteren Romanen zu den postjugoslawischen Kriegen zentral ist, gerade was das Private anbelangt.
In Doron Rabinovicis Roman Ohnehin wird der Zweite Weltkrieg mit seiner massenhaften Vertreibung und Ermordung mit den in dem Roman gegenwärtigen Kriegen in den früheren jugoslawischen Ländern parallelisiert. Insbesondere zwei Figuren tragen zu dieser Konstellation bei: Kerber, ein ehemaliger Nazi-Scherge, der im Jahre 1995 am Korsakow-Syndrom erkrankt zu sein scheint, was für ihn bedeutet, dass er glaubt, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu sein. Die zweite Figur ist Flora, in die sich der Protagonist Stefan Sandtner verliebt, der seinerseits als Neurologe tätig ist. Diese ist Künstlerin und zudem Flüchtling aus dem Kosovo. Besonders deutlich wird diese Überlagerung in einer Szene, in der Kerber auf Flora trifft und sie für eine alte, offenbar jü-dische Kollegin hält, die während des Kriegs zu Schaden gekommen ist:
„Ich konnte nichts machen für dich“, wisperte Kerber tränenerstickt und dann: „Verzeihung. Es tut mir so leid.“ (O, S. 199)
Die Tochter Kerbers, die die ganze Zeit in fingierten Verhören versucht hat ihren Vater zu einem Geständnis zu bewegen, ist begeistert von dem plötzlichen Schuldeingeständnis und hofft auf Floras Annahme der Entschuldigung, die sie allerdings anstelle der jüdischen Kollegin zurückweist und die Anwesenden beschuldigt nichts zu verstehen (O, S. 198). In dieser Überblendung, die in einer Art Maskerade*Vgl. dazu Bitter 2010. Floras als jüdisches Opfer endet, wird deutlich, dass die Kriege sich in ihrer Grundlage des ethnischen und religiösen Hasses ähneln.
Ein letztes Beispiel für die Überlagerung von gegenwärtigem Konflikt mit der Vergangenheit bietet Susanne Scholls Roman Elsas Großväter*Susanne Scholl: Elsas Großväter, Wien 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: EG.. Hier ist es der Zweite Weltkrieg, die Vertreibung und schlussendliche Ermordung der jüdischen Großeltern, an die sich die Protagonistin Elsa beim Hören der Nachrichten aus dem Kosovo erinnert. Im Gegensatz zu den Figuren aus den anderen vorgestellten Romanen ist sie aber in der Lage die schreckliche Erinnerung in einen produktiven Umgang mit der Gegenwart zu verwandeln: Sie fängt an, für die Vertriebenen zu spenden (vgl. EG, S. 242), hinterfragt ihre eigenen Stereotype und Klischees (vgl. EG, S. 146 f. sowie den Abschnitt zum Balkanismus) und schreibt die Geschichte ihrer Großeltern schließlich auf, um sie vor dem Vergessen zu bewahren (vgl. EG, S. 248). Die „Verschriftlichung der Erinnerung“ ist ein Motiv, das sich der Roman mit anderen Büchern desselben Themas teilt: In Wie der Soldat das Grammofon repariert*Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert, München 2008 (Originalausgabe 2006), im Folgenden im Haupttext abgekürzt: WSG. erhält die Hauptfigur Aleksandar von seiner Großmutter ein Tagebuch, das er dazu benutzt nicht zu vergessen (WSG, S. 140 f.). In Zum Abschied vom Vater*Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater, Graz 1999, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: ZAV. wird die Form eines Reisetagebuchs zum Erzählen der Geschichte gewählt. In Der Berg*Gerhard Roth: Der Berg, Frankfurt a. M. 2000, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: B. dienen hingegen die verschiedenen Notizbücher des Protagonisten als Strukturprinzip. Auch in Norbert Gstreins Reflektion über die „Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens“ (so ein Teil des Untertitels), Wem gehört eine Geschichte?, spielt das Reisenotizbuch eine Rolle, allerdings zeigt sich, dass es kaum während der Reise benutzt wurde (vgl. WGG, S. 101). Die Erinnerung setzt erst nach einiger Zeit ein, eröffnet Zusammenhänge, bildet das Narrativ einer Reise. Aber ist dieses Narrativ dann noch real?
Ein Themenaspekt, der ebenfalls in vielen Texten behandelt wird, ist der Zusammenhang zwischen Erinnern, Vergessen und damit einhergehend auch Gedächtnis. Kerber, der Patient und alte Nachbar des Neurologen Sandtner, hat durch das Korsakow-Syndrom sein Leben der letzten 50 Jahre vergessen und findet sich in seiner Erinnerung ähnlich wie der Schriftsteller in Sarajewo 96 im Kriegsgewirr des Zweiten Weltkriegs wieder. Zeitungsrezensentinnen und -rezensenten sind sich uneins darüber, wie sie diese Amnesie zu deuten haben. Während Daniela Strigl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Ansicht ist, dass Kerbers Fähigkeit sich an das Vergangene zu erinnern paradigmatisch für die Unfähigkeit der Gesellschaft stünde, ebendies zu tun, meint Paul Michael Lützeler in der ZEIT, dass diese Fokussierung auf die Vergangenheit exemplarisch für die Gesellschaft stünde.*Vgl. Strigl 2006, Lützeler 2004. Sandtner möchte an ihm eine Studie zu einem neuen Medikament vornehmen, dass die Erinnerungsfähigkeit wieder aktivieren soll. Die beiden Kinder Kerbers stehen dem Ganzen widersprüchlich gegenüber. Während die Tochter den Vater unbedingt zum Erinnern zwingen will, damit er seine Schuld bekennt, ist der Sohn, der vom maoistischen Studenten zum staatstreuen Beamten geworden ist, von dieser Idee wenig begeistert:
„Unser Vater ähnelt einer Aufziehpuppe. Da, hier sitzt er, ein defekter Roboter, euer kaputtes Spielzeug, und hämmert sich an den Kopf. Nennst du, Stefan, das Heilung? Sieh ihn dir an, deinen Patienten. Du hast ihm den Schädel ausgeblasen. Mein Vater war zum ersten Mal in seinem Leben ein freundlicher, ein wenig verwirrter Herr. Was war daran so schlimm? Warum störte dich sein Vergessen? Wieso könnt ihr ihn nicht einfach in Ruhe lassen? […]“ (O, S. 250 f.)
Der Sohn Kerbers stellt dabei die Frage nach dem Recht und dem Nutzen zu vergessen. Dies scheint nicht weit weg von der Argumentation Andersons zu sein, nämlich, dass bestimmte Dinge vergessen werden müssen, um die Erinnerung an andere umso deutlicher zutage treten zu lassen.*Vgl. Anderson 2005, S. 205, S. 208. Die Exilkosovarin Flora geht hingegen deutlich pragmatischer mit der Amnesie des Alten um:
Flora sagte: „Wo ich herkomme, würde der Alte gar nicht auffallen. Die Krankheit ist dort jetzt eine Epidemie. Alle sind da eingefroren in der Vergangenheit.“ (O, S. 145)
Vergessen ist ebenfalls ein Thema, mit dem Anna Kims Protagonist Luan kämpft. Sein Verhältnis dazu ist ambivalent, wie sich in den Gesprächen mit der Erzählerin zeigt:
So kann ich mich, sagst du, weder erinnern noch vergessen. Im Vergessen, das du herbeisehnst, wäre vor allem das Rückgängigmachen von Erinnerung verborgen. (GZ, S. 34)
Zugleich fühlt Luan seine Pflicht sich zu erinnern. Die Erinnerung verblasst jedoch, ähnlich wie die Bilder der im Bürgerkrieg Verschollenen, die am Zaun des OSZE-Geländes in Prishtina hängen (vgl. GZ, S. 104). Diese wie andere Momente im Text „illustrieren“ gleichermaßen das Versagen der Bilder „als wirkungsmächtiges Gedächtnismedium“*Rahofer 2011, S. 176., wie es Antonia Rahofer in Bezug auf eine andere Stelle ausdrückt, die sich dem Verhältnis von Bild und Erinnerung widmet. Diese Analogie kommt auch durch eine weitere Textstelle zustande: In dieser erklärt Luan sein Vermissen als eine Form des Erinnerns und vergleicht es mit einer Schwarzweißfotografie, die später nachkoloriert wurde, „sodass manche Farben stärker ins Auge stechen als andere, manche Bereiche wiederum fast unsichtbar sind“ (GZ, S. 52). Es ist der Vergleich eines Verzweifelten, der zumindest im Vermissen einen gewissen Halt sucht, aber dennoch einsehen muss, dass seine Erinnerung entweder langsam verschwindet, falsch ist oder gar niemals da war. So sammelt Luan auf eigene Faust Informationen zu den Kriegsgräueln (vgl. GZ, S. 38) oder Erzählungen aus zweiter Hand von anderen (vgl. GZ, S. 34), um sie sich zu Eigen zu machen und seine Erinnerungslücken zu schließen. Als er die Wahrheit jedoch erfährt – nämlich, dass Fahrie gestorben ist – trägt das nichts zur Besserung seiner Lage bei, im Gegenteil.
Interessant ist es gerade im Falle dieses Romans seine Darstellungsstrategien mit den theoretischen Gedächtnisdiskursen zu vergleichen. Zum einen verwendet die Autorin bereits im Titel mit der gefrorenen Zeit eine Metapher, die häufig benutzt wird.*Vgl. Assmann 1999, S. 168. Auch in Dorovicis Roman findet sich diese Metapher. Vgl. O, S. 26. Zum anderen wird das Schicksal eines Volkes – hier das der Kosovoalbaner – in einem individuellen Schicksal dargestellt. Deren Ermordung und die Erinnerung an diese Ermordung, die in das kulturelle Gedächtnis eingehen soll, wird individualisiert in der Tötung Fahries. Auch Luan versucht das Gedenken an Fahrie dabei aufrechtzuerhalten. Aleida Assmann schreibt dazu, dass das kulturelle Gedächtnis, in dem Ereignisse wie der systematische Mord an Teilen der Bevölkerung abgespeichert werden, anthropologisch gesehen seinen Ursprung im Totengedächtnis hätte.*Ebd., S. 33. Insofern könnte man sagen, dass in dem Schicksal Fahries sowohl das individuelle Totengedenken als auch ein erweitertes Verständnis von Gedächtnis zusammengebracht werden.*Vgl. dazu auch Finzi 2013, insbesondere ihr Kapitel 3.2.2.2 zu Die gefrorene Zeit, S. 268–281. Besonders tragisch ist hierbei, dass es gerade die Frauen sind, deren Sterben namens- und ruhmlos geschieht – insbesondere in einer traditionellen kosovarischen Gesellschaft. Deren Tod falle häufig dem kulturellen Vergessen anheim – Assmann spricht hier von einer „strukturelle[n] Amnesie“*Assmann 1999, S. 61.. Dies macht das Sterben Fahries umso tragischer, genauso wie die Unmöglichkeit Luans sie in Erinnerung zu bewahren auch als die Unfähigkeit einer Gesellschaft gelesen werden kann, dieser Toten – im Femininum – angemessen zu gedenken. Zugleich ist es die Ich-Erzählerin, die durch die schriftliche Fixierung Fahries Geschichte in ein kulturelles Gedächtnis überführt. Insofern rettet sie Fahrie gewissermaßen vor dem Vergessen, das durch den Selbstmord Luans und dem Verlust seiner individuellen Erinnerungen an Fahrie noch beschleunigt wird.
Die Suche nach dem Persönlichen in übergeordneten Speichergedächtnissen*Zur Definition dieses Terminus in Abgrenzung zu Funktionsgedächtnissen vgl. Assmann 1999, S. 134. treibt nicht nur Luan in Die gefrorene Zeit um, sondern auch Aleksandar in Wie der Soldat das Grammofon repariert: Er versucht ebenfalls die Vergangenheit zur rekonstruieren, in dem er alles an Erinnerungen und Zahlen aufsammelt, das er erhalten kann (vgl. WSG, S. 214 f.). Zudem unternimmt er gar eine Reise in seine Geburtsstadt Višegrad, um sich die Erzählungen der weiterhin dort lebenden Bekannten anzuhören. Dabei stellt er jedoch fest, dass es bei den verschiedenen Versionen der Geschichte nicht einfach ist, die Wahrheit herauszufinden:
Man müsste [...] einen ehrlichen Hobel erfinden, der von den Geschichten die Lüge abraspeln kann und von den Erinnerungen den Trug. (WSG, S. 266)
Die Akzeptanz dessen, dass Erinnerung und Narration immer etwas Fraktales und Unvollendetes hat, spiegelt sich in der Form des Romans, was Brigid Haines als typisch für die Postmoderne klassifiziert:
[T]he novel’s last words, “yes, I’m here” […] affirm his acceptance of the present moment and the realization that there is no way back.*Haines 2011, S. 110.
Die Suche nach der Wahrheit um das Geschehen ist ein weiteres Leitthema vieler Bücher, die die postjugoslawischen Kriege verarbeiten. Dies hängt häufig mit dem Beruf der Hauptfiguren der Texte zusammen: Bei Anna Kim ist es die Erzählerin, die für das Rote Kreuz Vermisstendaten im Kosovokrieg erfasst, bei Das Handwerk des Tötens, Der Berg und Sarajevo Safari sind es Journalisten bzw. Kriegsreporter, die bestimmten, mit dem Krieg zusammenhängenden Sachverhalten nachgehen, und in Serbische Bohnen ist es gar ein britischer Detektiv, der zur Aufklärung der Entführung eines serbischen Schriftstellers beitragen soll. Die „wahren“ Ereignisse sind mitunter jedoch derart schok-kierend, dass sie zumindest vor der Öffentlichkeit versteckt gehalten werden. In ihnen werden die eigentlich unbeteiligten Beobachter selbst Täter: Sie finden heraus, wie es sich anfühlt, jemanden zu töten. Diese Grenze scheint Allmayer in seiner Kriegsreportage überschritten zu haben, wie Paul und der Ich-Erzähler in Das Handwerk des Tötens zuletzt herausfinden: Allmayer hat wohl selbst bei seinen Recherchen einen Gefangenen erschossen (vgl. HT, S. 350). Eine ähnliche Szene findet sich in Otmar Jenners Sarajevo Safari. Auf Druck eines der Organisatoren der zynischen „Sarajevo Safaris“, in denen reiche Touristen aus aller Welt dafür zahlen, wie die Sniper in Sarajevo Menschen auf offener Straße zu erschießen, tötet auch der Reporter Bob einen jungen Mann (vgl. SAS, S. 377). Diese Wendungen erinnern an die anderer Romane, die Anfang der 90er erschienen und sich vor allem in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg mit dem Motiv des Erinnerns auseinandersetzten. In Marcel Beyers Flughunde ist es ähnlich wie bei Das Handwerk des Tötens eine Tonaufnahme, die die Spur daraufhin lenkt, dass der bis dahin unverdächtige Protagonist beim Töten der Kinder von Joseph Goebbels geholfen hat.*Marcel Beyer: Flughunde, Frankfurt a. M. 1996, S. 300 f. Die Wahrheit ist allerdings schwer auszumachen. Darauf weist in Das Handwerk des Tötens nicht nur die verschachtelte Erzählperspektive hin, sondern auch die Tatsache, dass es sich selbst bei der letzten Erzählinstanz, dem Ich-Erzähler, wahrscheinlich um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, der sich möglicherweise den Tod Pauls nur ausgedacht hat, um seine Narration zu vollenden.*Vgl. Zum Thema der verschachtelten Erzählperspektiven zahlreiche Aufsätze, die u. a. in Abschnitt 4.2.1, S. 162–167, genannt werden, insbesondere Lovric 2008. Die Idee des fingierten Todes von Paul stammt von Richard Kämmerling, zit. nach Lovric 2008, S. 223.
Ein letztes Motiv, das im geführten Erinnerungsdiskurs im Zusammenhang mit der Suche nach der Wahrheit wichtig ist, ist das Gleiten der Wirklichkeit in Wahnvorstellungen. Fiktive und faktische Elemente vermischen sich, bis es dem Leser zuweilen unmöglich wird, beide auseinanderzuhalten. Bei Yugoslavian Gigolo*Zoran Drvenkar: Yugoslavian Gigolo, Stuttgart 2005, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: YG. ist am Ende nicht mehr herauszufinden, was passiert ist. Es lässt sich vermuten, dass die Liebhaberin des Protagonisten tatsächlich von ihrem eifersüchtigen Ehemann erschossen wurde und er, schwer verletzt, mit ihrem Auto durch die Gegend fährt und dabei das Bewusstsein verliert, so dass sich Erlebtes und Erträumtes vermischen (vgl. YG, S. 272, 273). Eine Gewissheit gibt es aber, gerade im Vergleich zu Sarajevo Safari, nicht. Dort wird im letzten Kapitel die Textsorte gewechselt und ein Zeitungsartikel gibt Aufschluss über das Geschehen, das zuvor in der inneren Perspektive der Hauptfigur ins Irreale abgeglitten war (vgl. SAS, S. 421 f.). Hier hat die Hauptfigur, ein Reporter, im Drogenrausch zwei seiner Kollegen ermordet. In Freitag in Sarajevo*Richard Schuberth: Freitag in Sarajevo, Klagenfurt 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: FIS. mischen sich fiktive und faktische Elemente, was zugleich Strukturprinzip und Teil des Theaterstücks ist. Strukturprinzip deshalb, weil die Charaktere Vorbilder in tatsächlich existierenden Akteuren haben. So ist beispielsweise die Figur der Fiona Freitag an die Theaterregisseurin Susan Sontag angelehnt, wie der Autor in einem Vorwort unumwunden zugibt (vgl. FIS, S. 4). Originalzitate wurden fett gedruckt in den Text eingearbeitet. Auch auf der Handlungsebene kommt es mehrere Male zu einer Vermischung der verschiedenen Ebenen. Dies geschieht etwa, wenn metatextuell verhandelt wird, ob Léaud tatsächlich Léaud ist oder doch das reale Vorbild Henri-Bernard Lévy (vgl. FIS. S. 31 ff.) oder wenn Fiona Freitag den konkurrierenden Figuren Léaud und Knülch – dem Alter ego von Tilman Zülch – vorschlägt, sie sollen sich Szenen ausdenken, in dem sie dem jeweils anderen intellektuell überlegen sind (vgl. FIS, S. 64). Hier findet eine Fiktion in der Fiktion statt.
Ähnliches lässt sich über Robert Riedls Text Zum Abschied vom Vater sagen, der auf dem Titel schlicht als „Prosa“ bezeichnet wird und dessen Untertitel „Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic“ lautet. Damit unterläuft der Text bereits zu Beginn die Erwartung an die Gattung des Tagebuchs, besonders authentisch zu sein und wird damit autofiktional im Sinne der fingierten Autobiografie. Den Wahrheitstopos der Gattung des Tagebuchs führt Arno Dusini in seiner 2005 erschienenen Monografie an.*Vgl. Arno Dusini: Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung, München 2005, S. 156. Auch Gérard Genette betrachtet das Tagebuch als „intimen Epitext“*Gérard Genette: Paratexte, Frankfurt a. M. 1989, S. 369.. Demgegenüber steht die eigentliche Tradition des Tagebuchs, ursprünglich an die Öffentlichkeit gerichtet worden zu sein.*Vgl. Sybille Schönborn: Tagebuch, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 3, Berlin/New York 2003, S. 574–577. Die Verknüpfung von Öffentlichkeit und Intimität wird auch in den Gedankenfragmenten des Erzählers (vgl. ZAV, S. 90) verhandelt, wobei hier nicht weiter auf diesen Aspekt eingegangen werden soll. Wichtig ist, dass die Tagebücher an sich keineswegs Authentisches wiedergeben, sondern erfunden sind. Allein der Plural „Tagebücher“ deutet darauf hin, dass es sich hier um mehrere handelt, nämlich das des Vaters und das des Sohnes, wobei es unmöglich wird zu sagen, wer wen und was erfunden hat. Die Unsicherheit ist das einzig Sichere in den Notizen; selbst die Zeit scheint aus den Fugen geraten zu sein, wenn Tagebucheinträge vor- und rückdatiert werden. Wenn selbst die Erinnerung an die Kindheit fragmentarisch erscheint und nur noch eine „[z]erstückelte Kindheit“ (ZAV, S. 56) von einem gelebten Leben übrig bleibt, rücken die „ungelebte[n] Leben“ (ZAV, S. 147) in den Vordergrund. Und so ist das Thema des Buches nicht mehr die Suche nach einer objektiv erfahrbaren Wirklichkeit, sondern vielmehr die Frage nach dem, wie sie hätte sein können. Die Alternativen der tatsächlichen Ereignisse werden in der geschriebenen Fiktion zur Realität.
Politisches wird Privat
„Das Private ist politisch“ – so lautet die These, die nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem in der 68er Bewegung aufgegriffen wurde, um zu demonstrieren, inwieweit private Angelegenheiten zum Politikum werden können. Andererseits wurde dieser Spruch schon mehrfach umgekehrt verwendet: Dass das Politische im höchsten Maße die Privat- und oftmals auch Intimsphäre der Menschen berühren und verletzen kann, zeigt sich gerade in der Literatur, die die postjugoslawischen Kriege behandelt. Zuweilen spielt der Krieg eher im Hintergrund eine Rolle, wie es etwa in Elsas Großväter oder in Walter Gronds Old Danube House*Walter Grond: Old Danube House, Innsbruck 2000, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: ODH. der Fall ist. In diesen Büchern zeigt sich vor allem eine Tendenz der Jahrtausendwende, die politischen Ereignisse zwar in die Handlung zu integrieren, aber nicht bestimmend werden zu lassen. In Elsas Großväter spielen die Besonderheiten der Kosovokriege beispielsweise keine Rolle – vielmehr geht es um die anthropologische Grundkonstante „Krieg“ in der Menschheitsgeschichte an sich.*Vgl. auch S96 in Abschnitt 4.3.1, S. 174–182. Im satirischen Krimi Serbische Bohnen finden sich Hinweise auf die jüngste Auseinandersetzung allenfalls in den Biografien der verdächtigen Personen, es wird jedoch ein sehr pointierter Überblick über die kriegsauslösenden Ereignisse und mögliche Ursachen gegeben (vgl. SB, S. 27 f.).*Insofern verwundert es nicht, dass Irmgard Gutschke in der Tageszeitung Neues Deutschland dem Autor hervorragende historische Kenntnisse attestiert – eine Meinung, die auch in anderen Rezensionen zu finden ist. Eine Übersicht über diese wie weitere Pressestimmen zu dem Roman bietet Andreas Pittlers Homepage: http://www.andreaspittler.at/buecher.php (Stand: 08.12.2015).
In Ohnehin stehen die Themen Krieg, Migration und Asyl zwar im Zentrum der Handlung, doch Details der postjugoslawischen Kriege werden ausgespart – vielmehr geht es um die Folgen für diejenigen, die Flucht und Vertreibung erleben müssen. Die individuelle Not der Kosovarin Flora steht dabei dem politischen Desinteresse des Neurologen Stefan Sandtner gegenüber:
„Deine Verliebtheit ist dein einziges, dein eigentliches politisches Engagement“ (O, S. 83),
wirft diesem etwa sein Freund vor, da Stefan zwar in Flora verliebt ist, aber ohne sich dafür zu interessieren, dass sie unter schwierigen Umständen in Wien lebt und sie und ihr Kameramann Goran dringend seine Hilfe benötigen. Während Flora eine gültige Aufenthaltserlaubnis hat, diese aber zugunsten eines Kunstprojekts über illegale Flüchtlinge verschweigt, ist Goran Kriegsdeserteur. Stefan handelt schließlich, um den beiden einen sicheren Aufenthaltsstatus zu verschaffen, aber er tut es zu spät, und Goran wird in Abschiebehaft genommen und nach Serbien an die Front zurückgeschickt. Flora macht sich deshalb Vorwürfe, die Stefan zu beschwichtigen versucht:
„Na, Moment mal. So schlimm wird es schon nicht sein. Und wenn, dann holen wir ihn dort heraus.“ […]
„Du hast keine Ahnung. Du verstehst nicht. Nichts.“ (O, S. 232)
Sie wiederholt damit den Vorwurf, den sie der Tochter Kerbers gemacht hat, als diese Flora alias der jüdischen Kollegin des Vaters eine Abbitte abringen wollte (vgl. Abschnitt 4.3.1, S. 174–182). Man könnte Stefan als Personifikation einer westlichen Gesellschaft sehen, die zwar handelt, dies aber viel zu spät tut und letztlich das Leid der Opfer nicht nachvollziehen kann. Flora ist es, die durch ihr Videoprojekt dieser Gesellschaft den Spiegel vorhält und sich als Aufenthaltsberechtigte schließlich dem Vorwurf der „inszenierten Authentizität“*Vgl. Weixler 2012. Das Dilemma, in das Flora hier laut dessen Terminologie hineingerät, ist das der Autor-Autorität und auch Authentizität, da die Betrachtenden ihrer Kunst zunächst davon ausgehen, dass Flora selbst illegaler Flüchtling ist. Vgl. Weixler 2012, S. 15 f. ausgesetzt sieht. In Paris, ihrer nächsten Station, bewerte man das jedoch anders:
„In Frankreich finden sie meinen Film interessanter, weil ich eben nicht nur als Papierlose durch Wien geistere, nicht, weil ich zeige, wer ich bin, vielmehr, wer die anderen sind; die Feste, die Akademie, das Seminar, eben alles […]“ (O, S. 230)
Diese drei Texte sind Beispiele von Fällen, in denen der Krieg nicht konstitutiv für die Handlung ist. Das Gegenteil liegt vor, wenn die Kriegsereignisse die Handlung maßgeblich mitbestimmen und im Extremfall das Postulat, dass Politisches das Private infiltriert, umgesetzt wird. Ein Musterbeispiel für einen solchen Vorgang ist meines Erachtens Viktorija Kocmans Novelle Ein Stück gebrannter Erde.*Viktorija Kocman: Ein Stück gebrannter Erde, Wien 2003, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SGE. Die Protagonisten Marina und Armin sind dabei zunächst denkbar unpolitische Menschen. Sie stammt ursprünglich aus Serbien, er aus Albanien, beide leben zusammen in Wien, ihre Herkunft spielt für sie kaum eine Rolle. Als jedoch der Kosovokrieg ausbricht, kommt es zu einer schleichenden „Ethnisierung“ der beiden, die erst fremdbestimmt vollzogen und schließlich vor allem in Marinas Bewusstsein zur eigenen negativen Zuschreibung wird. Zunächst sind es vergleichsweise harmlose Streitgespräche mit Bekannten über die Bildungsmöglichkeiten der Kosovoalbaner, die Marina an ihre nationale Zugehörigkeit erinnern (vgl. SGE, S. 25 ff.). Brisant wird die Situation Armins und Marinas allerdings, als Armins Schwester Arieta von Serben vergewaltigt und ihr Freund ermordet wird. Die traumatisierte Arieta wird von ihren Eltern zu Armin ins sichere Wien geschickt. Ihren Hass projiziert sie dabei auf dessen Verlobte Marina, die für Arietas gewaltsame Ausbrüche ihr gegenüber jedoch Verständnis zeigt. Sie fühlt, dass sie stellvertretend für ihr „Volk“ eine Schuld gegenüber Arieta abzuleisten hat. Als Arieta ihr etwa in der Nacht die Haare abschneidet, konstatiert Marina: „Es ist eine kleine Strafe, die ich abbüßen muss für den Wahnsinn, der ihr passiert ist“ (SGE, S. 96). Marina geht in ihrer Rolle als Büßerin jedoch noch weiter: Sie verlässt Armin, um zu ihren Eltern nach Belgrad zurückzukehren, das gerade bombardiert wird. In der lebensgefährlichen Situation des Bombardements verliert sie das Kind, das sie von Armin erwartet hat. Zuletzt stellt sie fest, dass sie sich nicht gegen den Hass habe durchsetzen können (SGE, S. 118).
Die Vorgänge, die Marina durchläuft, lassen sich in den Termini der wissenschaft-lichen Identitätsforschung fassen, vor allem derjenigen, die sich mit dem Bereich der kulturellen Identität auseinandersetzt.*Im Folgenden rekurriere ich auf Theorien, die ich bereits in meiner eigenen Magisterarbeit zusammen- und vorgestellt habe. Vgl. Zeltner 2011. Marina wird durch äußere Zuweisung von ihren Freunden, Arieta und den Medien einer bestimmten ethnischen Gruppe – in ihrem Fall der der Serben – zugeordnet. Dies geschieht im Sinne von Althussers „Anrufungs-Theorie“*Vgl. dazu Louis Althussers berühmt gewordenes Beispiel eines Polizisten auf der Straße, der als Instanz Subjekte anruft und ihnen dadurch erst zu einer gesellschaftlichen Existenz verhilft. Ebd.: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words), Stuttgart 2002, S. 29., die von Judith Butler aufgegriffen wird. Bei Butler ist diese Anrufung im Grundprinzip als negativ einzustufen, da das Subjekt dabei von der gesellschaftlichen Benennung begrenzt und mit der Benennung ausgegrenzt wird.*Judith Butler: Körper von Gewicht, Frankfurt a. M. 1997, S. 35, S. 152. Dies ist bei Marina zu beobachten, die durch die Anrufung der Freunde und vor allem Arietas als „Serbin“ auf diesen Teil ihrer Persönlichkeit reduziert und komplett mit einer einzigen Gruppe identifiziert wird. Andererseits führt dieses Vorgehen bei ihr zu einer „Selbstethnisierung“*Konrad Köstlin: Kulturen im Prozeß der Migration und die Kultur der Migrationen, in: Carmine Chiellino (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch, Stuttgart 2007, S. 365–386, hier: S. 374. sowie der Annahme einer negativen Identität wie sie etwa bei türkischstämmigen Jugendgruppen in Deutschland belegt ist.*Vgl. Hermann Tertilt: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande, Frankfurt a. M. 1996, S. 234. Im Unterschied zu den untersuchten türkischstämmigen Jugendlichen, die ein Stück weit kriminell werden, weil die gesellschaftliche Zuschreibung dies von ihnen „erfordert“, hat Marina jedoch keinerlei Absicht, dem Stereotyp des „bösen, grausamen“ Serben zu entsprechen. Sie nimmt vielmehr die gesellschaftlich identifizierte Schuld der Serben auf sich, obwohl gerade sie sich nicht durch Taten schuldig gemacht hat. Die Novelle stellt damit wie schon geschrieben das pointierteste Beispiel dar, wie der Krieg selbst auf familiärer Ebene eindringt und Familien entzweit. Allerdings tritt diese Tendenz auch in anderen Romanen wie Wie der Soldat das Grammofon repariert zutage.*Vgl. hierzu Haines 2011, S. 100.
Ein weiteres Thema, das ebenfalls einen großen Raum in anderen Büchern einnimmt, ist die Verletzung von Körpern (v. a. von weiblichen) durch das Eindringen des Politischen ins Private. Die Verbindung zwischen sprachlicher und körperlicher Verletzung wird ebenfalls in Butlers Körper von Gewicht thematisiert. In Ein Stück gebrannter Erde wird diese sprachliche Verletzung – die einseitige Zuschreibung zu einer Volksgruppe – körperlich manifestiert. Der Akt der Vergewaltigung Arietas wird von dem Opfer selbst in einer abgeschwächten Form an Marina vollzogen: Arieta schneidet ihr die Haare ab. Beides sind Eingriffe in die Weiblichkeit des Körpers, beides Mittel zu einer psycholo-gischen Kriegsführung. So zumindest bewertet Marie-Jeanine Calic die Massenvergewaltigungen während der Bosnienkriege, die weniger der Befriedigung der Triebe dienen, sondern vielmehr die Aggression auf ein sexuelles Level verlagern.*Vgl. Calic 1996, S. 140. Auch Rosi Krenn schlüsselt in ihrer Monografie zu Frauen im Krieg die zahlreichen Zwecke und Ziele einer solchen Vergewaltigung detailliert auf.*Vgl. Rosi Krenn: Frauen und Militarismus. Zum Zusammenhang patriarchaler und militaristischer Gesellschaftsstrukturen anhand der Medienberichterstattung des Nato-Angriffkrieges in Südosteuropa, Herbolzheim 2003, S. 47, im Folgenden abgekürzt: Krenn 2003.
Das Verhältnis zwischen Sexualität und Macht wird tatsächlich in vielen Büchern zu den postjugoslawischen Kriegen thematisiert. Die Winter im Süden von Norbert Gstrein ist hierfür ein Beispiel.*Auch bei Das Handwerk des Tötens fällt bereits auf, dass die Frauenrolle der Helena eine untergeordnete ist, die den Männern dient (hier als Dolmetscherin), zugleich aber von ihnen diffamiert und ausgenutzt wird. Durch den Subtext der Kriegsreporterin Alice Schalek allerdings und die Kontrastierung mit dieser Figur und Allmayer wird hintergründig ein Diskurs ausgetragen, der auf die Frage des Verhältnisses von Weiblichkeit und Gewalt zielt. Vgl. hierzu Scheichl 2007 sowie Abschnitt 4.4.1, S. 206–211, und 4.2.1, S. 162–167, dieser Arbeit. Eine ausführlichere Analyse dieser großen Thematik des Romans soll an dieser Stelle nicht erfolgen, zumal auf die Darstellung in Daniela Finzis Dissertation verwiesen werden kann, oder auch auf Interviewaussagen Gstreins über die Figur der Marija.*Vgl. Finzi 2013, S. 231 sowie Nickel 2008. Es soll aber zumindest kurz auf die Bedeutung der Psychoanalyse – und damit einhergehend des Unterbewusstseins – hingewiesen werden, die bezeichnenderweise sowohl in Ein Stück gebrannter Erde als auch in Die Winter im Süden auftaucht. In Ein Stück gebrannter Erde macht Marina eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin, in Die Winter im Süden arbeitet Marija in Kroatien bei einem Psychiater, hat aber bereits vorher in Wien einen Psychoanalytiker besucht. Dieser ist davon überzeugt, dass die Aggressionen, die Marija ihrem Mann gegenüber empfindet, daher rühren, dass Marija dadurch ihren Vater verteidigt (vgl. WIS, S. 280).*Einen Analyseansatz bietet Sven Kramer in seinem 2011 erschienenem Aufsatz zur Verknüpfung von Psychoanalyse und dem sexualisierten Machtverhältnis in Die Winter im Süden. Er nennt dies die „Dimension des Nachkriegs im persönlich intimen Bereich“, das durch Marijas Verhältnis zu Angelo, der sie an ihren Vater erinnert, verkörpert wird. Krämer 2011, S. 154. Erstens wird bei diesem Motiv die typisch wienerische Tradition der Psychoanalyse, begründet durch Sigmund Freud, aufgegriffen. Die Psychoanalyse steht dabei für ein typisch „westliches“ Phänomen, oder wie Marina es ausdrückt:
Menschen im Westen, die etwas auf sich halten, lassen ihre kleinen Neurosen von Psychotherapeuten behandeln. So bin ich sicher, einen ertragreichen Beruf gewählt zu haben, kleine Kränkungen wird es auch in einer idealen Gesellschaft geben, die menschliche Leidensbereitschaft ist grenzenlos und durchaus erfindungsreich. (SGE, S. 112)
So verwundert es auch nicht, dass Marijas Psychiater im kriegsgeschüttelten Kroatien kaum etwas zu tun hat (vgl. WIS, S. 169). Zweitens rekurriert das Motiv des Psychoanalytikers auf den Einfluss des Unterbewussten auf die Geschehnisse in beiden Büchern. Bei Marija ist es das Bedürfnis danach, sich immer Männer zu suchen, die sie unterdrükken und zum Objekt machen, und das man küchenpsychologisch auf das Fehlen eines Vaters in der Kindheit zurückführen könnte,*Jay Julian Rosellini drückt diesen Umstand so aus, dass Gstrein Marijas „Identitätssuche vor allem im Bett stattfinden“ lasse. Vgl. ders. 2009. bei Marina dagegen ist der Fall schwieriger. Sie selbst ist der Überzeugung, keinerlei Psychoanalyse zu benötigen und sie nur im Rahmen ihrer Ausbildung in Anspruch zu nehmen (vgl. SGE, S. 12). Tatsächlich verdrängt Marina die Probleme, die sie mit Armin hat und deren Ausweg bereits zu Beginn durch Marinas Psychoanalytiker benannt wird: Eine Trennung könnte die Beziehung zwischen den zwei unterschiedlich denkenden und fühlenden Charakteren beenden (vgl. SGE, S. 13). Diese Möglichkeit möchte sich Marina jedoch nicht eingestehen; fast wirkt es, als ob ihr der Krieg, wenn auch auf drastische Art und Weise, zu Hilfe kommt, um die längst überfällig gewordene Entscheidung zu treffen. Drittens geht es, zumindest in Ein Stück gebrannter Erde, um das „Unausgesprochene“ und somit auch das „Unerhörte“. Das „Unerhörte“ ist zum einen Arietas Vergewaltigung, zum anderen aber auch die Geheimnisse, die die Protagonisten ständig für sich behalten und in der Folge konsequent aneinander vorbeireden. Dies, die psychologische Komponente der Geschichte, die Dreiecksgeschichte zwischen Marina, Arieta und Armin und die sexuelle Verletzung sind typische Themen, die Ein Stück gebrannter Erde in die Tradition der Novelle stellen.*Vgl. Hannelore Schlaffer: Poetik der Novelle, Stuttgart u. a. 1993, S. 78, S. 136, S. 170, S. 225. Als Gattungsbezeichnung wird auf dem Umschlag von Ein Stück gebrannter Erde im Übrigen ebenfalls die Bezeichnung „Novelle“ gewählt. Andere Beispiele für das Thema Sexualität und Macht und die Verletzung des weiblichen Körpers bieten vor allem Sarajevo Safari, Tod eines Engels und Yugoslavian Gigolo. Letzterer Roman ist ein Beispiel für die Unmöglichkeit den Krieg aus dem Alltag auszublenden. Branko, der junge Deserteur, möchte eigentlich nichts mehr als ein normales Leben führen. Stattdessen verstrickt er sich beim Versuch den Krieg zu verdrängen, immer mehr in Lügen, die schließlich in Gewalt und Tod enden. Auch wenn die hier dargestellte Gewalt nicht im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen steht, so ist es eine Verlagerung des Krieges ins private Milieu, oder, wie der Autor Zoran Drvenkar in einem Nachwort schreibt: „[E]s ist die Geschichte eines Mannes, der seinen eigenen inneren Krieg lebt.“ (YG, S. 277). Eine ähnliche Überschrift könnte man dem Roman Schussangst*Dirk Kurbjuweit: Schussangst, Frankfurt a. M. 2001, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: S. von Dirk Kurbjuweit geben, bei dem der Krieg ebenfalls eher die „dunkle Hintergrundmusik“ (YG, S. 277) ist, um den Abfall eines jungen Mannes in die Kriminalität zu schildern.*Dass die postjugoslawischen Kriege nur der Erzählanlass für eine andere Geschichte sind, zeigt sich deutlich in der Filmfassung, die im Jahr 2002 spielt und in der es nicht mehr Karadžić ist, der ermordet werden soll, sondern Isabellas Stiefvater, der sie angeblich sexuell missbraucht. Vgl. Schussangst 2003, TC: 01:29:00–01:30:00. Leider können in dieser Arbeit die Differenzen zwischen Film und Buch nicht eingehender behandelt werden, dies wäre allerdings ein interessantes Forschungsthema für weitere Arbeiten. Eine Art „Breaking Bad“*So der Titel einer populären Serie aus den USA. findet hierbei bei den Protagonisten dieser düsteren Coming-of-age-Romane statt – dies ist bei vielen anderen Figuren anderer Bücher nicht mehr nötig. Es ist vergleichsweise auffällig, dass in Thrillern wie Tod eines Engels oder Sarajevo Safari bereits vom Krieg gebrochene Männer im Zentrum stehen, die teilweise nur durch die Einnahme von Drogen in der Lage sind das Grauen um sich herum zu ertragen, gleichzeitig damit aber unfähig werden, selbst das Richtige zu tun. Eine junge Frau dagegen, nämlich das Alter Ego der Autorin selbst, ist die Erzählerin von Die Stille ist ein Geräusch. Sie protokolliert das Bemühen der Rückkehrer nach dem Krieg, wieder einen gewissen Alltag in dem vom Krieg gezeichneten Land zu etablieren. Dies bedeutet allerdings auch, dass Insignien des Krieges überall zu sehen sind:
Wie anderswo Fahrräder, Kinderschaukeln oder Regentonnen stehen hier ein paar Grabsteine in jedem zweiten Garten. (SG, S. 139)
So muss sie am Ende ihrer Reise feststellen:
Alles wird nicht gut, aber normal. Kaputte Häuser, Kaffee in Kupferkännchen. Schreck, Faszination und Begeisterung sind Anfangspunkte einer Geraden, die Gewöhnung heißt. (SG, S. 229)
Oder, um es mit anderen Worten zu formulieren: Das Politische wird nicht nur privat, es bleibt es am Ende des Krieges auch.
Die Kriegsreportage: Krise der Augenzeugenschaft und Voyeurismus
Der Kriegsreporter – und seltener auch die Kriegsreporterin – ist ein fester Bestandteil der Literatur, die sich mit den postjugoslawischen Kriegen auseinandersetzt. Dies ist sicherlich maßgeblich auf Peter Handkes frühe Serbienbücher zurückzuführen, in denen die Kritik an der Kriegsberichterstattung zentral ist. Peter Handke wiederum war wohl von dem bereits 1979 erschienenen Roman Die Fälschung von Nicolas Born über die Libanonkriege beeinflusst. Dieser Rückschluss lässt sich jedenfalls bei der Betrachtung seines Reisejournals Gestern unterwegs ziehen, in dem er den Autor als eine seiner „Instanzen“ (GU, S. 76) bezeichnet. In Borns Roman steht ein Kriegsreporter im Mittelpunkt, der allerdings einen kritischen Blickwinkel auf seine Arbeit und die seines Berufsstands hat. Dabei werden wichtige Themen behandelt, die nicht nur bei Peter Handke, sondern auch bei anderen Autorinnen und Autoren später aufgegriffen werden. Etwa das Unwirklichkeitsproblem, das zum einen daher rührt, dass die Wirklichkeit nicht in Worte zu fassen sei (vgl. F, S. 128), zum anderen daher, dass es fast scheine, als würde sie erst durch das Aufschreiben entstehen, es sich dabei aber um eine andere Wirklichkeit handle (vgl. F, S. 53). Dies erinnert an Juli Zeh, wenn sie in Die Stille ist ein Geräusch sowohl an der Wirklichkeit Mostars als auch an der Sarajevos zweifelt (vgl. SG, S. 53, 61). Insofern verwundert es nicht, dass „die echte“ Stadt Sarajevo der Erzählerin am ehesten im Traum erscheint (vgl. SG, S. 96)*Auch bei Peter Handke findet die Wirklichkeit in seinen Werken oftmals im Traum statt. Vgl. Abschnitt 3.3.4, S. 112–115, dieser Arbeit., ehe sie lakonisch feststellen muss:
So etwas wie Bosnien gibt es nirgendwo sonst, aber auch Frankreich gibt es nicht. Nicht einmal in Frankreich. (SG, S. 125)
Aber um zurück auf Die Fälschung zu kommen und damit auf einen weiteren Aspekt der Kriegsberichterstattung: Hier stellt der Reporter Laschen konsterniert fest, dass man Nachrichten, da sie ohnehin unwirklich klängen, sobald man sie aufschrieb, notfalls auch erfinden könne (vgl. F, S. 14, 144). Gleichzeitig weiß er, dass die Erfindung oder – wie der Titel schon besagt – die „Fälschung“ ethisch verwerflich wäre, falsch also in doppelter Hinsicht. Seine Verpflichtung als Reporter liegt dagegen in der Augenzeugenschaft. Diese Augenzeugenschaft ist in der Krise, wie sich schon Ende der 70er Jahre erahnen lässt. Bilder können gefälscht, Berichte publikumswirksam aufgebauscht werden, oder, wie es eine Reporterin in Otmar Jenners Sarajevo Safari ausdrückt:
Einige Leute haben ein Interesse daran, den Krieg schlimmer aussehen zu lassen, als er in Wirklichkeit ist. (SAS, S. 55)
Das Problem der Augenzeugenschaft und der Kriegsberichterstattung splittet sich dabei im Wesentlichen in drei Komplexe: Die Frage danach, wem eine Geschichte gehöre, das Problem des unbeteiligten Zuschauens und der Voyeurismus, der in den Kriegsnarrativen absichtlich oder unabsichtlich befriedigt wird.
Für das erste Problem sind Norbert Gstreins Bücher paradigmatisch, allen voran der kurze Text, der eben diese Frage stellt: „Wem gehört eine Geschichte?“ Im Grunde wird diese Frage implizit in Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens behandelt, indem als Form die Zergliederung in verschiedene Erzählinstanzen gewählt wird: Da gibt es den getöteten Kriegsreporter Allmayer, über dessen Leben der Reisejournalist Paul einen Roman schreiben möchte. Mit seinem Tod allerdings ist es der Ich-Erzähler, der diese Arbeit vollendet. Die Verschränkung verschiedener Perspektiven, die im Grunde dazu dient, zu zeigen, wie subjektiv jede Wahrheit ist, sorgte jedoch für viel Wirbel: dies lag maßgeblich an der Widmung des Romans an den wie die fiktive Figur Allmayer verstorbenen Journalisten Gabriel Grüner, der bereits im Literaturstreit um Handke eine Rolle spielte. Die Lebensgefährtin Grüners bezichtigte Gstrein private Informationen von ihr genutzt und unzulässige Spekulationen über seinen Tod angestellt zu haben, da sie die Figur Allmayers als Alter Ego von Grüner identifizierte. Insofern war der kurze Aufsatz Wem gehört eine Geschichte? als eine Rechtfertigung Gstreins gedacht. Dabei stellt er klar, dass Grüner nicht die Vorlage für Allmayer war und er sich keinerlei privater Informationen bedient hätte (vgl. WGG, S. 20, 45), allerdings geht es ihm mehr darum, seine Poetik zu erklären. Es gäbe kein „Erzählen ohne notwendige Unschärfe“*Kramer bringt diese „Unschärfe“ in seinem Aufsatz mit dem Ausdruck des „Mitgesprochenen“ in Verbindung. Damit assoziiert er alle Geschichten, die mit der individuellen Geschichte „mitlaufen“, also politische, familiäre etc. Dadurch käme es auch in Die Winter im Süden immer wieder dazu, dass die interne Fokalisierung zu einer Nullfokalisierung werde, um dieser „Randunschärfe“ der individuellen Geschichte gerecht zu werden. Siehe Kramer 2011, S. 156 f. (WGG, S. 70), auch wenn die Möglichkeiten der Literatur sich oft ungenügend vor Zeitzeugen anfühlen würde (WGG, S. 102).*Ein ähnliches Problem stellt sich Aleksandar in Wie der Soldat das Grammofon repariert; auch ihm wird bewusst, dass er die Geschichte über die Kriegsereignisse als Fremder erzählt und nicht als einer derjenigen, die den Krieg hautnah miterlebt haben, da er selbst bei den Geschehnissen zu jung war und zu früh aus Bosnien geflohen ist (vgl. WSG, S. 277). Das Wichtige jedoch sei, dass die Geschichte überhaupt erzählt würde, denn die Opfer könnten oftmals nicht mehr berichten (WGG, S. 53). Insofern kommt er zum Schluss, dass eine Geschichte überhaupt niemandem spezifisch gehöre. Völlig ausdiskutiert scheint dieses Thema in Gstreins Werk jedoch nicht zu sein, wie sich in Die Winter im Süden zeigt. Marijas Suche nach dem Vater in Kroatien, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Partisanen gekämpft hatte, endet damit, dass sie unverrichteter Dinge wieder zurückkehrt zu ihrem Mann, einem Journalisten. Dieser hat in ihrer Abwesenheit tatsächlich über das Wiedererstarken des Faschismus in Kroatien geschrieben (vgl. WIS, S. 276). Eigentlich wäre dies Marijas Thema, schließlich ist ihr Vater ebenfalls nach Kroatien gereist, um die nationalistische Bewegung zu unterstützen. Da jedoch ihr Mann der Journalist ist, überlässt sie ihm – wenn auch mit Missfallen – dieses Feld und damit die Deutungshoheit über die Geschehnisse in Kroatien. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Marija als Frau den sie umgebenden Männern unterordnet. Gleichzeitig aber steht sie im Mittelpunkt des Romans, er wird zum Teil aus ihrem Blickwinkel erzählt. So könnte man argumentieren, dass der Erzähler ihr damit implizit zu ihrem Recht verhilft, die Geschichte so zu erzählen, wie sie sie selbst erlebt hat.
Das Problem des unbeteiligten Zusehens ist eine Frage, die in hohem Maße in Dirk Kurbjuweits Roman Schussangst behandelt wird, obwohl die postjugoslawischen Kriege, wie schon erwähnt, eher den Hintergrund für die Romanhandlung bilden. Umso bemerkenswerter ist es, dass Kurbjuweit anhand der Geschichte des Zivildienstleistenden Eiserbeck Fragen behandelt, die in ähnlicher Weise in vielen anderen Romanen zu diesem Thema gestellt werden: Was ist das Problem des unbeteiligten Beobachtens und wie fühlt es sich an, einen anderen Menschen zu töten?
„‚Warum tut denn keiner was?‘“ (S, S. 97), fragt Isabella, Eiserbecks Freundin, als diese die Berichte im Fernsehen über den Bosnienkrieg sieht. Auch Eiserbeck kann sich dies nicht erklären; vor allem die fehlende Handlungsbereitschaft der Journalisten stört ihn, „obwohl sie dazu am besten Gelegenheit hätten“ (S, S. 247).*Man denke dabei auch an Daniela Finzis Beobachtung bezüglich des Romans Das Handwerk des Tötens von Norbert Gstrein, dass letztlich das Schreiben eine Komplizenschaft für das Töten darstellen könne. Vgl. Finzi 2013, S. 220 sowie Kapitel 4.2.1, S. 162–167. So beschließt Eiserbeck, der mit Sarajevo wenig mehr verbindet als die Olympischen Winterspiele 1984 und die Bilder, die er aus den Medien zum Krieg geliefert bekommt, „den Arzt“, gemeint ist Karadžić, zu töten.*Der damalige Präsident der Republika Srpska dient damit als strange attractor, wie ihn Holert und Terkessidis beschreiben. Vgl. dies. 2002, S. 196 f. und Abschnitt 2.2.5, S. 45–51. Dies erscheint zunächst als eine Möglichkeit für ihn, Isabella wiederzugewinnen, aber verselbstständigt sich spätestens beim illegalen Erwerb eines Gewehrs. Eiserbeck, der aus Gewissensgründen verweigert hat, geht in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen der Frage nach, wie es ist, jemanden zu töten. So beschreibt ihm ein Söldner, der auch in den postjugoslawischen Kriegen gekämpft hat, Töten als eine „endgültige Arbeit“ (S, S. 223), die im Vergleich zu anderen Jobs beständige Auswirkungen habe. Und auch die Zusammentreffen mit einem Polizeikommissar, der ahnt, dass Eiserbeck etwas plant und deshalb mit ihm eine Diskussion über Camus Die Gerechten beginnt (vgl. S, S. 272 ff.), ändern nichts an dem Vorhaben des jungen Mannes. Das Gewehr und die Macht, die er dadurch erhält, bestimmen nun mehr und mehr sein Denken:
Er hatte unterschätzt, was es heißt, ein Gewehr zu haben. Du denkst, es gehorcht dir, und am Ende ist es umgekehrt. (S, S. 156)
Zuletzt fällt dem Gewehr nicht der eigentlich Ungerechte, der „Arzt“ zum Opfer, sondern eine Vertreterin des Pazifismus, die Eiserbeck aufgrund ihrer Untätigkeit gegenüber der Geschehnisse verachtet. Die Medien sind dabei sofort zur Stelle, damit Eiser-beck noch einen letzten Gruß an Isabella schicken kann (vgl. S, S. 319). Dies sowie der alltägliche Medienkonsum, der Eiserbecks Wahrnehmung der Geschehnisse merklich verzerrt, zeigt die implizite Medienkritik des Romans. Der Protagonist handelt medial geprägt: Als ein Waffenstillstand in Aussicht ist, ist er fast wütend – denn er möchte der Held sein, der den Bösen zur Strecke bringt (vgl. S, S. 187 ff.). In die davon abweichende Handlung des Films wird dies damit übersetzt, dass der Stiefvater einem Herzinfarkt erliegt, obwohl Eiserbeck plante ihn umzubringen.*Schussangst 2003, TC: 01:24:00–01:25:00. Eine Analogie findet sich dabei zu Juli Zehs Die Stille ist ein Geräusch, als ein Freund ihr prophezeit, dass sie aufhören würde, sich als Heldin ihrer Erzählungen zu gerieren. Erst als sie dies tut, kann sie wirklich in Bosnien ankommen (vgl. SG, S. 72).
Dass, was sich Eiserbeck letztlich wünscht, nämlich die Überschreitung der journalistischen Augenzeugenschaft zum Handeln hin, wird in mehreren Romanen umgesetzt, wie bereits in dem Kapitel zur gefrorenen Zeit aufgezeigt wurde. Die Kritik an der Kriegsreportage gehört nahezu zum guten Ton vieler Romane und eine Fülle von Seitenhieben gegen die Vorgehensweisen dieser „Balkanhelden“ (SG, S. 143), wie die Erzählerin bei Juli Zeh sie nennt, finden sich selbst in Büchern, in denen man solche Bemerkungen nicht vermuten würde:
Und dann liefen auch noch ein paar Journalisten in Safarihosen und wasserdichten Outdoor-Anoraks herum. Darunter trugen sie wahrscheinlich T-Shirts mit dem Aufdruck „I survived the Balkan War“. Oder „Reporter im Kriegseinsatz“. Oder so ähnlich. (TE, S. 226)
Dieses Zitat aus Tod eines Engels der beiden Bild-Journalisten Udo Röbel und Christoph Scheuring verwundert insofern, da es sich hier um ein Buch handelt, das selbst einen gewissen Voyeurismus befriedigt, wenn es Kriegsereignisse detailliert und mitunter äußerst blutrünstig schildert. Die fehlende Reflektion von Kriegsreporterinnen und Kriegsreportern, die solche Ereignisse ohne Empathie, die notwendige Differenzierung und das nötige Hintergrundwissen wiedergeben, gehört jedoch zum Hauptkritikpunkt in vielen Büchern – in genau diese Klasse der Schilderung lassen sich allerdings diejenigen in Tod eines Engels ordnen.
In den meisten anderen deutschsprachigen Texten wird dagegen der Kriegsvoyeurismus eher explizit thematisiert als implizit reproduziert. Dass das Bedürfnis nach einer „zu großen“ Augenzeugenschaft ein Problem der Medienberichterstattung darstellt,*Vgl. Holert/Terkessidis 2002, S. 184 sowie Abschnitt 2.2.5, S. 45–51. ist ein Bewusstsein, das sich in vielen Büchern abseits von Peter Handkes Texten findet. Dieser forderte ja selbst noch eine Art „Augenzeugenschaft“ von den Schreibenden ein, die er eben nicht im Journalismus realisiert fand. Der Vorwurf des Kriegsvoyeurismus und – in der Folge davon – des Kriegstourismus trifft jedoch nicht die Reporterinnen und Reporter allein:
Du bist also einer dieser gelangweilten Hirnwichser, die für den letzten Weltkrieg zu jung sind und für den nächsten zu alt sein werden und noch schnell mal Waisenhäuser evakuieren und bösen Menschen das Weiße aus den Augen schießen wollen, bevor ihr Sturmgewehr erschlafft. (FIS, S. 30),
beschreibt ein junger bosnischer Soldat den Philosophen Léaud (das Alter ego von Henri-Bernard Lévy) in Richard Schuberths Satire Freitag in Sarajevo. Sein Gebaren erinnert in gewisser Weise an das des Lufthansa-Soldaten in Die Fälschung, der aus Nostalgie zu seiner eigenen Dienstzeit während des Zweiten Weltkriegs Urlaub in Krisengebieten macht (vgl. F, S. 69). Diese Kriegsbegeisterung wird aber auch zum Teil bei der örtlichen Bevölkerung beschrieben als eine Folge des wiedererstarkten Nationalismus. Dies wird besonders in Yugoslavian Gigolo deutlich. Immer wieder muss sich der Protagonist mit den Vorwürfen seiner Familie auseinandersetzen, weil er desertiert ist. „Sie schlachten deine Brüder ab, sie vergewaltigen deine Schwestern, und alles, was du zu sagen hast, ist Unsinn?“ (YG, S. 22), wirft ihm etwa sein Cousin vor. Selbst seine eigene Mutter verrät ihn ans Militär, weil sie die Schande nicht ertragen kann, dass ihr Sohn nicht kämpft (vgl. YG, S. 198 ff.).
Eine Frage, die sich angesichts des Krieges stellt und die auch beim Thema des Voyeurismus mitschwingt, ist, wie sich adäquat vom Krieg erzählen lässt. Dass hier journalistische und literarische Texte teilweise unterschiedliche Positionen einnehmen, ist bereits am Beispiel Handkes deutlich geworden. Die Diskussion wird immer wieder in der deutschsprachigen Literatur aufgegriffen. Der Berg von Gerhard Roth ist bei dieser Frage das deutlichste Beispiel einer Auseinandersetzung. Ein Journalist sucht nach dem verschwundenen Schriftsteller Goran R., der angeblich Zeuge des Massakers von Srbrenica geworden ist. Dessen Werk war bis dato eine reine Auseinandersetzung mit dem „Metaphysischen und dem Poetischen“ (B, S. 124). Während seiner Recherche stößt der Journalist auf zahlreiche Widerstände und Menschen, die ihm raten, die Suche aufzugeben, da Goran R. nicht reden würde. So beschreibt ein Mönch den Krieg als zu widersprüchlich und komplex, als dass man mit Gewissheit eine Aussage über ihn treffen könne. Im Gegensatz zum Reporter sei sich der Schriftsteller darüber im Klaren, „darum schweigt er“ (B, S. 226). Was ist also die Aufgabe von Literaturschaffenden, wenn sie in Kriegsgebiete fahren?
Eine Antwort, die in den Texten gegeben wird, ist, dass Literatur möglicherweise neue Blickwinkel eröffnet. Auch in diesem Punkt hat Peter Handke mit seiner Alltagspoetik und der Wahrnehmung des Kleinen einen wichtigen Grundstein des Schreibens angesprochen, den etwa Juli Zeh aufnimmt:
Das erste Detail, an dem ich mich festhalten kann, ist der Anblick eines Mädchens, das sich im Gehen Kartoffelchips auf die weit herausgestreckte Zunge legt und in den Mund flitzen lässt. Eine Amphibie auf zwei Beinen. An sie werde ich mich erinnern, deutlicher als an die Verwüstung, an fußlose Frauen und armlose Männer, Sternenhimmel aus Einschusslöchern, an die fußballtorgroßen Granatenlöcher und weggesprengten Dächer. (SG, S. 44)
In dieser Äußerung steckt eine implizite Kritik an den Menschen, die genau dies aufzeichnen statt den Alltag zu beschreiben. Erzählen ist immer eine Frage des Blickwinkels. Gleichzeitig ruht dem Satz ein merkwürdiges Paradoxon inne: denn die Erzählerin erwähnt ja in durchaus eindrücklichen Bildern die Zerstörung, sie erinnert sie ohne sie erinnern zu wollen. Das Nichterinnern der Zerstörung wird gewissermaßen inszeniert und zugleich als Inszenierung enttarnt. Ein ähnliches Verfahren wählt Peter Handke in Sommerlicher Nachtrag bei einem Besuch in Srbrenica.*Vgl. SN, S. 77 f. sowie Abschnitt 3.3.9, S. 129–137.
Auch wird nach den geeigneten Wörtern und Bildern, um das Erlebte zu beschreiben, gesucht, selbst wenn dies in Die Stille ist ein Geräusch in einer eher naiven Art und Weise geschieht, in dem sich Fragen notiert werden, die die Reise begleiten sollen:
Wo wachsen die Melonen.
Wie grün ist der Neretva-Fluss.
Warum war hier Krieg.
Wer hasst wen und wie sehr. (SG, S. 67)
Das Fragen, das auch für Handke einen wichtigen Bestandteil zur Erkenntnis darstellte (vgl. Abschnitt 3.3.5, S. 115–118), dient der Erzählerin hier zur Konstruktion einer narrativen Logik. Gleichzeitig hält diese Logik aufgrund der „tatsächlichen“*Ähnlich wie bei Handke kann davon ausgegangen werden, dass Erzählerin und Autorin zusammenfallen und Juli Zeh die Reise in Wirklichkeit gemacht hat – dies zumindest suggeriert der Klappentext wie auch einige andere Anspielungen an die Biografie der Autorin im Text. Erlebnisse nicht lang vor – am Ende muss sich die Erzählerin eingestehen, dass sie kaum eine der Fragen beantworten konnte, außerdem: „Wasser [...] hat doch gar keine Farbe“ (SG, S. 263).*Interessanterweise spielt die Farbe eines Flusses – in diesem Falle das der Drina – und das Unvermögen, dieses zu beschreiben auch bei Saša Stanišić eine Rolle (vgl. WSG, S. 21). Dies könnte man in zweierlei Hinsicht als einen intertextuellen Verweis verstehen: Zum einen auf die zuvor publizierte Juli Zeh, die wie Stanišić am Literaturinstitut Leipzig studiert hat, zum anderen aber auch auf Ivo Andrićs Nationalepos Die Brücke über die Drina, bei dem es gleich zu Beginn heißt, dass das Wasser „grün[…]“ und „brausend[…] sei. Vgl. ders.: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik, Deutsch von Ernst E. Jonas, München 1987, S. 7.
Die hier vorgestellten Texte neigen – wie man an solchen Beispielen sehen kann – dazu, die Wirklichkeit als eine fragmentierte zu beschreiben, die in Bildern nur unzureichend wiedergegeben werden kann. Die Bilder zerfallen, die Narrative greifen nicht mehr. Die konsequenteste Weiterentwicklung dieser Feststellung betreibt wohl Peter Waterhouse in dem Gedichtband E71*Ebd., Salzburg und Wien 1996. Der kurze Gedichtband verfügt über keine Seitenzählung, daher sind diese im Folgenden auch nicht in Klammern wiedergegeben., das neben Handkes Serbientexten und Ingrid Bachérs Sarajewo 96 eine der frühesten literarischen Verarbeitungen der Kriege darstellt. Hier werden nur noch einzelne Impressionen des Krieges wiedergegeben, die ebenso fragmentarisch und zerstört wirken wie die Gebäude und Städte, die in ihnen geschildert werden: „Die Dörfer sind nicht mehr“ (E71).
Die große Leere zwischen den wenigen Sätzen, die tatsächlich mehr an Aufzeichnungen als an Gedichte erinnern, lassen Raum, um die Worte mit unaussprechbarem Entsetzen zu füllen. Die Listenhaftigkeit anstelle von Narrativen erinnert zum einen an Wie der Soldat das Grammofon repariert, in dem die Aufzählungen dazu dienen die eigentlich nicht vorhandene Erinnerung zu rekonstruieren – wie schon in dem Abschnitt zur gefrorenen Zeit erwähnt wurde. Zum anderen schaffen die Listen eine Verbindung zur Literatur der Stunde Null, in dem dies bereits ein beliebtes Stilmittel war.*Zu denken wäre hierbei vor allem an Günter Eichs Gedicht Inventur. Erschienen in: ders.: Abgelegene Gehöfte, Frankfurt a. M. 1948, S. 42 f. Diese Sorgfalt, Gesehenes und Erlebtes in Bilder und Wörter zu übertragen, scheint bei einigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern spezifisch zu sein und erinnert an die Wort- und Bildkritik, die auch Handkes Werk schon in frühen Jahren prägte (vgl. oben, S. 115–118).
Flucht, Reise und die Suche nach Identität
Auf den ersten Blick wirkt die Zusammenstellung der Themen Flucht und Reise einerseits und der Suche nach Identität andererseits etwas arbiträr, doch zeigt sich an den untersuchten Büchern, dass diese Themen zusammengedacht werden müssen. Zwar ist die Schilderung von Fluchterfahrungen in deutschsprachiger Literatur weitaus weniger vertreten als in schwedischsprachiger, doch wird es gerade bei Autoren mit biogra-fischem Hintergrund in den vom Krieg betroffenen Ländern aufgegriffen: Saša Stanišić und Zoran Drvenkar sind dafür zwei Beispiele. In Wie der Soldat das Grammofon repariert findet sich eine eindrückliche Schilderung der Flucht (vgl. WSG, S. 126 ff.), der ersten Flüchtlingsunterkunft in Deutschland (vgl. WSG, S. 135) und des langsamen Heimischwerdens dort (vgl. WSG, S. 143). Auch in Yugoslavian Gigolo kommt der Protagonist Branko erstaunlich schnell in Deutschland zurecht ohne, dass er seine alte Heimat allzu sehr zu vermissen scheint (vgl. YG, S. 217, 220 f.).*Zoran Drvenkar hat seine autobiografischen Kindheitserinnerungen an die Migration nach Deutschland bereits in seinem 2000 erschienenen Buch Im Regen stehen verarbeitet. Da der Autor allerdings in den 70ern im Zuge der Arbeitsmigration mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen ist, hat das Buch keinen weiteren Eingang in diese Arbeit gefunden. In seinen durchaus gewaltsamen Schilderungen, u. a. der ersten sexuellen Erfahrungen, behandelt es jedoch an Thematiken, die auch in Yugoslavian Gigolo behandelt werden. Vgl. ders., Im Regen stehen, Reinbek bei Hamburg 2000. Bei beiden Büchern wirkt es so, als ob es kaum Probleme bei der Eingewöhnung in das neue Land gäbe, zumindest stehen sie nicht im Vordergrund. Stattdessen wird das Bild von voll integrierten Menschen mit Migrationshintergrund gezeichnet – eine Darstellung, die auch bei Viktorija Kocmans Ein Stück gebrannter Erde überwiegt. Zuweilen wird die „gelungene Integration“ jedoch sehr kritisch beurteilt: „Wenn jemand sagt, ich sei ein gelungenes Beispiel für Integration, könnte ich ausflippen“ (WSG, S. 154).
In der Schilderung eines weitgehend unproblematischen Eingliederns in die neue Gesellschaft unterscheidet sich die schwedischsprachige Literatur massiv, wie noch gezeigt wird (vgl. S. 223–256 dieser Arbeit). Gleichzeitig gelingt diese Integration möglicherweise deshalb so reibungslos, da es gerade für Bürger eines nicht mehr existenten Staates keine Alternative gibt: „[I]ch komme aus einem Land, das nicht mehr existiert und nie mehr so sein wird wie früher“ (YG, S. 227).
Und auch Aleks in Wie der Soldat das Grammofon repariert stellt fest, dass es absurd ist, seine Eltern in ein Land zurückzuschicken, in dem die Bewohnerinnen und Bewohner mittlerweile komplett ausgetauscht sind (vgl. WSG, S. 151). Zu der Erkenntnis, dass die Einwohnerzusammensetzung der Städte nach den Kriegen eine völlig andere ist, gelangt auch die Erzählerin in Die Stille ist ein Geräusch beim Besuch einer bosnischen Stadt:
Sie müssen die Stadt hassen, weil es nicht ihre ist, weil die einstigen Bewohner wer-weiß-wo sind, während sie selbst von wer-weiß-wo kommen. Nach dem Bäumchen-wechsel-dich ethnischer Säuberungen sitzen die Menschen am falschen Ort und scheißen wie gestörte Mäuse ins eigene Nest. (SG, S. 180)
Insofern verwundert, dass zumindest die Protagonisten in Saša Stanišićs Büchern einen äußerst pragmatischen Umgang mit der neuen Heimat pflegen. Dies ist auch an seinem 2014 erschienenen Roman Vor dem Fest erkennbar. Heimat, allerdings die uckermarksche, ist das zentrale Thema des Romans. Über die Leute des Dorfes, u. a. eine Jugoslawiendeutsche, ein Bosnier, ein Serbe und einige Rumänen, wird eine Verbindung zum Gebiet rund um das Balkangebirge geschaffen. Diese sind im Laufe der Jahre heimisch in dem kleinen Dorf geworden, nach dem Motto: „Omne solum forti patria est. Dem Starken ist jeder Ort Heimat“ (VF, S. 94). Einen kreativen Umgang pflegt auch die dortige rumänische Gemeinschaft von Sai-sonarbeitskräften mit Rassismus; als ihr Container Zielschreibe von fremdenfeindlichen Sprayern wird, machen sie aus „Rumänen raus“ kurzerhand ein „Rumänen-Haus“ (VF, S. 290 f.). Dass sich die Jugoslawiendeutsche Frau Kranz damit identifizieren kann, zeigt sich nicht nur daran, dass sie die Szene gemalt hat, sondern daran, dass sie das Bild den Rumänen gewidmet und geschenkt hat. Es ist eine produktive Art Rassismus zu begegnen.*Vgl. dazu Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt a. M. 2006, S. 139, S. 160, S. 162 f. Auch hier soll wieder ausdrücklich auf das entsprechende Kapitel meiner eigenen Magisterarbeit verwiesen werden, dessen Argumentationsstrukturen ich hier übernehme: Vgl. Zeltner 2011, S. 14. Denn hier wird eine rassistische Äußerung aufgegriffen, aber produktiv umgewertet in eine Äußerung, die Heimat suggeriert. Zugleich wird dem „Verweis auf einen ‚Nicht-Ort‘“*Zeltner 2011, S. 13. begegnet, in dem derselbe ganz klar als existierend markiert wird: Der Container wird zu einem Zuhause, die Menschen, die darin leben, haben ein Recht auf ihren Platz in der Gesellschaft.
Inwieweit Häuser und Menschen miteinander verknüpft sind, lässt sich auch an einem weiteren Themenkomplex untersuchen, der immer wieder in den Texten auftaucht: Die äußere Zerstörung der Städte durch die Kriege und die innere, psychische Zerstörung der vorher darin wohnhaften Menschen. Besonders gut untersucht wurde dies bislang in Juli Zehs Die Stille ist ein Geräusch*Vgl. Thomas 2007., doch ist die Parallelisierung der inneren und äußeren Zerstörung ein häufig auftretendes Bild in den hier untersuchten Beispielen. Dieses Bild bezieht sich auch auf die ebenfalls verloren gegangenen Erinnerungen, wie bereits in dem Abschnitt zur gefrorenen Zeit angesprochen wurde. So besucht der Protagonist in Zum Abschied vom Vater das mittlerweile zerstörte Haus seiner Kindheit (vgl. ZAV, S. 67) und das Old Danube House, das einst ein Treffpunkt für Personen aller Nationalitäten und jeder Religion war, ist im Krieg dem Erdboden gleich gemacht worden (vgl. ODH, S. 151, 209). In Sarajewo 96 wird mehrmals darauf hingewiesen, dass der Schriftsteller, der die Stadt kurz nach dem Krieg bereist, angesichts der darin herrschenden Zerstörung keine Worte findet:
Zu heftig empfand er die leeren Körper der Häuser, die Abwesenheit der Menschen, die Schmach der Vernichtung, die großflächig verbrannte Zeit. (S96)
Dieses Gefühl der Stille, des Verstummens und des Schweigens zieht sich durch die meisten Bücher, in Die Stille ist ein Geräusch ist es sogar titelgebend geworden. Anders als bei Handke ist es nie positiv konnotiert als eine Möglichkeit des Neubeginns, sondern zeugt immer von dem Schrecken, der in der Region geherrscht hat und in den Köpfen der Menschen immer noch tut. Dabei geht die Stille wahlweise von den Orten und seinen Ruinen aus (wie in Sarajewo 96), von den späteren Zeugen, die diese Orte im Nachhinein besuchen (wie in E 71) oder von den Menschen, die das Grauen selbst erlebt haben. Ein Extrembeispiel sind dabei die Toten, die als stumme Zeugen in Die gefrorene Zeit auftreten und mit denen vor allem durch das Schweigen kommuniziert werden kann. So wird das Schweigen bei Anna Kim mehrmals als „die Sprache der Toten“ (GZ, S. 119) oder „Totensprache“ (GZ, S. 137) bezeichnet. In ihrem Roman geht es um den Verlust von Individualität auf mehreren Ebenen, wie etwa Daniela Finzi analysiert hat.*Vgl. Finzi 2013, S. 268–281. Zum einen verliert sich hier die Individualität durch den Tod, vor allem durch den Massentod, wie es in Kriegen der Fall ist (vgl. GZ, S. 40).*Der post-/ante-mortem-Diskurs, der hier auf der Handlungsebene realisiert wird, spiegelt sich ebenfalls in der Form: So wird deutlich, dass das Schreiben der Ich-Erzählerin post-mortem, nämlich nach dem Freitod Luans stattfindet. Vgl. hierzu, wie zu der generellen Diskussion von Identität und Identifikation bei Kim, Rahofer 2011, S. 171 f. und Finzi 2013, insbesondere S. 281. Zum anderen ist in der kulturellen Praxis im Kosovo Leben wie Tod derart ritualisiert, dass das Individuum in der Großfamilie gänzlich verschwindet:
Schließlich darf Fahrie nicht einmal den Tod als einziges Besitztum erhalten. Das Sterben gehörte ihr nicht, der Tod gehört deiner Familie [...]. (GZ, S. 137)
Die Beobachtung, dass das massenhafte Leid des Krieges jegliche Individualität nimmt, findet sich ebenfalls in Ein Stück gebrannter Erde, als Arieta vergewaltigt wird. „[E]s ist Krieg, wen kümmert eine kleine Vergewaltigung“, (SGE, S. 67) fragt sich Marina zynisch, als sie die Schwester ihres Verlobten in ein Krankenhaus bringt. Die Novelle zeigt auch in anderer Hinsicht exemplarisch, wie die Figuren darin nicht nur ihre Individualität durch massenhaftes Grauen verlieren, sondern auch durch die (erzwungene) Zuordnung zu bestimmten Bevölkerungsgruppen. Ihnen wird eine kulturelle Identität zugeschrieben, die für sie höchst problematisch wird. Genauer soll diese Thematik aber im Abschnitt zum Balkanismus zur Sprache kommen.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Flucht die erste mögliche Bewegungsrichtung in den hier untersuchten Büchern ist; sie führt von den betroffenen Ländern weg hin in Länder, die zwar sicher sind, aber neue Herausforderungen bergen. Die zweite Bewegungsrichtung ist dagegen eine Reise zu den Ländern hin. Diese wird zum Teil in den Büchern von Figuren unternommen, die keinerlei biografische Verknüpfung zu den ehemaligen jugoslawischen Ländern haben, aber dort eine Aufgabe, wie etwa von dem Gesehenem zu berichten, oder, wie es die Erzählerin bei Juli Zeh ausdrückt, herauszufinden
ob Bosnien-Herzegowina ein Ort ist, an den man fahren kann, oder ob es zusammen mit der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist. (SG, S. 11)
Die Kritik an der Kriegsreportage hängt dabei, wie Elena Messner bereits herausgearbeitet hat, insofern mit dem Reisemotiv zusammen, dass bei dem einem eine räumliche Distanz überwunden werden soll, bei dem anderen aber eine inhaltliche und/oder emotionale Distanz infrage gestellt wird.*Vgl. Messner 2011, S. 110 f., S. 111 f. sowie Abschnitt 4.2.2, S. 167–172, dieser Arbeit. Die Fremdheit des äußeren Eindrucks wird bei diesen Reisen ins Innere verlagert – sie wird in dem Reisenden selbst wahrgenommen und gesucht.*Finzi 2013, S. 196 sowie Abschnitt 4.2.2, S. 167–172.
Der Protagonist in Wie der Soldat das Grammofon repariert nimmt hierbei eine Zwischenposition ein. Zum einen flüchtet er als Betroffener vor den Kriegen, zum anderen fährt er Jahre später wieder in sein damaliges Heimatland zurück. Die Suche nach einer Identität, die zum Teil auch in den früheren jugoslawischen Ländern „verwurzelt“ ist, ist dabei offensichtlich. Nicht umsonst lässt er sich in Bosnien die lang gewordenen Haare abrasieren (vgl. WSG, S. 275) – eine Handlung, die man als Zeichen des Neubeginns werten kann. Die Suche nach den eigenen Wurzeln kann auch konkret als die Suche nach einem Elternteil realisiert werden, wie es in Die Winter im Süden geschieht. Über das Scheitern bzw. Nicht-Scheitern Marijas bei dieser Suche wurde schon in mehreren vorherigen Abschnitten, u. a. in dem zur Krise der Augenzeugenschaft, gesprochen. Dabei wurde festgestellt, dass der Erzähler implizit Marija zur Seite steht, da er ihre Geschichte erzählt, während die Artikel ihres Ehemanns nur in Form von kurzen, abwertenden Zusammenfassungen im Buch enthalten sind. Ähnliches lässt sich über Marijas Identitätskonstruktion feststellen, die hauptsächlich am Erhalt ihres Namens festgemacht werden kann: Sie wird im Sinne Althussers „angerufen“ oder im Diskurs, hier im literarischen, benannt. Die Männer in ihrem Leben werden nur teilweise benannt; ihr Vater und ihr Mann bleiben namenlos, ihnen wird damit die Möglichkeit verwehrt, selbst ihre Stimme einbringen zu können.*Vgl. Butler 2006, S. 50.
In Zum Abschied vom Vater wird damit gerungen, den selbigen verstehen zu können und parallel dazu die Reise in sein Heimatland, jetzt ein Kriegsgebiet, unternommen. Dabei wird die Reise selbst zum Sinnbild des Lebens, das Leben ein ständiges Zwischen-zwei-Orten-sein. Die Ankunft an einem Ort scheint damit unmöglich, die Identität des Protagonisten wirkt – im negativen Sinne – fragmentiert. Die einzige Möglichkeit besteht darin, eigene Narrative des Lebens zu bilden, denn ein Sinn wird nicht von Vornherein angeboten:
Und das Leben bleibt diese einzige Durchreise von nichts zu nichts, denke ich, und wir geben diesem Nichts namens Leben dazwischen eine ganz private Bedeutung [...]. (ZAV, S. 141)
Aktuelle Themen und Motive am Beispiel von Das Blutbuchenfestund Mein weißer Frieden
Zu Beginn des letzten Kapitels über Handke schrieb ich, dass an diesem Autor niemand vorbeikäme aufgrund der großen Kontroverse, die seine Serbientexte ausgelöst hätten. Diese Äußerung muss in den neuesten Entwicklungen zur Darstellung der postjugosla-wischen Kriege zumindest partiell zurückgenommen werden. Der Literaturstreit um Handke ist mittlerweile fast 20 Jahre alt und gerade, wenn man Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest*Ebd., München 2014, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: BBF. rezipiert, wird man erkennen, dass selbst diese Kontroverse im Laufe der Zeit an Brisanz verloren hat, da hier Handke weder direkt noch indirekt erwähnt wird. Kurz gesagt: Im Blutbuchenfest ist der Handkesche Einfluss zum Teil verloren gegangen.
An dieser Stelle wird eine methodische Problematik der vorliegenden Arbeit deutlich, denn ihr makroskopischer Blick auf die Texte bedingt, dass die Details der Darstellungen teilweise verloren gehen. Bei den bislang betrachteten Werken erschien mir das nicht als ein Problem, da die Ähnlichkeiten zwischen den Motiven zum Teil frappierend waren. Martin Mosebachs Roman entzieht sich jedoch – vielleicht tatsächlich aufgrund seines aktuelleren Erscheinungsdatums – solchen Versuchen. Zu viel ist seit den postjugoslawischen Kriegen in der Weltpolitik und -wirtschaft geschehen, als dass dieser Konflikt nicht auch durch eine völlig andere Brille betrachtet werden müsste. Ich habe mich daher entschieden, seinen Roman wie Marica Bodrožićs Reisebericht als neueste Werke aus dem makroskopischen Blick auszuklammern und die Grundpfeiler ihrer erzählerischen Verfahren sowie die thematischen Schwerpunkte in einem separaten Abschnitt zu analysieren, da gerade in Mosebachs Fall die Besonderheiten des Textes untergegangen wären.
Eine aktuelle Entwicklung, die deutlich in der Erzählperspektive zu spüren ist, ist etwa die Weltwirtschaftskrise und die generelle Krise des Kapitalismus. Mosebachs Figuren befinden sich vornehmlich am unteren oder am oberen Ende der gesellschaftlichen und sozialen Hierarchie. Einzig der Ich-Erzähler, der zwar Teil der erzählten Welt ist, aber durch den großen zeitlichen Abstand zum Geschehen in vielen Teilen des Romans eine Nullfokalisierung annimmt,*Vgl. zur Problematik der perspektivischen Benennung dieser Form von Ich-Erzähler z. B. Peter Wenzel (Hg.): Einführung in die Erzähltextanalyse. Kategorien, Modelle, Probleme, Trier 2004 (WVT-Handbücher zum literaturwissenschaftlichen Studium, 6), insbesondere S. 120–130. befindet sich zwischen den Welten: Als promovierter Kunsthistoriker hat er Zugang zur Oberschicht, im Zuge seiner Recherchen zu einer nie realisierten Jugoslawienkonferenz identifiziert er sich aber zunehmend mit der Unterschicht. Seine finanziellen Probleme sprechen ebenso für diese Identifikation wie die Fokussierung auf seine bosnische Putzfrau Ivana, die die Hauptfigur des Personenkreises darstellt. In ihr offenbart sich die ganze Problematik der unterschiedlichen sozioökonomischen Lebenswirklichkeiten: Während der Ich-Erzähler im Auftrag des Philosophen Wereschnikow einen Kongress zur Lage Jugoslawiens vorbereiten und dabei Geldgeber eintreiben soll, lässt die Frankfurter Oberschicht die angespannte Lage kurz vor Ausbruch des Krieges kalt. Die Finanzierung des Projekts misslingt aufgrund der Weigerung der Oberschicht, sich mit diesen Problemen zu befassen. So steht die Haltung von Frau Breegen, der Ehefrau einer der möglichen reichen Gönner, bei ihrer wöchentlichen Massage paradigmatisch für die Haltung einer gesamten gesellschaftlichen Schicht:
Andere mochten Kriege führen, sie durfte in einer Welt leben, wo es nichts Wichtigeres gab, als beim Drehen des Kopfes ein komisches Gefühl zu haben, und sie war dankbar dafür. (BBF, S. 142)
Es gilt das Primat des Egoismus, der persönlichen Vergnügungen und Annehmlichkeiten: „Moi, moi, moi – das ist heute die einzige Religion, der einzige Glaube!“ (BBF, S. 58). Eine Selbsterkenntnis des ebenfalls von diesen Kreisen profitierenden Philosophen Wereschnikow bleibt hier allerdings ebenfalls aus: Die Schlechten – das sind immer die Anderen, nie derjenige selbst. So tragen Ignoranz und fehlendes Verantwortungsgefühl der westlichen Oberschicht zu einem Kriegsausbruch bei.*Eine ähnliche Haltung findet sich allenfalls ansatzweise in Doron Rabinovicis Roman Ohnehin, in dem der gut situierte Liebhaber einer kosovarischen Asylsuchenden so lange die Augen vor ihren Problem verschließt, bis diese das Land wieder verlässt und anderswo ihr Glück versucht. Vgl. Abschnitt 4.3.2, S. 182–188, dieser Arbeit.
Viel spendabler zeigt sich dagegen der Kreis, wenn es darum geht, dem schuldenbehafteten PR-Agenten Rotzoff aus den finanziellen Problemen zu helfen, indem sie teure Karten eines von ihm organisierten Festes kaufen. Die Lebensrealitäten kollidieren an dem Abend der Feier, in dem die für die Aufräumarbeiten zuständige katholische Ivana gleichzeitig telefonisch um das Leben ihrer Familie fürchtet, die im Zuge des näher rückenden Krieges erst die muslimische Nachbarsfamilie angreift, aber schließlich selbst angegriffen wird und fliehen muss. Hier wird von einfachen Gut-/Böse-Dichotomien abgesehen und verdeutlicht, dass der Krieg weit vorher angefangen hat, nämlich in der Markierung der Andersartigkeit der muslimischen Nachbarn. Dies wird vom Erzähler so auch lakonisch kommentiert, als er Ivanas Familie kurz vor Kriegsausbruch besucht:
Ein langes Sündenregister der muslimischen Nachbarn wurde mir aufgezählt – in den schlimmen Jahren mit Mord und Totschlag verbunden, in dem erzwungenen sozialistischen Frieden oder besser Nicht-Krieg mit ziviler Gemeinheit und Erpressung, aber dies Sündenregister, ich fühlte es deutlich, das traf nicht den Kern, und ich fürchtete sogar, daß die muslimischen Nachbarn, wenn ich sie befragt hätte, auch ihrerseits lange Klagen vorgebracht hätten.
Die alles befriedigende Erklärung erhielt ich erst, als nach langen Darlegungen das Schlüsselwort fiel: ‚Sie sind anders als wir – wir leben hier seit Urgroßvaters Zeiten und länger nebeneinander, man hat einander manchmal sogar geholfen. Als es bei uns in der Scheune brannte, sind sie von dort unten zum Löschen gekommen, und als sie dort unten alle krank wurden, haben wir Suppe gebracht – aber das darf nicht täuschen: Im letzten werden sie immer anders sein, weil sie…eben anders sind. (BBF, S. 194 f.)
Die Betonung der Andersartigkeit bleibt merkwürdig argumentationslos und blutleer – sie stützt sich allein auf die auf die eigene Religion, auf das Manifestieren einer In-group, die eine Out-group benötigt.*Vgl. hierzu Abschnitt 2.2.1.2, S. 26–29. Der zynische Clou der Geschichte liegt darin, dass ausgerechnet Mirko, der jüngste Bruder Ivanas, der als einziger der Familie in allen Glaubensgemeinschaften gute Freunde besitzt und keinerlei tradierte Hassgefühle pflegt (vgl. BBF, S. 304), den ersten Angriff auf die Nachbarn startet. Während Ivana also all diese Geschehnisse vermittelt durch das Medium des Telefons mitbekommt (welches doch zumindest „unmittelbarer“ als die damalige Fernseh- und Zeitungsberichterstattung ist), muss sie sich gleichzeitig um die Bedürfnisse der feiernden Frankfurter Gesellschaft kümmern – und am Ende gar die Misere aufräumen (vgl. das Ende des Buches, S. 445).
Martin Mosebach beleuchtet in seinem Roman neue Aspekte dieses Konflikts: Zum einen zeigt er indirekt die Verantwortung einer „westlichen“ Gemeinschaft, die sich gerade durch die Ignoranz der Geschehnisse in den jugoslawischen Regionen einer Mitverantwortung schuldig macht. Dahinter steht die universellere Frage, die gerade in Deutschland während der meisten bewaffneten Auseinandersetzungen der letzten 20 Jahre gestellt worden ist: Ab wann gibt es die Verpflichtung einzugreifen? Zusätzlich beleuchtet er den Aspekt der sozialen Ungleichheit, der sicherlich erst im Zuge der Weltwirtschaftskrise der 00er Jahre so dominant wurde: Er zeigt auf, inwiefern hochindustrialisierte Nationen von destabilisierten und armen Regionen profitieren, weil nur so die Wahrung eines bestimmten Lebensstandards möglich ist – nämlich auf Kosten derjenigen, die wie Ivana direkt oder indirekt diesen Gemeinschaften servil zur Verfügung stehen und von ihnen ausgebeutet werden. So muss diese selbst im Moment großer persönlicher Not der „herrschenden Schicht“ dienen, wird sogar, wenn auch unwissend, von ihr zurechtgewiesen, weil sie ihren Aufgaben einen Moment lang nicht nachkommt:
Die Rolle, die Rotzoff als Fest-Entrepreneur dann schließlich für sich entdeckte, war die Überwachung Ivanas. Ein schier empörender Anblick bot sich ihm, als er in die Küche hineinsah, um schneller an ein neues volles Glas zu kommen. Inmitten des Festtrubels stand Ivana da und telephonierte.
„Der habe ich aber Beine gemacht“, rühmte [Rotzoff] sich später seines entschlossenen Eingreifens, und tatsächlich war Ivana so verstört und geistesabwesend, als er sie anblaffte, daß er kein Risiko damit einging. (BBF, S. 415 f.)
Dieser Textabschnitt zeigt zum einen deutlich die bereits oben beschriebene Ausbeutung der jugoslawischen Arbeitskraft Ivanas durch ihre Arbeitgeber. Zum anderen ist aber auch ein Moment des Widerstands in dem Zitat verankert: Ivana hätte sich unter anderen Umständen gewehrt. In der Tat wird sie in weiteren Passagen des Romans als sehr resistent dargestellt – die Sympathie des Ich-Erzählers liegt klar auf ihrer Seite und nicht auf der der gehobenen Frankfurter Gesellschaft.
Stark in der Tradition der postjugoslawischen Reiseberichte verankert ist hingegen Marica Bodrožić, deren Buch Mein weißer Frieden ebenfalls 2014 erschien. Obgleich weder der Name Handkes noch der Name anderer Autorinnen und Autoren, die sich mit den Kriegen auseinandergesetzt haben, explizit fällt, kann anhand der zahlreichen intertextuellen Verweise, u. a. auf die Identitäts-, Erinnerungs- und Balkanismusdiskurse der vergangenen Jahrzehnte, darauf geschlossen werden, dass Bodrožić diesen „Traditionszweig“ der Reiseberichte genau kennt. Im Zentrum steht eine Art „Suche“ oder vielmehr das Finden einer eigenen Identität, die bei ihr stark mit Individualität verknüpft ist.*Vgl. auch die dahingehenden Analysen zu Anna Kims Die gefrorene Zeit im vorangegangenen Abschnitt dieser Arbeit. Diese Suche geht einher mit der Reise zu verschiedenen Familienmitgliedern der Ich-Erzählerin*Wie in dieser Gattung üblich und auch schon bei Peter Handke und Juli Zeh besprochen, teilt sich die erzählende Instanz mit der Autorin Biografie und Namen, was die Reise als „authentisch erlebte“ markieren soll. und schließlich auch zu Kriegsschauplätzen. Die Erzählerin empfindet sich dabei ganz im Sinne Handkes als „die, die am Rande steht und betrachtet“*Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden, München 2014, S. 48, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: MWF., was aus der biografischen Begebenheit damit zu erklären ist, dass sie einerseits im ehemaligen Jugoslawien geboren ist, andererseits allerdings noch vor dem Krieg mit ihren Eltern nach Hessen in den Taunus auswanderte. Diese klassische in-betweenness teilt sie etwa mit Saša Stanišić, der in seinem Erstling ebenfalls autobiografische Elemente verarbeitet hat, allerdings noch unmittelbar von dem Krieg betroffen war. Trotzdem ist die Reisebewegung eine, die in deutschsprachiger Literatur relativ selten vorkommt: Das Wegreisen von einem Land und das Aufsuchen eines Landes, um die Spur der eigenen Identität wiederaufzunehmen. Kontrastierend dazu stehen die Identitäten der Verwandten und Freunde, die vom Krieg geprägt wurden:
Das Wort „Charakter“ stammt aus dem Griechischen und besagt „Einprägung“. Unser Charakter ist das, was uns der Stempel der Umgebung einprägt. (MWF, S. 27)
Die Ich-Erzählerin will herausfinden, was Krieg mit der Identität ihrer Bekannten gemacht hat. Ihre Antwort: Der Krieg raubt den Menschen ihre Individualität, lässt sie verschwinden in der Masse, auch durch äußere Insignien wie der Soldatenuniform (vgl. MWF, S. 114, 118). Mit dem Wort „Volk“ kann sie ebenfalls nichts anfangen:
Ich kann kein einzelnes Volk, kein einzelnes Land lieben. Völker sind Massen. Mein Land ist das Leben. (MWF, S. 75)
Stattdessen träumt sie von „Freiheitsgemeinschaften“ (MWF, S. 111), ähnlich wie Peter Handke einst an die „Gemeinschaft der Verstreuten“ (NB, S. 58)*Vgl. Abschnitt 3.3.6, S. 119–123, dieser Arbeit. glaubte. In der Landschaft, der Natur, der Schönheit an sich findet die Ich-Erzählerin mehr Halt (vgl. MWF, S. 75 f.). Auch diese Ansicht teilt sie mit Peter Handke.*Vgl. Abschnitt 3.3.9, S. 129–137, sowie Miguoué 2012, S. 175.
Deswegen gibt es für sie nur eine Möglichkeit, Frieden zu finden: In sich selbst, in der Achtsamkeit und dem Sehen auf sich selbst, das sie „inneres“ (MWF, S. 148) oder „das neue Sehen“ (MWF, S. 22) nennt:
Ich brauche keine Heimat, weil ich ein Selbst habe. (MWF, S. 187).
Der Heimatbegriff ist hier verbunden mit Nationalismus, den die Erzählerin negativ bewertet. Mit einer Poetik des Blicks und der Innerlichkeit, verbunden mit dem Wunsch „ein Buch des Friedens“ (MWF, S. 38) zu schreiben, steht Bodrožić Handke nahe.
Aber wie wird das Selbst geformt? Gedächtnis und Erinnerung spielen eine Rolle. Die Erzählerin zählt mehrere „Archive“ (vgl. MWF, S. 215) im Assmannschen Sinne auf, wie etwa Literatur (vgl. MWF, S. 112) und die Sprache an sich (vgl. u a. MWF, S. 69, 71 ff.). Auch sie verwendet, wie Anna Kim, die Metapher der „Vergangenheit[, die] in uns eingefroren ist“ (MWF, S. 136), um Erinnerungsprozesse zu beschreiben. Zugleich erfolgt eine verblüffende Neuinterpretation der eigentlich scharf diskutierten Grenze zwischen Erinnerung und Gedächtnis. So beschreibt ihr ein Kriegsveteran die Leiche seines Bruders, der Selbstmord begangen hat, sehr anschaulich. Der Kriegsveteran identifizierte ihn aufgrund seiner Hände; daraufhin muss die Erzählerin feststellen:
Das Bild der Hände brennt sich auch in mich ein. (MWF, S. 80)
Es findet hier also nicht nur eine Übertragung im Sinne Assmanns von einer persönlichen Erinnerung in ein übergeordnetes Gedächtnis statt (im Sinne des Speichermediums der Literatur), sondern die Erinnerung wird gleichsam von der Rezipientin, der Ich-Erzählerin als eigene Erinnerung auf- und angenommen. Grund dafür ist die lebendige Erzählung und das „Mit-leiden“, das die Distanz zwischen Gedächtnis und Erinnerung verschwimmen lässt.
Es ließe sich noch einiges ausführlicher über Mein weißer Frieden und die Interferenzen zwischen anderen Darstellungen der postjugoslawischen Kriege sagen – zahlreich sind die Verweise, die in der Dichte des Textes zum Teil nahtlos ineinander übergehen. Ein Beispiel dafür ist etwa die Symbolik des Kreuzes, die Bodrožić mit Norbert Gstreins Die Winter im Süden teilt, genauso wie den „Denkraum der Nachkriegszeit“ (MWF, S. 44).*Vgl. zu letzterem auch Kramer 2011. Allerdings ist die Symbolik des „Kreuzes des Süden“, die Bodrožić gleich zu Beginn ihres Reiseberichts wählt, eine fingierte: Von der Nordhalbkugel, auch von den Mittelmeerländern aus ist das „Kreuz des Südens“ heutzutage nicht mehr sichtbar. Im Altertum erschien es jedoch durch die kreisförmige Bewegung der Erdachse am Horizont der südlichen, europäischen Länder.*Zum Kreuz des Südens siehe: Maria Schmidt: Das Kreuz des Südens. Geschichte des Sternbildes, abrufbar unter: http://www.almanachdeutschesmuseum.de/KREUZ.htm (Stand: 08.12.2015). Weshalb wählt Bodrožić gerade dieses Bild, das aufs Engste mit dem Altertum verknüpft ist? Drei Möglichkeiten wären hierzu denkbar: die eine wäre die bereits erwähnte Anknüpfung an Norbert Gstreins Metapherntradition, die andere an eine eher allgemeine, christliche Symbolik des Kreuzes. Diese könnte, so prominent platziert, auch auf die Instrumentalisierung der christlichen Religionen in den postjugoslawischen Kriegen hindeuten. Am wahrscheinlichsten scheint mir jedoch die dritte Möglichkeit: „Das Kreuz des Südens“, das tatsächlich heutzutage nicht mehr von Kroatien aus zu sehen ist, markiert den vermeintlich so authentischen Text gleich zu Beginn als fiktionalisierten. Er widerspricht damit auch den Deutungen der Jury für den NDR Sachbuchpreis, die ihn zur Gattung des Sachbuchs gerechnet haben.
Auch Reflexionen über den Zusammenhang von Krieg und Sprachlosigkeit (vgl. MWF, S. 239 f.) und Kritik an der medialen Darstellung (vgl. u. a. MWF, S. 48, S. 243) finden sich in Mein weißer Frieden, wie sie von zahlreichen deutschsprachigen Texten bekannt sind. Der Krieg wird ähnlich wie bei Juli Zeh als „ein Krieg zwischen Dorf und Stadt“ (MWF, S. 95) oder als Krieg gegen die Kultur (vgl. MWF, S. 95, S. 102) angesehen. Die genauere Analyse dieser einzelnen und zum Teil bereits bekannten Motive kann jedoch in dieser Arbeit nicht gänzlich geleistet werden und muss weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen überlassen werden.
Auftreten und Diskussion von Balkanismus
Das Auftreten von Balkanismus kann in den deutschsprachigen Texten in zweierlei Hinsicht geschehen: Zum einen kann es explizit verhandelt werden. Dies bedeutet, dass der Text sich der Stereotype und Klischees über den Balkan durchaus bewusst ist und diese kritisch oder ironisch kommentiert. Zum anderen kann er aber auch implizit geschehen, in dem die Vorstellungen über den Balkan unhinterfragt in die Texte eingearbeitet werden. Am häufigsten findet eine Mischung zwischen den beiden Verhandlungsformen statt; diese beruht unter anderem auf der Vielzahl der Vorstellungen, die über den Balkan bestehen. Da er einerseits im Laufe der Jahrhunderte als ursprünglich und abenteuerlich, andererseits aber auch als gefährlich und unterentwickelt rezipiert wurde – zwei Beschreibungen, die dem verbreiteten Bonmot der „zwei Seiten einer Medaille“ nahekommen – sind beide Lesarten in den Texten zu finden. Vielleicht könnte man eine Tendenz zur eher positiven Darstellung der Region ausmachen, wohl, um die bis dato äußerst negativen Zeitungsberichte etwas zu entschärfen. Zudem würde diese Tendenz gut zur Sehnsucht des modernen Reisens passen, bei dem die wenigen weißen Flecken einer Landkarte aufgestöbert werden wollen – auch wenn diese weißen Flecken durch einen gerade beendeten Bürgerkrieg neu entstanden sind. Wie dem auch sei: Da dies durch eine quantitative Analyse der Texte hier nicht geleistet werden kann, sollen im Folgenden die häufigsten Darstellungsweisen der Bevölkerung sowie der Region in der deutschsprachigen Literatur vorgestellt werden, und dabei Verfahren gezeigt werden, diese Stereotype zu dekonstruieren.
Alle Männer sind Machos, alle Frauen Prostituierte: verbreitete Stereotype
Stereotype über den Balkan, wie sie Maria Todorova beschreibt, treten unhinterfragt vor allem in Texten auf, in denen Unterhaltung eine größere Rolle spielt als inhaltlich vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema. Bei dieser Art von Literatur, zu der u. a. die Thriller Tod eines Engels und Sarajevo Safari gehören, begegnen dem Leser die Art von Vorurteilen über den Balkan und die dort lebenden Menschen, die seit Jahrhunderten in verschiedenen Schriften wiederzufinden sind: Insbesondere die Männer seien grausam und kriegsversessen oder Machos, die Frauen von den Männern unterdrückt oder Prostituierte, der Balkan im Gegensatz zum Westen hoffnungslos unterentwickelt. Die Unterentwicklung wird auch in der direkten Rede mit Einheimischen dargestellt; oft wird dabei eine Art gebrochenes Deutsch, eine Art stilisierte Lernersprache, angewendet, um den niedrigeren Bildungsgrad der Menschen zu verdeutlichen (vgl. SAS, S. 90 f.).*Im Vergleich dazu ist es interessant zu bemerken, dass der Erzähler in Das Blutbuchenfest zwar bewusst darauf verzichtet, Ivanas gebrochenes Deutsch nachzuahmen und dies auch so im Text erwähnt, da er sich darüber bewusst ist, dass es ungebildet wirken könnte „und es wäre [ihm] fatal, wenn man bei ihr an so etwas dächte.“ (BBF, S. 47). Gleichzeitig wirkt diese Thematisierung auch etwas zu ostentativ, da die Vermutung, dass Ivana einen Akzent besitzen könnte, ohne die Äußerung des Erzählers möglicherweise nicht aufgekommen wäre. Die angeblich fehlende Bildung geht vor allem am Beispiel des Kosovos häufig einher mit Misogynie. Gerade bei diesem Thema ist der Grad zwischen sensibler Darstellung einer tatsächlich existierenden gesellschaftlichen Problematik und dem Verfallen in Klischees schmal. Als Beispiel für ersteres dient der Roman Die gefrorene Zeit, der sich kritisch mit der traditionellen kosovarischen Gesellschaft und dem Frauenbild auseinandersetzt, als Beispiel für zweiteres Tod eines Engels, der sich in vielerlei Hinsicht an einfachen Mustern orientiert:
Wie überall in der Provinz galt auch dort [im Kosovo nahe der mazedonischen Grenze, Anm. d. Verf. dieser Diss.] noch das traditionelle Gesetz der Albaner: Alle Macht dem Vater der Sippe, dann kamen die Söhne und dann die Mutter, und eine Tochter hatte so viele Rechte wie eine Kuh im Stall. (TE, S. 56; vgl. auch S. 32)
In dieser wie auch in einer weiteren Textstelle wird sowohl den Männern unterstellt, brutale Machos zu sein als auch die Frau als unterdrückte und entrechtete Person beispielhaft (und durchaus gewollt zynisch) mit einer Kuh verglichen. Gerade diesem Buch kann man durchaus Sexismus nachweisen, wenn man sich die verschiedenen Frauen-figuren darin genauer ansieht. Ähnlich, wie es eine Auflistung der verschiedenen Männertypen im Kosovo gibt (vgl. TE, S. 32 f.) sind die Frauen entweder die oben beschriebenen Opfer, Prostituierte, die sich an die westlichen Männer hängen, um Geld zu verdienen (vgl. TE, S. 5 ff., S. 225) oder taff, aber etwas zu herrisch für den Geschmack des männlichen Protagonisten (vgl. TE, S. 24). Bei den westlichen Angestellten der Hilfsorganisationen gibt es noch den Typen „Gutmenschen“ (TE, S. 33), der auf männlicher wie weiblicher Seite als ungepflegter Hippie beschrieben wird (vgl. TE, S. 86 ff.). Der Sexismus trifft also in diesem Beispiel durchaus beide Seiten, da das Buch sich generell einfacher Weltbilder bedient. Genau diese sind es jedoch, die dem Balkanismus einen Nährboden bieten. In vielen Romanen fällt zudem auf, dass die Geschichte aus einer west-lichen Perspektive geschrieben ist. Dies hängt sicherlich mit der Tatsache zusammen, dass auch die Autorinnen und Autoren in den wenigsten Fällen einen biografischen Hintergrund in den Kriegsregionen haben (Viktorija Kocman und Saša Stanišić sind hier sicherlich Ausnahmen) – die oben genannte „Second-Hand-Situation“*Previšić 2009a, S. 191 und Abschnitt 3.2.5, S. 88–95. wird dabei virulent. Diese birgt die Gefahr, dass sich zwar darum bemüht wird den Opfern des Krieges eine Stimme zu geben, dies aber nicht gelingt. Letztlich sind es in Tod eines Engels die „Westler“, die den Menschen auf dem Balkan das Gute bringen (vgl. TE, S. 67, S. 223) – genau das, was Todorova als Merkmal des Balkanismus beschreibt.*Vgl. Kapitel 2.3.3 und Todorova 2009, S. 133. Auch die Mär vom „zivilisierten Europa“ (TE, S. 146), in dem unvorstellbarerweise noch ein grausamer Krieg geschehen kann, wird hier verbreitet und dabei ausgeblendet, dass die größten Bevölkerungsverschiebungen außerhalb dieses Gebiets stattfanden.*Vgl. Todorova 2002, S. 481. Es wird offensichtlich: Gerade Tod eines Engels stellt gewisse Vorurteile und Stereotype aus und benutzt sie, um seine Story spannender zu gestalten. Allein das Verwenden eines Krieges, der letztlich dazu dient die Story noch grausamer zu gestalten, ist zumindest jedoch im höchsten Maße fragwürdig, wenn man den Thriller unter moralischen Gesichtspunkten betrachtet.
Die Hauptfigur, ein Bundeswehrsoldat, tötet zum Schluss Johannson, den UN-Stadthalter von Prizren, der seine hohe Stellung und die chaotische humanitäre Lage ausnutzt, um genetische Experimente an kosovarischen Frauen durchzuführen. Im Epilog wird deutlich, dass der Mord im Nachhinein auf Serben geschoben wird. So stereotyp wie Tod eines Engels sonst auch verfährt – hier scheint immerhin eine kritische Kommentierung dessen vorzuliegen, dass die Serben im Endeffekt immer die Täter sind. Diese Lesart wird gestützt von der Tatsache, dass das Leid und die Diskriminierung der serbischen Bevölkerung im Kosovo in dem Thriller durchaus auch Erwähnung finden (vgl. TE, S. 20 f., S. 21 f.), obwohl dies sicherlich auch mit dem Impetus der Geschichte zu tun hat, den Krieg als möglichst grausam darzustellen – und damit den Voyeurismus der Lesenden zu befriedigen. Letztlich finden sich gerade zu Beginn des Thrillers Stellen, die die Vorurteile des Protagonisten gegenüber der Grausamkeit der Serben verdeut-lichen und sie als eindeutige Täter markieren (vgl. TE, S. 7 f.). In diesem Falle kann man davon ausgehen, dass die Erzählperspektive, die die Rolle der Serben kritisch kommentiert, sowie die Figurenperspektive differieren, doch im Gesamten lässt sich resümieren, dass die in dem Buch geäußerte Haltung uneindeutig ist.
Die einseitige Berichterstattung, inbesondere gegenüber Serben, wird auch in anderen Texten kritisiert, wie etwa in Elsas Großväter (vgl. EG, S. 52) – was insofern erstaunlich ist, weil gerade dieser Roman ein Beispiel für das implizite Aufgreifen eben dieser Stereotype ist. So wird zwar diese Pauschalisierung verurteilt, aber zwei der auftretenden serbischstämmigen Figuren, der Masseur und eine Freundin von der Protagonistin, versuchen dennoch das Kriegsgeschehen aus serbischer Sicht zu rechtfertigen (vgl. EG, S. 34 f., S. 129 f.). Erst eine serbische Zimmerfrau, die davon berichtet, dass ihr Sohn nicht in den Krieg hatte ziehen wollen, gibt diesem mehrheitlich negativen Eindruck wieder eine unentschiedenere Note (vgl. EG, S. 158). Diese unterschiedlichen Bewertungen aus Elsas Perspektive lassen sich damit erklären, dass die Protagonistin im Laufe des Romans eine Erkenntnis gewinnt: Sie sieht ein, dass es generell keinen Sinn hat, Menschen in nationale Gruppen einzuordnen (EG, S. 242).
Weiterhin ist die Darstellung der Frauenfiguren in den untersuchten Texten eine genauere Betrachtung wert. Nicht immer sind sie so offensichtlich zur Rolle der Prostituierten verdammt wie im Beispiel von Tod eines Engels, doch fast immer finden sie sich in einer Abhängigkeit wieder, entweder von der Gesellschaft im Allgemeinen oder von Männern im Besonderen. Bisweilen müssen sie auch als Sündenböcke dienen. Bei Norbert Gstrein kommen die Frauen etwa aufgrund ihrer Herkunft des Öfteren in Erklärungsnöte.*Dieses Erzählmuster findet sich so auch bei Viktorija Kocmans Ein Stück gebrannter Erde, in dem die weibliche Hauptfigur Marina sich vor ihren Freunden für ihre serbische Nationalität rechtfertigen zu müssen glaubt (vgl. SGE, S. 26 ff.). Diejenigen, die sie damit konfrontieren, sind immer Männer, oftmals die Partner selbst. Marija ist nicht zuletzt wegen ihrer Herkunft in Die Winter im Süden ihrem Mann, dem Journalisten, unterlegen; gleich zu Beginn wird sie eingeführt als „Trophäe“ (WIS, S. 12), da sie aus dem „exotischen“ (ebd.) Jugoslawien stamme. Auch die Frau des Alten in Argentinien wird als „Klischee einer Südländerin“ bezeichnet und auch so gezeichnet (vgl. WIS, S. 56).
In Das Handwerk des Tötens ist es die Freundin des Reisejournalisten Paul, Helena, die die neu erweckten Ressentiments gegen die früheren jugoslawischen Völker am eigenen Leib erfahren muss. Sie wird von Paul als „Jugo“ und als Mitglied eines „Kriegsvolk[s]“ (HT, S. 38 f.) diffamiert. Auch der Kriegsreporter Allmayer gibt ihr stellvertretend für alle anderen früheren Jugoslawen beim einzigen Zusammentreffen Mitschuld am ausgebrochenen Krieg (vgl. HT, S. 43, 194) – und das, obwohl Helena aus Kroatien stammt.*Dieser Vorwurf könnte letztlich auch aus der Tatsache resultieren, dass Allmayer selbst auf Seiten der Kroaten eine direkte Kriegsschuld auf sich geladen hat, wie Sigurd Paul Scheichl in seinem Aufsatz treffend analysiert. Vgl. Scheichl 2007, S. 474. Dies sind nur einige Beispiele dafür, wie Vorurteile gegenüber den früheren jugoslawischen Ländern nicht nur kollektiv, sondern auch individuell wirken und in den Büchern dementsprechend dargestellt werden. Dennoch kann gerade im Fall von Das Handwerk des Tötens argumentiert werden, dass hier eine Veränderung der zunächst als devot angelegten Helena für eine Verschiebung der Machtverhältnisse sorgt. Sie entwikkelt sich im Laufe des Romans zu einer eigenständigeren Frau und widerlegt damit die gängigen Vorstellungen; das ist zumindest eine Argumentationslinie, die Alma Kalinski vertritt.*Vgl. Kalinski 2008, S. 237. Ähnlich verhält es sich mit der Putzfrau Ivana in Das Blutbuchenfest: Seitens der Kritiker wurde moniert, dass sie als zu sehr in gesellschaftlichen Fesseln verhaftet dargestellt wird.*Vgl. Bucheli 2014 sowie Abschnitt 4.1.3, S. 158–161. Sie kommt damit dem Abbild der unterdrückten Frau aus dem Balkan sehr nahe. Allerdings könnte auch hier, wie an anderer Stelle in Die Winter im Süden, argumentiert werden, dass Ivana gerade dadurch, dass der Hauptfokus in der narrativen Struktur des Romans auf sie gelegt wird und sie als Dreh- und Angelpunkt der gesamten Frankfurter Gesellschaft dargestellt wird, an Stärke gewinnt.*Vgl. Abschnitt 4.3.3, S. 188–195. Sie verkörpert demnach zugleich einen Stereotyp wie sie diesen konterkariert.
Eine weitere Schwierigkeit bei der Untersuchung von implizitem Balkanismus in den Texten hängt mit diesem Problem der Frauendarstellung zusammen. Die Frage, die sich hierbei wie bei anderen Punkten stellt, ist, wie sich zwischen vermeintlichen Stereotypen und den realen Verhältnissen in den früheren jugoslawischen Ländern unterscheiden lässt. Dies wird in den Büchern Yugoslavian Gigolo von Zoran Drvenkar und Die gefrorene Zeit von Anna Kim deutlich. Ist eine Mehrheit der Kroaten tatsächlich so kriegsversessen und nationalistisch gewesen, wie es in Yugoslavian Gigolo dargestellt wird?*Vgl. dazu Abschnitt 4.3.3. Ist die kosovarische Gesellschaftsordnung tatsächlich so patriarchalisch, wie es nicht nur Tod eines Engels, sondern ein scheinbar so umsichtig geschriebenes Buch wie Die gefrorene Zeit nahelegt? Schließlich schreibt Maria Todorova in ihrer Replik zu Sundhaussens Einwänden gegen Die Erfindung des Balkans, dass die patriarchalischen Strukturen auf dem Balkan zeitlich und räumlich begrenzt gewesen seien.*Todorova 2002, S. 485. Vgl. dazu auch das Abschnitt 2.2.4, S. 40–45. Ist diese Äußerung auch auf den Kosovo und seine Bewohner beziehbar? Andererseits wäre es falsch verstandener Multikulturalismus, würde man derart archaische und misogyne Verhältnisse – sollten sie denn der Fall sein – nicht als solche benennen und offenlegen (wenn auch in einem fiktionalen Kontext, wie es beim Roman der Fall ist).*Eine ähnliche Argumentation vertritt der slowenischstämmige Philosoph Slavoj Žižek in Bezug auf den 2014 aufgedeckten Missbrauchsskandal in Rotherham, in dem mehrheitlich weiße Frauen von pakistanischen Tätern missbraucht worden sind. Vgl. ders.: Grenzen des Multikulturalismus, DIE ZEIT 37 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/37/ideologie-multikulturalismus-rotherham (Stand: 08.12.2015). Es fällt mir in diesem Fall schwer, eine abschließende Beurteilung der kosovarischen Verhältnisse für Frauen zu leisten, da es zu dem Thema kaum Forschungsliteratur gibt.*Die im Jahre 2009 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität vorgelegte Dissertation von Sabri Kiçmari bietet dennoch einigen Aufschluss über dieses größtenteils noch unerforschte Thema. Vgl. ebd.: Individuum und Gesellschaft im Kosovo. Dissertation, Köln 2009, im Folgenden abgekürzt: Kiçmari 2009. Auch in der allgemeiner gehaltenen Arbeit über Frauen und Militarismus von Rosi Krenn findet sich die Lage im Kosovo als Fallbeispiel. Vgl. Krenn 2003, S. 91 f. , S. 123 f. Sie kommt im Übrigen zum Schluss, dass diese wie auch andere Kriege patriarchale Verhältnisse eher bestärken. Vgl. ebd., S. 125 f. Diese legt allerdings durchaus nahe, dass die patriarchalische Gesellschaftsordnung auch heute noch ein großes Problem im Kosovo darstellt.*Vgl. hierzu insbesondere folgende Kapitel von Kiçmari 2009: 4.2 Die kosovarische Familie als Grund-element der kosovarischen Gesellschaft, S. 134–137, 4.4 Ehe, S. 147–157, 7.4 Geschlechtsspezifische Ungleichheiten, S. 291–296.
Falsch verstandener Multikulturalismus? Juli Zeh und Norbert Gstrein
Ein Beispiel dafür, die multikulturalistische Perspektive auf ein Land zu bevorzugen und dabei mögliche Problematiken zu verschleiern, ist Juli Zehs Die Stille ist ein Geräusch. Die Autorin wird ob ihrer vorgeblich naiven Vorgehensweise in ihrem Reisebericht nicht nur von Kollegen wie Norbert Gstrein kritisiert,*Vgl. dazu den Eingang des 3. Kapitels, S. 58 f. sondern auch in Rezensionen. So heißt es in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
Sicher hat die Autorin ein Recht auf ihren Standpunkt, auch wenn es der gerade moderne borniert stereotype „Pazifismus“ ist. […]
Juli Zehs Gestus einer energischen Unvoreingenommenheit oder Unparteilichkeit ist schwer zu ertragen, nicht zuletzt, weil er so forsch daherkommt und so leicht zu durchschauen ist. Kriege werden gewöhnlich von jemandem begonnen, und ein anderer verliert dabei. Auch für den Krieg in Bosnien-Hercegovina gab es Verantwortliche, und es gab Opfer und Verlierer, ob Juli Zeh sie nun nennen möchte oder nicht.*Frankfurter Allgemeine Zeitung: Nicht ohne meinen Hund, 14.09.2002, S. 40. Ebenfalls abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-nicht-ohne-meinen-hund-1259587-p2.html (Stand: 23.12.2016).
Dieser, aus dem Albanischen übersetzte Artikel, deutet den Begriff des Stereotyps um: Hier ist es gerade die Unentschiedenheit, einen Kriegsverantwortlichen zu benennen, die für den oder die (in der Onlineversion unbenannte/n) Verfasser/in der Kritik die Geschehnisse in Bosnien verharmlost. Zehs Pazifismus und die Furcht davor, klar Stellung zu beziehen und fundierter zu recherchieren, sind schlimmer als eindeutige Stellungnahmen, die womöglich die Kriegsursache zu einseitig benennen.
Bei dieser Rezension gilt sicherlich die generelle Stellung der FAZ während der postjugoslawischen Kriege zu beachten, die Peter Handke auch wiederholt kritisierte. Zudem ist die fehlende Nennung des/der offensichtlich kosovarischen oder albanischen Autors/Autorin des Artikels perfide und uneindeutig: Der Übersetzer, Joachim Röhm, ist wiederum sehr eindeutig benannt. Es drängt sich ein wenig der Verdacht auf, dass durch diese Übersetzung und dem Verweis auf die Herkunft des Autors aus dem Krisengebiet eine zusätzliche Legitimation der Kritik geschaffen werden soll.
Auch in der Forschung finden sich viele kritische Stimmen zu Juli Zehs Reisebericht. Elena Messner drückt Unsicherheit darüber aus, ob die konsequente Fokussierung auf die Oberfläche der bosnischen Lebensrealität als Konterpunkt gegen die journalistische Berichterstattung funktioniert.*Vgl. Messner 2011, S. 112, S. 116. Daniela Finzi beschäftigt sich in ihrer Dissertation sehr ausführlich mit dem immanenten Balkanismus in Die Stille ist ein Geräusch. Berechtigterweise merkt sie an, dass Zeh selbst vor Stereotypen nicht zurückschreckt, wenn es darum geht, die amerikanische Kriegsberichterstattung zu diffamieren und europäische Vertreterinnen und Vertreter zu charakterisieren.*Vgl. Finzi 2013, S. 205 f. Dies gebe, laut Finzi,
Anlass zu der Vermutung, dass der Text nicht nur auf dem Vorsatz des Nicht-Exotisierens, sondern zudem auf einer in literarischen Belangen doch wiederum völlig deplatzierten „positiven Diskriminierung“*Ebd., S. 206.
basiere. Dies könne als „Balkanismus mit umgekehrten Vorzeichen“*Ebd. Den gleichen Wortlaut verwendet sie übrigens zur Bewertung von Handkes Abschied des Träu-mers vom Neunten Land, vgl. S. 156. gedeutet werden, da somit das Leiden der Opfer literarisch marginalisiert werden würde. Es ist offensichtlich: Die Kritik Finzis geht in eine ähnliche Richtung wie die des/der namenlosen Autors/Autorin der FAZ.
Es ist eine Stoßrichtung, die Forschende in ihrer Kritik an der Darstellungsweise der Kriege in der Literatur gerne einschlagen. Auch in Susanne Düwells Besprechung von Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens klingt der Vorwurf an, bei dem Versuch Stereotype zu umschiffen den Konflikt durch eine zu oberflächliche Darstellung zu nivellieren.*Düwell 2006, S. 108.
Kalinski wiederum behauptet, dass hier die Stereotype bewusst eingesetzt würden, um in den Charakteren „Europa“ und „den Balkan“ zu personifizieren. So stellt der Kriegsherr Slavko genau den Typus des gewalttätigen Balkan-Machos dar, den man im Sinne des Balkanismus kritisieren könnte. In dieser Lesart drückt Slavko dem angeblich so zivilisierten Europäer Allmayer ein Gewehr in die Hand, um die Konfrontation mit diesem innersten Bedürfnis des Menschen – nämlich zu töten, herauszufordern.*Vgl. Kalinski 2008, S. 241. Slavko als universellen Menschentypus zu lesen – ähnlich wie es Kalinski zuvor bei Allmayer und Paul hinsichtlich ihrer Haltung zum Balkan macht*Vgl. ebd., S. 241., erscheint mir eine Überinterpretation zu sein, die auch für das Konzept des Romans selbst wenig schmeichelhaft ausfallen würde: Bedeutete dies doch, dass der Balkan auch in Das Handwerk des Tötens einzig modellhaft für das Grausame der Menschheit stehen würde. Insofern wäre dies weniger ein Spiel mit Auto- und Heterostereotypen der Region,*Ebd. wie es Kalinski in ihrem Aufsatz nennt, als die stumpfe Reproduktion von Balkanismen selbst. Ein endgültiges Urteil will ich an dieser Stelle nicht fällen, aber ich neige dazu skeptisch zu sein, inwieweit ein solches Spiel an dieser Stelle intendiert ist, obgleich der Autor äußerst komplexe und anspielungsreiche Romane zu schaffen vermag. Mehrdeutig ist es zumindest auf Rezeptionsseite zweifelsohne.
Allerdings klären diese wissenschaftlichen Exkurse kaum, wie eine „richtige“ Darstellung dieses Krieges aussehen soll, wenn sie einerseits Stereotypenvermeidung versuchen und andererseits klar Stellung beziehen soll. Gerade im Falle Gstreins ist dieser Punkt umstritten: Wolfgang Müller-Funk geht sogar eher davon aus, dass Gstrein gerade in Das Handwerk des Tötens die „fatalen Strategien des exotischen Narrativs“*Müller-Funk 2008, S. 9. in Genres wie Reiseberichten und Kriegsreportagen offenlege. Finzi zeigt sich dabei vor allem von Anna Kims Vorgehensweise überzeugt,*Vgl. Finzi 2013, S. 281. doch haben meine Überlegungen in diesem Abschnitt gezeigt, dass es selbst bei diesem Roman schwierig ist, mögliche Stereotype und die tatsächliche gesellschaftliche Realität voneinander zu trennen.
Juli Zehs Reisebericht sollte meines Erachtens als Versuch gewertet werden, in dem von Peter Handke bislang nahezu im Alleingang behandelten Thema eine andere Vorgehensweise zu etablieren, die eben gerade nicht polemisch Partei für jemanden ergreift. Zu Beginn der Reise werden von der Erzählerin in einem ironischen Modus all die Dinge aufgezählt, die sie in Bosnien zu erwarten hat: „Landminen, Serben, Nächte[.] i[m] Freien, unbekannte[.] Krankheiten, Diebstahl der Dokumente, Tod und Teufel.“ (SG, S. 12) Diese Erwartungshaltung wird schon bei der Ankunft partiell aufgehoben (vgl. SG, S. 13) und die Vorstellungen von Bosnien und Kroatien während der Reise immer wieder aktualisiert und revidiert. In Zagreb lebten „unvorstellbar[erweise] normale Menschen“ (SG, S. 16), in Mostar sei es so wie überall (SG, S. 51 f.) und selbst Srbrenica würde vermutlich normal wirken, wüsste man nicht, was in der Stadt geschehen sei (SG, S. 233). Die Natur wird zum Symbol für ihre falschen Vorstellungen:
Was ich auf den ersten Blick für garstige Brennnesseln gehalten habe, stellt sich als duftende Minze heraus. Ich entschuldige mich bei Gras und Pflanzenbüschen und überhaupt bei allem: Es ist halt mein erster Tag. (SG, S. 28)
Ähnlich wie Peter Handke verändert Juli Zeh auf diese ersten Erlebnisse hin ihren Blickwinkel und gibt eher die Alltagsbeobachtungen wieder, ohne das Vorhandensein von Ruinen, Zerstörung und Tod dabei komplett auszuklammern.*Vgl. Abschnitt 4.3.3, S. 188–195, dieser Arbeit. Dabei werden wie bei Handkes Verfahrensweise bei dem Versuch negative Stereotype zu vermeiden,*Diese Ausklammerung betreibt die Erzählerin freilich nicht immer, etwa wenn sie von unangenehmen Erfahrungen mit einem serbischen Hotelbesitzer berichtet (vgl. SG, S. 208). Aber hier wird das Geschehen deutlich als außergewöhnlich markiert, wenn sie schreibt, dass dadurch alte Vorurteile wieder erwachen würden (ebd.). Auch das Bild eines Esels in Tuzla wird als ein typisches beschrieben, das Menschen von Bosnien erwarteten (SG, S. 238). teilweise positive bestärkt. Der Topos vom Balkan als Schmelztiegel der Kulturen wie die romantische Lesart, die auch Maria Todorova in ihrem Buch vorgestellt hat,*Vgl. Abschnitt 2.2.3, S. 37–40. finden sich in Äußerungen wieder, wenn die Erzählerin etwa Sarajevo als „Schnittpunkt europäischer Kulturen, die Grenze zwischen Morgen- und Abendland“ (SG, S. 67) bezeichnet. Immerhin bietet die Erzählerin über die Personen, die sie unterwegs trifft, viele mögliche Erklärungen für die Ursachen des Krieges an: Es sei mehr ein Krieg zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung gewesen als dass er aus Völkerhass entstanden sei (SG, S. 31 f., vgl. auch SG, S. 152 f.) oder auch ein Krieg, der zwischen den Polen des Materialismus und der Ideen verlaufen wäre (SG, S. 144). Auch wenn diese Erklärungen, wie es der Kritiker im oberen Abschnitt formuliert, eine gewisse Unentschiedenheit ausdrücken, wenden sie sich meines Erachtens deutlich gegen eine Lesart der Auseinandersetzung als religiös motivierte – eine Argumentation, die in ähnlicher Weise auch Calic vertritt.*Sie schreibt dazu, dass Kirchen im Osmanischen Reich die Rolle von Interessenvertretungen übernommen hätten, sich aber im Zuge der Säkularisierung der Gesellschaft ein ursprünglich religiös motiviertes Gruppenzugehörigkeitsgefühl gänzlich in ein politisches verwandelt hätte. Siehe Calic 1996, S. 27 f. Im Allgemeinen könnte man sagen, dass Zehs scheinbar naiv am Anfang des Buchs formulierte Fragen*SG, S. 67, vgl. auch Abschnitt 4.3.3. auf das Selbstverständnis der Schriftstellerin rekurrieren: nämlich eine andere, originellere Beschreibung der Wirklichkeit zu liefern, die so gerade von journalistischer Seite nicht geleistet wird. Dies merkt man an den Ausschnitten, die sie für ihre Beschreibung von Bosnien wählt – etwa, wenn sie von dem „Männer-auf-Plastikstühlen-Syndrom“ (SG, S. 179) spricht, das stellvertretend für die hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektive nach dem Krieg steht. Letztendlich muss sie feststellen: Krieg und Frieden sind sich auf den ersten Blick ähnlich (vgl. SG, S. 263), das heißt, allein aus der reinen Augenzeugenschaft sind nicht unbedingt weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Sie reagiert mit ihrer zurückhaltenden Schilderung des Landes und seiner Bevölkerung gerade auf den Literaturstreit um Handke, den die Wissenschaft und der Journalismus gleichermaßen mitgestaltet haben. Deren Postulate versucht Juli Zeh in ihrem Reisebericht umzusetzen – ob unbewusst oder bewusst sei dahingestellt. Dass Zeh ihren Reisebericht auch politischer hätte anlegen können und ihre Unvoreingenommenheit ein literarisches Verfahren ist, zeigt ihre 2011 erschienene Dissertation, die sich mit dem Übergangsrecht im Kosovo auseinandersetzt. Dies weist die Autorin spätestens ab dieser Publikation als Kennerin der Region aus.*Vgl. Juli Zeh: Das Übergangsrecht. Zur Rechtsetzungstätigkeit von Übergangsverwaltungen am Beispiel von UNMIK im Kosovo und dem OHR in Bosnien-Herzegowina, Baden-Baden 2011 (Saarbrücker Studien zum Internationalen Recht, 48).
Dass diese Darstellungsweise in den Augen derselben Kritikerinnen und Kritiker nicht gelungen zu sein scheint, ist offensichtlich an den Reaktionen zu erkennen. Insofern bleibt die implizite Forderung der Wissenschaft nach einer adäquaten Darstellungsweise der postjugoslawischen Kriege immer noch in den literarischen Erzeugnissen unbeantwortet.
Der Balkan als Laterna Magica
Häufig sind es aber nicht derlei offen zutage tretende Stellen in den Romanen, die ein bestimmtes Bild der Region transportieren. Es sind vielmehr einzelne Szenen oder Beschreibungen, die althergebrachte Vorstellungen aufgreifen und unkritisch wiedergeben. Der Text benennt dabei gewisse Stereotype nicht explizit, aber er reproduziert sie im Verlauf der Geschichte implizit durch die gewählte Darstellung. Ein Beispiel für ein solches implizites Auftreten von Balkanismus liefert etwa Das Blutbuchenfest. Hier werden die serbisch-orthodoxen Kirchen auf der Reise des Erzählers immer mit einer martialischen Note versehen, auch im Vergleich zur Schilderung von katholischen oder muslimischen Gotteshäusern:
Am Ortseingang waren wir schon an einer schönen Moschee vorbeigekommen, mit der Schildkrötenpanzer-Kuppel in hellgrün gestrichenem Blech und den bunten Glasscheiben der Fenster. Ein Stück weiter kam das orthodoxe Kirchlein der Serben, die Fenster bloße Schießscharten, die kleine Kuppel war gleichsam halslos in das Kirchenschiff gedrückt, die Farbe der Fassade blätterte dick wie Baumrinde ab, unordentliches Mauerwerk und viel gelber Sand wurden sichtbar.
Und nun standen wir vor der römisch-katholischen Kirche in kolonialer Neugotik wie für die elektrische Eisenbahn […]. (BBF, S. 307)
Es scheint hier in der Beschreibung eine Art Hierarchisierung vorzuliegen: Am besten kommt die Moschee weg, die katholische Kirche wird offensichtlich als nicht besonders anziehend empfunden, aber nicht explizit negativ geschildert. Die serbisch-orthodoxe Gemeinde besitzt Fenster wie „Schießscharten“ und auch die restliche Beschreibung lässt das Gebäude ungepflegt und misslungen wirken. Auch an einer weiteren Stelle im Roman werden ähnliche kriegerische Bilder für die Beschreibung der orthodoxen Kirche bemüht (vgl. BBF, S. 343). Da sich der Erzähler, wie oben erwähnt, an weiteren Stellen einer satirischen Darstellungsweise bedient, kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Beschreibung der Kirche lediglich die Lesererwartung ironisch aufgreift – da aber ansonsten Serben kaum eine Rolle spielen, kann dies letztlich nicht argumentativ bestätigt werden. Gerade das Beispiel Martin Mosebachs zeigt aber, wie unklar die Grenzen zwischen der Satire als Verfahren und tatsächlichem Balkanismus innerhalb einzelner Werke sein kann, wie unten noch dargestellt wird.*Vgl. den folgenden Abschnitt 4.4.4, S. 217–220.
Es sind damit auch die Bücher, die sonst bewusst mit dem Problem des Balkanismus umgehen, die einzelne Stellen aufweisen, welche die Alterität der Region eher belegen als widerlegen. Marica Bodrožićs Mein weißer Frieden bezeichnet den Balkan als „Europas mentale Laterna Magica“ (MWF, S. 149). Die vorhergehende kritische Beurteilung von Balkanismen, die in dem Text so explizit zu finden ist, dass davon ausgegangen werden kann, dass die Autorin die gängige Fachliteratur dazu kennt (vgl. u. a. MWF, S. 41 f., S. 147 f.), wird dabei durch eine Subjektivierung dieser „Laterna magica“ gebrochen. Bodrožić überlegt im Folgenden, ob der Balkan nicht schon in Wien anfängt:
Denn schon in Wien wird die Wirklichkeit synästhetischer, teilt sich mir mehrdimensionaler mit, die Farben beginnen kraftvoller zu klingen als anderswo, und auch der Kaffee schmeckt, wie ein Kaffee schmecken soll. (MWF, S. 149)
Diese Darstellung des Balkans wirkt, zumindest in Teilen, exotisierend, und zeigt, wie die Vorstellungen der Region sich auch auf die sonst kritisch urteilende Erzählinstanz niederschlägt, die kurz darauf wieder von einem poetischen in einen politischen Modus wechselt und damit ihre romantisierten Bilder selbst zerschlägt:
Genau dieses saubere Westeuropa, das sich in einem Zustand von Sicherheit und Sattheit seit über fünfzig Jahren befindet, hat Jugoslawien und seine Völker über Jahrzehnte hinweg sich selbst überlassen. (MWF, S. 149 f.)
Dennoch sind Stereotype und Vorurteile, die zu Rassismus führen können, etwas, das in allen Ländern und in allen Gruppen vorkommt. Eine Theorie formuliert hierzu eine Figur in Old Danube House von Walter Grond. Dieser stellt fest, dass der Rassismus gegenüber dem Südosten in nahezu allen Ländern Verbreitung fände (ODH, S. 198). Eine solche Erkenntnis schließt nahtlos an Todorovas und Bakić-Haydens Beobachtung an, dass der Balkan selbst in den Ländern, die üblicherweise als „Balkan“ in einer Außenperspektive identifiziert werden, ebenfalls als etwas Äußeres betrachtet wurde – getreu nach dem Motto: „Der Balkan sind nicht wir, sondern unsere Nachbarn.“*Vgl. Unterkapitel 2.2, S. 21–57, dieser Arbeit, Todorova 2009, S. 53 und Bakić-Hayden 1995, S. 924 und dies. 1992, S. 8. Ein Beispiel für das Ausgrenzen des Balkans durch vermeintlich „mitteleuropäische Länder“ findet sich bei Marica Bodrožić. Sie kritisiert die Haltung Joachim Gaucks, der in der Weihnachtsansprache 2012 von dem „seit über 60 Jahren in Europa“*Die Rede ist abrufbar unter: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2012/12/121225-Weihnachtsansprache.html (Stand: 23.12.2016). herrschendem Frieden spricht:
Wo liegt Sarajevo? Wo liegt Srbrenica? Wo liegt Dubrovnik? Wo liegt Belgrad? Konnte man Sarajevo sich selbst überlassen und Belgrad bombardieren, weil sie unbewusst eben nicht zu Europa gezählt wurden? […] Nirgendwo lässt sich besser zeigen, wie das Unbewusste Europas funktioniert. (MWF, S. 233 f.)
Das Bedürfnis nach Alterität wird also zumindest in den hier behandelten Büchern als eines dargestellt, das sowohl die Länder haben, die Opfer dieser negativen Alterität und damit Opfer des Balkanismus werden als auch die, die außerhalb dieser Region liegen.
Satire als Verfahren zum Umgang mit Stereotypen
„In Serbien würde man um diese Tageszeit auf den Tee verzichten und sich auf Slibowitz und Speck beschränken.“ „Ich dachte, das mit dem Slibowitz wäre ein Klischee?“ „Ist es auch, aber davon lebt man, als Autor von Romanen ebenso wie als Verfasser von Reiseführern.“ (SB, S. 38)
Ein völlig anderes Verfahren wendet Andreas P. Pittlers Kriminalgeschichte Serbische Bohnen sowie Richard Schuberths Theaterstück Freitag in Sarajevo im Umgang mit Stereotypen an: Sie verwenden die Satire, um diese zu entlarven und zu demontieren.*Anklänge an einen satirischen Umgang mit Balkanismus kann man auch in Das Blutbuchenfest von Martin Mosebach erkennen, etwa, wenn der tatsächlich als Macho auftretende, aus Montenegro stammende Tomislaw von seinem Protegée Rotzoff mit seiner Herkunft aufgezogen wird und dieser die darüber herrschenden Stereotype in einem ironischen Schlagabtausch bekräftigt (vgl. BBF, S. 174 f.). Beide arbeiten dabei von (fast) allen Seiten mit bewusst einfach konstruierten Figuren, die in Schuberths Fall sogar Äquivalente in der Realität haben. Es gibt die aus den Westen eingeflogenen „Weltverbesserer“ Hanuman Knülch und Fiona Freitag, die einem romantisch verbrämten Multikulturalismus anhängen, der jedoch auch impliziert, dass sich die verschiedenen Ethnien über äußere Merkmale unterscheiden. So wünscht sich Knülch unverblümt die Trachten zurück (und trägt selbst solche), um muslimisch und serbisch voneinander unterscheiden zu können (FIS, S. 49 f.). Das Stereotyp des gewalttätigen serbischen Generals (vgl. FIS, S. 8), der wegen Kleinigkeiten fast Amok läuft, findet sich ebenso wie das des saudi-arabischen Söldners, der beleidigt ist, weil seine Seite aus materiellen und nicht aus ideellen Gründen plündern würde (FIS, S. 23). Durch diese typologische Vereinfachung werden Seitenhiebe in alle Richtungen verteilt; die einzige, psychologisch raffinierter gebaute Figur ist der bosnische Schauspieler Tahir, der in seinen Kommentaren eine ernsthaft formulierte Kritik an der Idee von Europa gegenüber dem französischen Philosophen Léaud (gemeint ist Lévy) vorbringt:
[…] [S]o seid ihr Renegaten bestens geeignet, die Identität des freien Europa gegen die anderen Untermenschen zu behaupten. Nein, Jean-Pierre, du verteidigst nicht die Menschen von Sarajevo. Du verteidigst jene Idee, mit der die Teilnahme am großen Fressen geregelt wird. Du verteidigst Europa. Diese Farce ist nur ein Probelauf, Sarajevo das Sinnbild für das von unnützen Essern belagerte Europa. (FIS, S. 43)
Diese Idee erinnert zum einen an das von Handke in Abschied des Träumers vom Neunten Land formulierte „Gespenstergerede von einem Mitteleuropa“ (AT, S. 29)*Vgl. auch Abschnitt 3.4.1, S. 139 f., das besagt, dass nicht nur der Balkan als solcher, sondern auch die Idee von „Europa“, insbesondere von Mitteleuropa, konstruiert ist. Zum anderen ähnelt es Todorovas Feststellung, dass die Idee auf dem Balkan weit verbreitet sei, als eine Art „Pufferzone“ gegen die muslimischen Länder zu dienen.*Vgl. Abschnitt 2.2.3, S. 37–40, sowie Todorova 2009, S. 59. Tahir formuliert ebenso die Kritik, dass das Eingreifen anderer Länder das Blutvergießen gerade in Bosnien forciert habe, da die Region immer eine Art „Spielball“ der westlichen Mächte gewesen sei (vgl. FIS, S. 44 f.).*Dieser Vorwurf wird in der wissenschaftlichen Sekundärliteratur differenzierter gesehen. Zum einen sagt etwa Calic, dass die Region wirtschaftlich zumindest bei den postjugoslawischen Kriegen bereits zu unwichtig gewesen sei, um ernsthaft dem Kräftemessen unterschiedlicher Länder zu dienen (dies. 1996, S. 163), zum anderen habe es aber sehr wohl unterschiedliche Sympathien für die neugegründeten Ländern gegeben, die für Lagerbildung und zum Teil auch für politische Instrumentalisierung gesorgt habe (ebd., S. 224, 233). Allerdings muss bei dieser Darstellung hinterfragt werden, ob der Balkan als Opfer fremder Mächte nicht ebenso eine Konstruktion und ein tradiertes Bild ist wie das Gegenteil, nämlich, dass der Balkan per se grausamer und kriegsbegeisterter wäre als andere Regionen dieser Welt.
In Serbische Bohnen werden ebenfalls alle Figuren stark überzeichnet. Dies gilt sowohl für die Hauptfiguren, einem britischen Ermittler in Wien und einer lesbischen femme fatale, als auch für die Verdächtigen, die allesamt aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen und von denen einer mutmaßlich einen jugoslawischen Schriftsteller entführt hat. Das Klischee des brutalen Jugoslawen wird ebenso ausgereizt (vgl. SB, S. 45) wie das des bombenlegenden Moslems (vgl. SB, S. 46). Doch ähnlich wie in Freitag in Sarajevo werden die Figuren so überzogen dargestellt, dass die satirische Absicht dahinter deutlich wird. Als Beispiel kann folgende Textpassage dienen, als der Ermittler Henry Drake sich mit einem kroatischen Verdächtigen unterhält:
Immerhin aber erfuhr er, daß Pantelić den Ustaša-Führer Ante Pavelić für die größte historische Figur dieses Jahrhunderts hielt, mit der sich gerade noch Papst Johannes Paul II. messen könne, daß der unabhängige Staat Kroatien das perfekte Gemeinwesen dargestellt hatte, daß im Konzentrationslager Jesenovac, wo übrigens kein Mensch systematisch umgebracht worden sei, nur Bolschewiken und andere Verbrecher gesessen seien, daß die Ustaša-Bewegung die katholische Speerspitze im Kampf um ein freies und christliches Europa gewesen sei, und schließlich, daß Tuđman nach einigen Jugendsünden endlich seine wahre Mission erkannt habe. Drake atmete bei dem Gedanken, ähnlich verworrene Hirngespinste auch von den anderen beiden Herrn, dem Serben und dem Mullah, hören zu müssen, gequält durch. (SB, S. 51)
Tatsächlich wird in den darauffolgenden Seiten die letzte Vermutung eingelöst – nämlich, dass die Muslime ähnlich dargestellt werden (vgl. SB, S. 72 ff.). Durch diesen Kunstgriff gelingt es dem Autor, die Kriegsschuld zumindest indirekt auf alle Beteiligten zu verteilen – niemand ist gut, aber niemand ist auch das Böse schlechthin. Das zeigt sich auch an der Darstellung der Serben in der Geschichte: Gerade der ehemalige jugoslawische Geheimdienstagent Stanimir Delić wird eher als smarter Unterweltboss im Stile von Filmen wie Der Pate gezeichnet denn in der brutaleren Rolle, die normalerweise gerade den Serben in derartigen Genregeschichten zufällt. Allerdings gilt auch in Serbische Bohnen: Am Ende ist es ein Serbe, der die Entführung des Schriftstellers inszeniert hat, um an den Rechten an seinen Büchern Geld zu verdienen.
Gerade aber das Beispiel Martin Mosebachs führt hier vor, dass die Grenzen zwischen Satire und implizitem Balkanismus bisweilen gerade in der Figurenzeichnung verschwimmen können. Die Figuren in Das Blutbuchenfest erscheinen zum Teil mehr wie Typen – gerade bei der Hauptfigur Ivana ist dies problematisch. Wo Mosebachs Erzählverfahren des Ich-Erzählers mit Nullfokalisierung sonst auch gelingen mag – hier erscheint diese Erzählperspektive unzureichend begründet. Es ist schwerlich möglich sich in das Innenleben einer Person hineinzuversetzen, die direkt vom Krieg betroffen ist. Neben Mosebach haben sich daher auch andere Autorinnen und Autoren für eine vermittelte Erzählperspektive entschieden. Die Vermitteltheit der Situation wird gerade durch die telefonische Verbindung zwischen Ivana und deren Familie bei Ausbruch des Krieges symbolisiert, dennoch erhält selbst diese Szene durch die Ironisierung der restlichen, in dem Roman vorkommenden Figuren einen Beigeschmack, der schwer bestimm- und fassbar, aber dennoch vorhanden ist. Die Entscheidung darüber, ob Mosebach durch die Wahl seiner erzählerischen Mittel tatsächlich das Schicksal seiner Hauptfigur verharmlost, liegt letztendlich bei den Lesenden, es muss jedoch an dieser Stelle zumindest angemerkt werden, dass das Gefahrenpotential des Missverständnisses durchaus vorhanden ist, da sich die Frage stellt, ob es sich hierbei noch um Satire handelt oder um eine allzu platte Darstellung der Kriegsproblematik. Die stärkere Differenzierung bei den unterschiedlichen satirischen Mitteln bleibt somit ein spannendes Forschungsfeld.
Schlussfolgerungen
In diesem Kapitel ging es analog zum Abschnitt über Handke darum, einen umfassenden Überblick über die Darstellung der postjugoslawischen Kriege in deutschsprachiger Literatur zu geben sowie auch deren Rezeptionsebene umfassend zu berücksichtigen. Auffallend ist bei der journalistischen Betrachtung, dass gerade die bekannteren Autorinnen und Autoren wie Norbert Gstrein, Juli Zeh und Saša Stanišić kritischer besprochen werden als unbekanntere wie Otmar Jenner, wobei das mediale Echo bei ersteren sehr viel größer ist. Vor allem die Kontroverse um Gstreins Das Handwerk des Tötens, in dem Anklänge an den Tod des Journalisten Gabriel Grüner zu finden sind, weitet sich zu einem Literaturstreit aus, der zwar nicht die Ausmaße der Debatte um Handke erreicht, aber dennoch große Tragweite besitzt. Marica Bodrožićs Reisebericht Mein weißer Frieden ist von den neueren Texten derjenige, der am positivsten besprochen wird; Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest erhält hingegen ein gemischtes Presseecho. Zu der wissenschaftlichen Diskussion lässt sich konstatieren, dass diese ebenfalls weniger heftig verläuft als noch bei Handke und der Fokus von Anfang an mehr auf die Motive, die Intertextualität und die literarischen Strategien der besprochenen Werke gelegt wird. Die wissenschaftliche Rezeption beginnt zudem erst später – dies hat nicht nur mit dem Erscheinen der meisten Texte um die Jahrtausendwende zu tun, sondern auch damit, dass die Forschenden lange Zeit auf Peter Handke konzentriert waren und sich die Debatte erst in den letzten Jahren geöffnet hat.
Was die thematische und motivische Ausgestaltung der Texte betrifft, habe ich mich in meiner Untersuchung vor allem auf die Zeitdarstellung, die Politisierung des Privaten, die Zeitungskritik und die Raumbewegungen in den Texten verbunden mit der Identitätsproblematik konzentriert. Um jedoch nicht neuere Entwicklungen grundsätzlich auszugrenzen, wurden den zwei neuesten Büchern über die postjugoslawischen Kriege ein eigener Unterabschnitt gewidmet. Der Gedächtnisdiskurs, der im deutschsprachigen Raum im theoretischen Bereich vor allem von Aleida Assmann vertreten wird, schlägt sich auch in den literarischen Texten nieder: Es fällt auf, dass in vielen Büchern das Vergessen dieser Kriege durch die Verschriftlichung von Erinnerung im Zentrum der Handlungen steht. Die Sammelwut von scheinbar „objektiven“ Fakten findet sich sowohl in Wie der Soldat das Grammofon repariert als auch in Die gefrorene Zeit. Letzterer Text ist ohnehin beispielhaft für diese Tendenz in der deutschsprachigen Literatur. Dabei fällt im Reisebericht Die Stille ist ein Geräusch auf, dass das Nicht-Erinnern literarisch inszeniert wird, etwa indem „typische“ Kriegsbilder absichtsvoll nicht geschildert werden, jedoch im Text durch Anspielungen indirekt zu finden sind. Mit der Verschriftlichung der Erinnerung sind es oftmals gerade die Frauenschicksale, die vor dem Vergessen bewahrt werden; diese Frauen stehen sowohl in Die Winter im Süden als auch in Das Blutbuchenfest als Protagonistinnen im Zentrum. Die Verletzung ihres Körper-Raumes im Sinne von Judith Butlers Terminologie findet exemplarisch in Ein Stück gebrannter Erde und Die Winter im Süden statt; der Krieg und seine Folgen dringen gar bis in das Unterbewusstsein der Protagonistinnen vor und steuern deren Handlungen und Entscheidungen. Ob es sich hierbei um eine berechtigte Gesellschaftskritik handelt oder mehr eine „Fest-Schreibung“ der Frauen in gängige Opferstereotype stattfindet, sei dahingestellt; wissenschaftliche Literatur lässt zumindest, was den Kosovo betrifft, erste Schlussfolgerung zu. Auch die Männer in den Texten sind vom Krieg gezeichnet und werden häufig als gebrochene Persönlichkeiten inszeniert – so geschieht es etwa in Yugoslavian Gigolo und Tod eines Engels. Die Erzählung der Ereignisse wird oftmals von Figuren übernommen, die nicht aus vom Krieg betroffenen Regionen stammen, sondern beruflich mit den Konflikten zu tun haben; insofern finden sich auch einige Kriegsreporterinnen und -reporter unter den fokussierten Charakteren. Auffällig dabei ist, dass durch diese narrative Konstruktion explizite Kritik an der Kriegsreportage in hohem Maße mit werkimmanentem Voyeurismus einhergeht wie etwa in Tod eines Engels und Sarajevo Safari. Auch hier finden sich Stereotype über die Menschen auf dem Balkan, etwa die Schurkenrolle der Serben. Nur zuweilen werden diese Stereotype ironisch oder satirisch gebrochen; dies ist im Theaterstück Freitag in Sarajevo der Fall oder aber im Krimi Serbische Bohnen. Erst allmählich erobern sich die Migrantinnen und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien in der deutschsprachigen Literatur ihren Raum. Sie tun dies nicht nur aufgrund ihres biografischen Hintergrunds (wie Saša Stanišić und Marica Bodrožić), sondern auch durch die sich allmählich umkehrenden Reisebewegungen in den Texten selbst. Während Juli Zeh noch wie eine Ethnografin nach Bosnien fährt, um zu sehen, ob dieser Ort nicht mit der Berichterstattung darüber verschwunden sei (SG, S 11) und sich damit sowohl in Kritiken als auch in wissenschaftlichen Texten mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, naive und romantisierende Vorstellungen vom Balkan zu bestärken, spiegeln sich in Stanišićs und Bodrožićs Texten Flucht- und Migrationserfahrungen, ein echter Balkan turn*Vgl. Previšić 2009a und Abschnitt 3.2.5, S. 88–95. also. Die Rückreise einige Jahre darauf, die sowohl in Wie der Soldat das Grammofon repariert als auch in Mein weißer Frieden geschildert wird, ist als eine Form der Identitätssuche zu bewerten.
Die neuesten Darstellungen der postjugoslawischen Kriege in deutschsprachiger Literatur zeigen sich zwiegespalten in ihrer Entwicklung: Während Marica Bodrožićs Mein weißer Frieden ausführlich auf den traditionellen Diskurs verweist, was sowohl thematisch, textstrukturell und motivisch geschieht, finden sich bei Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest neue Einflüsse: So hält die globale wirtschaftliche Situation und das immer stärkere Wohlstandsgefälle zwischen einzelnen Ländern deutlich Einzug in die Konstruktion der Handlung. Alterität wird am scheinbar grundlosen Hass zwischen den Mestrovics und deren muslimischen Nachbarn demonstriert, und schließt damit an einen Diskurs an, wie man ihn auch in anderen deutschsprachigen Texten findet. Zudem lässt sich argumentieren, dass in der asymmetrischen Differenz zwischen der Frankfurter Oberschicht und dem sich aus jugoslawischen Immigranten rekrutierenden Prekariat ein ähnliches West-/Ostgefälle dargestellt wird, wie es auch schon bei Peter Handke aufgetreten ist. Der ökonomische Aspekt dieses Ungleichgewichts wird jedoch in diesem Roman Mosebachs in den Vordergrund gestellt – ein Aspekt, der bei Handke Mitte der 90er Jahre keine Rolle spielt. Auch die Erzählperspektive, so originell sie zunächst erscheinen mag, erinnert letztlich an die anderer Erzählperspektiven, die durch perspektivische Verschachtelungen (Das Handwerk des Tötens), erzählerische Brüche (Wie der Soldat das Grammofon repariert) oder Vermitteltheit des Erzählens (Die gefrorene Zeit) die Konstruktion von jeglicher Narration durch die gewählte Form problematisieren. Wie oben*Vgl. Abschnitt 4.2.2, S. 167–172. erwähnt ist dies weniger eine originelle als eher eine konventionalisierte Methode das Darstellungsproblem auch in der Erzählposition spürbar zu machen, wobei jedoch davon ausgegangen werden kann, dass derlei „Matruschka-Formationen“ letztlich auch dem realen Autor oder der realen Autorin von Nutzen sein mögen, da dieser sich durch die Uneindeutigkeit der Erzählposition auch von Kritikerinnen und Kritikern weniger eindeutig festlegen lassen kann und sich dadurch schützt. Dass dieses Schutzverfahren jedoch bisweilen allzu durchschaubar scheint und seinerseits wieder in Rezensionen bemängelt wird, ist spätestens im Falle Zehs deutlich geworden.*Vgl. Abschnitt 4.1.2, S. 156 f. Diese strukturelle Entwicklung in vielen deutschsprachigen Texten kann aber auch ungeachtet der Tatsache, dass erzählerische Stringenz generell in der Postmoderne abgenommen hat, als Reaktion auf die Kontroverse Handkes gelesen werden, der mit seinem offen zur Schau gestellten Subjektivismus sowohl als Autor als auch als Person eine deutliche Diskreditierung erfahren hat. So ist selbst in Texten Mosebachs, der auf andere Darstellungsweisen als die typischen des Handkeschen „Stammbaums“ (nach Moretti) setzt, der Einfluss desselben immer noch immanent präsent.
Die postjugoslawischen Kriege in schwedischsprachiger Literatur
Auf welche Weise die postjugoslawischen Kriege die schwedischsprachige Literatur beeinflussten, ist bis zu dieser Arbeit noch unerforscht gewesen. Dies mag vor allem daran liegen, dass trotz des Bestsellers Sista kulan sparar jag åt grannen*Fausta Marianović: Sista kulan sparar jag åt grannen, Stockholm 2008 [dtsch: „Die letzte Kugel hebe ich mir für den Nachbarn auf“; diese wie folgende Übersetzungen d. Verf. dieser Diss.], im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SKSJ. kaum ein weiteres schwedischsprachiges Buch eine derartige Breitenwirkung erzielen konnte. Kein weiteres der hier vorgestellten Texte kam bei einem großen Verlag wie Bonnier unter,*Eine Ausnahme bildet Mare Kandres Kurzgeschichtensammlung Hetta och vitt [dtsch: „Heiß und weiß“], die in der Originalausgabe 2001 bei Bonnier erschien. wie es bei Marianović der Fall war; stattdessen waren es kleinere und Kleinstverlage, die diesem Thema einen Platz einräumten. Eine weitere Auffälligkeit stellt die Tatsache dar, dass nahezu alle Autorinnen und Autoren*Auch hier stellt Mare Kandre die Ausnahme von der Regel dar. Der Thriller Över gränsen [dtsch.: „Über die Grenze“] ist von Tommy Rander geschrieben, der ebenfalls keinen Migrationshintergrund in den früheren jugoslawischen Ländern hat. einen biografischen Hintergrund in den früheren jugoslawischen Ländern haben, während das Thema bei schwedischsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ohne Migrationshintergrund scheinbar weitestgehend auf Desinteresse stößt. Dies könnte daran liegen, dass Schweden zwar in beträchtlichem Umfang Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten aufgenommen hat, was die große Migration aus den früheren jugoslawischen Ländern erklärt,*Vgl. zu den Zahlen und Fakten Abschnitt 2.1.3, S. 18 ff., dieser Arbeit. aber gleichzeitig nicht direkt in die Kriegshandlungen involviert war. Insofern gestaltete sich der öffentliche Diskurs anders als er es beispielsweise in Deutschland und Österreich tat – dies lässt sich auch an den Texten selbst ablesen, wie später noch zu klären sein wird.
Der häufige vorkommende Migrationshintergrund der Verfasserinnen und Verfasser hat zweierlei Effekte: zum einen, dass die Grenze zwischen fiktional und faktual verschwimmt, zum anderen, dass viele der Texte zwar auf Schwedisch publiziert werden, aber übersetzt wurden aus der jeweiligen Muttersprache der Verfasserinnen und Verfasser. Insofern treffen sie teilweise nicht die eigentliche Fragestellungen dieser Arbeit, die zwar mit einigen literarischen Reiseberichten selbst an der Grenze zwischen Fiktionalität und Faktualität operiert, aber dennoch einen Schwerpunkt auf die fiktionale Bearbeitung des Themas legt. Trotzdem sollen im Folgenden auch in aller Kürze Bücher vorgestellt werden, die dieses Kriterium nicht zur Gänze erfüllen. Ausgeklammert werden sollen dennoch die, deren Erstpublikation auf Englisch oder einer anderen Sprache geschehen ist, selbst wenn, wie im Falle Slavenka Drakulićs, die Schriftstellerin in Schweden lebt und dort aktiv publiziert.*Slavenka Drakulić spielte bereits an anderer Stelle dieser Arbeit (vgl. Abschnitt 3.2.3, S. 77–82) eine Rolle. Sie ist als in Kroatien geborene, in Schweden lebende, aber international publizierende Autorin und Journalistin in ihrer Tätigkeit nicht nur auf den medialen Diskurs in Schweden beschränkt. Allein ihr Wohnsitz würde allerdings noch nicht begründen, die englischsprachige, nicht-fiktionale Reisereportage The Balkan Express sowie ihren (ursprünglich kroatischsprachigen) Roman Als gäbe es mich nicht in den Textkorpus mit aufzunehmen. Vgl. dies. 1993 sowie dies.: Als gäbe es mich nicht, Berlin 1999. Die, deren Bücher übersetzt wurden, aber in Erstpublikation auf Schwedisch vorliegen, sollen zumindest am Rande erwähnt werden, ebenso wie solche, die aufgrund der autobiografischen Schilderung nicht mehr komplett in den Bereich der fiktionalen Literatur fallen. Konzentrieren wird sich dieses Kapitel jedoch auf ein „Kernbuch“: das bereits erwähnte Sista kulan sparar jag åt grannen von Fausta Marianović. Dieses ist in seiner Machart noch am ehesten mit deutschsprachigen Büchern vergleichbar. Ich werde an dieser Stelle meinen Fokus darauf legen, einen thematischen Überblick über die sich auf die postjugoslawischen Kriege beziehende schwedischsprachige Literatur zu geben. Folgende Fragen werden dabei vermehrt an die Texte gestellt:
Inwieweit ist der Text faktual oder fiktional? Welches narrative Verfahren ist damit verknüpft?
Wurde der Text im Schwedischen geschrieben oder ins Schwedische übersetzt?
Worum geht es inhaltlich?
Wie positioniert sich die Erzählinstanz zu den Kriegsereignissen und zur damals herrschenden Berichterstattung?
Welche motivischen Ähnlichkeiten gibt es zwischen den Texten?
Wie wurden die Texte in der Öffentlichkeit rezipiert?
Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der schwedisch- und deutschsprachigen Literatur?
Die ersten vier Fragen werden im folgenden Unterkapitel behandelt werden, für die fünfte bis siebte Frage sind jeweils eigene Unterkapitel vorgesehen. Ich hoffe damit eine Diskussion zur Behandlung der postjugoslawischen Kriege in schwedischsprachiger Literatur anstoßen zu können, wenngleich ich nicht denselben profunden Überblick geben kann wie es mir in der deutschsprachigen Literatur möglich ist. Auch die Frage des Balkanismus wird in diesem Kapitel eher am Rande behandelt; Grund dafür ist der biografische Zugriff vieler Autorinnen und Autoren auf die Geschehnisse. Dennoch wird dort, wo es notwendig erscheint, auf Tendenzen zur Stereotypisierung und Vereinfachung hingewiesen werden.
Überblick über die Literaturlandschaft
Fausta Marianovićs Sista kulan sparar jag åt grannen
Das zentrale Buch dieses Kapitels ist Fausta Marianovićs Roman Sista kulan sparar jag åt grannen, der von ihrer eigenen Biografie geprägt ist.*Die Einschätzung, dass es sich hier um einen zumindest in Teilen autobiografischen Roman handelt, wird in den zahlreichen Rezensionen zum Roman geteilt. Vgl. u. a. Dan Östberg: Fausta Marianovic vill inte vara hjälte, in: Fokus 50 (2008), abrufbar unter: http://www.fokus.se/2008/12/fausta-marianovic-vill-inte-vara-hjalte/ (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Östberg 2008. Trotzdem gilt es gerade bei diesem Roman die Ich-Erzählerin von der realen Autorin deutlich zu unterscheiden, da ich in Interviews keinerlei Hinweise darauf gefunden habe, dass sie sich selbst mit der Hauptperson gleichsetzt. Dieser Unterschied wurde in einigen Rezensionen übersehen oder der Roman wurde absichtlich in eine autobiografische Richtung interpretiert. Dabei muss gerade hier davon ausgegangen werden, dass die Gattungsbezeichnung „Roman“ als bewusster Marker gesetzt worden ist. Vgl. zur angenommenen Identifizierung der Hauptperson mit der Autorin: Mari Benktson: Sista kulan sparar jag åt grannen, Pax 5 (2008), im Folgenden abgekürzt: Benktson 2008 und Maria Hamberg: När Jugoslavien gick sönder, Flamman vom 30.10.2008, abrufbar unter: http://www.flamman.se/nar-jugoslavien-gick-sonder (Stand: 08.12.2015), im Folgenden abgekürzt: Hamberg 2008. Er behandelt das Schicksal einer bosnischen Frau während des Krieges, die durch ihr Desinteresse die Brisanz des aufkommenden Konflikts zunächst unterschätzt. Ihr ältester Sohn hat einen serbischen Vater, der jüngere einen bosnischen, sie selbst ist als halbe Kroatin und halbe Serbin ebenfalls nicht ethnisch zuordbar und kann mit dieser Art von Zuschreibungen wenig anfangen:
Ich weigere mich, irgendeinen Unterschied zwischen meinen zwei Kindern zu machen! Sie sind weder Muslime noch Christen! Ich habe sie erzogen und ich weiß, wie ich das gemacht habe. Sie sind weder getauft noch beschnitten. Sie haben nur diese gewöhnlichen jugoslawischen Namen, was ich jetzt bitter bereue. Sie haben bis jetzt nicht einmal gewusst, zwischen welchen Nationalitäten man sich entscheiden konnte. Ich will ihnen keine Bürde auferlegen, die nicht einmal ich getragen habe. Sie sind und sollen auch zukünftig frei von nationalen oder religiösen Gefühlen sein. Dazu stehe ich! (SKSJ, S. 22)*Eigene Übersetzung. Die Originaltexte sind im Anhang in der Reihenfolge des Erscheinens in der Arbeit zu finden.
Ihr muslimischer Mann dagegen radikalisiert sich zunehmend. Schließlich schafft sie ihre Söhne außer Landes, während sie selbst in ihrer bosnischen Kleinstadt bleibt, um ihre Kneipe weiter zu betreiben. Die Rettung der Söhne ist jedoch nur temporär: Ihr ältester Sohn Alexander wird eingezogen und landet in der kroatischen Armee. Die Erzählerin bricht auf, um ihn weg von der Front zu holen, was ihr allerdings erst gelingt, nachdem er verletzt einen Fronturlaub genehmigt bekommen hat. Es gelingt ihr zusammen mit ihren Söhnen nach Schweden zu fliehen und sich dort eine neue Existenz aufzubauen, die frei von historischen Belastungen ist.*Vgl. SKSJ, S. 288: „Sie [gemeint sind ihre Kinder, Anm. d. Verf. dieser Diss.] müssen nicht die Zukunft durch die Geschichte verstehen. Sie dürfen ganz normale Schweden werden, die sich nicht darum kümmern, wann oder warum Dinge passiert sind.“
Wie an den angeführten Zitaten bereits gut ersichtlich ist, ist die Erzählerin des Romans religiösen, ethnischen oder nationalen Identitätsvorstellungen gegenüber sehr skeptisch eingestellt, weil sie diese für Konstrukte hält. Eine beispielhafte Stelle ist dafür die Schilderung ihrer kleinen Schwester, die sich selbst aus einem Pragmatismus heraus als serbisch definiert, aber sich darüber im Klaren ist, dass diese Art von Nationaldenken aus Westeuropa kommt:
Westeuropäer legen heutzutage genauso viel Wert darauf, was für eine Nationalität man hat, wie sie es zu allen Zeiten getan haben. Polen nach Polen, Deutsche nach Deutschland, Serben nach Serbien, danach streben sie. (SKSJ, S. 257)
Mit dieser Analyse stimmt die kleine Schwester sowohl mit Calic als auch mit Anderson überein, der die Nationen als ein Konstrukt bewertete.*Vgl. Abschnitt 2.2.2, S. 30–37, und Abschnitt 2.2.3, S. 37–40. Diese Haltung der Erzählerin wird spätestens manifest, als im Anschluss daran der bislang unbekannte kroatische Halbbruder vorgestellt wird, den sie während des Krieges aufsucht. Dieser sieht der serbischen Halbschwester verblüffend ähnlich:
Obwohl meine serbische und orthodoxe Schwester meinem katholischen und kroatischen Bruder so unähnlich ist, gleichen sie sich doch wie die Hälften eines geteilten Apfels. Und davon wissen sie nichts. (SKSJ, S. 261)
Die Episode zeigt, wie selbst Verwandtschaftsverhältnisse und das offenbar ähnliche Aussehen nichts daran ändern, unterschiedlichen nationalen Identitäten zugeordnet zu werden – und das scheinbar willkürlich. Die Erzählerin selbst leidet während des Kriegs darunter, kann sie doch nicht einer Nation zugeordnet werden und hat daher, laut eigener Aussage, in keinem „Referenzsystem“ (SKSK, S. 166) ihren Platz. Zugleich nutzt sie dies, um sich Vorteile zu verschaffen – beispielsweise als sie ihre Wohnung als eine serbische auskleidet, um die Ausreise von einem serbischen Soldaten genehmigt zu erhalten (vgl. SKSJ, S. 153 f.). Insofern findet eine Umdeutung bei Marianović bezüglich des Themas Asyl, Identität und Heimat statt, die sich sonst selten in schwedisch- oder deutschsprachigen Büchern findet: In diesem Buch wird das Asyl tatsächlich als Rettung vor der Zuordnung von nationalen Identitäten empfunden (vgl. SKSJ, S. 286), auch wenn der Rassismus des neuen Landes ebenfalls geschildert wird: Die Söhne werden kurz nach der Ankunft in Schweden von einer Gruppe von ausländerfeindlichen Motorradfahrern zusammengeschlagen (vgl. SKSJ, S. 288). Auch der Heimatbegriff wird bei der Erzählerin über die Menschen, die sie umgeben, definiert:
Mein[e] Heim[at]!, sage ich zu meinem schwedischen Mann und umarme ihn und er versteht und antwortet in meiner Muttersprache: Kućo moja! Ich glaube, dass er mein[e] Heim[at] geworden ist, wo ich immer einschlafen und Ruhe finden kann, ähnlich wie ein Vogel, der ruht, indem er seinen Kopf unter den Flügel steckt.*Die Klammern dienen hier dazu, auf die Doppeldeutigkeit des Wortes hem im Schwedischen anzuspielen, das sowohl „Heim“ als auch „Heimat“ bedeuten kann. Es ist letztlich allerdings die wörtliche Übersetzung von kućo moja, das ein feststehender Ausdruck im Serbokroatischen ist und übertragen so etwas wie meine Stütze bedeutet. (SKSJ, S. 290)
Sie „ent-ortet“ dabei gewissermaßen die Heimat und weist sie stattdessen einer spezifischen Person zu, ohne sie an ein bestimmtes Land zu binden. Dieses Verfahren erinnert entfernt an ein solches, wie es Homi K. Bhabha in The location of culture vorschlägt, wobei es hier weniger um eine spezifische Kultur geht, die neu gebildet wird, als um die Verortung der Heimat in bestimmten Menschen.*Vgl. Bhabha 1994 sowie Abschnitt 2.2.1.1, S. 26–29. Es kann also vorerst zu den oben gestellten Fragen gesagt werden, dass der Text fiktional ist, aber sicherlich autobiografische Elemente beinhaltet, dass er im Original im Schwedischen geschrieben wurde,*Dies wird insbesondere in einem Artikel deutlich, der in der schwedischen Språktidningen erschienen ist. Vgl. hierzu: Maria Leijonhielm: Marianović: Språkbytaren, Språktidningen vom Juni 2010, abrufbar unter: http://www.spraktidningen.se/artiklar/2010/06/marianovic-sprakbytaren (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Leijonhielm 2010. dass es inhaltlich darum geht, wie eine bosnische Frau versucht ihren Sohn von der Front wegzuholen und die Erzählerin dem aufkommenden Nationalismus skeptisch gegenüber eingestellt ist. Wie sich das im Detail äußert, wurde hier angeschnitten, soll aber in den folgenden Abschnitten vertieft werden.
Mehrteiler: Zvonimir Popovic und Sajma Sarafiloski
Eine Trilogie rund um Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg und die jüngsten postjugoslawischen Kriege schuf Zvonimir Popovic mit seinen Romanen Mörkriket (1998), Akacian viskar (2001) und Våt sand (2005).*Ders.: Mörkriket, Stockholm 2001 (E-Book), im Folgenden im Haupttext abgekürzt: MR, ders.: Akacian viskar, Stockholm 2002 (E-Book), im Folgenden im Haupttext abgekürzt: AV und ders.: Våt sand, Stockholm 2005 (E-Book), im Folgenden im Haupttext abgekürzt: VS. Die oben genannten Jahreszahlen beziehen sich auf die Ersterscheinungen als gedrucktes Buch. Der erste Teil, Mörkriket, setzt vor den postjugoslawischen Kriegen an. Er erzählt von Jovan, der als Arbeitsmigrant nach Schweden ausgewandert ist und nach Jugoslawien zurückkehrt, um an der Beerdigung seines Vaters teilzunehmen. Auf der Zugfahrt zurück reflektiert er seine Lebensgeschichte im Gespräch mit einem jungen Mitreisenden, Rade, der aus Jugoslawien wegen eines von ihm verursachten Todes fliehen muss und in dem Jovan viele seiner Jugendträume widergespiegelt sieht. Das Zuggespräch erinnert u. a. an Klassiker der russischen Literatur wie etwa Tolstois Kreutzersonate. Im Verlauf der Unterhaltung offenbart sich, dass der auf seinen jungen Gefährten erst wohlhabend wirkende ältere Mann kein Glück im Ausland hatte: Seine Frau verließ ihn wegen einer Affäre mit einem Vorgesetzten und er hat Umgangsverbot mit seiner Tochter Svetlana. Das Treffen mit Rade erweist sich für Jovan als verhängnisvoll. Rades Geliebte aus Jugoslawien macht Jovan in Schweden ausfindig – er hilft ihr aus einem nicht näher bestimmten Pflichtgefühl heraus sich in Schweden anzusiedeln und wird über dieser weiteren, unglücklich verlaufenden Liebesgeschichte verrückt. Am Ende verschwimmen wie schon in Yugoslavian Gigolo und Sarajevo Safari Wirklichkeit und Fantasie, während Jovan zu sterben scheint.
Der Roman schildert wegen des gewählten historischen Ausschnitts keinesfalls die postjugoslawischen Kriege, benennt aber wohl einige Voraussetzungen, wie es zu diesen kommen konnte: Die Bespitzelung und Hetzjagd auf die patriotisch gesinnte Geografielehrerin Jovans (vgl. MR, S. 30, 55 ff., 101) zeigt Jugoslawien als Überwachungsstaat ebenso wie die wirtschaftliche Krise angedeutet wird (vgl. MR, S. 12) und die nicht aufgearbeitete historische Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs (vgl. MR, S. 100 f.). Das „dunkle Reich“, das „mörkriket“ könnte also nicht nur für die düstere Sage um verpasste Chancen im Leben stehen, die sein Dolmetscher Jovan erzählt, als seine Frau ihn betrügt (vgl. MR, S. 90), sondern auch für das marode staatliche System Jugoslawiens.
Im zweiten Teil der Trilogie ist es Svetlana, die Tochter Jovans, die die umgekehrte Reise ihres Vaters begeht:*Die umgedrehte Reisebewegung stellt auch Thomas Kjellgren in seiner Rezension zu Akacian viskar fest. Ders.: Engagerad berättelse, in: Kristianstadsbladet vom 01.02.2004, abrufbar unter: http://www.kristianstadsbladet.se/new-articles/engagerad-berattelse/ (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Kjellgren 2001. Sie fliegt kurz nach dem Ende des Kosovokrieges nach Serbien, um für das Erbe ihres verstorbenen Onkels zu kämpfen. Dort trifft sie neben einer ihr zunächst fremden Großmutter väterlicherseits ein Land, das zugleich Opfer und Täter der Kriege ist. Auf der einen Seite tragen viele Frauen immer noch schwarz, um den im Krieg gefallenen Toten zu gedenken (vgl. AV, S. 63), auf der anderen Seite wehren sie sich dagegen, wenn berühmte serbische Poeten ihre Gedichte auf Englisch vortragen, da sie dies als „Sprache des Feindes“ wahrnehmen (vgl. AV, S. 113). Zvonimir Popovic selbst ist in Montenegro geboren und in Serbien aufgewachsen – von sich sagt er jedoch, dass es weniger seine Erfahrungen seien, die er in der Trilogie verarbeite, sondern vielmehr die Schicksale der Menschen, die er während seines Arbeitslebens bei der schwedischen Einwanderungsbehörde getroffen hätte.*Vgl. Pauli Olavi Kuivanen: Litteraturen är sannare än verkligheten, NT vom 04.09.2001, abrufbar unter: http://www.nt.se/nyheter/litteraturen-ar-sannare-an-verkligheten-1327981.aspx (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Kuivanen 2001. Gleichwohl ist es genau diese Arbeit, die auch Svetlana ausübt: Als Dolmetscherin in einem Flüchtlingsheim bekommt sie die Konflikte zwischen den angereisten serbischen und muslimischen Bosniern sowie mit den Kosovoalbanern mit, die trotz des Krieges im selben Zimmer unterkommen sollen (vgl. AV, S. 24 ff.). Aufgrund dieser Schilderung der Realität in Flüchtlingsunterkünften wurde der Roman in den Rezensionen als ein Text gewürdigt, der die Naivität der schwedischen Einwanderungspolitik bloßlegt.*Vgl. Kjellgren 2001 und Erik Löfvendahl: Angeläget om vanliga människor i Serbien, in: Svenska Dagbladet vom 07.09.2001, im Folgenden abgekürzt: Löfvendahl 2001.
Der dritte Teil, Våt sand, kehrt zur historischen Betrachtung Jugoslawiens zurück und beschäftigt sich weniger mit den aktuellsten Konflikten. Er wird in Rezensionen als „der dunkelste und vielleicht komplizierteste“*Erik Löfvendahl: Balkankriget tar aldrig slut, in: Svenska Dagbladet vom 19.05.2005, abrufbar unter: http://www.svd.se/balkankriget-tar-aldrig-slut_30922 (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Löfvendahl 2005. der Trilogie beschrieben, weil er sich mit dem Thema der jugoslawischen Spionage in Schweden beschäftigt. Der våt sand, der „nasse Sand“ des Titels steht für den Lastwagen voller nassem Sand, von dem angeblich die Dissidentinnen und Dissidenten des Systems, die sich der Spionage verweigerten, überfahren wurden. Das Thema scheint etwas verspätet einen Nerv in Schweden getroffen zu haben, da das Gedenken an die Opfer von Srbrenica auch ihren Platz in der schwedischsprachigen Tagespresse fand. So publizierte Kjell Albin Abrahamsson 2013 zwei inhaltlich sehr ähnliche Artikel in Expressen und Skånskan, in dem er über die mögliche jugoslawische Spionage in Schweden berichtet.*Kjell Albin Abrahamsson: Granska Titos kalla mord i Sverige, in: Expressen vom 01.10.2013, abrufbar unter: http://www.expressen.se/debatt/granska-titos-kalla-mord-i-sverige/ (Stand: 23.12.2016) sowie ders.: Granska Titos mord i Sverige, in: Skånska Dagbaldet vom 10.10.2013, abrufbar unter: http://www.skanskan.se/article/20131010/OPINION/131019945&templ (Stand: 23.12.2016). 2005, im Jahre der Publikation des Romans, veröffentlichte Ulf B. Andersson allerdings bereits einen Beitrag in Arbetaren, der sich mit dieser Thematik befasst.*Vgl. Ulf B. Andersson: Skuggor över Balkan, in: Arbetaren vom 13.07.2005, abrufbar unter: http://arbetaren.se/artiklar/skuggor-over-balkan/ (Stand: 23.12.2016). Gerade die Artikel Abrahamssons sind sehr spekulativ gehalten und benutzen den Roman als eine Art „Tatsachenbericht“ ohne dessen Fiktionalität zu beachten. Abgesehen von der Spionagethematik zeichnet Våt sand ähnlich wie Akacian viskar ein Bild von einem dysfunktionalen Land, das in dem Zustand nach dem Krieg in Korruption und gegenseitigem Misstrauen versunken ist.
Die beiden Bücher Jag, Sajma [dtsch.: „Ich, Sajma“] und Fursten i nätet [dtsch.: „Der Fürst im Netz“] von Sajma Sarafiloski setzen hingegen in der Zeit kurz vor dem Ausbruch der Kriege an. Obwohl die Erzählerin ebenfalls von Problemen im Zusammenleben mit bosnischen Serben in Glamoč, ihrer Heimatstadt, zu berichten weiß, bemüht sie sich jedoch, diese Differenzen zu ignorieren: Sie hat eine gute serbische Freundin, obwohl deren Großmutter den Umgang mit Sajma verbietet und später heiratet sie gegen den Willen ihrer Eltern einen christlichen Mann.*Vgl. Sajma Sarafiloski: Jag, Sajma, Bjärnum 2006, S. 43 ff., S. 159 f., S. 167, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: JS. Sie hängt an der Idee von Jugoslawien, träumt sogar von einem dritten Jugoslawien:
Alle Staatsbürger würden als Jugoslawen geführt werden, alle früheren Angaben ausradiert. Nationalität und Religionszugehörigkeit würden wir hinter uns lassen. Alle würden die gleiche Sprache wie die Slowenen benutzen und es Jugoslowenisch nennen. (JS, S. 175)
Gleichzeitig ist ihr Umfeld und besonders ihre Mutter stark von nationalistischen Gedanken geprägt. Selbst im Asyl in Schweden versucht diese die Schweden noch als Muslime, Orthodoxe oder Katholiken einzuteilen (vgl. JS, S. 221 f.). Die Ich-Erzählerin ist ebenfalls nicht frei von religiösen Erklärungsversuchen; so ist sie der Ansicht, dass die unterschiedlichen Religionen und die daraus resultierenden Spannungen die eigentlichen Gründe für den Krieg seien, obgleich sie einsieht, dass es auch an der fehlenden Bildung liegen kann (vgl. JS, S. 95); die desolate wirtschaftliche Lage Jugoslawiens Ende der 80er Jahre spielt in ihren Erklärungsversuchen für den Krieg hingegen keine Rolle.*Vgl. Calic 2010, S. 278 ff. sowie Abschnitt 2.2.1.2, S. 26–29.
Während Jag, Sajma vom Leben der Ich-Erzählerin bis zum Krieg erzählt und schließlich von dem Ausbruch des Kriegs, der Flucht nach Schweden und dem anschließenden Asyl, setzt Fursten i nätet etwa dort ein, wo das erste Buch aufgehört hat: in Schweden. Die Protagonistin leidet unter zunehmenden Wahnvorstellungen, die sich schließlich als Kriegstraumata zu entpuppen scheinen.*Vgl. Sajma Sarafiloski: Fursten i nätet, Bjärnum 2008, S. 230 f, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: FIN. Auch von dem Schreiben und der Übersetzung des ersten Buches – vermutlich Jag, Sajma – wird erzählt:
Was habe ich mit Religion zu tun? Kann mein Buch zu einer besseren Zukunft beitragen? Wird mein Buch dazu beitragen die unterschiedlichen Religionen zu vermindern? (FIN, S. 209)
Die Bücher sind, wie schon der Titel des ersten Buches erahnen lässt, stark autobiografisch geprägt. Sie wurden übersetzt, ein Vorgang, der auch im zweiten Teil in die Handlung miteinfließt, als Sajma sich mit ihrem Übersetzer zerstreitet (vgl. FIN, S. 186). In einem Interview mit der Zeitung Norra Skåne erzählt die Autorin später, ihr Sohn Jasmin (der den gleichen Namen im Buch trägt) hätte das Buch ins Schwedische übertragen.*Berrit Önell: Sajma Sarafiloski aktuell med ny bok, in: Norra Skåne vom 29.08.2008.
Weitere Publikationen
2004 erschien das Thrillerdebüt Över gränsen von Tommy Rander, der in Schweden als Person relativ bekannt ist.*Tommy Rander: Över gränsen, Göteborg 2004 [dtsch.: „Über die Grenze“], im Folgenden im Haupttext abgekürzt: ÖG. Tommy Rander war u. a. als Rockmusiker, Journalist und Leiter des Speedway-Clubs Göteborg tätig. Dass das Thema als Thriller behandelt wird, ist meines Wissens einzigartig in der schwedischsprachigen Literatur. Anders als in deutschsprachiger Literatur knüpft Rander dabei an tatsächliche historische Ereignisse und Persönlichkeiten (die als Figuren im Roman auftauchen) an; dies geschieht laut Eigenaussage in Anlehnung an die Thriller Fredrik Forsyths.*http://www.tommyrander.se/Overgransen.htm (Homepage Tommy Randers, Stand: 23.12.2016). Allerdings ist die generelle Darstellung des Konflikts in dem Thriller sehr einseitig; die Serben sind hier einmal mehr die uneingeschränkten Bösewichte. Möglicherweise liegt dies an den Quellen, die Rander in einem Nachwort offenlegt: darunter sind David Rohdes Endgame und Susanne Woodwards Balkan Tragedy (ÖG, S. 170). Während letztere Politikwissenschaftlerin ist, schreibt ersterer als Investigativjournalist in einer ähnlichen Tradition wie der bereits erwähnte Robert D. Kaplan.
Inhaltlich handelt der Thriller von einem als „Alten“ bezeichneten ehemaligen Mitarbeiter des Geheimdienstes. Seine Tochter und der Enkel sind beruflich in Serbien und reisen für einen Einkaufsausflug nach Bosnien, von dem sie allerdings nie zurückkommen. Sie werden in die blutigen Ereignisse rund um das Massaker von Srbrenica verwickelt und kommen darin um. „Der Alte“, der die Spur seiner vermissten Tochter und des Enkels aufnimmt, macht die Vergewaltiger und Mörder seiner Tochter ausfindig und bringt sie Jahre später um. Der Polizei gelingt es dabei nicht, ihn als Mörder dingfest zu machen.
Der Thriller wurde wohl 2010 in einer überarbeiteten Taschenbuchausgabe neu herausgegeben,*Ebd. allerdings lag mir für diese Arbeit nur die erste Auflage von 2004 vor.
Eines der Bücher, das ebenfalls relativ große Aufmerksamkeit erhalten hat, ist Zulmir Bečevićs Resan som började med ett slut*Ders., Stockholm 2006 [dtsch.: „Die Reise, die mit einem Schluss begann“], im Folgenden im Haupttext abgekürzt: RSB. (Originalfassung in Schwedisch). Er behandelt das Thema dieser Dissertation jedoch nicht hauptsächlich, sondern dieses bildet gleichsam mehr den Ausgangspunkt für die Coming-of-age-Geschichte eines Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Schweden. Es erinnert dabei in seiner Sprache an die Bücher von Jonas Hassen Khemiri*Sowohl Khemiris Erstling Ett öga rött als auch die Folgewerke Montecore – en unik tiger und Invasion! behandeln das Aufwachsen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einem multiethnischen Vorort. Die Sprache, die dafür verwendet wurde, wurde von einigen Kritikern und Wissenschaftlern als das dafür typische Rinkebysvenska identifiziert, ist aber zu großen Teilen eine eigens vom Autor erschaffene Kunstsprache. Vgl. dazu ders.: Ett öga rött, Stockholm 2008 (Original 2003), Montecore – en unik tiger, Stockholm 2006 sowie Invasion!, Stockholm 2008. Vorletztes wird im Folgenden abgekürzt: Khemiri 2006., was auch von Kritikern teilweise so gesehen wurde.*Vgl. Alice Thorburn: Debutantvecka: Tonår och flyktingskap, dagensbok.com am 10.11.2006, abrufbar unter: www.http://dagensbok.com/2006/11/10/zulmir-be269evi263-resan-som-borjade-med-ett-slut/ (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Thorburn 2006. Der Roman, der ebenfalls autobiografische Anleihen hat, wie von dem Bosnisch-Übersetzer des Buches, Sevko Kadric, in der Läsarnas Fria Tidning bemerkt wird,*Vgl. Sevko Kadric: Resan som började med ett slut, Läsarnas Fria Tidning vom 09.12.2008, abrufbar unter: http://www.lasarnasfria.se/artikel/108806 (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Kadric 2008. handelt von der Flucht des 12-jährigen Nino Izudinović mit seiner Familie aus Bosnien und dem ersten Jahr in Schweden, während sie noch den Status als Asylsuchende besitzen. Gleichzeitig geht es um typische Themen eines Jugendromans: die erste Liebe, die Clique und Freundschaften und Erfolge mit einer Jugendband. Es ist schwierig Angaben darüber zu machen, wie sich der Erzähler zu den Kriegen positioniert, da er sie selbst aus einer kindlichen Perspektive heraus erlebt; den ersten Bombenbeschuss in seiner Heimatstadt bekommt er noch selbst mit (vgl. RSB, S. 5 f.), dann flieht die Familie. Selbst die weitere Berichterstattung wird mehr über die Reaktionen der Erwachsenen wahrgenommenen (vgl. RSB, S. 122) – es findet also eine doppelte Vermittlung statt, da die zweite Beobachterebene die Medien wiedergeben und die dritte die Eltern. Erst spät im Roman, als der Ich-Erzähler eindeutig retrospektiv erzählt (auch markiert durch einen inszenierten Identitätsmarker, in dem das letzte Kapitel mit den Initialien N.I. für Nino Izudinović unterzeichnet wird), kommt es zu einer Bewertung des Krieges. Dennoch wird hier die Meinung eines Freundes wiedergegeben und nicht die eigene Ansicht:
[Der Freund] sagt, dass es okay wäre, wenn die Menschen, die den Krieg begannen, selbst auch kämpften und darin starben, aber dies ist nicht der Fall. Der Krieg fordert zivile Opfer und das ist ganz einfach abscheulich. (RSB, S. 221)
Durch den Wechsel von der indirekten Wiedergabe (Konjunktiv) zur direkten Wiedergabe (Indikativ) könnte man allerdings argumentieren, dass es sich hier auch um eine Meinung handelt, die Nino teilt.
Was aber in Rückblenden klar wird, ist, dass die Eltern vom Sozialismus Jugoslawiens und der Tito-Verehrung überzeugt waren – insofern freuen sie sich, als ihr Sohn ein Pionier wird, einer der letzten seiner Generation (vgl. SBJ, S. 176 ff.).
Von der Jugend und dem Aufwachsen in einem fremden Land handelt auch Lidija Praizovics Spegelboken*Lidija Praizovic: Spegelboken, Stockholm 2009, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: SP. [dtsch.: „das Spiegelbuch“, im Original auf Schwedisch erschienen], benutzt dafür allerdings ein völlig anderes narratives Verfahren. Obwohl der Text auf dem Schutzumschlag als „[ROMAN]“ (sic!) bezeichnet wird, ist er eher als abstrakte Textcollage um vier Spiegel angelegt, in der lyrische und narrative Textstellen ineinandergreifen. Fiktional ist dies allemal, obwohl aufgrund des jugoslawischen Namens der Autorin eigene Erfahrungen vermutet werden könnten, die in die Handlung miteinfließen. Im Grunde ist die Herkunft der Autorin der einzige paratextuelle Hinweis, dass es sich bei dem geschilderten Konflikt und die daraus resultierende Flucht um die postjugoslawischen Kriege handeln könnte, da der „Roman“ in seiner Abstraktheit keine konkreten Details preisgibt. Ähnlich verhält es sich mit einer unbetitelten Kurzgeschichte von Mare Kandre in Hetta och vitt, in dem nur der Hinweis, dass das Land, in das die Protagonistin fliege, „kriegsversehrt, verwüstet, mitten in Europa gelegen“*Mare Kandre: Hetta och vitt, Tallinn 2010 [dtsch. „Heiß und weiß“], S. 155–178, hier: S. 155, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: HV. sei. Beide Texte sind ein Beispiel für ein abstrahierendes Verfahren bei der Beschreibung von Krieg, Flucht, Vertreibung und Asyl,*Wobei Praizovics Text dabei deutlich radikaler vorgeht als Kandres. insofern ist die Frage schwierig zu beantworten, inwieweit sie sich zu den Kriegsereignissen und der Kriegsberichterstattung positionieren. Während Kandres Kurzgeschichte die Kriegsberichterstattung offensichtlich in ihrem Text behandelt und auch die Undurchschaubarkeit der Kriegsparteien (vgl. HV, S. 156), gibt es bei Praizovic nur den Hinweis auf ein Tito-Gemälde, das über dem Totenbett der Mutter hängt (vgl. SP, S. 99). Daraus ließe sich zumindest eine gewisse Neigung zur jugoslawischen Idee bei der Mutter schlussfolgern, allerdings spielt dies generell für die Handlung keine Rolle.
Hotell Tre Kronor [dtsch.: „Hotel Drei Kronen] von Nizama Čaušević ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil dieser beiden Texte. Es handelt sich hier um eine dem Anschein nach weitestgehend autobiografische „Dokumentarschilderung“ (schwed. dokumentärskildring, so lautet zumindest die Gattungsbezeichnung auf dem Bucheinband), die – wie ebenfalls der Klappentext verrät – auf Schwedisch geschrieben wurde.*Vgl. Nizama Čaušević: Hotell Tre Kronor, Göteborg 2003 [dtsch: „Hotel Drei Kronen“], im Folgenden im Haupttext abgekürzt: HTK. Die Geschichte erzählt in zwei Zeitebenen von der Ankunft und der Asylsuche in einem Flüchtlingsheim in Göteborg, das früher das besagte Hotel war, und von dem früheren Leben in Bosnien, das durch den Krieg und die Flucht nach Kroatien jäh unterbrochen wurde. Die Kontrastierung zwischen früherem Glück und dem jetzigen Schrecken des Krieges und des Asyls wird durch die zwei Zeitebenen besonders deutlich geschildert, die oft als Rahmenhandlung und Binnenerzählung miteinander verschränkt sind (vgl. z. B. HTK, S. 58). Ebenfalls auffällig ist die starke Parteinahme für die bosnische Seite und das Misstrauen gegenüber den Serben, das an mehreren Stellen zum Ausdruck kommt:
Das Böse kam aus Serbien! (HTK, S. 20)
Werden die Serben ganz Europa erobern? Bereiteten sie sich auf einen dritten Weltkrieg vor? (HTK, S. 79)
Gleichzeitig pflegt sie jedoch einige Freundschaften zu Serben, die gegen den Krieg eingestellt sind (vgl. HTK, S. 19 f., S. 127). Ihre negative Wahrnehmung der serbischen Seite ist zum einen von eigenen schlechten Erfahrungen geprägt – Serben übernehmen im Verlauf des Krieges die Fabrik, in der sie gearbeitet hat und feuern sie (vgl. HTK, S. 48), zum anderen aber auch stark medial. Mehrere Male erwähnt sie die Berichte über den Krieg und die „Konzentrationslager“ (z. B. HTK, S. 8), das serbische Fernsehen wird als Propagandamedium wahrgenommen (vgl. HTK, S. 41 f.). Gegenüber den Versprechen Titos von einem geeinten Jugoslawien zeigt sie sich angesichts der neuen politischen Entwicklungen skeptisch:
Seine Lehrjungen schworen einen Eid auf seine Parole „Bruderschaft und Einigkeit“. Die gleichen Lehrjungen sagen nunmehr, dass es unmöglich sei weiterhin zusammen zu leben. Der Kommunismus ist tot, lang lebe der Nationalismus! (HTK, S. 16)
Obgleich diese Parole in deutlich satirischer Absicht ausgesprochen wird, erwähnt die Erzählerin kurz darauf, dass sie selbst, wenngleich auch zögernd, für die Unabhängigkeit Bosniens gestimmt habe (vgl. HTK, S. 18) und heroisiert an einigen Stellen den Krieg und den Kampf fürs Vaterland (vgl. HTK, S. 99 f., 138), bzw. unterstützt heroisierende Aussagen anderer. Insofern wirkt sie selbst in ihrer Haltung unentschieden, die serbischen Kampfhandlungen und die Berichte darüber haben sie jedoch merklich negativ geprägt.
Ein Interviewband von Lejla Ejupovic, Inre exil*Dies.: Inre exil. Efter branden på Backaplan, Stockholm 2002 [dtsch: „Inneres Exil“, E-Book], im Folgenden im Haupttext abgekürzt: IE., vermischt Interviews mit Überlebenden eines Brandes in einer Disco in Göteborg 1998*Dieser Brand wurde im In- wie im Ausland stark mit einer Diskussion um die Einwanderungsgesellschaft in Schweden verknüpft, da bei ihm hauptsächlich Jugendliche mit Migrationshintergrund zu Tode kamen. Vgl. Jörg Blech: Der Traum vom Glück in Schweden, in: DIE ZEIT 47 (1998), abrufbar unter: http://www.zeit.de/1998/47/ Der_Traum_vom_Glueck_in_Schweden (Stand: 23.12.2016). mit autobiografischen Elementen an die Flucht aus Bosnien, ohne dabei politisch allzu gefärbt zu sein. Aber auch hier wird ähnlich wie in anderen schwedischen Texten das über das Dritte Reich eindeutig besetzte Wort „koncentrationsläger“ (IE, S. 93) [dtsch. „Konzentrationslager“] für die Insassen von Lagern verwendet. Der Onkel der Ich-Erzählerin starb in einem solchen.
Ein letztes Buch, das hier zumindest am Rande erwähnt werden soll, ist Ardita Beqiris Mitt hjärtas dagbok [dtsch.: „Tagebuch meines Herzens“],*Dies.: Mitt hjärtas dagbok, Stockholm 2000, im Folgenden im Haupttext abgekürzt: MHD. das autobiografisch von der Flucht zweier Kinder während der Kosovokriege erzählt. Geschrieben wurde es auf Kosovoalbanisch, die Ausgabe ist auf Schwedisch und Albanisch publiziert worden. Durch die kindliche Perspektive und auch die direkten schlimmen Ereignisse im Laufe der Erzählung ist der Text sehr antiserbisch geprägt. Gleich zu Beginn heißt es:
Die wichtigste Sache in all dem sind die Leiden, welche die Jugend und die gesamte Bevölkerung im Kosova durchgemacht haben, nachdem Serbien seit 1981 dem Kosova seine Rechte genommen hat und wir in der Gewalt Serbiens gelandet sind. (MHD, S. 9)
Die antiserbische Haltung prägt den Text im Ganzen, der, sicherlich autobiografisch, von den Strapazen einer Flucht und dem anschließenden Asyl in Schweden erzählt.
Rezeption in Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
Das größte mediale Echo erhielt Fausta Marianovićs Debütroman Sista kulan sparar jag åt grannen, der sowohl in den großen Tageszeitungen wie Aftonbladet und SvD als auch in regionalen Tageszeitungen wie Kristiansbladet und kleineren Publikationen rezensiert wurde. En gros lässt sich sagen, dass es hierzu keinerlei negative Besprechung gab, einzig Maria Hamberg in Flamman schreibt, dass sie sich eine Erklärung des Buches gewünscht hätte, warum der Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien so stark wurde.*Vgl. Hamberg 2008. Hauptthema der Rezensionen ist ebendies*Vgl. dazu auch Benktson 2008, Ella Andrén: Marianovic, Fausta: Sista kulan sparar jag åt grannen, Kristianstadsbladet vom 06.10.2008, im Folgenden abgekürzt: Andrén 2008. neben der überragenden Mutterrolle, die die Ich-Erzählerin einnimmt: Heidi von Born vergleicht sie gar mit einer „Mutter Courage“*Heidi von Born: Marianovic fångar skickligt krigets väsen, Svenska Dagbladet vom 07.10.2008, im Folgenden abgekürzt: von Born 2008. Vgl. zur Mutter-Thematik auch Benktson 2008, Pia Bergström: Mördarna & Mödrarna, in: Aftonbladet vom 07.10.2008, abrufbar unter: http://www.aftonbladet.se/kultur/bokrecensioner/article11530373.ab (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Bergström 2008., wie sie sich zur Front schlägt, um ihren Sohn davon wegzuholen. Einen anderen Fokus hat erwartungsgemäß der Artikel in Språktidningen, der erst 2010 erschien und sich mehr darauf konzentriert, Marianovićs sprachliche Entwicklung nachzuzeichnen.*Vgl. Leijonhielm 2010. In dem Artikel in Pax 2005 wird deutlich, wie sehr sich der schwedische Diskurs zumindest in Bezug auf Termini vom deutschen unterschiedet: Hier wird etwa das Wort „koncentrationsläger“*Vgl. Benktson 2008., also Konzentrationslager, für die Arbeitslager verwendet – auch Marianović selbst bedient sich dieses Terminus (vgl. SKSJ, S. 142). In der wissenschaftlichen Welt wurde Marianović meines Wissens ebenso wenig wie die anderen Bücher behandelt.
Tommy Rander ist von den hier vorgestellten Autoren derjenige, der die negativsten Kritiken in den wenigen Medien erhalten hat, die ihn rezensiert haben. Sowohl in der Onlinezeitschrift Alba*Leif Wilehag: Thriller om en massaker, Alba 5 (2004), online abrufbar unter: http://www.alba.nu/Alba5_04/rander.html (Stand: 23.12.2016). als auch in Sveriges Radio wurde moniert, dass der Handlung und den Figuren zu wenig Raum gelassen wurde: „Es ist schwierig John le Carré auf nur 172 Seiten zu spielen […].“*Måns Hirschfeldt: Över gränsen av Tommy Rander, Sveriges Radio vom 06.07.2004, abrufbar unter: http://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=478&artikel=440161 (Stand: 23.12.2016).
Zulmir Bečević wurde hingegen von größeren Medien, u. a. von Sydsvenskan und dem Aftonbladet, positiv besprochen. Eine Zusammenfassung dieser Artikel findet sich auf dessen Homepage.*http://www.becevic.se/bocker/ (Stand: 23.12.2016). Im Internet sind es eher kleinere Zeitungen und Onlineportale, die sich des Buches angenommen haben – außer den oben bereits erwähnten Artikeln wäre noch ein Artikel in der GP*Johan Werkmäster: Zulmir Becevic: Resan som började med ett slut, Carolina Lundgren: Du klarar det, Misa, GP vom 10.01.2007, abrufbar unter: http://www.gp.se/kulturnoje/recensioner/bocker/1.132189-zulmir-becevic-resan-som-borjade-med-ett-slut-carolina-lundgren-du-klarar-det-misa (Stand: 23.12.2016). zu erwähnen. Allerdings ist das Medienecho eher gering, wenn man die Tatsache bedenkt, dass Bečević für dieses und andere Werke für einige Preise nominiert worden ist, u. a. für den in Schweden sehr renommierten Augustpriset.
Lidija Praizovic wird in den wenigen Rezensionen, die sich zu ihrem Buch finden lassen, gelobt. Joakim Holm schätzt vor allem die absurde Alltagskomik, die Schilderung der erwachenden Sexualität der Protagonistin sowie die enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter.*Vgl. Joakim Holm: Etyt språkligt kaos genomsyrat av en märkbar ömhet, in: Tidiningen Kulturen vom 07.06.2009, abrufbar unter: http://www.tidningenkulturen.se/artiklar/litteratur/litteraturkritik/4603-litteratur-lidija-praizovic-spegelboken (Stand: 23.12.2016). Als etwas abfallend empfindet er hingegen die Lyrik am Ende des Buches. In SvD Kultur fällt Anina Rabes Urteil ebenfalls weitestgehend positiv aus, obgleich sie zugibt, dass es „sowohl schimmernd schöne Teile als auch weniger geglückte Partien“*Anina Rabe: Praizovics debut visar temperament, in: Svenska dagbladet vom 02.12.2009, abrufbar unter: http://www.svd.se/kultur/litteratur/praizovics-debut-visar-temperament_3878351.svd (Stand: 23.12.2016). gibt.
Mare Kandres Kurzgeschichtensammlung Hetta och vitt wurde in nahezu allen größeren Zeitungen positiv besprochen; auch fällt gerade jene, in dieser Arbeit im Zentrum stehende Kurzgeschichte den meisten Rezensentinnen und Rezensenten auf. Die Homepage der 2005 verstorbenen Autorin bietet einen Überblick über die Zeitungsreaktionen; die Hinwendung zu einem derartig aktuellen Thema wird von den meisten von ihnen als Neuerung in Kandres Schaffen wahrgenommen und begrüßt.*Vgl. z. B. Maria Bergom Larsson: Hetta och vitt, in: Aftonbladet vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/Hettaov_AB_Rec.htm (Stand: 23.12.2016) und Amelie Björck: Att skåda sig själv i sin nästa, in: GP Kultur vom 01.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/ Hettaov_GP_rec.htm (Stand: 23.12.2016), im Folgenden abgekürzt: Björck 2001. Dabei werde implizit und vergleichbar mit deutschsprachigen Texten über die postjugoslawischen Kriege die Frage gestellt, was Literatur im Vergleich zu journalistischen Reportagen leisten könne:
Wenn es die Aufgabe des Journalismus ist wieder um die Bilder, mit denen wir bestrahlt werden, herum einen Faktenzusammenhang herzustellen, dann ist es vielleicht die Aufgabe der Kunst einen Erlebniszusammenhang zu schaffen.*Björck 2001, vgl. dazu auch: Thomas Götselius: Kandre tar sig in bakom TV-bilderna, in: DN Kultur vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/KandreTarSigIn_HoV_GotsDN02.htm (Stand: 23.12.2016).
Weitere Rezensionen finden sich in SvD Kultur und Sydsvenska Dagbladet.*Vgl. Miranda Landen: Lysande berättelser, in: Sydsvenska Dagbladet vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/Sydsv%20rec%2001%20Hetta%20o%20v.htm (Stand: 23.12.2016), Jeana Jarlsbo: Jeana Jarlsbo väljer..., in: SvD Kultur vom 11.06.2010, abrufbar unter: http://www.svd.se/kultur/sommarlasning-svds-kritiker-tipsar_4852221.svd (Stand: 23.12.2016).
Ein weiterer, sehr ausführlich besprochener Autor ist Zvonimir Popovic. Es ist anzunehmen, dass alle drei Romane seiner Trilogie gleichermaßen viel rezensiert wurden, nur sind Rezensionen von Mörkriket aufgrund des relativ frühen Publikations-datums schwieriger auffindbar. Dieser Roman kann gleichwohl als Schlüsseltext für die Besprechungen in den Feuilletons gelten, da er hierfür den Vi-tidnings-Literaturpreis erhielt und somit einem größeren Publikum bekannt wurde. Auch die Besprechungen für die nachfolgenden Bücher sind sehr positiv. Wie oben bereits anklingt, ist es vor allem die Darstellung der naiven Flüchtlingspolitik, die Rezensentinnen und Rezensenten beschäftigt.*Vgl. Kjellgren 2001, Lövfendahl 2001. Deutlich wird auch, dass die Repräsentation Serbiens und der dort lebenden Menschen in den Kritiken behandelt wird, was sicherlich auch mit dem zu diesem Zeitpunkt noch frisch beendeten Kosovokrieg zusammenhängt. Brittmarie Engdahl merkt an, dass in dem Serbien, in das Svetlana reist, immer noch Milošević an der Macht sei,*Brittmarie Engdahl: Ny Popovic med doft av akacia, in: Folkbladet vom 14.06.2001, abrufbar unter: http://www.folkbladet.se/nyheter/ny-popovic-med-doft-av-akacia-2766273.aspx (Stand: 23.12.2016). Marie Peterson, dass sich im Mikrokosmos des kleinen Dorfes mit dem großen Friedhof der Balkankrieg widerspiegele.*Marie Peterson: Råstark, rolig och vacker, in: Dagens Nyheter vom 06.09.2001, abrufbar unter: http://www.dn.se/arkiv/kultur/rastark-rolig-och-vacker/ (Stand: 23.12.2016). Erik Löfvendahl sieht den Verdienst des Buches darin, dass die serbische Bevölkerung jenseits der Kriegsgräuel geschildert und so gewissermaßen entdämonisiert wird.*Vgl. Lövfendahl 2001.
Våt sand wird ebenfalls positiv besprochen, wobei wegen der Komplexität der Handlungsstränge etwas stärker Kritik geübt wird als beim Vorgänger: Diesen Schwachpunkt nennt etwa Kjell Albin Abrahamsson in Sveriges Radio.*Kjell Albin Abrahamsson: Strålande Jugoslavienskilding av Popovic, in: Sveriges Radio vom 13.05.2005, abrufbar unter: http://www.sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=478&artikel=617392 (Stand: 23.12.2016). Weitere Rezensionen finden sich in Helsingborgs Dagblad, in der NT, im Kristianstadsbladet, im Svenska Dagbladet und in der englischsprachigen Onlinezeitung Swedish book review.*Vgl. Sören Sommelius: Ingenting är som det ser ut, in: Helsingborgs Dagblad vom 30.05.2005, abrufbar unter: http://www.hd.se/kultur/boken/2005/05/30/ingenting-ar-som-det-ser-ut/ (Stand: 23.12.2016), Inger Dahlman: Lysande om maktmääniskor och girigbukar, in: NT vom 28.04.2005, abrufbar unter: http://www.nt.se/inc/print/default.aspx?name=Skriv+ut&articleid=2155255 (Stand: 23.12.2016), Jan Karlsson: Popovic, Zvonimir: „Våt sand“, in: Kristianstadsbladet vom 18.08.2005, abrufbar unter: http://www.kristianstadsbladet.se/kultur/popovic-zvonimir-vat-sand/ (Stand: 23.12.2016), Löfvendahl 2005, Henning Koch: Zvonimir Popovic: Våt sand (Wet sand), in: Swedish Book Review 2 (2005), abrufbar unter: http://www.swedishbookreview.com/show-review.php?i=126 (Stand: 23.12.2016).
Themen und Motive
Sista kulan sparar jag åt grannen
Eines der wichtigsten Themen von Sista kulan sparar jag åt grannen ist sicherlich die Aus- und Erforschung, wie es zu Kriegen im Allgemeinen und zu diesem Krieg im Besonderen kam. Dies geschieht auf zweierlei Ebenen: einer konkreten und einer psychologischen. Auf der konkreten Ebene spielen etwa die ökonomischen Probleme*Hier wird vor allem die drastische Inflation in den Ländern dargestellt, vgl. SKSJ, S. 14, aber auch generelle ökonomische Probleme ins Feld geführt, vgl. ebd., S. 50. eine Rolle und auch die Instrumentalisierung von Religionen*Vgl. SKSJ, S. 276. Das Interessante an diesem Punkt ist, dass sie selbst als erzogene Atheistin diese neu aufgekommene Religiosität schwerlich nachvollziehen kann, aber selbst im Angesicht des Krieges religiöse Momente erlebt. So spricht sie zu ihrer eigenen Überraschung immer wieder in brenzligen Situationen Gebete. Vgl. SKSJ, S. 214, 268., genauso wie das Erstarken von Nationalismus. Paradoxerweise kämpften zugleich sowohl Kroaten als auch Serben für die Wiederherstellung des früheren Bosnien und Herzegowinas:
Alle hatten die Vorstellung, dass sie für ein vereinigtes Bosnien-Herzegowina kämpften, wo alle so zusammenleben konnten, wie sie es vorher immer getan hatten. Es waren nur die Serben, die das Land teilen wollten. Ich dachte daran, dass ich exakt die gleiche Erklärung unter den Serben gehört hatte, dass es nämlich sie waren, die das alte Bosnien zurück haben wollten und dass die Kroaten die Separatisten waren. (SKSJ, S. 225)
Das genannte „immer“ ist jedoch variabel und unterliegt den jeweiligen politischen Gegebenheiten. Auch die Geschichte Jugoslawiens bezieht die Erzählerin daher in ihre Erklärungsversuche mit ein und verknüpft sie zugleich mit ihrer eigenen Familiengeschichte, in der es zeitgleich Opfer und Täter gab:
Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wann ich zum ersten Mal argwöhnte, dass mein Vater Faschist und meine Mutter ein Opfer der Faschisten gewesen war (SKSJ, S. 29).
Zugleich wiederholt sie den von Calic kritisierten Opfermythos der Jugoslawen:*Calic 1996, S. 112 sowie Abschnitt 2.2.6, S. 51–57, dieser Arbeit.
Jugoslawe, Serbe, Kroate oder Bosnier zu sein ist keine Eigenschaft, sondern ein Zustand des Schmerzes. (SKSJ, S. 288)
Balkanbewohner waren es immer gewohnt, wegen Kriegen, der Politik, des Hungers oder wegen Krankheiten umzuziehen und vor ihnen zu fliehen. Man sagt, dass ein Fluch über einem Volk ruht, das nicht am selben Ort begraben werden kann wie es geboren ist. (SKSJ, S. 289)
Insofern kommentiert sie die Geschichtsumdeutungen und -verdrehungen, die unter den unterschiedlichen politischen Regimen stattfinden, folgendermaßen:
Erinnerungen an historische Ereignisse waren immer deutbar und flexibel in diesen Regionen, sie werden produziert, geformt, in feierliches Gewand gepackt, sie werden verwandelt in gute oder gefährliche, erlaubte und empfohlene oder verbotene und verdrängte. (SKSJ, S. 291)
Ein anderer Grund, der als Ausbruch des Krieges implizit und teilweise auch explizit genannt wird, kommt einem aus anderen deutschsprachigen Werken bekannt vor: Es ist die Vorstellung, dass der Krieg eigentlich nicht zwischen verschiedenen Ethnien, sondern verschiedenen gesellschaftlichen Milieus geführt wird. Dazu zählt zum einen die Erklärung, dass eigentlich Krieg zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung herrsche, und zum anderen die Erklärung, dass es sich um einen Generation- und Geschlechterkonflikt handelt.
Zum ersten Aspekt: In dem Roman findet sich ein Gespräch, das die Ich-Erzählerin mit ihrer Angestellten führt.*Vgl. folgende wiedergegebene Stelle mit SKSJ, S. 83. Sie fragt die Kellnerin, ob diese wirklich daran glaube, dass Radovan (gemeint ist Karadžić, der Anführer der bosnischen Serben) Macht erhalten könne, wo doch alle in der Stadt ethnisch gemischt seien. Die Antwort der Kellnerin ist, dass er in den Dörfern Einfluss hätte und diese letztlich bestimmend seien.
Die Vorstellung, dass der Krieg im Grunde zwischen Dörflern und Städtern stattgefunden hat, findet sich so auch bei Juli Zeh (vgl. SG, S. 31). So könnten die finanziellen Umstände und der ungleichen Zugang zu Bildungsressourcen von Stadt- und Landbevölkerung dazu beigetragen haben. Die Erzählerin meint diesbezüglich:
Dass das Haus, die Frauen und die Kühe Eigentum waren, welches man gegen Angriffe beschützen musste, war der Antrieb, der seit jeher Männer dazu brachte, Krieg zu führen, von der Zeit der Speere und Äxte bis hin zu den heutigen computergesteuerten Robotern. […] Die gleiche Stammeskriegspsychologie herrschte bei den Bauern in allen Schützengräben, bei den serbischen und bei den bosnischen. (SKSJ, S. 263)
Dieses Zitat vereint mehrere thematische Aspekte: da wären die erwähnte Landbevölkerung, die für archaische Werte in den Krieg zieht genauso wie die Macht, die die Männer über die Frauen ausüben – letztlich kommen mit dieser Logik Kriege aufgrund eines Besitz- und Machtanspruches zustande.*Vgl. auch Bergström 2008. Dass dies ein sehr klischeehaftes Bild von der dortigen Landbevölkerung zeichnet, steht außer Frage.
Der zweite Punkt betrifft den Generationen- und Geschlechterkonflikt. Für die Erzählerin ist es die ältere Generation, die diesen Krieg durch ihre politischen Entscheidungen begonnen hat, ihn aber nicht selbst austrägt, sondern die jüngere Generation für ihre Ideen auf den Schlachtfeldern sterben lässt.*Vgl. auch obiges Zitat aus Resan som började med ett slut, (RSB, S. 221 und Abschnitt 5.1.3, S. 231– 235), in dem der Freund Ninos einen ähnlichen Vorwurf formuliert. Stellen, an denen sie ihre Abscheu vor einem solchen Verhalten zum Ausdruck bringt, finden sich zuhauf:
Ich dachte an die jungen Burschen, die oben im Wald gefallen waren und die komplett unwissend darüber gewesen waren, warum gekämpft wurde, während die alten und schlimmsten Kriegsteufel, die diese abscheuliche politische Suppe zusammengebraut hatten, auf ihren fetten Ärschen in ihren Büros im Zentrallager und im Hauptquartier saßen, weit weg von der Front, weit weg von allen pfeifenden Kugeln. (SKSJ, S. 248)
Diese Art von Stellen stimmt im Übrigen im Ton mit denen überein, in denen sich die Erzählerin über die religiöse Indoktrinierung der Jungen durch die ältere Generation empört (vgl. SKSJ, S. 275). Es zeigt, wie sehr religiöse und politische Indoktrination für sie verknüpft sind, bzw. nach denselben Schemata funktionieren. Ironischerweise sind es gerade ältere Männer, die sich jedoch durch ihre jugoslawische Herkunft vereint fühlen, die der Familie die Flucht aus Bosnien ermöglichen (vgl. SKSJ, S. 284).
Der Geschlechterkonflikt, der hier ausgetragen wird, ist der bereits oben erwähnte,*Vgl. Abschnitt 5.2, S. 236 ff. welcher auch in den Zeitungsrezensionen großes Echo fand: dass es sich hier um eine Mutter handelt, die die Regeln des Kriegs nicht akzeptieren möchte und deshalb an die Front reist, um ihren Sohn davon wegzuholen. Dabei spielen die eingangs erwähnten Machtverhältnisse – die Macht der Männer über die Frauen – eine Rolle, über die sie sich dabei hinwegsetzt. Dieser feministische Duktus erinnert an Norbert Gstreins Romane, allen voran Die Winter im Süden, in dem es zum Thema, dass Männer auf den Schlachtfeldern sterben, heißt: „Töchter müssen nach dem Krieg weiterleben […]. Vielleicht ist das manchmal für sie nicht unbedingt leichter“ (WIS, S. 282). Die Ich-Erzählerin in Sista kulan sparar jag åt grannen trägt dazu bei, dass die Rolle der Frauen im Krieg noch unvermittelter als bei Gstrein beleuchtet wird.
Soviel zur konkreteren Betrachtung der Kriegsgründe. Allerdings gibt es in Sista kulan sparar jag åt grannen auch eine subtilere Erforschung der Gegebenheiten, die in psychologischer Hinsicht zu Krieg führen können. In dieser Ebene erinnert der Roman in gewisser Weise an Schussangst, in dem es um die Radikalisierung eines jungen Mannes geht.*Vor allem eine Szene, in der die Erzählerin bemerkt, wie viel Macht sie über einen anderen Menschen hat, allein, weil sie mit Soldaten auftritt, zeigt die auch in Schussangst dargestellte Überlegung, wie sehr dieses Machtgefühl einen Menschen verändert. Vgl. SKSJ, S. 250 f. In dem schwedischen Text sind es vor allem drei Momente, die ich herausstellen möchte und die sich mit diesem Thema befassen:
a) Der Krieg im Kleinen;
b) Der Beginn von Gewalt am Beispiel der Pistole;
c) Die Irrationalität des Krieges.
Zu a): Der Krieg im Kleinen wird vor allem durch eine Jugendclique konkretisiert, die ihrem ältesten Sohn immer wieder auflauert und ihn zusammenschlägt (vgl. SKSJ, S. 57 ff., S. 90 f.). Dieser Konflikt steht am Anfang des Buches, als der eigentliche Krieg noch nicht in der Kleinstadt angekommen ist. Die Begebenheit wird nicht im Zusammenhang mit religiösen oder ethnischen Hassgefühlen geschildert, doch zeigt sie bereits ein marodes staatliches Gebilde. Die Polizei ist unfähig zu helfen. Auch beginnt die Erzählerin durch den in ihr aufkommenden Hass gegenüber den Jugendlichen zu begreifen, wie es möglicherweise zum großen Krieg kommen konnte:
Der Hass war der kraftvollste Treibstoff, den ich jemals gespürt hatte. […] Es war mir jetzt absolut klar, was ich tun könnte und tun würde. Und ich sehnte mich danach, meine Gedanken in Taten umzusetzen. […] Es zeigte sich, dass der Hass stärker war als mein Pazifismus.
Jetzt verstand ich, wie sich Serben, Kroaten und Muslime gegenseitig umbringen konnten, ich verstand, dass sich Töten notwendiger anfühlen konnte als Luft zu atmen. (SKSJ, S. 91)
Zu b): Wegen dieser Ereignisse beschließt die Protagonistin sich eine Pistole anzuschaffen. Die Serben in ihrer Stadt, u. a. auch der, der ihre Söhne bedroht hat, möchten diese aber konfiszieren und kehren deshalb mehrere Male zu ihr zurück. Obwohl sie sich selbst als Serbin ausgibt, um ihre Ausreisegenehmigung zu erhalten, plant sie, wie sie die Eindringlinge umbringt – aus Angst, selbst von ihnen getötet zu werden:
Ich dachte auch an meine versteckte und geladene Pistole. Mit ihrer einzigen und meiner letzten Kugel, die im Lauf lag. Der Gedanke gab mir etwas Hoffnung. Vielleicht würde es mir gelingen rechtzeitig in den Keller zu gelangen, die Waffe zu holen und diesen Mišić totzuschießen, bevor es den Schwarzen gelang, mich zu töten. Ich plante den Mord Schritt für Schritt, wie man seine Schachzüge plant. Sie hatten meine Pistole mehrere Male gesucht. Sie würden sie bekommen. Aber erst, nachdem ich die letzte Kugel verschossen hatte! (SKSJ, S. 152)
Dies sind sehr konkrete Fantasien, die das belegen, was der Hass davor in ihr hervorgebracht hat – nämlich, dass das Töten eines anderen wichtiger wird als das eigene Leben. Zu ihrem imaginierten Showdown kommt es aber aufgrund ihrer Ausreise nicht – die Kugel wird tatsächlich aufgehoben und nicht für das Töten eines anderen Menschen benutzt. Insofern gibt sie Hoffnung auf den Frieden: „Der andere hebt seine letzte Kugel auf, muss sie vielleicht nicht anwenden?“*Von Born 2008. Das religiöse Motiv der Sündenvergebung wird in dieser Interpretation impliziert, was auch zu den Gebeten passen würde, die die Protagonistin in brenzligen Situationen spricht.
Zu c): Die pure Irrationalität des Krieges wird in dem Roman durch eine Frau verkörpert, die die Protagonistin trifft, nachdem sie ihre Kinder ins Ausland in Sicherheit gebracht hat. Diese wird als sehr attraktiv beschrieben, hat mitten im Kriegsgebiet die Gräuel desselben erlebt und dennoch hauptsächlich das Bedürfnis ihren Mann zu töten – aufgrund dessen Untreue. Der offensichtliche Wahnsinn dieser vor der Erzählerin offen gelegten Absicht lässt sie über die Parallelen zwischen der Frau und dem Krieg räsonieren:
Diese hübsche Frau am Busbahnhof war der erste Mensch, den ich traf und der es gewagt hatte, den Krieg mit eigenen Augen zu sehen, aber es gelang mir nie richtig herauszufinden, wie der Krieg aussah. Aber vielleicht sah er genauso aus wie die Frau, unvorhersehbar, warmblütig, wahnsinnig einfach und primitiv, alles zur gleichen Zeit. (SKSJ, S. 110)
Die Stelle wirkt insgesamt unwirklich; das Gefühl der Unwirklichkeit ist typisch für den Roman und seine Schilderung des Krieges. Eine der Kritiken beschreibt, dass dieses Gefühl tatsächlich auch den Leserhythmus störe, aber zugleich gewollt sei, um eine wirkliche Einfühlung in die Situation zu gewährleisten.*Vgl. Benktson 2008. Immer wieder werden Ereignisse als unwirklich erkannt und benannt (vgl. SKSJ, S. 41 f., 99). Auch handelt die Protagonistin oft irrational, etwa, wenn sie sich auf ihre Flucht vorbereitet wie auf eine Urlaubsreise (vgl. SKSJ, S. 120). Die Kriegshandlungen in ihrer Stadt beschreibt sie analog so, als handle es sich um eine Filmsequenz:
Und ich sitze immer noch auf der Terrasse, meine Brust schmerzt immer noch als wäre ich kein Mordzeuge, sondern eine Zuschauerin während eines Filmdrehs, eine neugierige Betrachterin, die darauf wartet, dass jemand vor der Kamera auftaucht und sagt: „Szene mit dem ersten Kriegsopfer der Straße, Klappe, die zweite!“ (SKSJ, S. 131)
Ihre Wahrnehmung steht dabei in Opposition zu Peter Handkes Thematik: Dieser schreibt, wie sehr die Berichterstattung die Wirklichkeit unwirklich mache, in dem sie eine zweite Wirklichkeit erschafft.*Vgl. Abschnitt 3.3.7, S. 123 ff. Aber der Krieg selbst wirkt hier auf die Erzählerin so, als sei er durch ein Medium vermittelt worden, da er bislang nur durch ein solches erfahrbar war. Auch in einem anderen Punkt kann eine Relation zu Peter Handke hergestellt werden: In der Wortkritik.
Es war das erste Mal, dass ich solche Ausdrücke hörte. Früher wusste niemand, dass Dörfer von dem einen oder anderen Schlag sein konnten. Aber nun waren alle Städte und Dörfer serbisch, kroatisch oder muslimisch geworden, abhängig vom Wahlresultat, obwohl sie immer noch die gleiche gemischte Bevölkerung hatten wie früher und immer noch im Land Bosnien lagen. (SKSJ, S. 46)
In diese Wortkritik mischt sich, wie auch am vorletzten Zitat durchaus erkennbar, Sarkasmus und der Versuch, der neuen Wirklichkeit mit Humor zu begegnen. Dies ist auch ein letzter Punkt, auf den in Bezug auf Sista kulan sparar jag åt grannen hingewiesen werden soll: dass hier, ähnlich wie in deutschen Texten*Freitag in Sarajewo und Serbische Bohnen bedienen sich etwa des Verfahrens der Satire zur Darstellung der postjugoslawischen Kriege. Vgl. Abschnitt 4.4.4, S. 217–220, dieser Arbeit., der Humor dazu dient, die zunehmende Nationalisierung und die Kriegsereignisse durch die dadurch geschaffene Distanz erträglicher zu machen und weiterhin Lebenslust zu verspüren. Oder, wie es die Protagonistin formuliert: „Das Lachen half mir zu erkennen, dass ich immer noch lebte“ (SKSJ, S. 137).
Weitere Texte
Der Flucht- und Asylaspekt ist der, der in Bečevićs Resan som började med ett slut im Vordergrund steht. Der Roman beginnt mit dem Ende (schwed. slut), dass sowohl das Ende Jugoslawiens ist als auch das Ende des Aufwachsens des Protagonisten in diesem Land bezeichnet. Aus kindlicher Perspektive werden die ersten Bombardierungen und die darauffolgende Flucht nach Schweden geschildert. Auch die Tatsache, dass Schweden im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern noch Flüchtlinge aufgenommen hat, spiegelt sich im Roman:
Wir hatten unsere Reise im Nachbarland Kroatien begonnen, wo jemand von jemandem gehört hatte, der von der Kusine der Frau des Neffen gehört hatte, dass es in Nordeuropa ein Land gab, das Schweden hieß und die aufnahm, deren Heime vom Granatenschauer zerstört worden waren. […] Wir würden durch Ungarn, Rumänien, durch die Ukraine und durch Polen und mit dem Schiff nach Schweden fahren. Ferid murmelte etwas davon, dass wir vermutlich nicht nach Deutschland und in andere westliche Staaten hineingelassen worden wären, was der Grund für den enormen Umweg war. (RSB, S. 11 f.)
Hier bemerkt man vor allem die kindliche Perspektive, aber auch den trockenen Humor, mit dem die eigentlich beschwerliche Flucht geschildert wird. Ähnlich wie in Sista kulan sparar jag åt grannen wird darauf immer wieder auf Humor als Mittel der Distanzierung zurückgegriffen.
In vielen anderen Aspekten ähnelt Resan som började med ett slut anderen schwedischsprachigen Jugendromanen im multikulturellen Milieu, wie schon eingangs erwähnt wurde: Von außen angetragener Rassismus (vgl. u. a. RSB, S. 141 f., S. 192, S. 217) in Schweden wird ebenso thematisiert wie die gruppenimmanente Zuordnung zu Stereotypen (vgl. z. B. RSB, S. 75, 143 f.) und die Rivalität und die Vorurteile der Migrantengruppen untereinander (vgl. z. B. RSB, S. 187). Zugleich kommt es zu einer positiven Resignifizierung von ursprünglich negativ klingenden Begriffen: So nennt sich die Jugendband, die Nino gründet, Svarta skallar (dtsch. Schwarze Schädel), was ihre Lehrerin aufgrund der rassistischen Implikation nicht nachvollziehen kann:
Sie fand nämlich, dass „Schwarze Schädel“ ein beleidigender Name für uns war und dass es positiver klingende Merkmale gab, die besser beschreiben würden, wer wir waren und wofür wir standen. Sie schlug Namen wie Neue Zeiten oder Toughe Smarte Jungs vor, aber alles, was sie vorschlug, klang so verdammt lahm. […] Ein Bandname sollte sagen „Mit uns solltest du dich nicht anlegen“ […] (RSB, S. 77).
Um die Lehrerin von ihrer Idee zu überzeugen, ziehen sie im Anschluss an die zitierte Textstelle eine direkte Verbindung zur US-amerikanischen Band Niggers with attitude. Dies zeigt, dass sie sich tatsächlich in der Tradition der amerikanischen Empowerment-Bewegungen sehen, wie etwa die Homosexuellen- oder die Schwarzengruppierungen, und ursprünglich pejorative Begriffe nutzen, um sie mit neuen Inhalten zu füllen. Derlei Vorgänge hat sowohl Judith Butler als auch Michel Foucault analysiert.*Vgl. Butler 2006, insbes. S. 160, 162 f., Michel Foucault: Dispositive der Macht, Berlin 1978, S. 184 f. Die Verwendung von einem ursprünglich negativ konnotierten Namen findet sich auch in Jonas Hassen Khemiris Montecore, als die Jugendlichen die Gang Blatte for live gründen – Blatte ist das schwedische Schimpfwort für Menschen mit Migrationshintergrund, etwa vergleichbar mit dem deutschen Kanake.*Vgl. Khemiri 2006, S. 321 f. Auch hierbei wird auf die Band NWA, Niggers with Attitude verwiesen, vgl. ebd., S. 249. Dies zeigt, wie sehr sich Bečević nicht nur in den Kontext der schwedischsprachigen Bücher mit der Thematik der postjugoslawischen Kriege einordnen lässt, sondern ebenso in den der Bücher, die von Jugendlichen mit Migrationshintergrund handeln.
Auch die Verwendung des sogenannten Rinkebysvenska, der in Schweden zum Teil gesprochenen multiethnischen Jugendsprache, wird thematisiert (vgl. RSB. S. 52) und die Sprache des Buches hat, ähnlich wie bei Khemiris Romanen, deutliche Anleihen an diesen Soziolekt. Ähnlich wie in anderen schwedischsprachigen Texten wie Hotell Tre Kronor oder Mitt hjärtas dagbok werden die Schwierigkeiten des Lebens im Asyl und die privaten Probleme, die daraus resultieren, in den Vordergrund gestellt – das Herkunftsland und die Probleme dort hingegen werden selten thematisiert. Am Ende des Buches steht wie schon bei Sista kulan sparar jag åt grannen die Rückreise des mittlerweile erwachsenen Erzählers nach Bosnien in seine Heimatstadt. Dies geschieht auf Anraten seines Psychologen, obwohl der Erzähler weiß, dass er auch damit nicht das Sicherheitsgefühl wiedererlangen wird, das er durch den Kriegsausbruch und das Verlassen der Heimat verloren hat (vgl. RSB, S. 221 f.). Die Suche nach dieser Heimat und dem Gefühl der Geborgenheit hat der Roman ebenfalls mit Sista kulan sparar jag åt grannen gemein – obwohl es bei letzterem wirkt, als sei die Erzählerin pragmatischer mit dem Thema umgegangen und hätte Schweden einfacher als neue Heimat akzeptieren können. Dementsprechend kurz ist die Passage des Buches, in der vom Asyl in dem neuen Land erzählt wird.
Flucht und Asyl sind auch Themen, die bei Lidija Praizović behandelt werden. Genauso wie bei Resan som började med ett slut steht eine Heranwachsende im Zentrum. Dass erwachende Sexualität und die körperliche Versehrtheit der Protagonistin im Zusammenhang mit einem verlorenen Vater ein wichtiger Motivkomplex ist, ist dagegen etwas, das das Buch eher mit deutschsprachigen Texten wie Die Winter im Süden von Norbert Gstrein oder Ein Stück gebrannter Erde von Victorija Kocman gemein hat. Der Rassismus im Ankunftsland wird dagegen ähnlich wie bei Resan som började med ett slut verarbeitet, ohne dass mit ihm produktiv umgegangen werden würde. So wird über die ankommenden Flüchtlinge geurteilt:
Schmiere, die nicht daran gehindert wird zu schmelzen, rinnt in den Abfluss und verunreinigt unsere Seen und unser Meer. (SP, S. 29)
Mit der Ankunft in dem neuen Land kann die Mutter offensichtlich ebensowenig umgehen wie der Vater in Resan som började med ett slut. Die Anpassungsschwierigkeiten und das Gefühl, nirgendwo zuhause zu sein, wird in einer symbolischen Szene als Übergang von Meeres- zu Landbewohnern geschildert:
Sie hütet sich davor, dass eine Flosse an der falschen Stelle hervorragt, aber alle Stellen sind falsche Stellen: Im Wasser und auf dem Land, im neuen Land und im alten. (SP, S. 31)
In einer anderen Passage heißt es:
Die Mutter will so gerne mit der Erde des neuen Landes verschmelzen, sie will dessen Tiere und dessen Natur werden. Aber kann man sich häuten ohne gehäutet zu werden? (SP, S. 73)
Diese etwas kryptische Darstellungsweise ist im Grunde ein originelleres Bild für das Topos der in-betweenness, das gerade in Literatur mit dem Motiv der Migration häufig anzutreffen ist. Es könnte auch eine Anspielung an das Sprichwort „weder Fisch noch Fleisch“ bedeuten, welches es im Schwedischen in leicht abgewandelter Form ebenfalls gibt.*„varken fågel eller fisk“ [wörtl. dtsch.: „weder Vogel noch Fisch”] Beide Zitate zeigen, wie sehr die Autorin mit Naturmetaphern arbeitet. Gerade letzteres nimmt noch einmal die rassistische Wahrnehmung der Flüchtlinge auf, die im wahrsten Sinne des Wortes im Verdacht stehen das Land zu infiltrieren. Das aktive Häuten [schwed. „ömsa skinn“] wird in Frage gestellt und mit einem passiven „gehäutet werden“ oder „sich häuten lassen“ [schwed. „bli flådd“] kontrastiert. Die Frage, die dahinter steht, ist: Inwieweit ist eine solche Entscheidung, sich an die neue Umwelt anzupassen, eine aktive Entscheidung oder inwieweit wird sie durch dieselbe aufgezwungen?
Die Identitätsunsicherheit zeigt sich an einer anderen Stelle, die auch im erweiterten semantischen Feld der „neuen Haut“ anzusiedeln ist: bei einer Maskerade, die ihr eine Lehrerin scheinbar empfohlen hat.
Das ganze Wochenende läuft sie mit einer gelben Perücke auf dem Kopf herum und das Merkwürdige ist, dass es sich anfühlt, als ob sie zwei Perücken aufhat, denn unter der richtigen Perücke trägt sie ihr eigenes falsches Haar. (SP, S. 66)
Die gelbe Perücke – die unschwer zu erkennen für das angeblich typische schwedisch-blonde Haar steht – fühlt sich als „richtige“ Perücke echter an als das eigene „falsche“ Haar. Auch hier werden wieder Identitäts- und Anpassungsschwierigkeiten ausgedrückt, die zum einen durch die Migration verursacht wurden, zum anderen durch die pubertäre Phase.*Insofern verwundert es nicht, dass gerade in der klassischen Identitätsforschung Jugendliche und Pubertierende ein besonderes Hauptaugenmerk bilden. Vgl. Erikson 1968 und Abschnitt 2.2.1.1 , S. 21–25.
Die Identitätssuche, die rein räumlich mit der Reise hin zum Heimatland der Eltern verbunden wird, steht im Vordergrund von Akacian viskar, wenngleich die Protagonistin dieses Romans bereits 35 Jahre alt ist. Von den drei Romanen Popovics ist es derjenige, in dem sich die jüngsten Kriege im früheren Jugoslawien am ehesten in der Darstellung spiegeln. Mit Spegelboken hat der Text zudem den Konflikt mit den Eltern, sowohl mit dem Vater als auch mit der Mutter, gemein. Die Identitätssuche wird aufgrund des traumatisierenden Mordes an dem Arbeitskollegen der Protagonistin ebenfalls mit Hilfe einer Psychiaterin bewältigt. Diese schenkt der Protagonistin Svetlana vor deren Reise nach Serbien ein Notizbuch (vgl. AV, S. 34) – hier wird wieder der Topos des Schreibens als Therapie aufgerufen. Auf das Unterbewusstsein wird in der Erzählung wiederholt rekurriert, beispielsweise über die Träume, die die Ich-Erzählerin wiedergibt (vgl. AV, S. 65 ff.). Auf die Problematik der kulturellen Identität wird Svetlana durch Fremdzuschreibungen gestoßen. Sie selbst empfindet sich als „schwedisch, unverbesserlich schwedisch“ (AV, S. 28):
Ich habe nie gefühlt, dass ich Wurzeln im Balkan habe. Vielleicht Luftwurzeln. (AV, S. 28)
Es sind die Anderen, v. a. auch die Bosnier in dem Flüchtlingsheim, die sie als Serbin und damit als Feindin identifizieren und gegen ihre Anstellung protestieren (vgl. AV, S. 33, S. 130). Das Schicksal, von außen einer bestimmten Kategorie zugeordnet und somit „ethnifiziert“ zu werden, teilt sich Svetlana mit der Protagonistin der deutschsprachigen Novelle Ein Stück gebrannter Erde.
Durch ihre eigene Identifizierung mit dem Schwedischen wird Svetlana auf die Darstellung der Kriege durch die Medien aufmerksam, als sie mit ihrer Großmutter über den Krieg spricht, in dessen Verlauf ihr Onkel durch amerikanische Bomben starb:
Es war ein ganz anderes Bild des Kosovokrieges, das sie mir gab als jenes, das ich in Schweden bekommen hatte. Ich fühlte, dass ich gerne wollte, dass es wahr wäre, aber die Wahrheiten der alten Menschen konnten oft in etwas wurzeln, von dem sie selbst wünschten, dass es wahr wäre. (AV, S. 49)
In dieser Aussage klingt sowohl der Konflikt zwischen medialer Wirklichkeit und der Wahrheit der Augenzeugenschaft an, den u. a. Peter Handke behandelt hat, als auch die Ansichten des Autors Popovic, der der Wahrheit von Geschichten einen anderen Wert zuschreibt als der Wahrheit der Realität:
Was Literatur angeht, glaubt er, dass sie wahrer als die Wirklichkeit ist, da die Wirklichkeit viel mehr als nur die Wahrheit beinhaltet. […] Aber mit der Literatur ist es so, dass sie quasi auf der Suche nach Wahrheit ist. Sie konzentriert sich in der Literatur.*Kuivanen 2001.
Dieser Diskurs wird allerdings in Akacian viskar nur angedeutet und nicht, wie etwa in der Kurzgeschichte von Mare Kandre, als textstrukturierendes Merkmal gebraucht.
Wie bereits geschrieben, ist bei Kandres Kurzgeschichte vor allem interessant, dass sie die Rolle der Medien als einzige in der schwedischsprachigen Literatur ausführlicher beleuchtet. Dies mag daran liegen, dass Kandre als schwedischstämmige Autorin im Gegensatz zu fast allen anderen in Schwedisch publizierenden Autoren keinerlei biogra-fische Verwurzelung in diesen Ländern hat – dieser Zusammenhang konnte ebenso für die deutschsprachige Literatur hergestellt werden. Zu Beginn der Erzählung befindet sich die Protagonistin auf dem Weg in den Urlaub am Flughafen, als ihr Blick auf die Flugzeugtafel fällt, die als Ziel einen Ort anzeigt, der sich offensichtlich gerade im Kriegszustand befindet:
Im gleichen Augenblick erinnerte sie sich auch daran, dass sie seit heute Morgen noch, während sie ihre letzten Kleidungsstücke eingepackt hatte – Sonnenöl, Sandalen, das dünne, weiße Abendkleid mit den silbernen Trägern – tatsächlich einen flüchtigen Blick auf die Morgennachrichten im Fernsehen geworfen hatte und dort die immer gleichen Elendsbilder vorbeigeflimmert waren; Frauen und Männer, die mehr oder weniger wie sie gekleidet waren, ein ganzes Volk aufgereiht in scheinbar endlosen Schlangen, hinein- oder hinaussprudelnd über ihre Landesgrenzen hinweg, wie es jetzt war, wusste sie nicht, sie konnte nicht mehr alle Reihen auseinanderhalten, sie hatte eine sehr dunkle Ahnung von dem, was dort unten eigentlich vor sich ging, wie es einmal angefangen hatte, welche mit welchen kämpften und warum, in welche Richtung das Töten vor sich ging, ging es einwärts, rückwärts, vorwärts? (HV, S. 156)
Die eigene unbesorgte Lebensweise wird scharf kontrastiert mit den Elendsbildern aus dem anderen Land. Im Gegensatz zu Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest wird dabei nicht die scheinbar archaische Lebensweise der Leute „dort unten“ (s. o.) bemüht, sondern im Gegenteil: sie sind „mehr oder weniger wie sie gekleidet“, tragen alle Insignien von Modernität an sich. Gleich zu Beginn wird anerkannt, dass das Land „mitten in Europa“ (HV, S. 155) gelegen sei – das Grauen wird hier nicht an den Rand gedrängt oder, mit anderen Worten „balkanisiert“. Dafür spricht auch eine andere Stelle, in der sie von einer Stadt im Kriegsgebiet spricht, die
[…] eigentlich war wie jede beliebige gewöhnliche abendländische Stadt, sie hätte genauso gut die Stadt sein können, die sie gerade hinter sich gelassen hatte, wenn es nicht die zusammengebombten Häuser gegeben hätte und die Geschäfte, die verlassen waren, die meisten mit kaputtgeschlagenen Scheiben und leeren Schaufenstern und Regalen. (HV, S. 166)
Was an dieser Stelle etwas aus dem Rahmen fällt, ist das altmodisch anmutende Adjektiv „abendländisch“ [schwed. „västerländsk“], das die Dichotomie zu dem als orientalisch wahrgenommen Balkan unbewusst wiederaufruft. Teilweise wirkt die Beschreibung selbst klischeehaft, wie aus eben den TV-Bildern, die sie schildert, abgeschrieben. Gerade diese werden aber im ersten Zitat als undurchsichtig dargestellt: Die Protagonistin weiß tatsächlich nicht mehr, wer oder was gut oder böse, schuldig oder unschuldig ist.
Kurz entschlossen entscheidet sie sich dafür ihren Urlaubsflug zu stornieren und stattdessen in das Kriegsland zu reisen.*Auch bei dem zweiten schwedischsprachigen Autor ohne Migrationshintergrund aus diesen Gebieten, Tommy Rander, findet eine solche Reise statt, allerdings aus purer Notwendigkeit, die verschollene Tochter und den Enkel aus dem Kriegsgebiet zu holen. Ihr Aufenthalt in dem Land der Kriegsbilder lässt sie hinterfragen, was wirklicher oder unwirklicher ist: Der Krieg oder der Frieden? Das Leben bei sich zuhause oder im sicheren Heim (vgl. HV, S. 167, S. 174)? Sie stößt auf eine Flüchtlingskolonne, der sie sich anschließt. Später hält sie die Hand einer alten Frau, während diese stirbt und spürt plötzlich, „dass es diese Hand, diese Alte war, zu der sie während dieses ganzen langen, unvergleichlichen Tages gereist ist“ (HV, S. 178). Das hier übersetzte „zu“ [schwed. „mot“] stellt eine Verbindung zu dem ersten Zitat dar, in dem mit den Richtungen des Tötens [hier meistens mit der schwedischen Präposition „åt“ versehen] gespielt wird. Gleichzeitig wird auf inhaltlicher Ebene deutlich, dass nicht „das Töten“ wie noch in den Medienbildern, am Ende der Reiserichtung steht, sondern das Mitleid mit einem anderen Menschen. Amelie Björck sieht das Thema des Nächsten, der Nächstenliebe und des Nächstenhasses, als zentral in Kandres Werk an; das komplette Eintauchen in die eigentlich medial vermittelten Flüchtlingsbilder und das Einswerden mit diesen Flüchtlingen ist für sie das äußerste Zeichen der Menschlichkeit.*Vgl. Björck 2001. Bei Rander wird diese Überbrückung der Distanz zu den Anderen dadurch gelöst, dass seine Tochter und sein Enkel selbst durch Zufall Opfer der Massaker rund um Srbrenica werden, obwohl sie schwedischstämmig sind.
Der mediale Einfluss wird in Hotell Tre Kronor nicht bewusst aufgenommen, ist aber in der Wortwahl und der Bewertung des Geschehens durchaus präsent, wie bereits oben aufgeführt wurde (vgl. Abschnitt 5.1.3, S. 231–235). Dass das Thema Asyl und Flucht hier sehr zentral ist, wurde ebenfalls dargestellt; das Asylantenheim, das Hotell Tre Kronor, ist titelgebend. Auch die Tatsache, dass auf verschiedenen Zeitebenen das heile Leben davor mit dem Krieg und der Wirklichkeit in einem Asylantenstatus kontrastiert werden, wurde erwähnt; es zeigt sich, dass eine zeitliche Einteilung in Perioden „vor dem Krieg“, „während des Krieges“ und „nach dem Krieg“ erfolgt. Dies wird beispielsweise in einer Unterhaltung mit einer bosnischen Familie im Flüchtlingsheim deutlich. Die Kriegsneuigkeiten, die ausgetauscht werden, werden kontrastiert mit Erinnerungen und Erzählungen vom alten Leben (vgl. HTK, S. 38–42). Diese Art der Zeiteinteilung erinnert vage an die des Protagonisten Luan in Kims Die gefrorene Zeit.
In der chronologischen Abfolge gleichen sich Jag, Sajma und Hotell Tre Kronor sehr stark; auch hier ist es eine Frau, die mit ihrer Familie nach Schweden flüchtet und von ihrem Leben in Jugoslawien davor erzählt. In ihrer Bewertung unterscheiden sich die zwei Bücher aber völlig: In Jag, Sajma wird keine idyllische Welt gezeichnet, sondern eher die Korruptheit des Systems dargestellt, die es der Ich-Erzählerin bereits vor dem Krieg unmöglich machte ein normales Leben zu führen. So sagt sie über die Klüngeleien in einem Unternehmen, in dem sie kurz angestellt war:
[…] [E]s waren selten das Können oder die Ausbildung, die entscheidend waren. Nur der Status einer Person bedeutete etwas, sowohl in dem Unternehmen als auch in der Gesellschaft im Großen und Ganzen. (JS, S. 180)
Das Buch Fursten i nätet der gleichen Autorin ist dagegen von deren*Aufgrund der vielen biografischen Übereinstimmungen zwischen Autorin und der Erzählerin bis hin zum gleichen Vornamen und den gleichen Vornamen der Kinder kann davon ausgegangen werden, dass auch die tatsächliche Autorin an Schizophrenie leidet. Krankheitsbild gezeichnet und dem damit einhergehenden Realitätsverlust, den wir auch aus deutschsprachigen Büchern kennen (etwa Yugoslavian Gigolo). Die Krankheit könnte als Folge der erlittenen Kriegstraumata verstanden werden, Genaueres erfährt man dazu allerdings nicht.
Inre exil von Lejla Ejupovic verbindet wie oben schon genannt die Katastrophe des Brandes in einer Diskothek in Göteborg mit der eigenen erlebten Katastrophe als Kind, der Flucht vor dem Krieg in Bosnien. Die Verbindung zwischen diesen beiden Ereignissen sieht die Erzählerin zum einen in dem Bruch, den derartige Ereignisse in einem Leben hinterlassen:
Mein Leben ist ebenfalls in zwei Teile eingeteilt. Ein Leben in Bosnien und eins hier. Und dazwischen gibt es eine Zeit, über die ich nie rede, an die ich selten denke, die es einfach gibt. (IE, S. 32)
Die „Zweiteilung“ wird durch die Beschreibung der Flucht in der Mitte des Buches formal umgesetzt. Es ist der Verlust von Freunden, den sie mit den Überlebenden der Brandkatastrophe teilt (vgl. IE, S. 79 f.). Die Einsicht von einer gewissen Unerzählbarkeit lässt die Erzählerin zum Teil verstummen:
Ich werde nicht von der Reise hierher nach Schweden erzählen. Die Gefühle kann man unmöglich in Worte kleiden, die Sätze verlieren ihre Bedeutung. (IE, S. 50)
Es wird stattdessen wie in vielen anderen Texten ausführlich vom Asyl in Schweden und den ersten, widrigen Umständen in den Flüchtlingsunterkünften erzählt (vgl. IE, S. 51–55). Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Erinnerung und Vergessen stellt sich sowohl für die Jugendlichen, die in der Diskothek ihre Freunde verloren als auch für die Erzählerin. Über einen dieser Jugendlichen schreibt sie:
Er will nicht vergessen, was passiert ist, aber er will auch nicht jede Sekunde daran erinnert werden, weil man sonst nicht aufhören kann zu trauern. (IE, S. 67)
Schlussendlich beschließt die Erzählerin wie viele Protagonistinnen und Protagonisten in deutsch- und schwedischsprachigen Werken nach Kroatien zurückzufahren, um die „zersplitterten kleinen Teile des Lebens“ (IE, S. 82) zusammenzufügen. Ihre Erlebnisse dort führen zu einer zweischneidigen Erkenntnis: Sie fühlt sich zwar nicht mehr heimisch (vgl. IE, S. 86 f.), hat aber dennoch das Gefühl später nach Bosnien zurückkehren zu wollen (vgl. IE, S. 98).
Im Falle Ejupovics ist es trotz der autobiografischen Machart möglich einzelne Motive als allgemeingültige zu isolieren. Bei anderen autobiografischen Büchern habe ich mich dagegen zurückgehalten mit der Suche nach spezifischen Motiven, obwohl sie, wie oben ersichtlich, in einzelnen Passagen durchaus auszumachen sind. Hier wird deutlich, inwieweit sich der biografische Bericht von einem Roman unterscheidet, dessen Machart gerade Verbindungen zwischen den verschiedenen textstrukturierenden Elementen zu schaffen versucht. Dennoch ist das Bedürfnis nach einer Narration selbst in diesen autobiografischen Berichten durchaus spürbar, und sei es nur, um Sinnbezüge in der eigenen Vita herzustellen.
Die Darstellungsmöglichkeiten des Krieges: Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der deutsch- und schwedischsprachigen Literaturlandschaft
In Bezug auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutsch- und schwedischsprachigen Literaturlandschaft sind schon einige Punkte in den vorangegangenen Abschnitten festgestellt worden. Es wurde etwa erwähnt, dass sowohl in Sista kulan sparar jag åt grannen als auch in Die Stille ist ein Geräusch der Grund des Krieges vor allem in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus gesucht wurde. Sista kulan sparar jag åt grannen geht dabei allerdings weiter als der Reisebericht von Juli Zeh: Hier wird der Geschlechter- und Generationenkonflikt zusätzlich als Kriegsursache ausfindig gemacht. Der feministische Diskurs, der in Fausta Marianovićs Roman zu finden ist, erinnert dagegen eher an Die Winter im Süden von Norbert Gstrein: Die Rolle der Frauen im Krieg wird hier ebenso behandelt. Die Protagonistin in Sista kulan sparar jag åt grannen erforscht, wie oben dargestellt, nicht nur auf soziokultureller Ebene die Frage nach dem Töten im Krieg – auch auf psychologischer Ebene geht sie diesem Aspekt nach. Eine ähnliche Thematik findet sich in Dirk Kurbjuweits Schussangst, aber im weiteren Sinne auch in Romanen wie Das Handwerk des Tötens oder Sarajevo Safari. Hier finden sich also in thematischer Hinsicht Ähnlichkeiten zwischen der deutsch- und schwedischsprachigen Literatur, zumindest, was einzelne Werke betrifft. Ein weiteres Thema, das in Sista kulan sparar jag åt grannen eine Rolle spielt, ist die Unwirklichkeit des Krieges. An dieser Stelle steht Marianovićs Realitätsdiskurs mit dem eines Peter Handke diametral gegenüber: Während es in Marianovićs Roman der Krieg selbst ist, der ein irreales Gefühl erzeugt, ist es bei Peter Handke die Berichterstattung über diesen, welche ihm unwirklich erscheint. Mare Kandre stellt dagegen in der Kurzgeschichte in Hetta och vitt die Frage, was eigentlich unwirklicher sei: der Friedens- oder Kriegszustand? Ihre Protagonistin scheint erst dann in der Wirklichkeit anzukommen, als sie das Kriegsgebiet erreicht.
Der Übergang von Realität zu Einbildung schlägt sich oftmals in der Psyche der einzelnen Figuren nieder. Die traumatischen Erfahrungen des Krieges können zu einer Art „Krankheit an dem Realen“ führen: Dies wird vor allem in Fursten i nätet von Sajma Sarafiloski deutlich, in deren Verlauf die Erzählerin an Schizophrenie erkrankt, aber auch in Mörkriket findet sich ein derartiger Realitätsverlust, der jedoch nicht unmittelbar kriegsinduziert ist. Ein solcher Übergang vom realen Schrecken zu einem, der sich auf der psychischen Ebene abspielt, erinnert an das Ende von Sarajevo Safari oder Yugoslavian Gigolo, in denen diese Übergänge ebenfalls fließend sind. Das Genre des Thrillers wiederum haben diese deutschsprachigen Texte mit dem schwedischen Över gränsen gemein, obwohl die Herangehensweise eine andere ist. Rander vermeidet derart explizite Beschreibungen des Tötens, wie sie in deutschsprachigen Thrillern der Fall sind.
Die Rolle des Unterbewusstseins ist dabei sowohl ein wichtiger Bestandteil von einem schwedischen Roman wie Akacian viskar als auch von deutschsprachigen Texten wie Ein Stück gebrannter Erde oder Die Winter im Süden. Wie in Wie der Soldat das Grammofon repariert ist es das Aufschreiben der Empfindungen selbst, das therapeutische Wirkung auf diejenigen haben soll, die den Krieg erlebt haben.
Der Humor, der mitunter zum Satirischen neigt, und der als narratives Verfahren sowohl in Sista kulan sparar jag åt grannen als auch in Resan som började med ett slut Anwendung findet, wird auch in deutschsprachigen Texten wie dem Theaterstück Freitag in Sarajevo oder auch in Serbische Bohnen angewandt.
Eine interessante Frage ist die nach der Darstellung der Bevölkerung des zerfallenden Jugoslawiens in den Texten. Während etwa in Hetta och vitt der schwedischstämmigen Schriftstellerin Mare Kandre vor allem die Gleichheit der Leute betont wird, ist bei Martin Mosebach die Differenz voneinander spürbar.
Dass der Krieg eine neue Zeiteinteilung fordert, wird nicht nur in deutschsprachigen Texten wie Die gefrorene Zeit reflektiert, sondern auch in schwedischsprachigen wie Hotell Tre Kronor oder Inre exil, in dem das Leben in ein „Davor“ und „Danach“ zerfällt. Der Wechsel des Wohnortes, die neue Existenz in einem anderen Land, sind dafür räumliche Markierungen. In Inre exil wird zudem die Frage nach dem Zusammenspiel zwischen Erinnerung und Vergessen behandelt – dies geschieht wiederum sehr ausführlich in deutschsprachigen Texten, von denen Die gefrorene Zeit wohl das markanteste Beispiel für eine solche Thematisierung ist.
All diese Gemeinsamkeiten und Differenzen betreffen zunächst eine mikroskopische Ebene, den direkten Vergleich zwischen einzelnen Büchern der deutsch- und schwedischsprachigen Literaturlandschaft. Auf der makroskopischen Ebene gibt es vor allem eine Auffälligkeit, die sämtliche weitere Unterschiede entscheidend prägt, und das ist die der Herkunft. Während in der deutschsprachigen Literatur wenige Autorinnen und Autoren einen biografischen Hintergrund in den früheren jugoslawischen Ländern haben (unter ihnen Saša Stanišić und Victorija Kocman), besitzen in der schwedischsprachigen Literatur die Mehrheit der Textschaffenden eben solche Wurzeln in dieser Region. Eine Ausnahme stellt Mare Kandre dar, die wiederum, wie festgestellt, als einzige die Beobachterperspektive in Form der medialen Vermittlung konsequent in ihren Text einbezieht. Diese Beobachterperspektive zweiter Ordnung, die fast zwangsläufig von jemanden kommt, der den Krieg nur vermittelt und nicht unvermittelt erlebt, steht für die erste der zwei Schlussfolgerungen, die sich aus dem biografischen Hintergrund ergibt: Nämlich, dass Schreibende, die den Krieg nicht selbst erlebt haben, die Beobachterposition, ihre Grenzen und Problematiken häufig als zentrales Thema in ihren Texten wählen. Verknüpft mit der Tatsache, dass in der schwedischsprachigen Literaturlandschaft mehr Akteure das direkte Erleben des Krieges aus ihrer Biografie kennen, lässt sich daraus schlussfolgern, dass diese Beobachterposition in den schwedischsprachigen Texten weitaus seltener anzutreffen ist. Anklingen mag dies noch in Texten wie der Jugendroman Resan som började med ett slut, in dem der kindliche Erzähler – wie oben geschildert – zwar noch die Kriegsanfänge mitbekommen haben mag, aber im weiteren Verlauf auf die Vermittlungen von Erwachsenen und Medien angewiesen ist. Auch in Akacian viskar wird das Problem der Augenzeugenschaft angerissen. Dabei nimmt der kindliche und/oder jugendliche Erzähler in den hier untersuchten deutsch- und schwedischsprachigen Texten ohnehin eine Sonderrolle ein; noch deutlicher wird dies bei Saša Stanišićs Wie der Soldat das Grammofon repariert. Als einer der wenigen Protagonisten steht der Ich-Erzähler Aleks nicht nur zwischen zwei Lebensphasen – dem Erwachsensein und der Jugend – sondern auch zwischen unmittelbarer Betroffenheit und vermittelten Erlebnissen. Dieser Zwiespalt spielt nicht nur in anderen, sowohl in Resan som började med ett slut als auch in Wie der Soldat das Grammofon repariert vorkommenden Identitäts- und Herkunftsdiskursen eine Rolle, sondern äußert sich auch räumlich: In der zwischen Flucht und Reise oszillierenden Bewegung der in den Romanen geschilderten Jugendlichen. Diese Raumdimension stellt die zweite Schlussfolgerung aus der Herkunft der Schreibenden dar: in schwedischsprachigen Texten wird tendenziell eher die Erfahrung von Flucht und Asyl geschildert, also die Bewegung von den Kriegsgeschehnissen weg, während in Werken eher die (spätere) Reise zu den Kriegsschauplätzen geschildert wird, um die Erfahrung unmittelbarer zu gestalten. Hier drückt sich tatsächlich, wie es Katja Stopka bezüglich Gstrein und Born ausdrückte, ein nahezu beneidenswerter Mangel aus: Nämlich der Mangel an eigenen Kriegserfahrungen einer im Frieden aufgewachsenen deutschen und österreichischen Generation.*Vgl. Stopka 2011, S. 136 und Abschnitt 4.2.1, S. 162–167. Deutlich wird das wieder an dem Ausnahmetext von Mare Kandre, der als einziger in der schwedischsprachigen Literatur ausschließlich eine Reise hin in die Kriegsgebiete schildert – mit dem Ziel ein möglichst hohes Maß an Empathie zu erreichen. Bei Tommy Randers Thriller ist diese Reise hin zu den Begebenheiten doppelt vorhanden, zum einen bei der Tochter des Alten und dessen Enkel, die aus reiner Naivität mitten in die Kampfzone reisen, zum anderen beim Alten selbst. Deutlich wird diese Schlussfolgerung auch an den beiden „Hybrid“-Texten von Bečević und Stanišić: Bei beiden gehört die, mitunter von einem Psychotherapeuten (wie bei Bečević) empfohlene Reise zu dem kathartischen Erlebnis der von ihrer eigenen Vergangenheit entfremdeten Protagonisten. Es ist nicht die wie bei Zulmir Bečević im Titel proklamierte Reise, die mit einem Schluss beginnt, sondern die Reise, die einen Schlussstrich setzt – und zwar unter die Flucht, die bei diesem Buch den Anfang bildet und bei anderen Büchern wie bei Stanišić oder zahlreichen schwedischsprachigen Autorinnen und Autoren weiter ins Zentrum der Handlung rückt.
Der Diskurs, der den Sprachduktus der deutsch- und schwedischsprachigen Bücher prägt, ist offensichtlich ebenfalls ein anderer. Im deutschsprachigen Kontext gab es eine Debatte über die Parallelisierung der postjugoslawischen Kriege und des Zweiten Weltkriegs, angestoßen von Joschka Fischers Äußerung des „neuen Auschwitz“, um den deutschen Auslandseinsatz im Kosovo zu rechtfertigen.*Vgl. Franziska Augstein: Als die Menschenrechte schießen lernten, in: Süddeutsche Zeitung vom 11.05.2010, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/kosovo-krieg-als-die-menschenrechte-schiessen-lernten-1.457678 (Stand: 23.12.2016). Diese Debatte fand sich in Schweden durch den anderen geschichtlichen Hintergrund nicht – vermutlich ein Grund dafür, warum Worte wie „koncentrationsläger“ [dtsch.: „Konzentrationslager“] unreflektiert Eingang in die schwedische Primärliteratur gefunden haben. So geschieht es etwa in Sista kulan sparar jag åt grannen und Inre exil. An diesem kleinen Beispiel zeigt sich, wie sehr sich der schwedische Diskurs von dem deutschen und österreichischen unterscheidet. Dennoch finden sich Parallelen zwischen den zwei Kriegen in der deutschsprachigen Literatur zumindest auf inhaltlicher Seite – sowohl Doron Rabinovicis Ohnehin als auch Susanne Scholls Elsas Großväter behandeln beide Kriege.
Eine letzte Differenz liegt in der Prägung der Texte. In schwedischsprachiger Literatur gab es anders als in der deutschen keinen „Ausgangstext“, der das Schreiben über die postjugoslawischen Kriege über Jahre hinweg beeinflusste. Insofern funktioniert das Bild des Morettischen „Stammbaums“ in diesem Falle nicht, was sich in dem eher geringen Interesse der Rezipientinnen und Rezipienten spiegelt. Die Texte bewegen sich größtenteils allerdings auch in ihrer Machart auf einem deutlich anderen Niveau als die deutschsprachigen, was ihre geringe Wirkmächtigkeit zum Teil erklärt.
Abschlussdiskussion
In dieser Dissertation sollte zum einen die Debatte um Peter Handke umfassend beleuchtet und im zeitlichen Abstand neu bewertet werden, zum anderen sollte generell die Darstellung der postjugoslawischen Kriege in der deutsch- und schwedischsprachigen Literatur betrachtet werden. Dazu wurden im zweiten Kapitel methodische und theoretische Grundlagen gelegt. Vor allem die Unterscheidung zwischen literarischem Reisebericht und journalistischer Reisereportage wurde an dieser Stelle herausgearbeitet. Einige Kriterien hierzu konnten trotz der „janusköpfige[n] Tradition“*Haller 1990, S. 67. der Reportage dennoch gefunden werden.
Im zweiten Teil ging es um die Causa Handke. Die Frage stellte sich, inwieweit sich seine Darstellung der postjugoslawischen Kriege in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag in den journalistischen Rezensionen wie in den wissenschaftlichen Beiträgen dazu spiegelte. Im Gegensatz zu Kurt Gritschs Untersuchung*Vgl. Gritsch 2009. war es mir hierbei wichtig hervorzuheben, dass es zu Handke von Anfang an positive wie negative Stimmen in der Medienlandschaft gab, aber die großen deutschen Medien generell eher Handke-kritisch eingestellt waren. Die Hauptkritik an Handke lautete hierbei, dass er die Faktenlage vernachlässige. Dieser Vorwurf kommt vor allem dadurch zustande, dass Handkes Texte als „Wirklichkeitserzählungen“*Klein/Martínez 2009, S. 6. rezipiert werden und somit ein stärkerer faktualer Anspruch von Seiten der Rezipientinnen und Rezipienten gestellt wird. In der wissenschaftlichen Diskussion ist um die Jahrtausendwende eine Abkehr von einem politischen hin zu einem poetischen Diskurs spürbar; Themen und Motivik spielen hierbei nun eine größere Rolle als der Skandal, den Handke seinerzeit verursachte. Hier wie auch in der vorliegenden Untersuchung zu Handkes poetischen Überlegungen wird deutlich, dass sich manche seiner (Ab)neigungen aus diesen speisen – ein Beispiel dafür ist etwa Handkes Konzept der „anderen Zeit“, das mit seiner Zeitungskritik konform geht. Aus dieser Perspektive, die werkübergreifend argumentiert, ist die in Handkes Texten ausgedrückte Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsskepsis der hauptsächliche Grund für seine Serbienreise; die Blickrichtung auf den Krieg von Serbien aus lässt sich über das Prinzip des „Nebendraußen“ erklären. Dieses meint, dass Handke sich in seinem Schreiben generell eher den Peripherien gewidmet hat. Dennoch kann Handke in seinem Schreiben nicht dem Vorwurf des Balkanismus entgehen, allerdings ist dieser mehr oder weniger stark während unterschiedlicher Werkphasen ausgeprägt: Die Kritik am Konzept von „Mitteleuropa“ in Abschied des Träumers vom Neunten Land ist meines Erachtens durchaus berechtigt und im Sinne Maria Todorovas, während er sich in Eine winterliche Reise und Sommerlicher Nachtrag zunehmend in einem Gestrüpp von romantisierenden Konterdarstellungen von Serbien verrennt. Diese Entwicklung setzt sich in späteren Serbientexten des Autors fort.
Neben Peter Handke war es vor allem Norbert Gstrein, der insbesondere mit seinem Roman Das Handwerk des Tötens mediale Aufmerksamkeit erhielt. Auch Martin Mosebachs Das Blutbuchenfest und Saša Stanišićs neuester Roman Vor dem Fest erhielten großes mediales Echo. Die journalistischen Rezensionen zu den deutschsprachigen Texten ergänzen in dieser Arbeit den komparatistischen Ansatz der Arbeit um einige Aspekte, die hier nur unvollständig besprochen werden konnten, da der Ansatz auf den Vergleich der verschiedenen Darstellungen gelegt wurde. Es wurde deutlich, wie sehr die deutschsprachige Literaturszene von Handke geprägt worden ist, aber auch, wie bestimmte Allgemeinplätze bei Kriegsdarstellungen immer wieder aufgesucht werden. Einer dieser Topoi ist die Zeitwahrnehmung, die kriegsbedingt eine andere zu werden scheint. Auch dass das Politische privat wird und – wie bei Juli Zeh – im Nachhinein bleibt, ist ein häufig diskutiertes Thema. Die Kritik an der Kriegsberichterstattung wird mit einem Realitätsdiskurs zusammengedacht – etwas, was schon bei Nicolas Borns Die Fälschung angelegt ist. Diese Debatte splittet sich in drei Komplexe: wem eine Geschichte gehört (Bsp. Norbert Gstreins Texte), das Problem des unbeteiligten Zuschauens (Bsp. Dirk Kurbjuweits Schussangst) und die Frage nach dem Voyeurismus, der sich explizit und implizit in der trivialeren Literatur widerspiegelt. In einzelnen Punkten werden die Thematiken allerdings anders interpretiert als bei Peter Handke: Während bei ihm beispielsweise die Stille eine Möglichkeit des Neubeginns impliziert, zeugt sie bei Juli Zeh und Anna Kim primär von dem Gräuel des Vergangenen. Neuere Publikationen wie die von Martin Mosebach zeigen jedoch, dass Peter Handkes Reiseberichte mittlerweile an Bedeutung verlieren bzw. aktualisiert und differenziert dargestellt werden wie bei Marica Bodrožić. Die Frage, die offenbleibt und zukünftig beobachtet werden muss, ist, ob diese Veränderungen mit einem „Generationenwechsel“ der Autorinnen und Autoren zusammenhängen, wie ihn etwa auch Moretti alle 25 Jahre diagnostiziert.*Moretti 2009, S. 30. Es ist allerdings zu früh diese Annahme zu bestätigen. Gleiches gilt für den bereits mehrfach genannten „Balkan turn“* Previšić 2009a., der damit zu tun haben könnte, dass die Autorinnen und Autoren, die als Kinder aus dem zerfallenden Jugoslawien nach Deutschland gekommen sind, nun, als Erwachsene, ihre Erfahrungen auch literarisch verarbeiten. Doch auch hier ist der Textkorpus noch zu gering, um eindeutige Schlüsse daraus zu ziehen. Es wäre für zukünftige Forschungsarbeiten interessant zu beobachten, wie sich neuere Publikationen zu den postjugoslawischen Kriegen positionieren und inwieweit Handkes Einfluss hierbei noch spürbar ist. Handkes Texte selbst erscheinen bis auf seine Publikationen nach der Jahrtausendwende gründlich erforscht. Die vorliegende Untersuchung könnte eine Grundlage für ausführliche Arbeiten zu den einzelnen, hier besprochenen Texten bilden. Gerade Martin Mosebachs Roman und Marica Bodrožićs literarischer Reisebericht bieten Anlass für weitere Untersuchungen.
In den verschiedenen deutschsprachigen Texten findet man sowohl Spuren von Balkanismus als auch Verfahren diesen zu konterkarieren. Das Problem hierbei bleibt allerdings, dass das „Widersprechen“ bestimmter Stereotype selbst neue Stereotype hervorruft. Was bei Handke in aller Deutlichkeit zutage tritt, findet sich auch in anderen deutschsprachigen Texten. Ein weiteres, in dieser Dissertation nur zum Teil angesprochenes Problem ist, dass sich der deutsch- und der österreichische Binnendiskurs ebenfalls differenzieren. Ob dies auch in anderen Literaturstreiten der Fall ist und inwieweit hier ein unterschiedlicher Diskurs dazu dienlich ist, eine österreichische Nationalliteratur zu schaffen, wäre eine Forschungsfrage für weitere Arbeiten.
Das Kapitel zur schwedischsprachigen Literatur mit seinem Vergleich zu den deutschsprachigen Texten rundet diese Arbeit ab. Es zeigt sich, dass sowohl unterschiedliche Gattungen als auch unterschiedliche Verfahrensweisen gewählt wurden, um die postjugoslawischen Kriege in deutsch- und schwedischsprachiger Literatur darzustellen. Dabei gibt es bemerkenswerte Gemeinsamkeiten, aber auch länder- und kulturspezifische Unterschiede. Eine komparatistische Literaturanalyse unterliegt immer dem Risiko, dass die zwei zu vergleichenden Literaturen unterschiedlicher sind als zunächst angenommen. Diese Unterschiede wegzuleugnen, würde gerade in der vorliegenden Untersuchung eine Verfälschung der Resultate bedeuten. Daher wurde hier der Versuch unternommen, diesen Differenzen Rechnung zu tragen. Sie liegen vor allem in der Tatsache begründet, dass die schwedischsprachigen Autorinnen und Autoren zu einem großen Teil während der Kriege geflohen sind und so autobiografische Erfahrungen direkten Eingang in die Texte gefunden haben. Dagegen bietet die deutschsprachige Literatur größtenteils eine vermittelte Perspektive an, die sich auch in den zentralen Fragestellungen der Texte widerspiegelt: Wem gehört eine Geschichte?, wie Norbert Gstrein treffend in seinem Essay titelt, wird konkret zu: Wem gehört die Geschichte des Krieges? Sind es die Opfer, die diese Geschichte erzählen müssen oder ist eine unbeteiligte, von außen kommende Perspektive ebenso notwendig? Diese Fragestellung ist so alt wie das Erzählen vom Krieg selbst. Letztere Frage muss spätestens dann bejaht werden, sobald die Opfer des Krieges keine Möglichkeit mehr haben ihre Geschichte zu erzählen.
Der Rezeptionsanteil bei einer Dissertation, die das Thema der literarischen Darstellungen im Kern hat, ist deshalb so groß geworden, weil Literatur immer als ökonomisches System begriffen wird: Auf die Rezeption (und die Forderung) nach einer bestimmten Art von Literatur versuchen die Schriftsteller zu antworten – dies wird deutlich bei Juli Zeh, die sich in ein von Handke geprägtes Gebiet hineinwagt. Auch wenn diese Versuche mitunter von Seiten der Buchkritik und Wissenschaft belächelt oder kritisiert wurden, sind sie notwendig: Es gibt keine singuläre und allumfassende Möglichkeit, etwas so Komplexes wie einen Krieg im Allgemeinen oder diesen Krieg im Besonderen „richtig“ oder wenigstens angemessen darzustellen. Oder, um diese praktische Erkenntnis mit einem Zitat Luhmanns zur Theorie zurückzuführen:
Das Kunstwerk legt den Beobachter zwar auf die im Kunstwerk fixierten Formen fest; aber im Kontext moderner Kommunikation scheint gerade dadurch die Freiheit gegeben zu sein, mit der formfest fixierten Differenz von imaginierter und realer Realität auf verschiedene Weise umzugehen. Gerade dadurch, daß die Kunst ihre Formen in Dingen niederlegt, kann sie darauf verzichten, eine Entscheidung für Konsens bzw. Dissens oder zwischen Affirmation bzw. Kritik der Realitäten zu erzwingen. Sie bedarf keiner vernünftigen Begründung, und sie macht dadurch, daß sie ihre Überzeugungskraft im Bereich des Wahrnehmbaren entfaltet, auch wahrnehmbar, daß sie keiner Begründung bedarf. Das ‚Vergnügen‘, das nach alter Lehre die Betrachtung eines Kunstwerks bereitet, enthält immer auch ein Moment der Schadenfreude, ja des Spottes über die vergeblichen Bemühungen um einen vernünftigen Zugang zur Welt.*Luhmann 1999, S. 231 f.
In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft ist es gerade der Diskurs, der den vielfältigen Sichtweisen, so polemisch sie auch sein mögen, Rechnung tragen sollte. Deshalb halte ich auch Daniela Finzis Äußerung, dass Peter Handke keine positiven Auswirkungen auf den Kriegsdiskurs hatte, für falsch.*Vgl. Finzi 2013, S. 288. Er hat diesen literarischen Diskurs erst angeregt und mit einigen früh formulierten Kritikpunkten durchaus Recht gehabt, wie ich in dieser Arbeit gezeigt habe. Die Kriegsnarrative, die er wie andere verwendet und die nicht die gesamte Wirklichkeit abbilden, sind dabei nur menschlich. Problematisch werden diese Narrative allerdings in dem Moment, indem die Gesellschaft (und damit meine ich insbesondere die mediale Öffentlichkeit) diese nicht mehr ausreichend reflektiert und daraus gesetzte Vorurteile und Stereotype entstehen, die Kriege provozieren oder bereits vorhandene Konflikte verschärfen können. Wie groß diese Gefahr, nicht nur in Bezug auf die Medienberichterstattung trotz der bitteren Erfahrung der postjugoslawischen Kriege immer noch ist, ist anhand des Ukrainekrieges aktuell zu sehen. Es erscheint mir in dieser Hinsicht wichtig, bei dem mittlerweile proklamierten „Returns of the Real“*Vgl. Ulla Haselstein u. a.: Introduction: Returns of the real, in: dies. u. a. (Hg.): The pathos of authenticity. American passions of the real, Heidelberg 2010 (American Studies – A Monograph Series, 182), S. 9–31. nach den Produktionsbedingungen der Abbilder dieser Realität zu fragen, die sie damit „de-naturalisieren“*Vgl. zu diesem Terminus Žižek 1994, S. 11. ohne dabei jedoch dabei die Faktenlage*Hier wird auf die Frage nach dem “postfaktischen” Zeitalter angespielt, ein Terminus, der gerade 2016 die Krise der Postmoderne verdeutlichte. zu vernachlässigen. Diesen schmalen Grad zwischen Diskursanalyse und Datenlage zu finden ist gerade Aufgabe und Chance einer Wissenschaft, die durch ihr kritisches Hinterfragen vorläufige und manchmal allzu schnell gefertigte Weltbilder zumindest auf lange Sicht zu korrigieren und damit auch kurzfristige Trends zu überdauern vermag.
Literatur- und Quellenverzeichnis
Primärliteratur
Andrić, Ivo: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik, Deutsch von Ernst E. Jonas, München 1987.
Bachér, Ingrid: Sarajewo 96. Erzählung. Mit Bildzeichen von Günther Uecker, Düsseldorf 2001.
Bečević, Zulmir: Resan som började med ett slut, Stockholm 2006.
Beqiri, Ardita: Mitt hjärtas dagbok, Stockholm 2000.
Beyer, Marcel: Flughunde, Frankfurt a. M. 1996.
Bodrožić, Marica: Mein weißer Frieden, München 2014.
Born, Nicolas: Die Fälschung, Reinbek bei Hamburg 1979.
Čaušević, Nizama: Hotell Tre Kronor, Göteborg 2003.
Drakulić, Slavenka: Als gäbe es mich nicht, Berlin 1999.
Drvenkar, Zoran: Im Regen stehen, Reinbek bei Hamburg 2000.
Drvenkar, Zoran: Yugoslavian Gigolo, Stuttgart 2005.
Eich, Günter: Abgelegene Gehöfte, Frankfurt a. M. 1948.
Ejupovic, Lejla: Inre exil. Efter branden på Backaplan, Stockholm 2002 (E-Book).
Glavinic, Thomas: Unterwegs im Namen des Herrn, München 2011.
Grond, Walter: Old Danube House, Innsbruck 2000.
Gstrein, Norbert: Das Handwerk des Tötens, Frankfurt a. M. 2003.
Gstrein, Norbert: Die Winter im Süden, München 2008.
Gstrein, Norbert: Wem gehört eine Geschichte?, Frankfurt a. M. 2004.
Handke, Peter: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Ein Gespräch, geführt von Herbert Gamper, Zürich 1987.
Handke, Peter: Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien, Frankfurt a. M. 1991.
Handke, Peter: Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977), Frankfurt a. M. 1979.
Handke, Peter: Das Spiel vom Fragen oder die Reise zum sonoren Land, Frankfurt a. M. 1989.
Handke, Peter: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg, Frankfurt a. M. 1999.
Handke, Peter: Die Geschichte des Dragoljub Milanović, Salzburg und Wien 2011.
Handke, Peter: Die Hornissen, Frankfurt a. M. 1966.
Handke, Peter: Die Kuckucke von Velika Hoča. Eine Nachschrift, Frankfurt a. M. 2009.
Handke, Peter: Die morawische Nacht, Frankfurt a. M. 2008.
Handke, Peter: Die Stunde der wahren Empfindung, Frankfurt a. M. 1975.
Handke, Peter: Die Tablas von Daimiel, in: Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, 7/8 (2005), S. 84–103.
Handke, Peter: Die Wiederholung, Frankfurt a. M. 1986.
Handke, Peter: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Sawe, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, Frankfurt a. M. 1996.
Handke, Peter: Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990, Wien 2005.
Handke, Peter: Immer noch Sturm, Berlin 2010.
Handke, Peter: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten, Frankfurt a. M. 2007.
Handke, Peter: Rund um das große Tribunal, Frankfurt a. M. 2003.
Handke, Peter: Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise, Frankfurt a. M. 1996.
Handke, Peter: Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999, Frankfurt a. M. 2000.
Handke, Peter: Versuch über den stillen Ort, Berlin 2012.
Handke, Peter: „…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen.“ Peter Handke im Interview mit Michael Kerbler, Klagenfurt u. a. 2007.
Jenner, Otmar: Sarajevo Safari, München 2002.
Khemiri, Jonas Hassen: Ett öga rött, Stockholm 2008.
Khemiri, Jonas Hassen: Invasion!, Stockholm 2008.
Khemiri, Jonas Hassen: Montecore – en unik tiger, Stockholm 2006.
Kandre, Mare: Hetta och vitt, Tallinn 2010.
Kim, Anna: Die gefrorene Zeit, Wien 2008.
Kurbjuweit, Dirk: Schussangst, Frankfurt a. M. 2001.
Kocman, Victorija: Ein Stück gebrannter Erde, Wien 2003.
Marianović, Fausta: Sista kulan sparar jag åt grannen, Stockholm 2008.
Mosebach, Martin: Das Blutbuchenfest, München 2014.
Mosebach, Martin: Was davor geschah, München 2010.
Pittler, Andreas P.: Serbische Bohnen, Klagenfurt u. a. 2003.
Popovic, Zvonimir: Akacian viskar, Stockholm 2002 (E-Book).
Popovic, Zvonimir: Mörkriket, Stockholm 2001 (E-Book).
Popovic, Zvonimir: Våt sand, Stockholm 2005 (E-Book).
Praizovic, Lidija: Spegelboken, Stockholm 2009.
Rabinovici, Doron: Ohnehin, Frankfurt a. M. 2005.
Rander, Tommy: Över gränsen, Göteborg 2004.
Riedl, Robert: Zum Abschied vom Vater, Graz 1999.
Röbel, Udo/Scheuring, Christoph: Tod eines Engels, München 2002.
Roth, Gerhard: Der Berg, Frankfurt a. M. 2000.
Sarafiloski, Sajma: Jag, Sajma, Bjärnum 2006.
Scholl, Susanne: Elsas Großväter, Wien 2003.
Schuberth, Richard: Freitag in Sarajevo, Klagenfurt 2003.
Stanišić, Saša: Vor dem Fest, München 2014.
Stanišić, Saša: Wie der Soldat das Grammofon repariert, München 2008.
Waterhouse, Peter: E 71, Salzburg/Wien 1996.
Zeh, Juli: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien, München 2003.
Sekundärliteratur
Allcock, John B.: Constructing the ‘Balkans’, in: John B. Allcock/Antonia Young (Hg.): Black lambs & grey falcons. Women travellers in the Balkans, New York/Oxford 2000, S. 217–240.
Althusser, Louis: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words), Stuttgart 2002.
Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, 2., um ein Nachwort von Thomas Mergel erweiterte Auflage der Neuausgabe 1996, Frankfurt a. M. 2005.
Angelova, Penka: Narrative Topoi nationaler Identität. Der Historismus als Erklärungsmuster, in: Eva Reichmann (Hg.): Narrative Konstruktion nationaler Identität, St. Ingbert 2000, S. 83–95.
Arnold, Heinz-Ludwig (Hg.): Text und Kritik 24. Zeitschrift für Literatur VI (1999).
Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
Bakić-Hayden, Milica: Nesting orientalisms. The case of former Yugoslavia, in: Slavic Review 54 (1995), S. 917–931.
Bakić-Hayden, Milica/Hayden, Robert M.: Orientalist variations on the theme ‚Balkans‘: Symbolic geography in recent Yugoslav cultural politics, in: Slavic Review 51 (1992), S. 1–15.
Bakić-Hayden, Milica: What‘s so Byzantine about the Balkans?, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 61–78.
Bandtel, Matthias: Authentizität in der politischen Kommunikation. Mediale Inszenierungsstrategien und authentifizierende Selbstdarstellungspraktiken politischer Akteure, in: Antonius Weixler (Hg.): Authentisches Erzählen. Produktion, Narration, Rezeption, Berlin 2012 (Narratologia, Contributions to Narrative Theory, 33), S. 213–236.
Bentele, Günter: Reportage, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band III, P–Z, Berlin/New York 2003, S. 266–268.
Bhabha, Homi K.: The location of culture, London/New York 1994.
Biernat, Ulla: „Ich bin nicht der erste Fremde hier“. Zur deutschsprachigen Reiseliteratur nach 1945, Würzburg 2004 (Epistemata: Würzburger wissenschaftliche Schriften, Reihe Literaturwissenschaft, 500).
Bitter, Mirjam: (De)Maskierungen in Doron Rabinovicis Roman Ohnehin, in: Malca Konferenz, E-Journal 1 (2010), abrufbar unter: http://malca.univie.ac.at/fileadmin/user_upload /konf_malca/malca_ejournal_m_bitter.pdf (Stand: 23.12.2016).
Bjelić, Dušan I.: Introduction: Blowing up the bridge, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor: Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 1–22.
Bloom, Harold: The Western canon: The books and school of the ages, London 1995.
Bluhm, Lothar: Peter Handkes Serbienbücher. Versuch einer kulturwissenschaftlichen und poetologischen Einordnung, in: Stefan Hermes/Amir Muhić (Hg.): Täter als Opfer? Deutschsprachige Literatur zu Krieg und Vertreibung im 20. Jahrhundert, Hamburg 2007 (Poetica: Schriften zur Literaturwissenschaft, 100), S. 165–195 [= 2007a].
Bluhm, Lothar: „Schon lange…hatte ich vorgehabt, nach Serbien zu fahren“. Peter Handkes Reisebücher oder: Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer „Augenzeugenschaft“, in: Heinz Rölleke (Hg.): Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre (48), Bonn 1998, S. 68–90.
Bluhm, Lothar: Standortbestimmungen. Anmerkungen zu den Literaturstreits der 1990er Jahre in Deutschland – eine kulturwissenschaftliche Skizze, in: Clemens Kammler/ Torsten Pflugmacher (Hg.): Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989. Zwischenbilanzen – Analysen – Vermittlungsperspektiven, Heidelberg 2004, S. 61–73.
Bluhm, Lothar: Verdrängungsdiskurse in den Literaturstreits der neunziger Jahre, in: Stefan Neuhaus/Johannes Holzner (Hg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen, Göttingen 2007, S. 568–576 [= 2007b].
Braun, Peter: Im Trümmerfeld des Faktischen. Norbert Gstreins Meditationen über die Darstellbarkeit des Krieges, in: Davor Beganović/Peter Braun (Hg.): Krieg sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien, München 2007, S. 247–269.
Brenner, Peter J.: Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstufe zu einer Gattungsstudie, Tübingen 1990 (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur, 2. Sonderheft).
Breuer, Ulrich: Parasitenfragen. Medienkritische Argumente in Peter Handkes Serbienreise, in: Ulrich Breuer/Jarmo Korhonen (Hg.): Mediensprache Medienkritik, Frankfurt a. M. u. a. 2001 (Finnische Beiträge zur Germanistik, 4), S. 285–303.
Brokoff, Jürgen: „Srbrenica – was für ein klangvolles Wort.“ Zur Problematik der poetischen Frage in Peter Handkes Texten zum Jugoslawien-Krieg, in: Karsten Gansel/ Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 61–88.
Brubaker, Rogers/Cooper, Frederick: Beyond „identity“, in: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47.
Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt a. M. 2006.
Butler, Judith: Körper von Gewicht, Frankfurt a. M. 1997.
Calic, Marie-Janine: Die Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.
Calic, Marie-Janine: Krieg und Frieden in Bosnien-Hercegovina, Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1996.
Čolović, Ivan: Politics of identity in Serbia. Essays in political anthropology, New York 2002.
Cviic, Christopher: Remaking the Balkans, London 1995.
Czarniawska, Barbara: Writing management: Organization theory as a literary genre, New York 1999.
Daiber, Jürgen: Politisches Pamphlet oder poetisches Produkt? – Peter Handkes Schrift Gerechtigkeit für Serbien, in: Germanistik. Publications du centre universitaire du Luxembourg. Lettres allemandes 10 (1997), S. 89–99.
Decloedt, Leopold: „Einer der letzten Propheten der deutschen Literatur“. Peter Handke in den Niederlanden und in Flandern, in: Gregor Kokorz/Helga Mitterbauer (Hg.): Übergänge und Verflechtungen. Kulturelle Transfers in Europa, Bern 2004, S. 225–245.
Decloedt, Leopold R. G.: Krieg um Peter Handke. Handke und seine Haltung zu Serbien, in: Fausto Cercignani (Hg.): Studia austriaca VIII (2000), S. 189–208.
Deichmann, Thomas (Hg.): Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke, Frankfurt a. M. 1999.
Denz, Stefanie/Pirkl, Dagmar (Hg.): Peter Handke und der Krieg, Innsbruck 2009.
Dilthey, Wilhelm: Die Entstehung der Hermeneutik, in: Jörg Strübing/Bernt Schnettler (Hg.): Methodologie interpretativer Sozialforschung. Klassische Grundlagentexte, Konstanz 2004, S. 19–42.
Drakulić, Slavenka: The Balkan express. Fragments from the other side of war, New York/ London 1993.
Dronske, Ulrich: Das Jugoslawienbild in den Texten Peter Handkes, in: Zagreber Germanistische Beiträge 6 (1997), S. 69–81.
Drynda, Joanna: Der Schriftsteller als medialer Zaungast einer Kriegskatastrophe. Die Informationsware „Balkankrieg“ in den Prosatexten von Gerhard Roth, Peter Handke und Norbert Gstrein, in: Claudia Glunz u. a. (Hg.): Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung, Göttingen 2007 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, 22), S. 455–465.
Dusini, Arno: Tagebuch. Möglichkeiten einer Gattung, München 2005.
Dutu, Alexandru: Die Imagologie und die Entdeckung der Alterität, in: Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Festschrift für Hein Ischreyt zum 65. Geburtstag, Berlin 1982 (Studien zur Geschichte der Kulturbeziehungen in Mittel- und Osteuropa, 9), S. 257–262.
Düwell, Susanne: Der Skandal um Peter Handkes ästhetische Inszenierung von Serbien, in: Stefan Neuhaus/Johann Holzner (Hg.): Literatur als Skandal. Fälle – Funktionen – Folgen, Göttingen 2007, S. 577–587 [= 2007b].
Düwell, Susanne: Peter Handkes Kriegs-Reise-Berichte aus Jugoslawien, in: Lars Koch/Marianne Vogel (Hg.): Imaginäre Welten im Widerstreit. Krieg und Geschichte in der deutschsprachigen Literatur seit 1900, Würzburg 2007, S. 235–248 [= 2007a].
Düwell, Susanne: „Ein Toter macht noch keinen Roman.“ Repräsentationen des Jugoslawienkrieges bei Peter Handke und Norbert Gstrein, in: Stephan Jaeger/Christer Petersen (Hg.): Zeichen des Krieges in Literatur, Film und Medien. Bd. II: Ideologisierung und Entideologisierung, Kiel 2006, S. 92–117.
Eco, Umberto: Six walks in the fictional woods, Cambridge (Massachusetts, USA) u. a. 1994.
Ehrke, Michael: Regierungsbildung in Serbien: Zurück in die Neunziger Jahre? Friedrich-Ebert-Stiftung 2012, abrufbar unter: http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/09298.pdf (Stand: 23.12.2016).
Ehrke, Michael: Serbien: Zwischen Kosovo und der EU, Friedrich-Ebert-Stiftung 2012 (http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/08918.pdf, Stand: 23.12.2016).
Eickelpasch, Rolf/Rademacher, Claudia: Identität, Bielefeld 2004.
Eisenstadt, Shmuel Noah: Die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive, in: Bernhard Giesen (Hg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt a. M. 1991, S. 21–38.
Eliot, T. S.: What is a classic? An adress delivered before the Virgil Society on the 16th of October 1944, London 1945.
Erikson, Erik H.: Identity, youth and crisis, New York 1968.
Erll, Astrid/Nünning, Ansgar: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft: Ein Überblick, in: Astrid Erll u. a. (Hg.): Literatur – Erinnerung – Identität. Theoriekonzepte und Fallstudien, Trier 2003 (ELCH, 7), S. 3–27.
Foucault, Michel: Dispositive der Macht, Berlin 1978.
Feyerabend, Paul: Wider dem Methodenzwang, Frankfurt a. M. 1986 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 597).
Finzi, Daniela: Unterwegs zum Anderen? Literarische Er-Fahrungen der kriegerischen Auflösung Jugoslawiens aus deutschsprachiger Perspektive, Tübingen 2013.
Finzi, Daniela: Wie der Krieg erzählt wird, wie der Krieg gelesen wird. Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišić, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft – Differenz, 12), S. 245–254.
Fisher, Walter: Human communication as narration. Toward a philosophy of reason, action and narration, Columbia (South Carolina) 1987.
Fuchs, Anne: Reiseliteratur, in: Dieter Lamping (Hg.): Handbuch der literarischen Gattungen, Stuttgart 2009, S. 593–600.
Gabriel, Gottfried: Zwischen Logik und Literatur. Erkenntnisformen von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft, Stuttgart 1991.
Gadenne, Volker: Bewährung, in: Herbert Keuth (Hg.): Karl Popper, Logik der Forschung, Berlin 1998 (Klassiker Auslegen, 12), S. 125–144.
Gansel, Carsten/Kaulen, Heinrich: „Der Sprachlosigkeit eine Sprache entgegensetzen“ – Gespräch mit Norbert Gstrein, in: dies. (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 403–411.
Gauß, Karl-Markus: Das europäische Alphabet, München 2000.
Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung, Frankfurt a. M. 1987 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 696).
Genette. Gérard: Paratexte, Frankfurt a. M. 1989.
Geulen, Christian: Die Metamorphose der Identität. Zur „Langlebigkeit“ des Nationalismus, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten, Frankfurt a. M. 1998, S. 346–373 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3).
Gilroy, Paul: There ain´t no black in the Union Jack. The cultural politics of race and nation, London/New York 2005.
Glenny, Misha: The fall of Yugoslavia. The third Balkan War, New York 1993.
Goldsworthy, Vesna: Invention and in(ter)vention. The rhetoric of Balkanization, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 25–38.
Gritsch, Kurt: Eine Frage des Blickpunkts? Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ in der Rezeption deutschsprachiger Printmedien, in: Zeitgeschichte 1 (2003), S. 3–18 (www.http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=ztg&datum=2003&page=28 &size=45, Stand: 23.12.2016).
Gritsch, Kurt: Peter Handke und „Gerechtigkeit für Serbien“. Eine Rezeptionsgeschichte, Innsbruck 2009.
Gottwald, Herwig/Freinschlag, Andreas: Peter Handke, Wien u. a. 2009.
Hafner, Fabjan: Peter Handke. Unterwegs ins Neunte Land, Wien 2009.
Haines, Brigid: Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert. Reinscribing Bosnia, or: Sad things, positively, in: Lyn Marven/Stuart Taberner (Hg.): Emerging German-language novelists of the twenty-first century, Rochester (NY) 2011, S. 105–116.
Hall, Stuart: Rassismus und kulturelle Identität, Hamburg 1994 (Argument-Sonderband, Neue Folge, 226).
Haller, Michael: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten, 2., überarbeitete Auflage, München 1990.
Haselstein, Ulla u. a.: Introduction: Returns of the real, in: dies. u. a. (Hg.): The pathos of authenticity. American passions of the real, Heidelberg 2010 (American Studies – A Monograph Series, 182), S. 9–31.
Haslinger, Adolf: Peter Handke. Jugend eines Schriftstellers, Salzburg und Wien 1992.
Hauthal, Janine (u. a.): Metaisierung in Literatur und anderen Medien: Begriffserklärungen, Typologien, Funktionspotentiale und Forschungsdesiderate, in: dies. (u. a.) (Hg.): Metaisierung in Literatur und anderen Medien. Theoretische Grundlagen – Historische Perspektiven – Metagattungen – Funktionen, Berlin/New York 2007 (spectrum Literaturwissenschaft, 12), S. 1–21.
Hipfl, Brigitte: Mediale Identitätsräume. Skizzen zu einem ‚spatial turn‘ in der Medien- und Kommunikationswissenschaft, in: dies. u.a. (Hg.): Identitätsräume. Nation, Körper und Geschlecht in den Medien. Eine Topografie, Bielefeld 2004, S. 16–50.
Hipfl, Brigitte: Medien als Konstrukteure (trans-)nationaler Identitätsräume, in: dies. u. a. (Hg.): Identitätsräume. Nation, Körper und Geschlecht in den Medien. Eine Topografie, Bielefeld 2004, S. 53–59.
Holert, Tom/Terkessidis, Mark: Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert, Köln 2002.
Höller, Hans: Peter Handke, Reinbek bei Hamburg 2007.
Huntington, Samuel P.: Der Kampf der Kulturen. The clash of civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 1997.
Ihlau, Olaf/Mayr, Walter: Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas, Bonn 2009.
Jamin, Peter: Der Handke-Skandal. Wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kultur-Gesellschaft entblößte, Remscheid-Lüttringhausen 2006.
Jung, C. G.: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, Olten und Freiburg im Breisgau 1973.
Jünger, Friedrich Georg: Gedächtnis und Erinnerung, Frankfurt a. M. 1957.
Kalinski, Alma: Zwischen Europa und Balkan. Das Spiel mit Auto- und Heterostereotypen über Kroaten und Kroatien in Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft –Differenz, 12), S. 231–243.
Kallis, Anastasios: Das hätte ich gerne gewußt. 100 Fragen an einen orthodoxen Theologen, Münster 2003.
Kaplan, Robert D.: Die Geister des Balkan. Eine Reise durch die Geschichte und Politik eines Krisengebietes, Hamburg 1993.
Keller, Reiner: Das Interpretative Paradigma. Eine Einführung, Wiesbaden 2012.
Kiçmari, Sabri: Individuum und Gesellschaft im Kosovo. Dissertation, Köln 2009.
Kleemann, Frank/Krähnke, Uwe/Matuschek, Ingo: Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung in die Praxis des Interpretierens, 2. Korrigierte und aktualisierte Auflage, Wiesbaden 2013.
Klein, Christian/Martínez, Matías: Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens, Weimar 2009.
Konzett, Matthias: The rhetoric of national dissent in Thomas Bernhard, Peter Handke, and Elfriede Jelinek, Rochester 2000.
Kordić, Snježana: Jezik i nacionalizam, Zagreb 2010.
Korte, Barbara: Der englische Reisebericht. Von der Pilgerfahrt zur Postmoderne, Darmstadt 1996.
Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt a. M. 2012.
Köstlin, Konrad: Kulturen im Prozeß der Migration und die Kultur der Migrationen, in: Carmine Chiellino (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch, Stuttgart 2007, S. 365–386.
Kramer, Sven: Erzählen im Nachkrieg. Zu Norbert Gstreins Roman Die Winter im Süden, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 137–163.
Krappmann, Lothar: Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen, 4. Auflage, Stuttgart 1975.
Krenn, Rosi: Frauen und Militarismus. Zum Zusammenhang patriarchaler und militaristischer Gesellschaftsstrukturen anhand der Medienberichterstattung des Nato-Angriffkrieges in Südosteuropa, Herbolzheim 2003.
Kretschmann, Carsten/Liermann, Christiane: Identitäten in Europa – Europäische Identität. Anmerkungen zu einem kontroversen Begriff, in: Markus Krienke/Matthias Belafi (Hg.): Identitäten in Europa – Europäische Identität, Wiesbaden 2007, S. 9–13.
Kummer, Werner: Habsburgische und antihabsburgische Mythen: ein Beispiel mißglückter imperialer Identitätskonstruktion, in: Eva Reichmann (Hg.): Narrative Konstruktion nationaler Identität, St. Ingbert 2000, S. 11–21.
Lacko Vidulić, Svjetlan: Imaginierte Gemeinschaft. Peter Handkes jugoslawische „Befriedungsschriften“ und ihre Rezeption in Kroatien, in: Germanistentreffen Deutschland. Süd – Ost – Europa. 2.–6.10.2006. Dokumentation der Tagungsbeiträge, Köln 2007, S. 127–151.
Lacko Vidulić, Svjetlan: Vergangenheitsfalle und Erinnerungsort. Zur Wirkung der Handke-Kontroverse in Serbien seit 1991, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext. Beiträge des gleichnamigen Symposiums in Lovran/Kroatien, 4.–7. Oktober 2007, Tübingen/Basel 2008, S. 205–215.
Leggewie, Claus: Ethnizität, Nationalismus und multikulturelle Gesellschaft, in: Helmut Berding (Hg.): Nationales Bewusstsein und kollektive Identität, Frankfurt a. M. 1994, S. 46–65 (Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins, 2).
Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt, in: Günter Niggl (Hg.): Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, 2., um ein Nachw. zur Neuausg. und einen bibliogr. Nachtr. erg. Aufl., Darmstadt 1998, S. 214–257.
Lengauer, Hubert: Pitting narration against image: Peter Handke’s literary protest against the staging of reality by the media, in: Arthur Williams u. a. (Hg.): ‘Whose story?’ – Continuities in contemporary German-language literature, Bern 1998, S. 353–370.
Lennon, John/Foley, Malcolm: Dark tourism, London/New York 2000.
Lévy-Strauss, Claude: Traurige Tropen, 9. Auflage, Frankfurt a. M. 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 240).
Lindner, Anne: Peter Handke, Jugoslawien und das Problem der strukturellen Gewalt. Literaturwissenschaft und politische Theorie, Wiesbaden 2007.
Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, 7/8 (2005).
Literaturen. Das Journal für Bücher und Medien, 9 (2005).
Lönker, Fred: Aspekte des Fremdverstehens in der literarischen Übersetzung, in: ders. (Hg.): Die literarische Übersetzung als Medium der Fremderfahrung, Berlin 1992 (Göttinger Beiträge zur Internationalen Übersetzungsforschung, 6), S. 41–62.
Lovric, Goran: Erzählen aus dritter Hand in Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens. Zeichen der Unsicherheit oder geteilte Erzählerpersönlichkeit?, in: Marijan Bobinac/ Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft – Differenz, 12), S. 217–230.
Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp 1999 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 1303).
Lützeler, Paul Michael: Bürgerkrieg global. Menschenrechtsethos und deutschsprachiger Gegenwartsroman, München 2009.
Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, 7., überarbeitete Auflage, Wien 2012.
Mančić, Emilija: Umbruch und Identitätszerfall. Narrative Jugoslawiens im europäischen Kontext, Tübingen 2012.
Martínez, Matías: Zur Einführung: Authentizität und Medialität in künstlerischen Darstellungen des Holocaust, in: ders. (Hg.): Der Holocaust und die Künste. Medialität und Authentizität von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik, Bielefeld 2004, S. 7–21.
Mayr, Ernst: Artbegriff und Evolution, Hamburg 1967.
Mead, George H.: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt a. M. 1973 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 28).
Meditz, Helga: Eine Poetik des Friedens? Das Projekt des Erzählens in Peter Handkes Jugoslawien-Texten, in: Adolf Haslinger u. a. (Hg.): „Abenteuerliche, gefahrvolle Arbeit“. Erzählen als Überlebenskunst. Vorträge des Salzburger Handke-Symposions, Stuttgart 2006 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, 432), S. 85–99.
Meier, Alva: Zum ethischen Aspekt der Darstellung von Zeitgeschichte anhand von Peter Handkes Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, in: Edgar Platen (Hg.): Perspektivensuche. Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutscher Gegenwartsliteratur (II), München 2002, S. 233–249.
Melčić, Dunja (Hg.): Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zur Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden 2007.
Melville, Gert: Chronik, in: Klaus Weimar (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band I, A–G, Berlin/New York 1997, S. 304–307.
Messner, Elena: „Literarische Interventionen“ deutschsprachiger Autorinnen und Autoren im Kontext der Jugoslawienkriege der 1990er, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 107–118.
Meyer, Thomas: Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, Frankfurt a. M. 2002.
Meyer, Thomas: Die Unschlagbaren. Regieren unsere politischen Journalisten mit? In: Frankfurter Hefte 3 (2014): Medien machen Politik, S. 18–22.
Miguoué, Jean Bertrand: Peter Handke und das zerfallende Jugoslawien. Ästhetische und diskursive Dimensionen einer Literarisierung der Wirklichkeit, Innsbruck 2012.
Mitterhofer, Hermann: Die Evokation der Vergangenheit. Die deutschsprachige Presse und der Krieg in Bosnien, Kröning 2010.
Mocley, Neville: Peter Handke’s Thucydides, in: Classical Receptions Journal IV/1 (2012), S. 20–47.
Močnik, Rastko: The Balkans as an element in ideological mechanisms, in: Dušan I. Bjelić/Obrad Savić (Hg.): Balkan as metaphor. Between globalization and fragmentation, Cambridge/London 2002, S. 79–113.
Moretti, Franco: Conjectures on world literature, in: New Left Review I (2000), S. 54–68.
Moretti, Franco: Distant reading, London/New York 2013.
Moretti, Franco: Kurven, Karten, Stammbäume. Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte, Frankfurt a. M. 2009.
Müller-Funk, Wolfgang: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung, Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Wien/New York 2008.
Müller-Funk, Wolfgang: Narrative Modellierungen von symbolischen Räumen. Einige grundsätzliche Überlegungen mit Anwendungsbeispiel: Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens, in: Marijan Bobinac/Wolfgang Müller-Funk (Hg.): Gedächtnis – Identität – Differenz. Zur kulturellen Konstruktion des südosteuropäischen Raumes und ihrem deutschsprachigen Kontext, Tübingen 2008 (Kultur – Herrschaft – Differenz, 12), S. 3–12.
Niefanger, Dirk: Der Autor und sein „Label“. Überlegungen zur „fonction classificateure“ Foucaults (mit Fallstudien zu Langbehn und Kracauer), in: Heinrich Detering (Hg.): Autorschaft. Positionen und Revisionen, Stuttgart/Weimar 2002 (Germanistische Symposien-Berichtsbände, 24), S. 521–539.
Niethammer, Lutz: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur, Reinbek bei Hamburg 2000.
Niggl, Günter: Autobiographie, in: Volker Meid (Hg.): Sachlexikon Literatur. München 2000, S. 59–65.
Nilsson, Åke: Efterkrigstidens invandring och utvandring, Stockholm 2004, abrufbar unter: http://www.scb.se/statistik/_publikationer/BE0701_1950I02_BR_BE51ST0405.pdf (Stand: 23.12.2016).
Obučina, Vedran: Right-Wing extremism in Croatia, Friedrich-Ebert-Stiftung 2012, abrufbar unter: http://library.fes.de/pdf-files/id-moe/09346.pdf (Stand:23.12.2016).
Opitz, Alfred: Reiseschreiber. Variationen einer literarischen Figur der Moderne vom 18.–20. Jahrhundert, Trier 1997.
Parry, Christoph: Peter Handke, Jugoslawien und Europa, in: Wulf Segebrecht u. a. (Hg.): Europa in den europäischen Literaturen der Gegenwart, Frankfurt a. M. u. a. 2003 (Helicon: Beiträge zur deutschen Literatur, 29), S. 329–342.
Parry, Christoph: Zeitgeschichte im Roman. Der Schriftsteller und die Zeitgeschichte. Peter Handke und Jugoslawien, in: Edgar Platen (Hg.): Erinnerte und erfundene Erfahrung. Zur Darstellung der Zeitgeschichte in deutscher Gegenwartsliteratur, München 2000, S. 116–129.
Pavlovic, Irena: Religion, Gewalt und Medien. Die serbisch-orthodoxe Kirchenpresse in den postjugoslawischen Kriegen, Erlangen 2013 (Studien zur christlichen Publizistik, 21).
Piontkowski, Ursula: Sozialpsychologie. Eine Einführung in die Psychologie sozialer Interaktion, München 2011.
Prendergast, Christopher: Evolution and literary history. A response to Franco Moretti, in: New Left Review 34 (2005), S. 40–62.
Previšić, Boris: Eine Frage der Perspektive: Der Balkankrieg in der deutschen Literatur, in: Evi Zemanek, Susanne Krones (Hg.): Literatur der Jahrtausendwende. Themen, Schreibverfahren und Buchmarkt um 2000, Bielefeld 2008, S. 95–106.
Previšić, Boris: Poetik der Marginalität: Balkan Turn gefällig?, in: Helmut Schmitz (Hg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur im Zeitalter globaler Migration, Amsterdam/New York 2009 (Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, 69), S. 189–203 [= 2009a].
Previšić, Boris: Poetologie und Poetik: Peter Handkes Winterliche Reise, in: Olga Iljassova-Morger/Elke Reinhardt-Becker (Hg.): Literatur – Kultur – Verstehen. Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissenschaft, Duisburg 2009, S. 107–122 [= 2009b].
Rahofer, Antonia: Kriegsinhalt – Textgewalt? Zur Verschränkung von Erinnern und Erzählen in Anna Kims Die gefrorene Zeit, in: Carsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 165–181.
Ramet, Sabrina P.: Thinking about Yugoslavia. Scholarly debates about the Yugoslav breakup and the wars in Bosnia and Kosovo, New York 2005.
Ricœur, Paul: Das Selbst als ein Anderer, München 1996 (Übergänge, 26).
Rojek, Chris: Ways of escape. Modern transformation in leisure and travel, Lanham (Maryland, USA) 1994.
Rosellini, Jay Julian: „Das Handwerk des Berichtens“. Der Medienkritiker Handke und Gstrein als Balkan-Kundschafter, in: Glossen 21 (2005).
Rosellini, Jay Julian: Die Literaten und die Auflösung Jugoslawiens. Noch einmal zu Handke und Gstrein, in: Glossen 29 (2009).
Said, Edward W.: Orientalismus, Frankfurt a. M. 2009.
Schäfer, Hilmar: Eine Mikrophysik der Praxis – Instanzen diskursiver Stabilität und Instabilität im Anschluss an Michel Foucault, in: Achim Landwehr (Hg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 115–132.
Scheichl, Sigurd Paul: Ein Echo der letzten Tage der Menschheit in Norbert Gstreins Handwerk des Tötens, in: Claudia Glunz u. a. (Hg.): Information Warfare. Die Rolle der Medien (Literatur, Kunst, Photographie, Film, Fernsehen, Theater, Presse, Korrespondenz) bei der Kriegsdarstellung und -deutung, Göttingen 2007 (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, 22), S. 467–476.
Schlaffer, Hannelore: Poetik der Novelle, Stuttgart u. a. 1993.
Schneiders, Thorsten Gerald (Hg.): Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen verschwimmen, Wiesbaden 2009.
Schönborn, Sybille: Tagebuch, in: Jan-Dirk Müller (Hg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 3, Berlin/New York 2003, S. 574–577.
Schöning, Matthias: Verbohrte Denkanstöße? Peter Handkes Jugoslawienengagement und die Ethik der Intervention, in: Davor Beganović/Peter Braun (Hg.): Krieg sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien, München 2007, S. 307–330.
Sedmak, Clemens: Inklusion und Exklusion in Europa, in: Elisabeth Klaus u. a. (Hg.): Identität und Inklusion im europäischen Sozialraum, Wiesbaden 2010, S. 147–164.
Sen, Amartya: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007.
Sexl, Martin/Gisinger, Arno: Hotel Jugoslavija. Die literarische und mediale Wahrnehmung der Balkankonflikte, Innsbruck 2008.
Sexl, Martin/Gisinger, Arno: Imagined wars. Mediale Rekonstruktionen des Krieges, Innsbruck 2010.
Sexl, Martin: Literatur als Bildkritik. Peter Handke und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 89–106.
Sharp, Francis Michael: Doron Rabinovicis Ohnehin. Selective memory and multiple pasts, in: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 16 (2006), abrufbar unter: http://www.inst.at/trans/16Nr/05_2/sharp16.htm (Stand: 23.12.2016).
Steininger, Christian: Identität und mediale Selbstentöffentlichung, in: Elisabeth Klaus u. a. (Hg.): Identität und Inklusion im europäischen Sozialraum, Wiesbaden 2010, S. 27–45.
Stopka, Katja: „Beobachtete Beobachter“: Literarische Darstellungstendenzen von Kriegsperspektiven. Am Beispiel der Journalistenromane „Die Fälschung“ von Nicolas Born und „Das Handwerk des Tötens“ von Norbert Gstrein, in: Karsten Gansel/Heinrich Kaulen (Hg.): Kriegsdiskurse in Literatur und Medien nach 1989, Göttingen 2011, S. 119–136.
Straub, Jürgen: Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten. Frankfurt a. M. 1998, S. 73–105 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3).
Sundhaussen, Holm: Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen, in: APuZ 32 (2008), S. 9–18, online abrufbar unter: http://www.bpb.de/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen (Stand: 23.12.2016).
Sundhaussen, Holm: Europa balcanica. Der Balkan als historischer Raum Europas, in: Geschichte und Gesellschaft IV (1999), S. 626–653.
Sundhaussen, Holm: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien u. a. 2012.
Tertilt, Hermann: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande, Frankfurt a. M. 1996.
Tešanović, Nataša (Hg.): Balkan Media Barometer. The first home grown analysis of the media landscape in Bosnia and Hercegovina, Sarajevo 2011.
Thomas, Katja: Poetik des Zerstörten. Zum Zusammenspiel von Text und Wahrnehmung bei Peter Handke und Juli Zeh, Saarbrücken 2007.
Todorova, Maria: Der Balkan als Analysekategorie, in: Geschichte und Gesellschaft III (2002), S. 470–492.
Todorova, Maria: Die Osmanenzeit in der bulgarischen Geschichtsforschung seit der Unabhängigkeit, in: Hans Georg Majer (Hg.): Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen, München 1989 (Südosteuropa-Jahrbuch, 19), S. 127–161.
Todorova, Maria: From discovery to invention, in: Slavic Review 53 (1994), S. 453–482.
Todorova, Maria: Imagining the Balkans, Updated Edition, Oxford 2009.
Toma, Savica: Peter Handkes Gerechtigkeit für Serbien. Über das Verhältnis von Text und Kontext in der Interpretation, in: Germanistentreffen Deutschland. Süd – Ost – Europa. 2.–6.10.2006. Dokumentation der Tagungsbeiträge, Köln 2007, S. 109–126.
Turner, John C. u. a.: Rediscovering the social group. A self-categorization theory, Oxford/ New York 1987.
Veremis, Thanos: The Balkans in search of multilateralism, in: Eurobalkans 1994 (17), S. 4–9.
Vervaet, Stijn: Writing war, writing memory. The representation of the recent past and the construction of cultural memory in contemporary Bosnian prose, in: Neohelicon 38 (2011), S. 1–17.
von Oppen, Karoline: „(un)sägliche Vergleiche“: What Germans remembered (and forgot) in Former Yugoslavia in the 1990s, in: Stuart Taberner/Paul Cooke (Hg.): German culture, politics, and literature into the twenty-first century beyond normalization, Rochester 2006, S. 167–180 [= 2006b].
von Oppen, Karoline: Imagining the Balkans, Imagining Germany: Intellectual journeys to Former Yugoslawia in the 1990s, in: The German Quarterly, Vol. 79/2 (2006), S. 192–210 [= 2006a].
Wagner, Karl: Weiter im Blues. Studien und Texte zu Peter Handke, Bonn 2010.
Wagner, Peter: Fest-Stellungen. Beobachtungen zur sozialwissenschaftlichen Diskussion über Identität, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.): Identitäten, Frankfurt a. M. 1998 (Erinnerung, Geschichte, Identität, 3), S. 44–72.
Weber, Christian: Die Instrumentalisierung des Missverständnisses. Zu Peter Handkes Serbienbild, dem Eklat um den Düsseldorfer Heine-Preis und dem Problem des Übersetzers, in: Sidonie Kellerer u. a. (Hg.): Missverständnis – Malentendu. Kultur zwischen Kommunikation und Störung, Würzburg 2008, S. 165–178.
Weixler, Antonius: Authentisches erzählen – authentisches Erzählen. Über Authentizität als Zuschreibungsphänomen und Pakt, in ders. (Hg.): Authentisches Erzählen. Produktion, Narration, Rezeption, Berlin 2012 (Narratologia, Contributions to Narrative Theory, 33), S. 1–31.
Welsch, Wolfgang: Kreativität durch Zufall. Das große Vorbild der Evolution und einige künstlerische Parallelen, in: Günter Abel (Hg.): Kreativität. XX. Deutscher Kongreß für Philosophie. 26.–30. September 2005 an der Technischen Universität Berlin. Kolloquienbeiträge, Hamburg 2006, S. 1185–1210.
Wende, Waltraud „Wara“: Zuerst stirbt immer die Wahrheit. Fakten und Fiktionen im intermedialen Diskurs – Norbert Gstreins Roman Das Handwerk des Tötens, in: Lars Koch/Marianne Vogel (Hg.): Imaginäre Welten im Widerstreit. Krieg und Geschichte in der deutschsprachigen Literatur seit 1900, Würzburg 2007, S. 169–183.
Weninger, Robert: Streitbare Literaten. Kontroversen und Eklats in der deutschen Literatur von Adorno bis Walser, München 2004.
Wenzel, Peter (Hg.): Einführung in die Erzähltextanalyse. Kategorien, Modelle, Probleme, Trier 2004 (WVT-Handbücher zum literaturwissenschaftlichen Studium, 6).
Werber, Niels: Evolution literarischer Kommunikation statt Sozialgeschichte der Literatur, in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften, III (1995), S. 427–444.
Williams, Anna: Stjärnor utan stjärnbilder. Kvinnor och kanon I litteraturhistoriska översiktsverk under 1900-talet, Hedemora 1997 (Skrifter utgivna av Avdelningen för litteratursociologi vid Litteraturvetenskapliga institutionen i Uppsala, 35).
Winkels, Hubert: Die Haut zu Markte tragen. Schriftsteller zwischen literarischer Öffentlichkeit und medialer Inszenierung, in: Volltext 3 (2005), S. 23–25.
Zeh, Juli: Das Übergangsrecht. Zur Rechtsetzungstätigkeit von Übergangsverwaltungen am Beispiel von UNMIK im Kosovo und dem OHR in Bosnien-Herzegowina, Baden-Baden 2011 (Saarbrücker Studien zum Internationalen Recht, 48).
Zeltner, Anja: Sprache und Identität in der aktuellen schwedischen und deutschen Migrantenliteratur am Beispiel Jonas Hassen Khemiris und Feridun Zaimoglus. Magisterarbeit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2011.
Žižek, Slavoj: Introduction. The Spectre of Ideology, in: ders. (Hg.): Mapping Ideology, London 1994, S. 1–33.
Zülch, Tilman (Hg.): Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf Peter Handkes Winterreise nach Serbien, Göttingen 1996.
Zeitungsartikel und Radiobeiträge
Abrahamsson, Kjell Albin: Granska Titos kalla mord i Sverige, in: Expressen vom 01.10.2013, abrufbar unter: http://www.expressen.se/debatt/granska-titos-kalla-mord-i-sverige/ (Stand: 23.12.2016).
Abrahamsson, Kjell Albin: Granska Titos mord i Sverige, in: Skånska Dagbaldet vom 10.10.2013, abrufbar unter: http://www.skanskan.se/article/20131010/OPINION/ 131019945&templ (Stand: 23.12.2016).
Abrahamsson, Kjell Albin: Strålande Jugoslavienskildring av Popovic, in: Sveriges Radio vom 13.05.2005, abrufbar unter: http://www.sverigesradio.se/sida/artikel.aspx? programid=478&artikel=617392 (Stand: 23.12.2016).
Andersson, Ulf B.: Skuggor över Balkan, in: Arbetaren vom 13.07.2005, abrufbar unter: http://arbetaren.se/artiklar/skuggor-over-balkan/ (Stand: 23.12.2016).
Andre, Thomas: Die Sauerei der Reichen, in: Spiegel Online vom 05.02.2014, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/martin-mosebach-das-blutbuchenfest-a-950974.html (Stand: 23.12.2016).
Andre, Thomas: Null Kneipen, aber Sterni mit Schnittchen, in: Spiegel Online vom 06.03.2014, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/sasa-stanisic-vor-dem-fest-a-955575.html (Stand: 23.12.2016).
Andrén, Ella: Marianovic, Fausta: Sista kulan sparar jag åt grannen, Kristianstadsbladet vom 06.10.2008.
Auffermann, Verena: Eineinhalb Neonazis, in: DIE ZEIT 11 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/11/sasa-stanisic-vor-dem-fest-roman (Stand: 23.12.2016).
Augstein, Franziska: Als die Menschenrechte schießen lernten, in: Süddeutsche Zeitung vom 11.05.2010, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/kosovo-krieg-als-die-menschenrechte-schiessen-lernten-1.457678 (Stand: 23.12.2016).
Bartels, Gerrit: Die Dauerfälscher, in: taz vom 09.08.2003, abrufbar unter: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2003/08/09/a0166 (Stand: 23.12.2016).
Bartels, Gerrit: Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, in: Der Tagesspiegel vom 14.03.2014.
Bartels, Gerrit: Norbert Gstrein: Macht und Lügen, in: Der Tagesspiegel vom 29.08.2010, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur-norbert-gstrein-macht-und-luegen/1912950.html (Stand: 23.12.2016).
Benktson, Mari: Sista kulan sparar jag åt grannen, Pax 5 (2008).
Bergom Larsson, Maria: Hetta och vitt, in: Aftonbladet vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/Hettaov_AB_Rec.htm (Stand: 23.12.2016).
Bergström, Pia: Mördarna & Mödrarna, in: Aftonbladet vom 07.10.2008 (http:// www.aftonbladet.se/kultur/bokrecensioner/article11530373.ab, Stand: 23.12.2016).
Björck, Amelie: Att skåda sig själv i sin nästa, in: GP Kultur vom 01.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/Hettaov_GP_rec.htm (Stand: 23.12.2016).
Blech, Jörg: Der Traum vom Glück in Schweden, in: DIE ZEIT 47 (1998), abrufbar unter: http://www.zeit.de/1998/47/Der_Traum_vom_Glueck_in_Schweden
(Stand: 23.12.2016).
Breitenstein, Andreas: Last Exit Zagreb, in: Neue Zürcher Zeitung vom 26.08.2008, abrufbar unter: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/_buchrezensionen_nichtmehrgueltig/last-exit-zagreb-1.815668 (Stand: 23.12.2016).
Bucheli, Roman: Putzen gegen den Weltuntergang, in: Neue Zürcher Zeitung vom 25.02.2014, abrufbar unter: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/putzen-gegen-den-weltuntergang-1.18250378 (Stand: 23.12.2016).
Buerger, Jan: Belletristik, in: DIE ZEIT 06 (1999).
Dahlman, Inger: Lysande om maktmääniskor och girigbukar, in: NT vom 28.04.2005, abrufbar unter: http://www.nt.se/inc/print/default.aspx?name=Skriv+ut&articleid =2155255 (Stand: 23.12.2016).
Der Spiegel: Auf Kriegssafari, 51 (1998), S. 211.
Der Standard: Theater-Tipp: „Freitag in Sarajevo“, 17.05.2005, abrufbar unter: http://derstandard.at/2048650 (Stand: 23.12.2016).
Engdahl, Brittmarie: Ny Popovic med doft av akacia, in: Folkbladet vom 14.06.2001, abrufbar unter: http://www.folkbladet.se/nyheter/ny-popovic-med-doft-av-akacia-2766273.aspx (Stand: 23.12.2016).
Escherig, Ursula: Der Krieg in uns, in: Der Tagesspiegel vom 20.10.2014, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/marica-bodrois-buch-mein-weisser-frieden-der-krieg-in-uns/10860488.html (Stand: 23.12.2016).
Fentloh, Frauke: „Niemand will diese Fotos sehen“, ZEIT online vom 01.07.2014, abrufbar unter: http://www.zeit.de/kultur/2014-06/christoph-bangert-war-porn-interview (Stand: 23.12.2016).
Fetz, Bernhard: Das Handwerk des Tötens, in Falter 31 (2003), S. 56.
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Nicht ohne meinen Hund, 14.09.2002, S. 40, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-nicht-ohne-meinen-hund-1259587.html (Stand: 23.12.2016).
Götselius, Thomas: Kandre tar sig in bakom TV-bilderna, in: DN Kultur vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/KandreTarSigIn_HoV_GotsDN02.htm (Stand: 23.12.2016).
Grumbach, Detlef: Schussangst, Deutschlandfunk vom 28.09.1998, abrufbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/schussangst.700.de.html?dram:article_id=79442 (Stand: 23.12.2016).
Hamberg, Maria: När Jugoslavien gick sönder, Flamman vom 30.10.2008 (http://www. flamman.se/nar-jugoslavien-gick-sonder, Stand: 08.12.2015).
Hierl, Tobias: Erzählen von Liebe und Krieg, auf: buchkultur.net, abrufbar unter: http://www.buchkultur.net/start/buku/layout_interview_artikel.php?ID=136 (Stand: 08.12. 2015).
Hirschfeldt, Måns: Över gränsen av Tommy Rander, Sveriges Radio vom 06.07.2004, abrufbar unter: http://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=478&artikel =440161 (Stand: 23.12.2016).
Hoffmann, Annette: Marica Bodrožićs Roman „Mein weißer Frieden“ handelt von Jugoslawien, in: Badische Zeitung vom 31.10.2014, abrufbar unter: http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/marica-bodrozics-roman-mein-weisser-frieden-handelt-von-jugoslawien--93765658.html (Stand: 23.12.2016).
Holm, Joakim: Etyt språkligt kaos genomsyrat av en märkbar ömhet, in: Tidiningen Kulturen vom 07.06.2009, abrufbar unter: http://tidningenkulturen.se/index.php/ litteratur/litteraturkritik/4603-litteratur-lidija-praizovic-spegelboken (Stand: 23.12.2016).
Jarlsbo, Jeana: Jeana Jarlsbo väljer..., in: SvD Kultur vom 11.06.2010, abrufbar unter: http://www.svd.se/kultur/sommarlasning-svds-kritiker-tipsar_4852221.svd (Stand: 23.12.2016).
Kadric, Sevko: Resan som började med ett slut, Läsarnas Fria Tidning vom 09.12.2008, abrufbar unter: http://www.lasarnasfria.se/artikel/108806 (Stand: 23.12.2016).
Karlsson, Jan: Popovic, Zvonimir: „Våt sand“, in: Kristianstadsbladet vom 18.08.2005, abrufbar unter: http://www.kristianstadsbladet.se/kultur/popovic-zvonimir-vat-sand/ (Stand: 23.12.2016).
Kaukoreit, Volker: Viele Fragen, Deutschlandfunk vom 28.07.2004, abrufbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/viele-fragen.700.de.html?dram:article_id=81924 (Stand: 23.12.2016).
Kjellgren, Thomas: Engagerad berättelse, in: Kristianstadsbladet vom 01.02.2004, abrufbar unter: http://www.kristianstadsbladet.se/new-articles/engagerad-berattelse/ (Stand: 23.12.2016).
Klauhs, Harald: Der Faschist und das Mädchen, in: Die Presse vom 10.10.2008, abrufbar unter: http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/421643/print.do (Stand: 23.12.2016).
Klauhs, Harald: Die toten Augen auf den Tisch, in: Die Presse vom 16.08.2008.
Klier, Walter: Elsas Großväter, in: Wiener Zeitung vom 20.06.2003, abrufbar unter: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/324579_Scholl-Elsas-Grossvaeter.html (Stand: 23.12.2016).
Koch, Henning: Zvonimir Popovic: Våt sand (Wet sand), in: Swedish Book Review 2 (2005), abrufbar unter: http://www.swedishbookreview.com/show-review.php?i=126 (Stand: 23.12.2016).
Krause, Tilman: Die Wahrheit gibt es nicht, in: Die Welt vom 19.02.2000, abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article503191/Die-Wahrheit-gibt-es-nicht.html (Stand: 23.12. 2016).
Krekeler, Elmar: Existentialismus am Ende der Welt, in: Die Welt vom 28.11.1998, abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article628876/Existenzialismus-am-Ende.html (Stand: 23.12.2016).
Krulle, Stefan: Das Grauen, das alle Vorstellungen übertrifft, in: Die Welt vom 04.06.1999, abrufbar unter: http://www.welt.de/print-welt/article572893/Das-Grauen-das-alle-Vorstellungen-uebertrifft.html (Stand: 23.12.2016).
Kuhn, Heribert: Plot ist Mord, in: Frankfurter Rundschau vom 08.10.2003, abrufbar unter: http://www.fr-online.de/literatur/heribert-kuhn-plot-ist-mord,1472266,3230526.html (Stand: 23.12.2016).
Kuivanen, Pauli Olavi: Litteraturen är sannare än verkligheten, NT vom 04.09.2001, abrufbar unter: http://www.nt.se/nyheter/litteraturen-ar-sannare-an-verkligheten-1327981.aspx (Stand: 23.12.2016).
Landen, Miranda: Lysande berättelser, in: Sydsvenska Dagbladet vom 02.03.2001, abrufbar unter: http://www.marekandre.se/Sydsv%20rec%2001%20Hetta%20o%20v.htm (Stand: 23.12.2016).
Leijonhielm, Maria: Marianović: Språkbytaren, Språktidningen vom Juni 2010, abrufbar unter: http://www.spraktidningen.se/artiklar/2010/06/marianovic-sprakbytaren (Stand: 23.12.2016).
Ljubic, Nicole: Dirk Kurbjuweit: „Schussangst“ – Leicht verdauliches Schwarzbrot, in: Spiegel Online vom 08.09.1998.
Löfvendahl, Erik: Angeläget om vanliga människor i Serbien, in: Svenska Dagbladet vom 07.09.2001.
Löfvendahl, Erik: Balkankriget tar aldrig slut, in: Svenska Dagbladet vom 19.05.2005, abrufbar unter: http://www.svd.se/balkankriget-tar-aldrig-slut_30922 (Stand: 23.12.2016).
Lützeler, Paul Michael: Einmal muss doch Schluss sein, DIE ZEIT 32 (2004), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2004/32/L-Rabinovic (Stand: 23.12.2016).
Mangold, Ijoma: Die Putzfrau der Gewalt, in: DIE ZEIT 06 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/06/martin-mosebach-das-blutbuchenfest-roman
(Stand: 23.12.2016).
Meyer, Martin/Breitenstein, Andreas: Der lange Abschied von Jugoslawien, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17.06.2006.
Nickel, Gunther: „Eine Figur, die sich verrannt hat“, Volltext.net vom 21.08.2008.
Önell, Berrit: Sajma Sarafiloski aktuell med ny bok, in: Norra Skåne vom 29.08.2008.
Östberg, Dan: Fausta Marianovic vill inte vara hjälte, in: Fokus 50 (2008), abrufbar unter: http://www.fokus.se/2008/12/fausta-marianovic-vill-inte-vara-hjalte/ (Stand: 23.12.2016).
Peschke, Marc: Marica Bodrožić und ihr weißer Frieden, hr online vom 19.11.2014.
Peterson, Marie: Råstark, rolig och vacker, in:Dagens Nyheter vom 06.09.2001, abrufbar unter: http://www.dn.se/arkiv/kultur/rastark-rolig-och-vacker/ (Stand: 23.12.2016).
Platthaus, Andreas: Schriftsteller, ans Telefon!, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 30.01.2014, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/buecher-der-woche/fragen-an-mosebachs-neuen-roman-schriftsteller-ans-telefon-12777364.html (Stand: 23.12.2016).
Rabe, Anina: Praizovics debut visar temperament, in: Svenska dagbladet vom 02.12.2009, abrufbar unter: http://www.svd.se/kultur/litteratur/praizovics-debut-visar-temperament _3878351.svd (Stand: 23.12.2016).
Radisch, Iris: Der Krieg trägt Kittelschürze, in: DIE ZEIT 41 (2006), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2006/41/L-Stanisic (Stand: 23.12.2016).
Radisch, Iris: Tonlos und banal, in: DIE ZEIT 01 (2004), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2004/01/L-Gstrein (Stand: 23.12.2016).
Schertenleib, Hansjörg: Jedes Wort zuerst auf die Goldwaage, in: Die Weltwoche 34 (2003), abrufbar unter: http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2003-34/artikel-2003-34-jedes-wort-zuers.html (Stand: 08.12.2015).
Schneider, Wolfgang: Die Leichen meiner Feinde im Main, in: Der Tagesspiegel vom 31.03.2014, abrufbar unter: http://www.tagesspiegel.de/kultur/martin-mosebachs-roman-das-blutbuchenfest-die-leichen-meiner-feinde-im-main/9687194.html (Stand: 23.12.2016).
Schröder, Christoph: Gewalt in der Luft, in: Frankfurter Rundschau vom 23.08.2008, abrufbar unter: http://www.fr-online.de/literatur/-it-s-war-baby--it-s-war--gewalt-in-der-luft,14722 66,3112476.html (Stand: 23.12.2016).
Schulte, Bettina: Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“, in: Badische Zeitung vom 22.02.2014, abrufbar unter: http://www.badische-zeitung.de/literatur-1/martin-mosebachs-roman-das-blutbuchenfest--81026278.html (Stand: 23.12.2016).
Schuster, Katrin: Was wiegt ein Spinnenleben?, in: Berliner Zeitung vom 28.09.2006.
Sommelius, Sören: Ingenting är som det ser ut, in: Helsingborgs Dagblad vom 30.05.2005, abrufbar unter: http://www.hd.se/kultur/boken/2005/05/30/ingenting-ar-som-det-ser-ut/ (Stand: 23.12.2016).
Stern: Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch, 01.08.2002, abrufbar unter: http://www.stern.de /kultur/buecher/buecher-juli-zeh-die-stille-ist-ein-geraeusch-264848.html (Stand: 23.12. 2016).
Stift, Linda: Grond: Old Danube House, in: Wiener Zeitung vom 20.10.2000, abrufbar unter: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/340935_Grond-Old-Danube-House.html (Stand: 23.12.2016).
Strigl, Daniela: Fragen sie Doktor Sandtner, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.06.2006, abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ fragen-sie-doktor-sandtner-1332580.html (Stand: 23.12.2016).
Supp, Barbara: Kampf um die Unschuld, in: Der Spiegel 31 (2003), S. 124.
Thorburn, Alice: Debutantvecka: Tonår och flyktingskap, dagensbok.com am 10.11.2006 (http://dagensbok.com/2006/11/10/zulmir-be269evi263-resan-som-borjade-med-ett-slut/, Stand: 23.12.2016).
Trenkamp, Oliver: Darf ich bei mir selbst abschreiben?, abrufbar unter: http://www.spiegel.de/ unispiegel/studium/plagiatsaffaeren-was-ist-ein-eigenplagiat-a-876819.html (Stand: 23.12.2016).
Von Arnim, Gabriele: Es ist Krieg, Baby! In: Deutschlandradio Kultur vom 05.09.2008, abrufbar unter: http://www.deutschlandradiokultur.de/es-ist-krieg-baby.950.de. html?dram: article_id=136585 (Stand: 23.12.2016).
Von Born, Heidi: Marianovic fångar skickligt krigets väsen, in: Svenska Dagbladet vom 07.10.2008, abrufbar unter: http://www.svd.se/marianovic-fangar-skickligt-krigets-vasen (Stand: 23.12.2016).
Von Sternburg, Judith: Schlachten ums kalte Buffet und andere Kriege, in: Frankfurter Rundschau vom 03.02.2014, abrufbar unter: http://www.fr-online.de/literatur/martin-mosebach--das-blutbuchenfest--schlachten-ums-kalte-buffet-und-andere-kriege,1472266,26075742.html (Stand: 23.12.2016).
Weigel, Sigrid: Alles wahr, weil erfunden, in: Frankfurter Rundschau vom 03.01.2004.
Werkmäster, Johan: Zulmir Becevic: Resan som började med ett slut, Carolina Lundgren: Du klarar det, Misa, GP vom 10.01.2007, abrufbar unter: http://www.gp.se/kulturnoje /recensioner/bocker/1.132189-zulmir-becevic-resan-som-borjade-med-ett-slut-carolina-lundgren-du-klarar-det-misa (Stand: 23.12.2016).
Wilehag, Leif: Thriller om en massaker, Alba 5 (2004), abrufbar unter: http://www.alba.nu/Alba5_04/rander.html (Stand: 23.12.2016).
Zingg, Martin: Dr. med. Erinnerungsarbeiter, in: Frankfurter Rundschau vom 21.04.2004, abrufbar unter: http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/ohnehin-r.htm (Stand: 23.12.2016).
Žižek, Slavoj: Die Grenzen des Multikulturalismus, in: DIE ZEIT 37 (2014), abrufbar unter: http://www.zeit.de/2014/37/ideologie-multikulturalismus-rotherham (Stand: 23.12.2016).
Internetlinks
(in Reihenfolge der Nennung in der Arbeit)
http://www.taz.de/!5212670/ („Serbiens Regierungschef angegriffen“, taz.de vom 08.12.2015, Stand: 23.12.2016).
http://www.gender-und-diversity.fau.de/img/Kalender_gendergerechte_Sprache.png (Gendergerechte Sprache in der Praxis. Publikation des Büros für Gender und Diversity an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Stand: 23.12.2016).
http://www.scb.se/statistik/_publikationer/BE0101_2009A01_BR_BE0110TAB.pdf (Statistiska centralbyrån: Tabeller över Sveriges befolkning 2009, Stand: 23.12.2016).
http://www.scb.se/sv_/Hitta-statistik/Statistik-efter-amne/Befolkning/Befolkningens-sammansattning/Befolkningsstatistik/#c_li_120253 (Statistiska centralbyrån: Befolkning efter födelseland och ursprungsland 31 december 2014, Stand: 08.12.2015).
http://www.deutsches-literaturinstitut.de/publikationen.html (Veröffentlichung von Katja Thomas als Alumna des Deutschen Literaturinstituts, Stand: 23.12.2016).
http://www.boersenverein.de/de/182716 (Buchverkaufszahlen 2014, Stand: 08.12.2015).
http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/14107.asp (Vorstellung von Marica Bodrožić als Stipendiatin der Robert-Bosch-Stiftung, Stand: 23.12.2016).
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=5241 (Anna Kim: Gespräch mit Peter Landerl, Stand: 23.12.2016).
http://www.andreaspittler.at/buecher.php (Andreas Pittlers Homepage, Stand: 08.12.2015).
http://www.almanachdeutschesmuseum.de/KREUZ.htm (Maria Schmidt: Das Kreuz des Südens. Geschichte des Sternbildes, Stand: 23.12.2016).
http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2012/12/121225-Weihnachtsansprache.html (Weihnachtsansprache 2012 von Joachim Gauck, Stand: 23.12.2016).
http://www.tommyrander.se/Overgransen.htm (Tommy Randers Homepage, Stand: 23.12.2016).
http://www.becevic.se/bocker/ (Zulmir Bečevićs Homepage, Stand: 23.12.2016).
Filme
Schussangst, Regie: Dito Tsintsadze, Drehbuch: Dirk Kurbjuweit, Dito Tsintsadze, Tatfilm Produktion GmbH 2003, Fassung: Internet, maxdome.de (Zugriffsdatum: 02.12.2014), 106 min.
Anhang
Schwedische Originalzitate
(in Reihenfolge ihres Erscheinens in der Arbeit)
„[J]ag vägrar att göra någon som helst skillnad mellan mina två barn! De är varken muslimer eller kristna! Jag har uppfostrat dem och jag vet hur jag gjort det. De är var-ken döpta eller omskurna. De har bara dessa vanliga jugoslaviska namn vilket jag bittert ångrar nu. De har hittills aldrig ens vetat vilka nationaliteter man haft att välja på. Jag vill inte belasta dem med bördor som inte ens jag har burit. De är och ska förbli fria från nationella och religiösa känslor. Det står jag för!“ (SKSJ, S. 22)
„De behöver inte förstå framtiden genom historien. De får bli alldeles vanliga svenskar som inte bryr sig om när och varför saker har hänt.“ (SKSJ, S. 288)
„Västeuropéer lägger lika mycket vikt idag vid vad man har för nationalitet som de gjort i alla tider. Polackerna till Polen, tyskarna till Tyskland, serberna till Serbien, det är det som de strävar efter.“ (SKSJ, S. 257)
„Trots att min serbiska och ortodoxa syster är så olik min kroatiske och katolske bror är de två ändå lika varandra som halvorna av ett delat äpple. Och det vet de inte om.“ (SKSJ, S. 261)
„referenssystem“ (SKSJ, S. 166)
„Hemmet mitt! Säger jag till min svenske man och kramar honom och han förstår och svarar på mitt modersmål: Kućo moja! Jag tror att det är han som har blivit mitt hem där jag alltid kan somna och finna ro, liksom en fågel vilar genom att stoppa huvudet under sin vinge.“ (SKSJ, S. 290)
„[...] den mörkaste och kanske mest komplicerade [...]“ (Löfvendahl 2005)
„[Kompisen] säger att det hade varit ok om de människorna som startade krigen själva också kämpade och dog i dem, men så är inte fallet. Krigen skördar civila offer, och det är helt enkelt för jävligt.“ (RSB, S. 221)
„krigshärjad, skövlad, belägen mitt i Europa“ (HV, S. 155)
„Ondskan kom från Serbien!“ (HTK, S. 20)
„Kommer serberna att erövra hela Europa? Förberedde de sig för ett tredje världskrig?“ (HTK, S. 79)
„Hans lärjungar gick ed på hans paroll ‚broderskap och enighet‘. Samma lärjungar säger numera att det är omöjligt att fortsätta leva tillsammans. Kommunismen är död, länge leve nationalismen!“ (HTK, S. 16)
„Alla medborgare skulle bokföras som jugoslaver, alla tidigare uppgifter suddas ut. Nationalitet och religionstillhörighet skulle vi lämna bakom oss. Alla skulle använda samma språk som slovenerna och kalla det jugoslovenska.“ (JS, S. 175)
„Vad har jag med religion att göra? Kan min bok bidra till en bättre framtid? Kommer min bok att minska på de olika religionerna?“ (FIN, S. 209)
„Det so mär viktigast i allt detta är de lidanden som ungdomen och hela befolkningen i Kosova genomgått, eftersom Serbien sedan 1981 fråntagit Kosova dess rättigheter och vi hamnat i Serbiens våld.“ (MHD, S. 9)
„både skimrande vackra stycken och mindre lyckade partier“ (Anina Rabe: Praizovics debut visar temperament)
„För det svårt att leka John le Carré på bara 172 sidor [...].“ (Måns Hirschfeldt: Över gränsen av Tommy Rander)
„Om det är journalistikens uppgift att återupprätta ett faktasammanhang kring de bilder vi bestrålas med kanske det är konstens roll att skapa ett upplevelse-sammanhang.“ (Amelie Björck: Att skåda sig själv i sin nästa)
„Alla hade en föreställning att de stred för ett enat Bosnien och Hercegovina där alla skulle få leva tillsammans som de alltid gjort. Det vara bara serberna som ville dela landet. Jag tänkte på att jag hört precis samma förklaring bland serberna, att det var de som ville ha tillbaka det gamla Bosnien och att det var kroaterna som var separatister.“ (SKSJ, S. 225)
„Jag kommer inte ihåg exakt när jag först misstänkte att min far var fascist och min mor fascistoffer.“ (SKSJ, S. 29)
„Att vara jugoslav, serb, kroat eller bosnier är inte en egenskap, det är ett tillstånd av smärta.“ (SKSJ, S. 288)
„Balkanbor har alltid varit vana att flytta och fly från krig, politik, hunger och sjukdom. De brukar säga att det vilar en förbannelse över ett folk som inte kan begravas på sam-ma plats där de är födda.“ (SKSJ, S. 289)
„Minnen av historiska händelser har alltid varit tolkbara och flexibla i de här trakterna, de produceras, formas, packas in i högtidliga omslag, de görs om till goda eller farliga, tilllåtna och rekommenderade eller förbjudna och förträngda.“ (SKSJ, S. 291)
„Att huset, kvinnorna och kossorna var egendomar som skulle skyddas mot angrep, det var den drivkraft som fått män i alla tider att föra krig, från spjutens och yxornas tid till dagens datorstyrda robotar. [...] Samma stamkrigspsykologi rådde hos bönderna i alla skyttegravar, hos serbiska och hos kroatiska.“ (SKSJ, S. 263)
„Jag tänkte på de unga pojkarna som hade stupat där uppe i skogen och som hade varit helt omedvetna om varför de slogs, samtidigt som de gamla och värsta krigsjävlarna, de som hade kokat ihop den här avskyvärda politiska soppan, satt här på sina feta arslen i sina kontor i centralförrådet och på högkvarteret, långt från fronten, långt från alla visslande kulor.“ (SKSJ, S. 248)
„Hatet var det kraftfullaste bränsle jag någonsin fått känna på. [...] Det stod nu helt klart för mig vad jag kunde och skulle göra. Och jag längtade efter att omsätta mina tankar i handling. [...] Hatet visade sig starkare än min pacifism.
Nu förstod jag hur serberna, kroaterna och muslimerna kunde mörda varandra, jag för-stod att det kunde kännas nödvändigare att döda än att andas luft.“ (SKSJ, S. 91)
„Jag tänkte också på min gömda och laddade pistol. Med sin enda och min sista kula som låg i loppet. Den tanken skänkte mig lite hopp. Kanske skulla jag lyckas hinna ner till källaren, hämta vapnet och skjuta ihjäl denne Mišić innan De Svarta hunnit döda mig. Jag planerade mordet steg för steg, som man planerar sina schackdrag. De hade sökt min pistol flera gånger. De skulle få den. Men först efter att jag skjutit den sista kulan!“ (SKSJ, S. 152)
„Den andra sparar sin sista kula, behöver kanske inte använda den?” (von Born 2008)
„Den vackra kvinnan på busstationen var den första manniska jag träffat som vågat se kriget med egna ögon, men jag hann aldrig riktigt ta reda på hur kriget såg ut. Men kanske såg det ut så, som den där kvinnan, oförutsägbart, varmblodigt, vansinnigt enkelt och primitivt, allt på samma gång.“ (SKSJ, S. 110)
„Och jag sitter kvar på terrassen med mina bröst fortfarande ömmande som vore jag inte ett mordvittne, utan ett åskadare vid en filminspelning, en nyfiken betraktare som väntar på att någon ska dyka upp framför kameran och säga: ‘Scenen med gatans första krigsoffer, andra tagningen.’“ (SKSJ, S. 131)
„Det var första gången jag hörde sådana uttryck. Tidigare hade ingen vetat att byar kunde vara av ena eller andra slaget. Men nu hade alla städer och byar blivit serbiska, kroatiska eller muslimska, beroende på valresultatet, trots att de hade kvar samma blandade befolkning som tidigare och låg kvar i landet Bosnien.“ (SKSJ, S. 46)
„Skrattet fick mig att känna att jag fortfarande levde.“ (SKSJ, S. 137)
„Vi hade börjat vår resa i grannlandet Kroatien där någon hade hört från någon som hade hört från någons kusins brorsons fru att det i norra Europa fanns ett land som hette Sverige och som tog emot dem vars hem hade förstörts av granatregnet. [...] Vi skulle åka genom Ungern, Rumänien, Ukraina, Polen och med båt till Sverige. Ferid mumlade något om att vi troligtvis inte hade blivit insläppta i Tyskland och andra väst-stater vilket var anledningen till den enorma omvägen.“ (RSB, S. 11 f.)
„Hon tyckte nämligen att ‚Svarta skallar‘ var ett förolämpande namn på oss och att det fanns andra mer positivt klingande kännetecken som bättre skulle beskriva vilka vi var och vad vi stod för. Hon förslog namn som Nya Tider och Tuffa Smarta Killar, men allt hon kom med lät bara så jävla mesigt. [...] Ett bandnamn ska säga ‚oss ska du inte jävlas med‘ [...].“ (RSB, S. 77)
„[S]met som inte hindras från att smälta rinner ner i avloppet och förorenar våra sjöar och hav.“ (SP, S. 29)
„Hon aktar sig så att inte en fena sticker upp på fel ställe men alla ställen är fel ställen: i vatten och på land, i det nya landet och i det gamla.“ (SP, S. 31)
„Modern vill så gärna smälta ner i det nya landets jord, bli dess djur och natur. Men kan man ömsa skinn utan att bli flådd?“ (SP, S. 73)
„Hela helgen går hon omkring med gul peruk på huvudet, och det märkliga är att det känns som att hon faktiskt har två peruker på sig för under den riktiga peruken bär hon sitt eget falska hår.“ (SP, S. 66)
„Jag var svensk, ohjälpligt svensk.“ (AV, S. 28)
„Jag kände aldrig att jag hade några rötter på Balkan. Kanske luftrötter.“ (AV, S. 28
„Det var en helt annan bild av kriget i Kosovo hon gav än den jag hade fått i Sverige. Jag kände att jag gärna ville att den var sann, men gamla människors sanningar kunde ofta bottna i sådant som de själva önskade skulle vara sant.“ (AV, S. 49)
„När det gäller litteraturen, så tror han att den är sannare än verkligheten, eftersom verkligheten innehåller mycket mer än just sanningen. [...] Men med litteraturen är det så att den är faktiskt ute efter sanningen. Den koncentreras i litteraturen.“ (Kuivanen 2001)
„I samma ögonblick mindes hon också att hon senast imorse, under det att hon packat ner de sista plaggen, sololjan, sandaletterna, den tunna, vita aftonklänningen med de silvriga axelbanden, faktiskt kastat en flyktig blick mot tevens morgonnyheter och där sett samma gamla eländesbilder flimra förbi; kvinnor och män, klädda mer eller mindre som hon, ett helt folk uppradat till synes ändlösa köer, vällande in eller ut över sitt lands gränser, hur det nu var, hon visste inte, kunde inte längre hålla reda på alla turer, hade mycket dunkla begrepp om vad som egentligen försiggick därnere, hur det en gång börjat, vilka som slogs mot vilka och varför, åt vilket håll dödandet gick, inåt, bakåt, framåt?“ (HV, S. 156)
„mitt i Europa“ (HV, S. 155)
„[…] egentligen var som vilken vanlig, västerländsk stad som helst, hade egentligen lika gärna kunnat vara den stad hon nyss lämnat bakom sig, om det inte varit för de igen-bommade husen och butikerna som stod övergivna, de flesta med sönderslagna rutor och länsade skyltfönster och tomma hyllor.“ (HV, S. 166)
„[…] att det varit mot denna hand, denna gamling, som hon färdats under hela denna långa, makalösa dag.“ (HV, S. 178)
„[…] [D]et var sällan kunnandet eller utbildningen som avgjorde. Det var bara personens status som betydde något, både i företaget och i samhället i stort.“ (JS, S. 180)
„Mitt liv är också indelat i två bitar. Ett liv i Bosnien och ett liv här. Och där emellan finns det en tid som jag aldrig pratar om, som jag sällan tänker på, som bara finns.“
(IE, S. 32)
„Jag tänker inte berätta om resan hit till Sverige. De känslorna kan inte kläs i ord, meningarna tappar sin innebörd.“ (IE, S. 50)
„Han vill inte glömma det som har hänt, men ändå vill han inte bli påmind om det varje sekund, för då går det inte att sluta sörja.“ (IE, S. 67)
„[…] splittrade små bitar av livet [...]“ (IE, S. 82)
Abkürzungen
AT | Peter Handke: Abschied des Träumers vom Neunten Land |
AV | Zvonimir Popovic: Akacian viskar |
B | Gerhard Roth: Der Berg |
BBF | Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest |
BET | Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms |
DM | Peter Handke: Die Geschichte des Dragoljub Milanović |
EG | Susanne Scholl: Elsas Großväter |
E71 | Peter Waterhouse: E 71 |
F | Nicolas Born: Die Fälschung |
FE | Peter Handke: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück vom Film zum Krieg |
FIS | Richard Schuberth: Freitag in Sarajevo |
GU | Peter Handke: Gestern unterwegs |
GZ | Anna Kim: Die gefrorene Zeit |
H | Peter Handke: Die Hornissen |
HAT | Norbert Gstrein: Das Handwerk des Tötens |
IE | Lejla Ejupovic: Inre exil |
INS | Peter Handke: Immer noch Sturm |
MN | Peter Handke: Die morawische Nacht |
MNS | „…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen.“ Peter Handke im Interview mit Michael Kerbler |
MR | Zvonimir Popovic: Mörkriket |
MWF | Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden |
NB | Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht |
O | Doron Rabinovici: Ohnehin |
ODH | Walter Grond: Old Danube House |
ÖG | Tommy Rander: Över gränsen |
RGT | Peter Handke: Rund um das große Tribunal |
S | Dirk Kurbjuweit: Schussangst |
SAS | Otmar Jenner: Sarajewo Safari |
SB | Andreas Pittler: Serbische Bohnen |
SE | Peter Handke: Die Stunde der wahren Empfindung |
SF | Peter Handke: Das Spiel vom Fragen |
SG | Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch |
SGE | Viktorija Kocman: Ein Stück gebrannter Erde |
SN | Peter Handke: Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise |
S96 | Ingrid Bachér: Sarajewo 1996 |
TD | Peter Handke: Die Tablas von Daimiel |
TE | Christoph Scheuring: Tod eines Engels |
UTF | Peter Handke: Unter Tränen fragend |
VF | Saša Stanišić: Vor dem Fest |
VH | Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoča |
VO | Peter Handke: Versuch über den stillen Ort |
VS | Zvonimir Popovic: Våt sand |
WEL | Peter Handke: Das Gewicht der Welt |
WGG | Norbert Gstrein: Wem gehört eine Geschichte? |
WH | Peter Handke: Die Wiederholung |
WIS | Norbert Gstrein: Die Winter im Süden |
WR | Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien |
WSG | Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert |
YG | Zoran Drvenkar: Yugoslavian Gigolo |
ZAV | Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater |
ZR | Peter Handke: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen |